»Er steht genauso vor einem Rätsel wie wir anderen.«
»Und du glaubst, das stimmt?«
»Ja. Aber was macht das schon für einen Unterschied? Wir alle folgen Delagards Führung. Wenn du wissen willst, was los ist, dann frag ihn selbst. Und wenn er es dir sagt, dann informiere mich, Doc!«
»Versprochen.«
* * *
»Soll ich Stayvol jetzt auch noch anrufen?« fragte Dag Tharp dann.
»Nein. Ich glaube, den überspringe ich vorläufig.«
Tharp zerrte an den Wammen unter seinem Kinn. »Heilige Scheiße!« sagte er. »Ach du allerheiligste Scheiße! Meinst du, es ist ’ne Verschwörung? Daß die ganzen Käptns da was Linkes vorhaben und keinem was sagen?«
»Nein. Ich glaube Martin Yanez. Was immer da vor sich geht, Delagard wird vielleicht Stayvol eingeweiht haben, aber die anderen beiden höchstwahrscheinlich nicht.«
»Und Damis Sawtelle?«
»Was ist mit ihm?«
»Angenommen, er hat sich mit Delagard über Funk in Verbindung gesetzt, als er den Kurswechsel bemerkt hat, und hat ihn gefragt, was das soll, und Delagard hat gesagt, das geht ihn einen feuchten Scheiß was an, und Damis ist so sauer geworden, daß er mitten in der Nacht einfach gewendet hat und sein Schiff jetzt allein nach Grayvard führen will? Damis hat ’n ziemlich hitziges Temperament, wie wir wissen. Und da sitzt er jetzt, inzwischen tausend Kilometer nördlich von uns, und wenn wir Ortungsrufe nach ihm aussenden, beachtet er sie nicht, weil er sich von der Flotte abgesetzt hat.«
»Eine nette Theorie. Aber kann Delagard mit deiner Radiostation hier umgehen?«
»Nein«, sagte Tharp. »Nicht daß ich wüßte.«
»Also, wie soll dann Damis mit ihm gesprochen haben, wenn du nicht die Verbindung hergestellt hast?«
»Das issen Argument.«
»Sawtelle ist nicht einfach so sang- und klanglos aus eigenen Stücken abgehauen. Darauf möchte ich wetten, Dag. Nein, die Golden Sun liegt auf dem Grund des Meeres, mitsamt Damis Sawtelle und allen, die sonst noch an Bord waren. Irgendein Geschöpf, das in diesem Meer da lebt, kam in der Nacht heran und hat sie schnell und leise versenkt; irgendwas sehr Schlaues, Trickreiches, und wenn wir Glück haben, finden wir nie heraus, was es war. Es hat keinen Zweck, sich jetzt Gedanken über die Golden Sun zu machen. Was wir aber dringend herausfinden müssen, ist, wieso wir südwärts, anstatt nach Norden fahren.«
»Wirst du mit Delagard reden, Doc?«
»Ja, ich glaube, das sollte ich wohl«, antwortete Lawler.
Delagard hatte gerade seine Wache beendet. Er wirkte müde. Die massigen Schultern waren nach vorn gesackt, der Kopf hing müde auf dem Stiernacken. Als er sich anschickte, den Niedergang zu seinem Quartier hinabzusteigen, rief Lawler ihm zu, er solle warten.
»Was gibt’s denn, Doc?«
»Könnten wir über was reden?«
Delagard senkte kurz die Lider. »Grad jetzt gleich?«
»Ich denk schon, ja.«
»Also schön, dann komm mit runter zu mir.«
Delagards Kabine war mehr als doppelt so groß wie die Lawlers, aber vollgestopft mit Bergen achtlos weggelegter Kleidung, leerer Branntweinflaschen, allem möglichen Schiffszubehör, sogar einigen wenigen Büchern. Bücher waren auf Hydros eine derartig große Seltenheit, daß Lawler mit Bestürzung reagierte, als er sie so achtlos umherliegen sah.
»Willst du was trinken?« fragte Delagard.
»Nicht grad jetzt schon, danke. Aber laß dich von mir nicht stören.« Dann zauderte Lawler doch ein wenig. »Nid, es ist da ein kleines Problem aufgetaucht. Wir scheinen da irgendwie ein wenig vom Kurs abgekommen zu sein.«
»Ach, sind wir?« Es klang nicht überrascht.
