Robert Silverberg - Über den Wassern

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Auf der Wasserwelt Hydros leben seit Generationen Siedler von der Erde friedlich nebeneinander mit den amphibischen Eingeborenen des Planeten. Als eines Tages ein Fischer ein paar von den intelligenten Fischen im Meer tötet, haben die Menschen ihr Siedlungsrecht verwirkt. Sie müssen ihre kleinen schwimmenden Inseln, die ihnen längst zur Heimat geworden sind, verlassen und sind gezwungen, ein geheimnisvolles dunkles Land zu sucher, das vielleicht nur in den Sagen existiert.

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»Doktor? Ich hab was an meinem Fuß!« sagte eine helle Kinderstimme von draußen vor seinen Vaargh.

»Einen Augenblick, komme gleich«, antwortete Lawler mit Reibeisenstimme.

6

Im Gemeindehaus war für den Abend eine Versammlung einberufen worden, um die Lage zu besprechen. Die Luft im Raum war dumpf und stickig, es roch penetrant nach Schweiß. Auch sonst war die Atmosphäre emotional geladen. Lawler saß in der Ecke gegenüber dem Eingang — wie immer. Von hier aus konnte er alles beobachten. Delagard war nicht erschienen, hatte vielmehr ausrichten lassen, er müsse sich um dringliche Arbeiten auf der Werft kümmern und erwarte Nachricht von seinen Schiffen auf See.

»Das Ganze ist ’ne Falle«, sagte Dann Henders. »Die Gillies haben es satt, daß wir hier sind, aber sie wollen sich nicht die Mühe machen und uns selbst abmurksen. Also schmeißen sie uns aufs Meer raus, und dort bringen uns dann die Rammerhörner und Seeleoparden für sie um.«

»Woher weißt du das?« fragte Nicko Thalheim.

»Ich weiß es nicht. Ich vermute es bloß. Ich versuche, mir einfach begreiflich zu machen, wieso die uns wegen so ’ner unbedeutenden Sache wie diesen drei ersoffenen Tauchern von der Insel vertreiben sollten.«

»Aber drei tote Taucher sind eben keine bedeutungslose Sache!« rief Sundira laut. »Du redest über intelligente Lebewesen!«

»Intelligent?« fragte Dag Tharp spöttisch.

»Aber sicher doch. Und wenn ich eine Gillie wäre und mir würde bekannt, daß die gottverdammten Menschen Taucher umbringen, dann würde ich diese Mörder ebenfalls loswerden wollen.«

Henders sagte: »Also, davon mal abgesehen. Ich sag, wenn die Kiemlinge uns wirklich von hier vertreiben, dann werden wir feststellen, daß der ganze verfluchte Ozean sich gegen uns erhebt, sobald wir in See stechen. Und ganz und gar nicht etwa zufällig. Die Gillies beherrschen die Tierwelt im Meer. Das ist schließlich bekannt. Und sie werden die Meerestiere gegen uns benutzen und uns auslöschen.«

»Und wenn wir einfach nicht zulassen, daß die Gillies uns vertreiben?« fragte Damis Sawtelle. »Wenn wir uns zur Wehr setzen?«

»Uns zur Wehr setzen? Kämpfen?« sagte Bamber Cadrell. »Kämpfen — wie denn? — und womit? Hast du den Verstand verloren, Damis?«

Die beiden waren Kapitäne eines Fährboots und gestandene praktische Männer, und seit ihrer Knabenzeit befreundet. Aber in diesem Augenblick stierten sie einander stumpf und giftig an, als wären sie lebenslange Feinde.

»Widerstand«, sagte Sawtelle. »Eine Guerilla -Aktion.«

»Wir schleichen uns zu ihnen rüber, auf ihre Inselseite, und schnappen uns was von dem Zeug aus diesem Heiligtum dort, das irgendwie nach was Bedeutendem aussieht«, schlug Nimber Tanamind vor. »Und dann geben wir es ihnen erst zurück, wenn sie sich bereit erklären, uns bleiben zu lassen.«

»Also, das kommt mir ausgesprochen blödsinnig vor«, sagte Cadrell.

Nicko Thalheim sagte: »Mir auch. Denen ihre geheiligten Klunker zu klauen, das bringt uns nicht weiter. Bewaffneter Widerstand, das ist die Karte, auf die wir setzen müssen, genau wie Damis es sagt. Eine absolute Guerilla -Taktik. Das Blut der Kiemlinge strömt durch die Straßen, bis sie ihren Ausweisungsbefehl widerrufen. Auf dem Planeten hier kennen sie ja nicht einmal den Begriff Krieg. Also werden sie nicht mal wissen, was wir verdammt da machen, wenn wir kämpfen.«

»Shalikomo«, sagte eine Stimme aus dem Hintergrund. »Wißt ihr nicht mehr, was da geschehen ist?«

»Shalikomo, genau!« rief eine andere Stimme. »Die werden uns genauso abschlachten wie die damals. Und wir werden überhaupt nichts dagegen tun können.«

»Richtig«, sagte Marya Hain. »Wir sind es nämlich, die über kein Konzept vom Kämpfen verfügen, nicht die. Die wissen ganz genau, wie sie töten müssen, wenn sie es wollen. Und womit wollen wir sie angreifen? Mit Schuppmessern? Mit Hammer und Stichel? Wir sind keine Kämpfer. Unsere Urahnen waren es. Vielleicht. Aber wir wissen ja nicht einmal so recht, was das Wort bedeutet.«

»Dann müssen wir es lernen«, sagte Thalheim. »Wir können uns doch nicht einfach so aus unserer Heimat vertreiben lassen!«

»Ach, wirklich?« fragte Marya Hain. »Was bleibt uns denn für eine Wahl? Wir sind doch hier nur geduldet. Und jetzt haben sie eben ihre Erlaubnis widerrufen. Es ist ihre Insel. Wenn wir Widerstand zu leisten versuchen, nehmen sie einen nach dem ändern und schmeißen uns ins Meer, genau wie sie es auf Shalikomo getan haben.«

»Aber wir würden eine Menge von ihnen mitnehmen«, sagte Damis Sawtelle hitzig.

