Robert Silverberg - Über den Wassern

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Über den Wassern: краткое содержание, описание и аннотация

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Auf der Wasserwelt Hydros leben seit Generationen Siedler von der Erde friedlich nebeneinander mit den amphibischen Eingeborenen des Planeten. Als eines Tages ein Fischer ein paar von den intelligenten Fischen im Meer tötet, haben die Menschen ihr Siedlungsrecht verwirkt. Sie müssen ihre kleinen schwimmenden Inseln, die ihnen längst zur Heimat geworden sind, verlassen und sind gezwungen, ein geheimnisvolles dunkles Land zu sucher, das vielleicht nur in den Sagen existiert.

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* * *

Am Morgen kam Jose Yanez, sein junger Schüler, wie gewohnt zum Unterricht in den Vaargh. Auf der Insel herrschte ein straffes Ausbildungssystem; man durfte nicht zulassen, daß irgendein Handwerk, irgendeine Kunst ausstarb. Seit den Anfängen der Niederlassung war dies nun das erste Mal, daß der Doktorslehrling kein Lawler war. Aber die Lawler-Tradition würde mit ihm enden, und wenn er einmal nicht mehr war, würde eine andere Familie die Verantwortung übernehmen müssen.

»Werden wir die ganze medizinische Ausrüstung mitnehmen können, wenn wir fortgehen?« fragte Jose.

»Soweit Platz an Bord ist«, beschied ihn Lawler. »Die Instrumente, die meisten Drogen, das Buch der Rezepturen.«

»Die Patientenkartei?«

»Falls genug Platz ist. Ich weiß nicht.«

Jose war siebzehn, ein großer schlaksiger Bursche. Sanftmütig, eine Seele von Mensch mit einem offenen, stets zu einem Lächeln bereiten Gesicht, und geschickt im Umgang mit den Patienten. Er schien begabt für die Doktorei. Er genoß die langen Stunden des Lernens, wie Lawler selbst, als Junge eher aufsässig und mit Wespen im Hintern, das nie ertragen hätte können. Es war jetzt das zweite Jahr von Joses Ausbildung, und Lawler vermutete, daß Jose bereits die Hälfte der Grundtechniken beherrschte; den Rest und die diagnostische Geschicklichkeit würde er sich ebenfalls mit der Zeit aneignen. Der Junge stammte aus einer Familie von Seefahrern; der ältere Bruder, Martin, war Kapitän auf einem von Delagards Schiffen. Es paßte genau zu dem Bild von Jose, daß er sich wegen der Krankenblätter der Patienten Sorgen machte. Lawler bezweifelte, daß man sie würde mitnehmen können; auf Delagards Schiffen schien nicht viel Platz für Cargo zu sein, und es gab vordringlichere Prioritäten als die Patientenkartei. Also würden er und Jose eben die Krankengeschichten der Inselbevölkerung unter sich aufteilen und auswendig lernen müssen, ehe der Auszug begann. Aber das würde weiter kein großes Problem sein. Er selbst hatte die meisten Fälle sowieso bereits im Gedächtnis. Und Jose, vermutlich, ebenso.

»Hoffentlich komme ich auf dasselbe Schiff wie du«, sagte der Junge. Neben Bruder Martin war Lawler für Jose sein größtes Heldenidol.

»Nein«, sagte Lawler ernst. »Wir werden auf verschiedenen Schiffen Dienst tun. Falls dann meins Schiffbruch erleiden sollte, dann bist immer noch du da und kannst die ärztliche Betreuung vornehmen.«

Jose schaute drein, als hätte ihn der Blitz getroffen. Weshalb? Wegen der Vorstellung, das Schiff seines Helden könne kentern und Lawler zugrunde fahren? Oder bei dem Gedanken, er selbst werde wirklich eines Tages der Koloniearzt sein? Vielleicht schon sehr bald?

Wahrscheinlich war es das. Lawler erinnerte sich, was für Gefühle ihn überkommen hatten, als er zum erstenmal begriff, daß hinter seiner Lehrzeit ja ein ganz aktueller Zweck, eine gezielte Absicht steckte, hinter diesem zermürbenden, endlosen öden Drill: Daß nämlich von ihm eines Tages erwartet wurde, an die Stelle seines Vaters zu treten und alle seine beruflichen Aufgaben zu erfüllen wie er. Er war damals so um die vierzehn gewesen. Und als er zwanzig war, war sein Vater tot, und er selber war der Doktor.

