Er dachte über Sundira nach. Wie es sein mochte, mit ihr zu schlafen. Es wäre absurd, sich nicht einzugestehen, daß er sich von ihr angezogen fühlte. Diese langen glatten Beine, der schlanke geschmeidige Athletenkörper. Ihre Energie, die knappe, selbstbewußte Art. Er stellte sich vor, daß er mit den Fingern über die kühle glatte Haut an der Innenseite ihrer Schenkel streichle. Daß er den Kopf in die Grube zwischen Schulter und Hals bette. Die kleinen festen Brüste unter seinen Händen, die kleinen Brustwarzen, die sich gegen seine Handflächen aufrichteten. Wenn Sundira sich der Liebe nur halb so energisch widmete wie dem Schwimmen, dann mußte sie sensationell sein.
Seltsam, dieses Verlangen nach einer Frau, auf einmal wieder. Er hatte nun so lange schon autonom und selbstgenügsam gelebt. Wenn er jetzt diesem Verlangen nachgab, bedeutete dies, daß er ein Stück seiner sorgsam aufgebauten Schutzpanzerung preisgeben müsse. Doch der Abschied von der Insel hatte alles mögliche ans Licht gespült, was in seiner Seele bisher ruhig geschlummert hatte.
* * *
Nach einer Weile merkte Lawler, daß mindestens zehn Minuten verstrichen sein mußten, vielleicht sogar mehr, und er hatte Sundira nicht ein einziges Mal auftauchen und Luft holen sehen. So etwas schaffte nicht einmal eine sehr starke Schwimmerin, jedenfalls keine menschliche. In plötzlicher Angst suchte er die Wasserfläche nach ihr ab.
Dann sah er sie auf dem Deichweg von links her auf ihn zukommen. Die dunklen feuchten Haare waren straff im Nacken zusammengerafft, und sie trug ein loses blaues Wickelkleid aus Kriechtang, das vorn offenstand. Sie mußte nach Süden geschwommen und direkt neben der Bootswerft über die Rampe an Land gestiegen sein, ohne daß er es bemerkt hatte.
»Was dagegen, wenn ich mich dir anschließe?« fragte sie.
Lawler machte eine einladende Handbewegung. »Hier ist genug Platz.«
Sie trat an seine Seite und lehnte sich wie er mit den Ellbogen auf die Brüstung gestützt nach vorn und blickte aufs Wasser hinaus.
»Du hast so ernst dreingesehen, vorhin, als ich vorbeigeschwommen bin. So tief in Gedanken.«
»Wirklich?«
»Warst du?«
»Ich nehm es an.«
»Über große Dinge nachdenkend, Doktor?«
»Ach, eigentlich nicht. Ich hab bloß so gedacht.« Er war nicht so recht bereit, ihr zu eröffnen, was ihm vorhin durch den Kopf gegangen war. »Ich hab versucht, mich mit dem Gedanken abzufinden, daß ich hier fort muß«, improvisierte er rasch. »Wie der ins Exil gehen zu müssen.«
»Wieder?« fragte sie. »Das versteh ich nicht. Was soll das heißen: wieder? Mußtest du früher schon einmal von einer Insel fort? Ich dachte, du lebst schon immer auf Sorve.«
»Das stimmt. Aber das diesmal ist für uns insgesamt das zweite Exil, nicht wahr? Erst wurden unsere Vorfahren von der ERDE vertrieben. Und nun wir von unserer Insel.«
Sie wandte sich ihm zu und schaute ihn verwirrt an. »Wir sind keine Exilanten der ERDE. Kein ERDEgeborener hat sich je auf Hydros niedergelassen. Die ERDE wurde hundert Jahre vor der Ankunft der ersten Menschen hier schon zerstört.«
»Das spielt keine Rolle. Wir kommen alle ursprünglich von der ERDE, wenn du bis zum Anfang zurückgehst. Und wir haben sie verloren. Das ist wie ein Exil. Ich meine, für uns alle, für jeden einzelnen Menschen, für alle, auf welcher Welt im Raum sie auch leben.« Und auf einmal sprudelten die Worte nur so aus ihm heraus. »Schau, wir hatten einst eine Mutter-Welt, einen gemeinsamen Ursprungsplaneten, und er ist dahin, zerstört und vernichtet. Ausgelöscht. Nichts ist mehr übrig als die Erinnerung… und eine ziemlich verschwommene überdies… nichts, nur ein paar Händevoll kleinster Trümmerstücke wie jene, die du in meinem Vaargh gesehen hast. Mein Vater erzählte uns gern, daß die ERDE ein Ort voll bestürzend-schöner Wunder gewesen ist, der schönste Planet, der jemals existierte. Eine Welt der Gärten, pflegte er zu sagen. Ein Paradies. Vielleicht war sie das ja. Es gibt Leute, die behaupten, daß sie ganz und gar nicht so war, sondern ein abscheulicher Ort, ein Jammertal, aus dem die Menschen flohen, weil sie das Elend nicht mehr ertragen konnten. Ich weiß es nicht. Das alles ist inzwischen zur Mythologie verkommen. Aber ganz gleich, wie sie war, sie war unsere Heimat, und wir haben sie verlassen, und danach war die Tür ein für allemal hinter uns zugefallen.«
»Ich denke niemals an die ERDE«, sagte Sundira.
