Es war vielleicht die längste Rede, die Kinverson je von sich gegeben hatte. Er wirkte über sich selbst ganz erstaunt, daß er soviel gesagt hatte. Als er fertig war, starrte er Lawler einen Augenblick lang in sichtlichem Ärger und verwirrt kalt an. Dann wandte er sich erneut seinem Fanggerät zu.
Lawler fragte: »Es stört dich also gar nicht, daß unser großer Führer uns direkt ins Unbekannte führt und daß er sich nicht mal die Mühe macht, uns davon zu unterrichten, was er damit bezweckt?«
»Nein. Das stört mich gar nicht. Mich stört eigentlich kaum was — außer Leuten, die mir auf den Nerv gehen. Ich lebe jeden Tag und von Tag zu Tag. Laß mich in Frieden, Doc. Ich habe zu tun. Okay?«
* * *
Dag Tharp sagte: »Willst du jetzt schon deine Anrufe machen? Du bist ’ne Stunde zu früh dran, Doc, weißt du?«
»Möglich. Macht das was?«
»Wie du willst.« Tharps Hände glitten über die Schaltscheiben und Knöpfe. »Wenn du so früh anrufen willst, dann ist es mir recht. Aber gib nicht mir die Schuld, wenn da draußen keiner auf dich vorbereitet ist.«
»Hol mir zuerst mal Bamber Cadrell rein.«
»Sonst rufst du aber immer die Star zuerst.«
»Weiß ich. Ruf mir heute Cadrell zuerst.«
Tharp blickte verwirrt auf. »Hast du ’nen Zitteraal im Arsch, heut morgen, Doc?«
»Wenn du hörst, was ich Cadrell zu sagen hab, dann wirst du schon merken, was mich stört. Und jetzt ruf ihn endlich an, ja?«
»Schon gut. Gleich. Sofort.« Von der Funkkonsole ertönte Schnarren und Klicken. »Dieser verflixte Nebel«, brummte Tharp. »Es issen Wunder, daß mir nicht der ganze Kram hier verrottet. Meldet euch, Goddess! Meldet euch, Goddess! Hier ruft die Queen. Goddess? Goddess, meldet euch.«
»Queen, hier die Goddess«, ertönte eine Knabenstimme, quäkend und hell. Auf der Sorve Goddess war Bard, Nicko Thalheims Sohn, der Funker.
»Sag ihm, ich will mit Cadrell sprechen«, erklärte Lawler.
Tharp sprach ins Mikrophon. Die blecherne Antwort konnte Lawler nicht genau verstehen.
»Wie war das?«
»Er sagt, Bamber ist am Ruder. Seine Wache läuft noch zwei Stunden.«
»Sag ihm, er soll Bamber sofort vom Ruder ans Horn holen. Es duldet keinen Aufschub.«
Weiteres Spucken und Klicken. Anscheinend machte der Junge Einwände. Tharp wiederholte Lawlers Verlangen, und danach herrschte auf der anderen Seite eine Minute lang Stille.
Schließlich war die Stimme von Bamber Cadrell zu hören: »Was ist denn bloß so verdammt wichtig, Doc?«
»Schick den Jungen weg, dann sag ich’s dir.«
»Er ist mein Funker.«
»Schön und gut, aber ich will nicht, daß er hört, was ich dir sagen werde.«
»Probleme, was?«
»Ist der Kleine noch da?«
»Ich hab ihn rausgeschickt. Was ist los, Doc?«
»Wir liegen neunzig Grad vom Kurs ab, in äquatorialen Gewässern und fahren nach Süd-Südwest. Delagard steuert uns direkt ins Leere Meer.« Neben Lawler hatte Dag mitgehört und holte jetzt scharf und verblüfft Luft. »Hast du das gemerkt, Bamber?«
Und wieder ein langes Schweigen von der Sorve Goddess.
»Selbstverständlich hab ich das, Doc. Für was für ’nen miserablen Nautiker hältst du mich denn?«
»Aber — in die Leere See, Bamber!«
»Richtig. Ich hab dich gut gehört.«
»Aber wir sollten doch nach Grayvard segeln!«
»Auch das ist mir bekannt, Doc.«
»Und für dich ist das ganz in Ordnung, daß wir in die falsche Richtung fahren?«
»Ich nehme an, Delagard weiß schon, was er tut.«
»Du nimmst es an?«
»Es sind seine Schiffe. Ich arbeite nur für ihn. Als wir nach Süden ausscherten, nahm ich an, es gibt im Norden irgendwelchen Ärger, vielleicht einen Sturm, irgendwas Übles, das er vermeiden möchte. Er besitzt sämtliche brauchbaren Seekarten, Doc. Wir folgen einfach seiner Führung.«
»Mitten in die Leere See hinein?«
»Delagard ist nicht verrückt«, sagte Cadrell. »Über kurz oder lang werden wir wieder nordwärts abdrehen. Daran zweifle ich gar nicht.«
»Und der Gedanke, ihn zu fragen, was der plötzliche Kurswechsel soll, der ist dir nie gekommen?«
»Ich sag dir doch, ich nehme an, das hatte einen guten Grund. Ich nehme an, er weiß schon, was er tut.«
»Du nimmst verdammt viel einfach nur so an«, sagte Lawler.