»Wie es scheint, befinden wir uns auf der falschen Seite des Äquators und fahren nach Süd-Südwest, anstatt nach Nord-Nordwest. Und das ist eine ziemlich beträchtliche Abweichung vom festgelegten Plan.«
»So weit vom Kurs ab?« sagte Delagard in gespieltem Erstaunen, aber ohne jede Leichtigkeit. »In die völlig falsche Richtung, wie?« Er spielte mit seinem Schnapsbecher, massierte sich das rechte Schlüsselbein, als habe er da Schmerzen und sortierte ein paar Stücke in dem wirren Durcheinander auf dem Tisch um. »Das ist ein verdammt dicker Navigationsfehler, wenn es wahr ist. Da muß jemand heimlich ins Kompaßhaus geschlichen und den Kompaß glatt absichtlich umgedreht haben, um uns zu täuschen. Aber bist du dir deiner Sache da ganz sicher, Doc?«
»Spiel mir nicht den Hampelmann vor. Dafür ist es zu spät. Was hast du vor, Nid?«
»Du verstehst einen Dreck von Hochseenavigation. Wie willst du also unterscheiden können, in welche Richtung wir segeln?«
»Ich hab mich bei ein paar Experten kundig gemacht.«
»Aha. Onyos Felk? Bei dem verblödeten alten Kacker?«
»Ja, ich hab mit ihm gesprochen. Und mit anderen. Onyos ist nicht immer so völlig zuverlässig, da geb ich dir recht. Aber die anderen sind es. Das kannst du mir glauben.«
Delagard starrte ihn mit einem mordlüsternem Blick an, die Augen zu Schlitzen verkniffen, die Kiefermuskeln verspannt. Dann beruhigte er sich, trank einen Schluck und dann den ganzen Rest aus seinem Becher, und dann versank er in nachdenkliches Schweigen.
»Also schön«, sagte er schließlich. »Ich will dich einweihen. Felk hat ausnahmsweise mal recht. Wir fahren nicht nach Grayvard.«
Die schnodderige Selbstsicherheit, mit der er das sagte, wirkte auf Lawler wie ein plötzlicher Hieb ins Zwerchfell.
»Heiliger Himmel, Nid! Warum denn nicht?«
»Weil sie uns in Grayvard nicht haben wollen. Von Anfang nicht haben wollten. Sie haben sich mit der gleichen Scheiße rausgeredet wie alle die anderen Inseln, mit denen ich Kontakt aufgenommen habe, daß sie möglicherweise ein Dutzend Flüchtlinge aufnehmen könnten, allerhöchstens, aber nicht unser gesamtes Kontingent. Ich hab alles in Bewegung gesetzt und sämtliche Fäden gezogen. Was ich nur konnte. Aber die sind nicht von ihrer Entscheidung abgegangen. Und damit saßen wir mit unserm nackten Arsch in der Kälte und hatten keinen Ort, an den wir uns retten können.«
»Du hast uns also schon seit Beginn der Fahrt belogen? Hast die ganze Zeit geplant gehabt, uns ins Leere Meer zu bringen? Was hast du dir eigentlich dabei gedacht? Und wozu hierher, von allen gottverlassenen Weltgegenden?« Lawler schüttelte ungläubig den Kopf. »Du hast wirklich verdammt viel Chuzpe, Nid!«
»Ich hab euch nicht alle angelogen. Ich hab dem Gospo Struvin die Wahrheit gesagt. Und Father Quillan.«
»Gospo, das versteh ich ja noch. Sozusagen. Der war dein Topkapitän. Aber wo kommt Quillan da ins Spiel?«
»Ooch, ich sprech mit ihm über viele Dinge.«
»Bist du zum Katholizismus konvertiert? Und der ist dein Beichtvater?«
»Er ist mein Freund. Er steckt voll von interessanten Ideen.«
»Ja, das glaub ich gern. Und was für eine besonders interessante Idee hat der fromme Vater Quillan bezüglich unserer Kursänderung geäußert?« Lawler hatte ein Gefühl, als träume er das Ganze nur. »Hat er dir etwa versprochen, daß er durch machtvolles Beten und heilige Beharrlichkeit ein Wunder für uns wirken kann? Hat er dir angeboten, dir im Leeren Meer irgendeine hübsche unbewohnte Insel hervorzuzaubern, auf der wir uns dann vielleicht niederlassen könnten?«
»Er hat mir gesagt, wir sollten uns in Richtung auf die Fläche über den Wassern aufmachen«, erwiderte Delagard gleichmütig.
Wieder ein Hieb, diesmal stärker als zuvor. Lawlers Augen wurden groß. Er nahm selbst einen deftigen Schluck von Delagards Branntwein und wartete, bis sich dessen Wirkung bemerkbar machte. Delagard schaute ihm von der anderen Seite des Tisches her geduldig, aber wachsam an und war womöglich sogar ein wenig amüsiert.
»Die Fläche über den Wassern«, sagte Lawler, als er sich wieder gefestigt genug fühlte, um zu sprechen. »Das hast du doch gesagt… über den Wassern?«
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