»Ich bete für dich, daß es dir bald möglich sein wird, deine Pein zu überantworten, sie endlich abzutreten.«
»Verstehe«, sagte Lawler dunkel.
»Verstehst du? Verstehst du es wirklich?«
»Ich verstehe, daß du in deinem Verlangen nach dem Paradies uns alle an Delagard verschachert hast, ohne auch nur zwei Sekunden lang zu zögern.«
»Du drückst es sehr hart aus«, sagte der Priester.
»Ja, vermutlich. Ich bedaure das. Und du meinst nicht, ich hätte einigermaßen Grund, verärgert zu sein?«
»Mein Kind…«
»Ich bin nicht dein Kind!«
»Aber du bist immerhin doch SEIN Kind.«
Lawler seufzte. Zwei Verrückte, dachte er, Delagard und Quillan… der eine ist zu allem bereit, um der Erlösung willen, der andere, weil er die Welt erobern will.
Quillan legte sacht seine Hand auf die Lawlers und lächelte.
»Gott liebt dich«, sagte er leise. »Gott wird dir SEINE Gnade zuteil werden lassen, fürchte dich nicht.«
* * *
»Sag mir alles, was du über dieses Flache über den Wassern weißt, alles«, sagte Lawler zu Sundira.
Sie waren in seiner Kabine. »Nicht viel«, sagte sie. »Ich weiß, daß es eine riesig große Insel sein soll — oder ein inselähnliches Etwas, unendlich viel größer als jede der bekannten und bewohnten Inseln. Tausende Hektar groß. Eine enorme, dauerhaft verankerte Landmasse.«
»Soviel weiß ich auch bereits. Aber hast du bei deinen zahlreichen Gesprächen mit den Gillies noch irgendwas anderes herausgefunden? Verzeihung — deinen endlosen Gesprächen mit den Sassen.«
»Die mochten nicht gern darüber sprechen. Mit einer Ausnahme, eine Sassin, mit der ich auf Simbalimak befreundet war. Sie war bereit, mir einige Fragen zu beantworten.«
»Und?«
»Sie sagte, es ist ein verbotener Ort, den niemand betreten darf.«
»Ist das alles? Sag mir mehr darüber.«
»Ach, das ist alles ziemlich verworrenes Zeug.«
»Ja, das kann ich mir denken. Aber sag’s mir trotzdem. Bitte, Sundira.«
»Sie hat sich ziemlich rätselhaft ausgedrückt. Absichtlich, nehme ich an. Aber ich bekam den Eindruck, daß die Fläche nicht nur einfach tabu ist, also geheiligt, bzw. verflucht, und man sie nicht betreten darf, sondern daß sie auch praktisch unbewohnbar ist — und körperlich gefährlich. ›Es ist der Ursprung der Schöpfung‹ sagte sie. Sie glauben, daß ein gestorbener Sasse an diesen Ursprung zurückkehrt. Und der Ausdruck, den sie dafür verwenden, lautet er oder sie sei ›aufs Antlitz gegangen‹. Ich bekam damals den Eindruck von etwas, das vor Energie kocht — etwas Heißem, Wildem und sehr, sehr Starken. So als liefe dort ununterbrochen eine Kernreaktion ab.«
»Himmel«, flüsterte Lawler tonlos. So warm es in der dumpfen kleinen Kabine war, er spürte, wie ein Frösteln seine Beine heraufkroch. Auch seine Finger waren kalt und zuckten. Er wandte sich um und holte die Taubkrautflasche vom Bord. Dann goß er sich ein Schlückchen davon in einen Meßbecher. Er blickte Sundira fragend an, doch sie schüttelte den Kopf. »Heiß und wild und stark«, sagte er. »Eine atomare Kernreaktion.«
»Aber du mußt verstehen, daß dies nicht ihre Vorstellung war. Es ist meine Interpretation, gestützt auf ihre unbestimmten und zweifellos metaphorischen Ausdrücke. Du weißt ja, wie kompliziert es ist zu begreifen, was die Sassen zu uns sagen.«
»Ich weiß es.«
»Doch ich begann mich damals zu fragen, während sie mit mir darüber sprach, ob nicht vielleicht vor langer Zeit dort ein Experiment der Sassen durchgeführt worden sein könnte, eine Art Kernkraftwerk- Projekt, das außer Kontrolle geriet. Irgend etwas in dieser Richtung. Natürlich ist das eine bloße Vermutung, klar? Aber aus der ganzen Art, wie sie darüber redete, erkannte ich, wie beunruhigt sie war, und sie blockte immer wieder ab, wenn ich ihr zu viele Fragen stellte, aber anscheinend glaubt sie, daß an diesem Ort etwas existiert, das man tunlichst meiden sollte. Etwas, über das sie nicht einmal nachdenken und schon gar nicht sprechen will.«
