Und dann blieb wieder alles einige Zeitlang ruhig. Die Winde wehten günstig, die Geschöpfe der Tiefe nahmen Abstand von dem gewohnten Muster ständiger Angriffe. Die sechs Schiffe zogen weiter ihrem Ziel entgegen. Ihre Heckwasser erstreckten sich lang wie große Straßen über die unermeßliche Einsamkeit, die sie bereits durchquert hatten.
In der Stille eines makellosen Morgens — die See beinahe wellenlos glatt, die Brise fest, der Himmel schimmernd wie ein Opal, der wundervolle blaugrüne Ball von Sunrise knapp über dem Horizont sichtbar und einer der Monde noch erkennbar — stieß Lawler, als er an Deck kam, auf eine Gruppe, die auf der Brücke diskutierte. Delagard war da und Kinverson und Onyos Felk und Leo Martello. Und dann entdeckte Lawler auch Father Quillan, der halb hinter Kinversons mächtiger Gestalt verdeckt stand.
Delagard hantierte mit seinem Spähglas. Er bestrich damit die Ferne und berichtete den übrigen etwas, und die deuteten, spähten, gaben Kommentare dazu.
Lawler hangelte sich die Leiter hinauf.
»Ist was im Gange?«
»Irgendwas ja«, sagte Delagard. »Eins von den Schiffen ist fort.«
»Im Ernst?«
»Sieh selbst!« Delagard reichte ihm das Spähglas. »Eine problemlose Nacht. Zwischen Mitternacht und Morgen nichts Außergewöhnliches, melden mir die Spähgasten. Aber zähl mal, wie viele Schiffe du sehen kannst. Eins, zwei, drei, vier.«
Lawler setzte das Glas ans Auge. »Eins. Zwei. Drei. Vier.«
»Welches fehlt?«
Delagard zerrte an seinen dichten fettigen Locken. »Bin mir noch nicht sicher. Sie haben die Flaggen nicht gehißt. Gabe glaubt, es ist die Schwesternschaft, die verschwunden ist. Daß die sich heimlich in der Nacht abgesetzt haben und auf einen eignen unabhängigen Kurs gegangen sind.«
»Aber das war doch verrückt«, sagte Lawler. »Die haben doch gar keine Ahnung von Navigation.«
»Bislang haben sie’s aber ganz gut geschafft gehabt«, bemerkte Leo Martello.
»Ja, aber nur weil sie einfach im Konvoi mitgefahren sind. Aber wenn die jetzt versuchen, allein weiterzumachen…«
»Jaja«, sagte Delagard, »es wäre verrückt. Aber die sind schließlich verrückt. Diese verdammten Lesben, denen trau ich jederzeit zu, daß die…«
Er brach ab. Man hörte Tritte auf der Leiter unterhalb.
»Dag? Bist du das?« rief Delagard. Und zu Lawler gewandt erklärte er: »Ich hab ihn in den Funkraum geschickt, er sollte mal ein wenig rumhorchen.«
Tharps Schrumpfkopf erschien, dann auch der Rest von ihm.
»Die Golden Sun ist abgängig«, verkündete er.
»Die Schwestern fahren auf der Hydros Cross«, sagte Kinverson.
»Richtig«, sagte Tharp beißend. »Aber die Hydros Cross hat geantwortet, als ich sie grad vorhin gerufen hab. Und die Star, die Three Moons und die Goddess. Aber von der Golden Sun nur Funkstille.«
»Bist du ganz sicher?« fragte Delagard.
»Wenn du’s selber versuchen willst, bitte, geh und versuch’s. Ich hab die ganze Flotte gerufen. Und vier Schiffe haben geantwortet.«
»Auch das Schiff der Schwestern?« bohrte Kinverson nach.
»Ich hab mit Schwester Halla persönlich gesprochen. Reicht das?«
Lawler sagte: »Wer führt die Golden Sun? Ich hab es vergessen.«
»Damis Sawtelle«, antwortete Leo Martello.
»Damis würde doch nie so ’nen Alleingang wagen. Dazu ist er gar nicht der Typ.«
»Nein«, sagte Delagard mit einem Blick, in dem sich Argwohn und Zweifel mischten. »Das ist er nicht, oder, Doc?«
* * *
Den ganzen Tag lang versuchte Tharp immer wieder, die Frequenz der Golden Sun einzufangen. Die Funker der anderen vier Schiffe bemühten sich gleichfalls.
Aber auf dem Kanal der Golden Sun blieb alles still. Totenstill.
Delagard stapfte wütend auf und ab. »Ein Schiff, das verschwindet nicht einfach so in der Nacht!«
»Also, das da hat es anscheinend getan«, bemerkte Lis Nikiaus.