Dan Henders brach in Gelächter aus. »Ins Meer? Ja, richtig! Wir drücken ihnen die Schädel unter Wasser, bis sie ersaufen.«

»Ach, du weißt schon, was ich meine«, brummte Sawtelle. »Wenn die einen von uns umbringen, töten wir einen von ihnen. Wenn sie erst mal Verluste haben, werden sie es sich verdammt rasch überlegen und uns nicht länger vertreiben wollen.«

»Sie würden uns schneller töten, als wir es mit ihnen könnten«, sagte Poilin Stayvols Frau, Leynila. Stayvol war nach Gospo Struvin der rangälteste Kapitän in Delagards Flotte. Derzeit war er gerade mit dem Kentrup-Fährschiff unterwegs. Man konnte sich stets darauf verlassen, daß die stämmige, hitzige Leynila gegen alles opponierte, wofür Damis eintrat. Das war schon seit ihrer Kindheit so. »Sogar Mann um Mann — was würde uns das bringen?« fragte sie herausfordernd.

Dana Sawtelle nickte und ging durch den Raum hinüber und stellte sich neben Marya und Leynila. Die meisten Frauen standen nun auf der einen Seite, und die Handvoll Männer, aus denen die Kriegspartei bestand, auf der anderen. »Leynila hat recht. Wenn wir zu kämpfen versuchen, werden wir alle umkommen. Was hätte das für einen Sinn? Wenn wir kämpften wie großartige Helden, und am Ende wären wir allesamt tot, wieso wäre das besser für uns, als wenn wir einfach in ein Schiff gestiegen und anderswohin gegangen wären?«

Ihr Mann fuhr sie an: »Halt den Mund, Dana!«

»Ich werd den Teufel tun und still sein, Damis! Verdammt, nein! Denk bloß nicht, ich sitz hier lammfromm wie ein Kind, während ihr Kerle davon quasselt, daß ihr einen Angriff gegen eine körperlich überlegene Gruppe von Aliens machen wollt, die uns noch dazu zahlenmäßig um ungefähr das Zehnfache übertreffen. Wir können nicht gegen sie kämpfen!«

»Wir müssen aber.«

»Nein! Nein!«

»Das ganze Gerede ist doch Unsinn, das mit Kämpfen und so. Die bluffen doch bloß«, sagte Lis Nikiaus. »Die werden uns schon nicht wirklich rausschmeißen.«

»O doch, das werden sie…«

»Nicht, wenn Nid sich darum kümmert!«

»Es war aber grad dein teurer Nid, der uns überhaupt erst in diese Lage gebracht hat!« kreischte Marya Hain.

»Und er wird uns da auch wieder rausholen. Im Moment sind die Gillies eben aufgebracht, aber sie werden…«

»Was hältst du davon, Doc?« rief jemand laut.

Lawler hatte sich während der Debatte still verhalten und abgewartet, bis die Gefühlsüberschwänge sich etwas erschöpft hatten. Es war immer ein Fehler, wenn man bei derartigen Sachen zu früh in den Ring stieg.

Jetzt stand er auf. Und plötzlich wurde es sehr still. Aller Augen waren auf ihn gerichtet. Sie erwarteten von ihm ›die Lösung‹. Ein Wunder, irgendeine Hoffnung oder die Aussicht auf eine Gnadenfrist. Sie rechneten damit, daß er sie ihnen geben werde. Er, eine Stütze der Gemeinde, Sprößling eines berühmten Gründervaters, der getreue verläßliche Inseldoktor, der den Körper eines jeden besser kannte als der selbst, der kluge kühle Denker, der hochgeschätzte Erteiler scharfsinnigen Rats…

Er blickte sie alle an, von einem zur anderen, ehe er zu sprechen begann.

»Damis, Nicko, Nimber, es tut mir leid. Aber ich glaube, das ganze Gerede von Widerstand führt uns zu keiner brauchbaren Entscheidung. Wir müssen uns damit abfinden, daß dies keine gangbare Alternative ist.« Aus der Ecke der Kriegspartei kam sofort ein Murren. Er brachte es mit einem kalten starren Blick zum Schweigen. »Ein Kampf gegen die Gillies, das wäre, als wollte man versuchen, die See leerzutrinken. Wir haben keine Waffen. Uns stehen bestenfalls vielleicht vierzig körperlich taugliche Kämpfer zur Verfügung — gegen Hunderte von ihnen. Die Idee ist es nicht einmal wert, daß man darüber nachdenkt.« Die Stille wurde eisig. Er merkte aber, wie seine ruhigen Worte zu wirken begannen: Blicke wurden getauscht, Köpfe begannen zu nicken. Er wandte sich direkt an Lis Nikiaus: »Lis, die Gillies bluffen nicht, und Nid hat keine Chance, sie umzustimmen. Sie werden ihren Ausweisungsbefehl nicht widerrufen. Nid hat mit ihnen geredet, und ich selber ebenfalls. Und du weißt das. Und wenn einer von euch glaubt, die Gillies ändern ihre Meinung, dann ist er ein Traumtänzer.«

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