»Hör mal, mach dir deswegen keine großen Gedanken«, sagte Lawler. »Mir wird schon nichts passieren. Aber wir müssen eben mit dem Schlimmsten rechnen, Jose. Du und ich, wir verfügen über das gesamte medizinische Wissen, das es in der Kolonie gibt. Wir haben die Pflicht, es zu bewahren.«

»Ja. Natürlich.«

»Also gut. Das bedeutet, wir werden in verschiedenen Schiffen reisen. Verstehst du, was ich damit meine?«

»Ja. Ja, ich verstehe«, sagte der Junge. »Ich würde zwar lieber bei dir bleiben, aber ich versteh es wirklich.« Er lächelte. »Wir wollten heute über Pleuralinfla mmation arbeiten, oder?«

»Über entzündliche Prozesse des Brustfells, ja«, erwiderte Lawler und entfaltete seinen zerlesenen, verblichenen Anatomischen Atlas. Jose beugte sich vor, wach, aufmerksam, voll Lernbegierde. Der Junge war wirklich inspirierend. Er gemahnte Lawler an etwas, das er in der letzten Zeit fast vergessen hätte, daß sein Beruf mehr war als nur ein Job: Es war eine Berufung… »Entzündungen und Pleuralergüsse sind dran, beide. Symptomerkennung, Genese, therapeutische Maßnahmen.« Er hörte im Hinterkopf die Stimme seines Vaters, tief, gelassen, unerbittlich, dröhnend wie ein großer Gong. »Ein plötzlich auftretender stechender Brustschmerz beispielsweise…«

* * *

Delagard sagte: »Es tut mir leid, aber ich hab keine übermäßig guten Neuigkeiten.«

»Oh?«

Sie befanden sich in Delagards ›Büro‹ auf der Werft. Und es war Mittag, Lawlers gewohnte Pausenzeit zwischen den Sprechstunden. Delagard hatte ihn gebeten, er möge vorbeischauen. Auf dem Holzkelp- Tisch stand eine bereits geöffnete Flasche Beerenkrautschnaps, doch Lawler hatte es abgelehnt, mitzutrinken. Nicht während der Arbeitszeit, hatte er erklärt. Er hatte sich stets bemüht, einen klaren Kopf zu bewahren, wenn er Patienten erwartete (abgesehen natürlich von den Schlückchen Taubkraut-Elixier, und das, sagte er sich, schadete ja dabei nicht. Wenn es überhaupt einen Einfluß hatte, dann höchstens den, daß er klarer denken konnte).

»Ich hab inzwischen ein paar Reaktionen, leider keine guten. Velmise verweigert uns die Aufnahme, Doc.«

Es war, als hätte man ihn in den Unterleib getreten.

»Das haben sie dir mitgeteilt?«

Delagard schob ein Blatt Nachrichtenpergament über den Tisch. »Vor ’ner knappen halben Stunde hat mir Dag Tharn das da gebracht. Von meinem Sohn Kendy, auf Velmise. Er sagt, die hatten gestern abend ihre Ratsversammlung, und der Beschluß war gegen uns. Ihre Einwanderungsquote pro Jahr ist sechs, und sie sind willens, sie auf zehn zu erhöhen, angesichts der außergewöhnlichen Umstände. Aber mehr zu tun sind sie nicht bereit.«

»Also nicht alle achtundsiebzig.«

»Nein. Auf keinen Fall. Die alte Geschichte wie bei Shalikomo. Jede Insel fürchtet sich davor, zu viele Menschen aufzunehmen und dadurch die Gillies in Aufregung zu versetzen. Sicher, man könnte argumentieren, daß zehn Asylanten besser sind als gar keiner… Wenn wir zehn nach Velmise absetzen können, zehn nach Salimil, und noch zehn nach Grayvard…«

»Nein!« sagte Lawler. »Ich will, daß wir alle zusammenbleiben.«

»Aber das weiß ich doch. Okay!«

»Wenn Velmise also ausfällt, was ist die nächste Möglichkeit?«

»Dag verhandelt derzeit grade mit Salimil. Du weißt ja, ich hab auch dort einen Sohn sitzen. Vielleicht verfügt der über etwas mehr Überzeugungsfähigkeit als Kendy. Oder vielleicht sind die Leute von Salimil nicht ganz so miese Kneifärsche! Himmel, man könnte glauben, wir verlangen von Velmise, sie sollen ihre ganze verdammte Siedlung räumen und uns Platz machen. Die könnten uns leicht unterbringen. Vielleicht wär’s ’ne Weile ein bißchen eng, aber so was läßt sich doch hinkriegen. Shalikomos passieren doch nicht immer wieder!« Delagard fummelte in einem Stapel Pergamentblätter auf dem Tisch herum und reichte sie dann Lawler hinüber. »Also, Velmise ist Scheiße. Die Pest über sie. Wir werden schon was finden. Ich will eigentlich jetzt, daß du dir das da mal anschaust.«

Lawler warf einen Blick auf die Blätter. Auf jedem stand eine Liste von Namen in Delagards großer kühner Handschrift gekrakelt.

»Was soll das?«

»Ich hab dir doch vor einigen Wochen schon gesagt, ich habe sechs Schiffe, und das rechnet sich dann auf dreizehn Mann pro Schiff. Aber wie es sich zeigt, werden wir ein Schiff mit elf Personen haben, zwei mit je vierzehn, und die anderen drei mit dreizehn. Du wirst gleich begreifen, warum. Das sind die Passagierlisten, die ich aufgestellt habe.« Er tippte mit dem Finger auf das oberste Blatt. »Da. Das sollte dich am meisten interessieren.«

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