»Du halt dein verdammtes Maul!«
»Oh, wie nett von dir, Nid, wirklich.«
»Halt die Klappe, oder ich stopf sie dir!«
»Das bringt uns nicht weiter«, mischte Lawler sich ein. Dann fragte er Delagard: »Hast du jemals schon so ein Schiff verloren? Das so ganz einfach verschwand, meine ich, ohne S.O.S. und so? Ohne Meldung?«
»Ich hab noch nie ein Schiff verloren — Punkt!«
»Aber die hätten sich doch über Funk gemeldet, wenn sie in Schwierigkeiten gesteckt hätten, ja?«
»Wenn es ihnen möglich gewesen wäre«, sagte Kin-verson.
»Was soll das heißen?« fragte Delagard scharf.
»Mal angenommen, ein ganzer Haufen von diesem Netz-Zeugs kommt nachts an Bord gekrochen. Wachablösung ist um drei Uhr früh, die Leute aus der Takelung kommen runter, die Freiwache kommt rauf an Deck — und sie alle treten in dieses Netzzeug und werden über Bord gezerrt. Und damit ist die halbe Schiffsbesatzung einfach futsch. Damis oder sonstwer kommt während des Massakers aus dem Ruderhaus, um nachzuschauen, was los ist, und das Netz erwischt auch ihn. Und dann die restlichen, einen nach dem anderen…«
»Aber Gospo hat gebrüllt wie ein Irrer, als ihn das Netz erwischte«, warf Pilya Braun ein. »Ihr glaubt doch nicht, daß eine ganze Schiffsbesatzung von diesen Dingern gepackt werden und über Bord gezogen werden kann, ohne daß ein einziger genug Lärm schlagen könnte, um die übrigen zu warnen, was los ist?«
»Dann waren es eben nicht die Netzdinger«, sagte Kinverson. »Sondern was anderes, das an Bord kam. Oder es war das Netz und noch was anderes. Und sie sind alle tot.«
»Und dann kam eins von den Mäulern vorbei und hat auch noch das ganze Schiff verschluckt?« fragte Delagard. »Wo ist das verdammte Schiff, verdammt? Vielleicht sind alle an Bord tot, aber was ist mit dem Schiff passiert?«
»Ein Schiff unter Segeln kann in ein paar Stunden weit abdriften, sogar in einer ruhigen See«, bemerkte Onyos Felk. »Zehn, fünfzehn, zwanzig Kilometer — wer weiß schon? Und fährt immer weiter. Wir würden es nie finden, und wenn wir ’ne Million Jahre danach suchen.«
»Oder es ist gesunken«, sagte Neyana Golghoz. »Irgendwas kam von unten rauf, und es hat ein Loch in den Bauch gebohrt, und dann ist es einfach abgesoffen.«
»Ohne das kleinste Notsignal?« fragte Delagard. »Schiffe sinken nicht innerhalb von zwei Minuten. Irgendwer würde genug Zeit gehabt haben, uns zu rufen.«
»Was weiß denn ich?« sagte Neyana. »Sagen wir, es sind fünfzig Dinger von unten raufgekommen und haben Löcher gebohrt. Und dann war das Schiff plötzlich voller Löcher. Und dann wäre es nämlich schneller gesunken, als du einen Furz lassen kannst. Es sinkt einfach, schwupp, und keiner hat mehr Zeit, was zu tun. Ich weiß ja nicht, ich mein ja mal nur so.«
»Wer war an Bord der Golden Sun?« fragte Lawler.
Delagard zählte an seinen Fingern ab. »Damis und Dana und ihr kleiner Junge. Sidero Volkin. Die Sweyners. Das macht sechs.«
Jeder Name sauste nieder wie ein Beil. Lawler dachte an den knorrigen alten Werkzeugmacher und an seine verhutzelte alte Frau. Wie geschickt Sweyner mit seinen Händen immer war, und wie gekonnt er das beschränkte Material einsetzte, das ihnen auf Hydros zur Verfügung stand. Und Volkin, der Schiffszimmerer, der zähe, hart schuftende Mann. Und Damis. Dana.
»Wer sonst noch?«
»Laß mich nachdenken. Irgendwo muß ich die Liste haben. Aber laß mich nachdenken. Die Hains? Nein, die sind mit Yanez auf der Three Moons. Aber Freddo Wong war mit an Bord und sein Weib — wie hieß die doch noch, verdammtnochmal…?«
»Lucia«, sagte Lis.
»Stimmt, Lucia. Freddo und Lucia Wong, und dann noch dieses Mädchen mit den hübschen Titten. Richtig, Berylda. Und der kleine Bruder von Martin Yanez, glaub ich. Ja. Doch, ja.«
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