Lawler überflog das Blatt rasch. Da stand:
ICH UND LIS
GOSPO STRUVIN
DOC LAWLER
QUILLAN KINVERSON
SUNDIRA THANE
DAG THARP
ONYOS FELK
DANN HENDERS
NATIM GHARKID
PILYA BRAUN
LEO MARTELLO
NEYANA GOLGHOZ
»Na? Wie ist das? Gut?« fragte Delagard.
»Was soll das?«
»Hab ich doch grad gesagt. Die Passagierlisten. Die für unser Schiff, die Queen of Hydros. Ich glaub, es ist ’ne ziemlich gute Auswahl.«
Lawler starrte Delagard verwundert an. »Du Erzgauner, Nid. Du bringst es wirklich fertig, deinen eigenen Arsch gut abzusichern!«
»Aber, wovon redest du denn bloß?«
»Ich rede davon, mit welch unendlicher Mühe es dir gelungen ist, für deine persönliche Sicherheit und Bequemlichkeit zu sorgen, während wir auf See sind. Und du genierst dich nicht einmal, mir diese Liste zu zeigen, was? Nein, ich wette, du bist sogar noch stolz drauf! Du hast auf deinem Schiff den einzigen Arzt der Kolonie, dazu noch den erfahrensten Kommunikator, das Beste, was wir annähernd an Ingenieur zu bieten haben, und den Kartographen. Und Gospo Struvin ist zufällig auch der Spitzenkäptn deiner Flotte. Gewiß keine üble Basis-Besatzung für eine Reise von gottweißwielang zu einem gottweißwiefernen Ziel. Und dazu kommt noch Kinverson, der Jäger der See, der dermaßen stark ist, daß man ihn kaum als einen Menschen bezeichnen kann, und der sich auf dem Meeres-Ozean auskennt wie du auf deiner Werft. Ein verdammt gutes Team, das du dir da ausgesucht hast! Und keinerlei Störfälle, keine lästigen Kinder oder alte Leute, keiner, der irgendwie krank wäre. Gar nicht dumm, mein lieber Freund!«
Einen Moment lang, aber wirklich nur ganz kurz, flammte in Delagards glitzernden Äuglein Verärgerung auf.
»Also, sieh doch mal, Doc. Es ist schließlich das Flaggschiff. Und es wird möglicherweise doch keine ganz so leichte Fahrt, wenn wir am Ende gar bis Grayvard fahren müssen. Wir müssen überleben.«
»Müssen? Mehr als die anderen?«
»Du bist unser einziger Arzt. Willst du auf allen Schiffen gleichzeitig präsent sein? Dann versuch es. Ich hab mir das so gedacht: Da du nur auf einem Schiff mitreisen kannst, könntest du ja auch genauso gut auf meinem sein.«
»Aber klar doch.« Lawler fuhr mit dem Finger den Rand des Pergamentbogens entlang. »Aber selbst wenn ich dein Prinzip von ›Delagard-über-alles-und-vor-allem‹ gelten lassen würde, mir gehen trotzdem ein paar deiner Kandidaten nicht so recht ein. Was soll dir beispielsweise Gharkid nützen? Als ein Mensch ist der doch eine absolute Null.«
»Aber er kennt sich mit Seetang aus. Und darin ist er einzigartig, auch wenn er sonst nichts weiß. Er kann uns bei der Nahrungssuche helfen.«
»Das klingt vernünftig.« Lawler warf einen Blick auf Delagards prallen Bauch. »Und wir wollen doch nicht hungern, da draußen, wie? Na?« Er warf wieder einen Blick auf die Passagierliste. »Und warum Braun? Und Golghoz?«
»Die können fest zupacken und machen keinen Ärger.«
»Und Martello? Ein Dichter?«
»Der ist nicht bloß Dichter. Der kann auf einem Schiff gut zupacken und kennt sich aus. Und überhaupt, wieso eigentlich keinen Dichter? Die Sache wird doch zweifellos so was wie eine Odyssee. Die Auswanderung einer ganzen Insel. Da haben wir gleich einen, der uns unsere Geschichte niederschreibt.«
»Sehr hübscher Einfall«, sagte Lawler. »Man nimmt sich gleich seinen persönlichen Homer mit auf die Reise, damit die liebe Nachwelt nur ja auch alles richtig über die gewaltige Reise erfährt. Also, das gefällt mir.« Wieder überflog er die Liste. »Ich stelle fest, du hast nur vier Frauen vermerkt, bei zehn Männern.«
Delagard lächelte. »Der sexualspezifische Proporz entzieht sich meiner Kontrolle weitgehend. Wir haben auf dieser Insel sechsunddreißig weibliche Wesen, gegen zweiundvierzig männliche. Aber elf der Damen gehören dieser bescheuerten Schwesternschaft an, das darfst du nicht vergessen. Die schick ich auf einem eigenen Schiff ganz für sich alleine los. Sollen sie doch lernen, wie sie es segeln müssen, wenn sie können. Also haben wir eben nur fünfundzwanzig Frauen und Mädchen, aber fünf Schiffe, die Mütter müssen bei ihren kleinen Kindern bleiben undsoweiter, undsoweiter. Ich hab berechnet, daß wir auf unserem Schiff Platz für vier haben.«
»Darunter vor allem Lis, wie ich begreife. Und wie wählst du die übrigen drei Weiber aus?«
