Das Mädchen schaute ein wenig benommen drein.
»Klar«, sagte sie.
Charley Estancia hatte den Laser mit einem Lederriemen an seinen Bauch geschnallt, und dort ließ er ihn auch, wenn er schlief. Das Ding war klein, so daß es, sich unter seinen Kleidern nicht zu deutlich abzeichnete, und wenn er sein Hemd heraushängen ließ, war es überhaupt nicht zu sehen. Das kühle Metall an seiner Haut fühlte sich angenehm beruhigend an.
Er wußte, daß er es Mirtin nicht hätte stehlen dürfen, aber er hatte einfach nicht widerstehen können. Das kleine Werkzeug war so faszinierend gewesen, daß er es eingesteckt hatte, während Mirtin in eine andere Richtung geschaut hatte. Nun litt Charley unter Gewissensbissen. Er hoffte, daß der Mann von den Sternen ihm den Diebstahl vergeben werde, aber er zweifelte daran.
Das Schlimmste war, daß Charley keine Möglichkeit sah, das Dorf zu verlassen. Die Festlichkeiten des Feuerbundes fingen an, und dabei mußte jeder anwesend sein. Sie hielten die Initiationsfeiern ab, wählten die neuen Kandidaten und führten sie in die Kiva, um die halbvergessenen Riten zu vollziehen. Anschließend kamen der Feuertanz und der Stabschluckertanz. Charley erwartete nicht, für die Mitgliedschaft im Feuerbund ausgewählt zu werden; jeder im Dorf wußte, daß er ein Unruhestifter war, und Unruhestifter ließ man am besten außerhalb der Geheimgesellschaften. Außerdem war er noch zu jung. Aber da war immer noch eine verrückte Chance, daß sie ihn dieses Jahr für die Initiation ausersehen hatten, und wenn dies der Fall war und sie ihn nicht finden konnten, käme er in ernste Schwierigkeiten.
Darum mußte er stillhalten und Mirtin sich selbst überlassen. Er glaubte nicht, daß Mirtin verhungern oder verdursten würde; was Charley weitaus mehr beunruhigte, war der Gedanke, daß Mirtin allein in seiner Höhle lag und darüber nachdachte, wie Charley seinen Laser gestohlen und ihn nach allen ihren freundschaftlichen Unterhaltungen verlassen hatte. Charley hatte keine Gelegenheit gehabt, die Sache mit den Festlichkeiten des Feuerbundes zu erklären. Er hatte sich verrechnet und gedacht, sie würden einen Tag später beginnen; er hatte vorgehabt, Mirtin rechtzeitig davon wissen zu lassen, aber nun konnte er nichts mehr tun. Unglücklich drückte er sich im Dorf herum und sann vergebens auf einen Vorwand, auf eine Gelegenheit, sich davonzumachen. Das Pueblo war jetzt voller Touristen. Kameras überall, fette weiße Frauen, die die zerlumpten Dorfkinder reizend fanden, gelangweilt aussehende Ehemänner. Die Touristen durchstöberten jeden Winkel, sie gingen sogar ungeniert in die Lehmhäuser der Dorfbewohner. Sie wären auch in die Kiva gegangen, hätte der Bürgermeister nicht zwei muskulöse junge Männer als Wachen vor dem Eingang postiert.
In den wenigen ungestörten Augenblicken, die Charley hatte, untersuchte er das gestohlene Werkzeug. Zuerst wollte er sehen, wie es arbeitete.
Er schnitt eine alte Eisenbahnschwelle durch, dann richtete er den Laser auf einen kopfgroßen Steinbrocken und sah, wie der Sandstein zu einer kleinen Pfütze schmolz. Er hob einen dreißig Zentimeter tiefen und drei Meter langen Graben aus. Anfangs machte er einige Fehler, schoß über sein Ziel hinaus oder stellte eine zu weite Streuung ein, aber nach einer Stunde beherrschte er das Gerät.
Zwei Tage vergingen so.
Die Tänzer des Feuerbundes kamen und nahmen Tomas Aguirre mit. Sie initiierten ihn, und dann kamen sie zurück und holten Mark Gachupin. Gewöhnlich nahmen sie jedes Jahr nur drei neue Mitglieder auf. Charley fragte sich, was er tun würde, wenn sie zu ihm kämen. Mitgehen und bei den heiligen Riten laut herausplatzen vor Lachen? Oder weglaufen? Beides wäre unmöglich; man würde ihn verachten und meiden. Sie würden ihn bei seinem indianischen Namen Tsiwaiwonyi rufen. Einige der älteren Leute versuchten alle mit ihren indianischen Namen anzureden, aber Charley mochte das nicht; er fand seinen lächerlich.