»Mist, verfluchter Mist!« Lawler schüttete die ganze Dosis Taubkrautextrakt in einem Zug hinunter und verspürte sofort die beruhigende Wirkung. »Eine atomar verseuchte Wüste. Eine unentwegt weiterlaufende atomare Kettenreaktion. Das paßt nicht besonders gut zu dem, was mir Delagard gesagt hat. Oder dieser Father Quillan.«
»Du hast mit denen darüber gesprochen? Warum? Wieso ist auf einmal dieses große Interesse an diesem Globusbereich?«
»Im Augenblick ist das Thema Nummer Eins.«
»Val, möchtest du vielleicht mich liebenswürdigerweise informieren, was da los ist?«
Er zögerte, aber nur kurz, dann sagte er ruhig: »Seit Tagen segeln wir nicht mehr auf dem Kurs nach Grayvard. Wir liegen derzeit südlich vom Äquator und fahren gemütlich immer tiefer in das Leere Meer hinein.« Sie schaute ihn bestürzt an. Und er sprach unerbittlich weiter: »Und unser Ziel ist dieses ›Antlitz über dem Wasser‹.«
»Du sagst das, als meinst du das wirklich im Ernst.«
»Das tu ich.«
Sie wich von ihm zurück. Es war eine reflexhafte zuckende Ausweichbewegung, als hätte er die Hand erhoben, um sie zu schlagen.
»Und — das hat Delagard angerichtet?«
»Genau. Er hat es mir selbst gesagt. Noch keine halbe Stunde ist das her. Ich hatte ihm ein paar Fragen über den Kurs gestellt, den wir jetzt segeln.« Dann gab er ihr eine rasche Zusammenfassung: Jollys Seefahrergarn, Delagards Traum, in jenem fernen Land eine Stadt zu gründen und dadurch Macht über den ganzen Planeten zu erringen, über die Ur-Sassen und alle anderen, sein Plan, einen Raumflughafen zu errichten, und so irgendwann Hydros in den Interstellarhandel einzuklinken.
»Und Father Quillan? Wie paßt der da rein?«
»Er predigt Delagard und peitscht ihn voran. Er ist zu der Überzeugung gelangt — und frag mich nicht, wie —, daß diese feste Fläche dort irgendwie so eine Art Paradies ist und daß Gott — also sein Gott, nach dem er sein ganzes Leben lang vergeblich gesucht hat — genau dort sein Hauptquartier aufschlägt, wenn er grad mal in dieser Gegend weilt. Also brennt er darauf, daß Delagard ihn dorthin bringt, damit er endlich mal seinem Gott die Hand schütteln und Guten Tag sagen kann.«
Sundira sah ihn mit dem bestürzten Blick einer Frau an, der soeben bewußt geworden ist, daß sich an der Innenseite ihres Schenkels ein Reptilchen nach oben schlängelt.
»Ja, sind die beiden denn wahnsinnig? Was meinst du?«
»Jeder, der davon redet, daß er beschlossen hat, die politische Kontrolle oder die Macht zu übernehmen, erscheint mir einfach als verrückt«, sagte Lawler. »Und ebenso geht es mir mit Leuten, die sich darauf kapriziert haben, ›Gott zu finden‹. Für mich sind das einfach aberwitzige Wahnideen. Und wer widersinnigen Ideen nachhängt, der ist nach meiner diagnostischen und Begriffsdefinition paranoid, also leidlich verrückt. Leider hat einer von den beiden das Kommando über unseren Konvoi.«
* * *
Es dunkelte bereits, als Lawler aufs Hauptdeck zurückkehrte. Die Tagwache kletterte in der Takelung herum und zog unter Onyos Felks Anweisungen Segel ein. Es wehte ein frischer nördlicher Wind, ziemlich steif und kräftig bereits, und er sah so aus, als werde er im nächsten Augenblick sich zu einem Sturm auswachsen. Es drohte ihnen ein Orkan, der in wirbelnden Wolkenmassen von Süd heraufzog. Lawler sah weit in der Ferne Sturzbäche von Wasser niederregnen, während der Wind die See zu weißem Schaum aufwirbelte. Wetterleuchten zitterte über den Himmel, ein ungewohnter, ein seltener Anblick, dann ein schreckeinflößender gelber Gabelblitz, und fast sofort darauf das schwere Grollen des Donners.
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