»Braun und Golghoz haben bereits für mich gearbeitet, sie hatten auf den Trips nach Velmise und Salimil angeheuert. Und wenn ich schon Weiber an Bord lasse, dann können das ja ebensogut welche sein, die zupacken können und wissen, was getan werden muß.«
»Und Sundira? Ja, schon gut, sie ist erfahren im Ausbessern von Zubehör. Das scheint vernünftig.«
»Genau«, sagte Delagard. »Und außerdem ist sie auch noch Kinversons Partnerin, klar? Wenn sie uns nützlich ist, und die beiden sind auch noch Partner, wozu sollte man sie trennen?«
»Also, soweit ich weiß, sind sie keineswegs feste Partner.«
»Ach, wirklich? Na, mir sieht es aber ganz danach aus. Ich seh sie fast die ganze Zeit nur zusammen«, sagte Delagard. »Jedenfalls ist das die Besatzung für unser Schiff, Doc. Für den Fall, daß die Flotte sich auf See trennen muß, haben wir da ein paar gute Leute, mit deren Hilfe wir es schaffen können. Und jetzt die Belegschaft für Schiff Nummer Zwei, die Sorve Goddess: Da haben wir Brondo Katzin und sein Weib, die ganzen Thalheims, die Tanaminds…«
»Moment mal!« warf Lawler ein. »Ich bin mit der ersten Liste noch nicht fertig. Über Father Quillan fiel bisher kein Wort. Ist der auch eine nützliche Person? Den hast du doch wohl nur gewählt, nehme ich an, um dich mit Gott gut zu stellen?«
Delagard steckte den Hieb unbeeindruckt weg. Er gab ein dröhnendes ›Hoho‹ von sich. »Ja, da soll mich doch! Nein, daran hab ich überhaupt nicht gedacht. Aber es war gar keine schlechte Idee, nein, ehrlich, sich einen Pfaffen mitzunehmen. Denn wenn da einer droben was ausrichten kann, dann der. Nein, der Grund, weshalb ich den Pastor ausgewählt hab, ist ganz einfach: Er macht mir so großen Spaß. Ich finde, er ist ein enorm interessanter Kerl.«
Natürlich, dachte Lawler.
Es erwies sich stets als ein Fehler, wenn man von Delagard erwartete, daß er in irgendeiner Sache konsequent sei.
* * *
In dieser Nacht stellte sich der andere Traum von der ERDE ein. Der Traum, der weh tat, der Traum, vor dem er sich am liebsten jedesmal versteckt hätte. Es war lange her, seitdem er beide Träume in aufeinanderfolgenden Nächten träumte, und darum war er ganz unvorbereitet, denn er hatte angenommen, der Traum der letzten Nacht werde ihm diesen anderen für ein ige Zeit ersparen. Aber nein. Nein, er konnte ihm nicht entkommen. Die ERDE würde ihn stets und immer verfolgen.
Dort hing sie am Himmel über Sorve: ein wundervoller blaugrüner Ball. Und drehte sich langsam und präsentierte ihre schimmernden Meere, ihre grandiosen gelbbraunen Kontinente. Über die Maßen schön war sie, dieses leuchtende Juwel im Himmel. Er sah die Gebirgsketten über die Rücken der Kontinente ragen wie schartige graue Zähne. Über den Spitzen breitete sich rein und weiß Eisschnee. Und Lawler stand auf dem obersten Kamm des hölzernen Dammes seiner kleinen Insel und ließ sich davon—, hinauftreiben in den Himmel, und er stieg weiter, bis er Hydros verlassen hatte und weit draußen im Weltraum über der blaugrünen Kugel schwebte, die einst die ERDE war, und auf sie niederschaute wie ein Gott. Dann sah er die Städte: Haus um Haus, nicht oben zugespitzt wie ein Vaargh, sondern breit und flach, über unermeßliche Weiten eines neben dem anderen, und dazwischen breite Verkehrswege. Und auf denen bewegten sic h Leute, Tausende, viele Tausende, eilig zu Fuß, und manche fuhren in kleinen Kutschen, die aussahen wie über Land fahrende Boote. Über ihnen in der Luft hingen die geflügelten Geschöpfe, die ›Vögel‹ hießen, wie die Gleiter und die anderen Hadros-Fische, die er kannte und die fähig waren, zu kurzen Flügen über die Wasseroberfläche hinaus in die Luft zu stoßen. Aber hier flogen sie die ganze Zeit in der Luft und schwebten großartig dahin und umkreisten den Planeten unermüdlich in unendlichen, weiten Bögen. Und zwischen den Vögeln waren auch Maschinen, die fliegen konnten. Sie waren aus Metall und glatt und glänzend, mit kurzen Flügeln und langen, tubusförmigen Leibern. Lawler sah sie vom Angesicht der ERDE aufsteigen und mit unglaublicher Geschwindigkeit über weite Entfernungen fliegen, wobei sie die Bewohner der ERDE von Insel zu Insel, von Stadt zu Stadt, von Kontinent zu Kontinent trugen, ein so ausgedehnter Verkehr, daß ihm beim Zusehen die Seele zu taumeln und kreisen begann.
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