Natürlich kamen sie nicht zu ihm. Sie wollten ihn nicht. Am Morgen des dritten Tages entschieden sie sich für José Galvan, und Charley wußte, daß er für ein weiteres Jahr sicher war. Nun konnte er in die Wüste hinauslaufen und sich bei Mirtin entschuldigen und ihm von den Zeremonien erzählen und ihm vielleicht sogar den Laser zurückgeben, denn Charley fühlte sich sehr schuldig. Er packte ein Paket mit Tortillas, füllte die Wasserflasche und machte sich unbemerkt davon.
Er hatte die halbe Strecke zu Mirtins Höhle hinter sich, bevor er merkte, daß ihm jemand folgte.
Zuerst hörte er nur ein Rascheln im dürren Gesträuch hinter sich. Das konnte alles sein, vom Kaninchen bis zur Wildkatze. Charley blieb stehen und drehte sich um, aber er sah nichts Verdächtiges. Trotzdem blieb er mißtrauisch. Nach weiteren zehn Schritten glaubte er ein unterdrücktes Husten zu hören. Kaninchen husteten nicht. Charley fuhr herum und sah Marty Moquinos lange, magere Gestalt zwanzig Meter hinter sich.
»Hallo«, sagte Marty. Er spuckte einen Zigarettenstummel aus und zündete sich eine frische an. »Wohin gehst du, Charley?«
»Nur so. Spazieren.«
»Ganz allein und mitten im Winter?«
»Was ich tue, geht dich nichts an«, sagte Charley. Er versuchte seine Panik zu verbergen. Warum war Marty ihm aus dem Pueblo gefolgt? Wußte Marty von der Höhle und ihrem Bewohner? Wenn er davon erfuhr, wäre für Mirtin alles aus. Marty würde ihn an die Regierung verkaufen, oder an die Zeitungen.
Marty Moquino sagte: »Wir könnten zusammen gehen, wohin du willst.«
»Ich gehe bloß spazieren.«
»Ja, und ganz zufällig gehst du jede Nacht spazieren. Ich habe dich beobachtet, Junge. Was ist da draußen?«
»N-nichts.«
»Und was hast du in dem Paket, das du da trägst? Das möchte ich mir gern mal ansehen, wenn du nichts dagegen hast.«
Marty ging ein paar Schritte vorwärts. Charley packte die eingewickelten Tortillas fester und wich zurück. »Laß mich in Ruhe, Marty. Ich habe dir nichts getan.«
»Ich will wissen, was los ist.«
»Bitte, Marty…«
»Hast du einen Freund, der sich hier irgendwo versteckt? Vielleicht einen Gefangenen, der ausgebrochen ist? Am Ende gibt es noch eine Belohnung für ihn, heh? Und du bist blöd genug, um ihn statt dessen zu besuchen. Los, erzähl schon, Charley.«
Charley zitterte. Marty kam näher, und er wich weiter zurück, aber das konnte nicht mehr lange so weitergehen. Und wenn er rannte, würde er es nie mit Marty Moquinos langen Beinen aufnehmen. Er mußte bluffen, einen anderen Ausweg gab es nicht.
»Es gibt nichts zu erzählen«, sagte Charley hartnäckig. »Ich weiß gar nicht, was du willst.«
Der andere machte zwei lange Sätze auf Charley zu. Ein sehniger Arm schoß heraus, und kräftige Finger mit schmutzigen Nägeln packten Charleys Oberarm. Marty Moquino schüttelte ihn. Er sah tückisch und böse aus. »Ich beobachte dich schon eine ganze Weile, mein Lieber, seit du neulich nachts über mich und Maria gefallen bist. Wenn es dunkel wird, nimmst du diese Flasche da und ein Paket mit Fressalien oder was, und verdrückst dich aus dem Dorf. Also hast du einen Freund hier draußen, stimmt’s? Den Vogel will ich mir ansehen. Diesmal führst du mich zu ihm, oder du wirst es bereuen!«
»Marty…«
»Los, vorwärts!«
»Laß mich…«
Charley riß sich los und rannte zehn oder fünfzehn Schritte, dann blieb er stehen. Marty Moquino lief ihm nach, aber Charley hatte den Laser aus dem Hemd gezogen und zielte damit auf Martys Brust, als ob es ein Revolver wäre.
»Was, zum Teufel, hast du da?« wollte Marty wissen.
»Das sind Todesstrahlen«, sagte Charley. Seine Stimme bebte so, daß er die Worte kaum herausbrachte. »Ein Druck, und es brennt ein Loch durch dich. Das ist mein Ernst.«
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