»Ich schon. Alle übrigen galaktischen Rassen haben noch ihre Mutterwelt. Wir nicht! Wir müssen in der Diaspora leben, über Hunderte von Welten verstreut, fünfhundert von uns hier, tausend anderwärts, wir müssen uns in der Fremde ansiedeln. Und werden mehr oder weniger von den nicht-irdischen verschiedenen Geschöpfen toleriert, auf deren Planeten es uns leidlich gelang, Fuß zu fassen. Das meine ich mit Exil!«
»Aber selbst wenn es die ERDE noch gäbe, wir könnten ja gar nicht auf sie zurückkehren. Nicht von hier, von Hydros aus. Hydros ist unsere Heimat, nicht die ERDE. Und niemand vertreibt uns von Hydros ins Exil.«
»Immerhin, wir werden von Sorve vertrieben. Das kannst du schlecht wegdiskutieren.«
Ihr Gesichtsausdruck, der merkwürdig, spöttisch und ein wenig ungeduldig, geworden war, wurde wieder weicher. »Dir kommt es wie das Exil vor, weil du nie irgendwo anders gelebt hast. Für mich ist eine Insel nichts weiter als eine Insel. Sie sind alle mehr oder weniger gleich. Wirklich. Ich lebe eine Weile auf der einen, und dann bekomme ich das Gefühl, jetzt möchte ich weiterziehen, und dann gehe ich eben woanders hin.« Sundira ließ ihre Hand flüchtig auf seiner ruhen. »Ich weiß, für dich ist das anders. Tut mir leid.«
Lawler entdeckte, daß er verzweifelt gern zu einem anderen Thema wechseln wollte.
Die Sache stimmte ganz und gar nicht. Jetzt hatte er ihr Mitgefühl erregt, und das bedeutete, sie reagierte auf etwas an ihm, was sie als sein Selbstmitleid interpretieren mußte. Das Gespräch hatte auf dem falschen Fuß begonnen und humpelte nun so weiter. Anstatt über die Vertreibung ins Exil und über die schwere Bürde der armen heimatlosen Menschenkinder zu jammern, die wie Sandkörner in der Galaxis verstreut lebten, hätte er Sundira besser sagen sollen, wie hinreißend sie auf ihn gewirkt hatte, als sie ihren hübschen Sterz beim Tauchen in die Höhe gereckt hatte, und ob sie nicht Lust habe, jetzt gleich mit ihm zu seinem Vaargh raufzugehen und vor dem Abendessen noch eine fröhliche kleine Vögelei mit ihm zu veranstalten? Aber es war zu spät, um jetzt noch auf diesen Kurs umzusteigen. Oder doch nicht?
Nach einer Weile fragte er: »Was macht der Husten?«
»Dem geht’s gut. Aber ich könnte ein bißchen mehr von der Medizin brauchen. Ich hab nur noch für zwei Tage.«
»Wenn du nichts mehr hast, komm zum Vaargh rauf. Ich geb dir dann Nachschub.«
»Mach ich«, sagte sie. »Und ich würde mir auch gern deine Sachen von der ERDE genauer ansehen.«
»Wenn du das willst, gern. Wenn sie dich interessieren, sag ich dir, was ich darüber weiß. Viel ist es nicht. Allerdings verlieren die meisten Leute rasch das Interesse, wenn ich davon anfange.«
»Mir war nicht klar, daß dich ERDE dermaßen fasziniert. Ich bin noch nie einem begegnet, der sich darüber viel Gedanken gemacht hätte. Für die meisten von uns ist sie halt nur der Ort, an dem vor ewig langer Zeit mal unsere Vorfahren gelebt haben. Aber das übersteigt unser Begriffsvermögen, ehrlich. Das können wir nicht erfassen. Und wir denken darüber ebensowenig nach wie darüber, wie unsere Ur-Ur-Ur- Ur-Urgroßeltern vielleicht einmal aussahen.«
»Aber ich tu es«, antwortete Lawler. »Ich könnte dir aber nicht sagen, warum. Ich denke an alle möglichen Sachen, die sich meinem Begriffsvermögen entziehen. Beispielsweise wie das sein mag, auf einer Welt mit festem Land zu leben. Wo deine Füße auf festen schwarzen Boden treten, aus dem Pflanzen wachsen, einfach so in der freien Luft, Pflanzen, die zwanzigmal so groß sind wie ein Mensch.«
Читать дальше