* * *
Tharp schaute von seiner Funkkonsole auf. Die gewöhnlich tief in runzligen Fleischfalten versteckten Augen funkelten groß vor Verblüffung.
»Das Leere Meer?«
»So sieht es aus.«
»Aber das ist doch Wahnsinn!«
»Ja, nicht wahr? Aber tu bitte so, als wüßtest du von nichts, Dag. Für kurze Zeit, ja? Und jetzt ruf mir Martin Yanez.«
»Nicht Stayvol? Den rufst du doch sonst immer zuerst.«
»Yanez«, sagte Lawler fest und kämpfte gegen die Erinnerung an Joses Gesicht an, das lernbegierig zu ihm heraufgelächelt hatte.
Hantierungen an Knöpfen und Hebelchen, und dann drang die quäkende Stimme des Funkers der Three Moons durch die Statik — es war eins der Hain-Mädchen, Lawler war nicht sicher, welches —, dann, einen Moment später, kam die tiefe ruhige Stimme von Martin Yanez: »Nichts zu berichten, Doc. Gesundheitlich ist hier alles in Ordnung.«
»Das ist kein beruflicher Routineanruf«, sagte Lawler.
»Was dann? Habt ihr was von der Golden Sun gehört?« Auf einmal war Erregung in der Stimme zu hören, Hoffnung.
»Nichts, leider«, sagte Lawler ruhig.
»Ach.«
»Ich wollte rausfinden, was du von unserer Kursänderung hältst.«
»Was für eine Kursänderung meinst du?«
»Komm mir nicht mit solchem Scheiß, Martin, ich bitte dich!«
»Seit wann macht sich der Doktor Sorgen um Navigationsprobleme?«
»Ich hab gesagt, komm mir nicht mit so ’nem Scheiß!«
»Bist du jetzt der Navigator, Doc?«
»Ich bin ein davon Betroffener. Das sind wir alle. Und es handelt sich unter anderem auch um mein Leben. Also, was geht hier vor, Martin? Oder hat Delagard dich dermaßen fest im Genick, daß du es mir nicht sagen willst?«
»Du klingst schrecklich aufgeregt«, sagte Yanez. »Wir haben einen Abstecher nach Süden gemacht. Na und?«
»Und warum?«
»Das solltest du besser Delagard fragen.«
»Hast du ihn gefragt?«
»Das brauche ich nicht. Ich folge einfach seinen Anweisungen und seiner Führung. Er segelt nach Süden — ich segle nach Süden.«
»Bamber hat so ziemlich das gleiche gesagt. Seid ihr Kerle denn allesamt bloß seine Marionetten und laßt euch von ihm herumschubsen, wie es ihm paßt? Himmel, Martin, wieso steuern wir denn nicht mehr Richtung Grayvard?«
»Ich hab dir schon gesagt, frag Delagard.«
»Das hab ich auch vor. Aber vorher wollte ich herausfinden, was die übrigen Schiffskapitäne davon halten, daß wir ins Leere Meer fahren.«
»Ach, fahren wir dorthin?« Yanez‹ Stimme war so ruhig wie immer. »Ich dachte, wir machen nur einen kurzen Abstecher nach Süden, und Delagard will aus irgendeinem Grund nicht darüber sprechen. Soweit ich weiß, ist unser Fernziel immer noch Grayvard.«
»Und das glaubst du wirklich?«
»Wenn ich dir sage, es ist so, würdest du mir glauben?«
»Ich möchte schon.«
»Es ist die Wahrheit, Doc. So wahr ich meinen Bruder geliebt habe, es ist bei Gott die Wahrheit. Delagard hat kein Wort über eine Kursänderung gesagt, und ich hab nicht gefragt, und auch Bamber und Poilin nicht. Und ich nehme an, die Schwestern haben noch nicht mal bemerkt, daß wir vom Kurs abgewichen sind.«
»Aber du hast mit Cadrell und Stayvol darüber gesprochen?«
»Aber sicher.«
»Stayvol ist mit Delagard ziemlich dick befreundet. Dem trau ich nicht. Was hat er gesagt?«
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