»Dieser brummige alte Schwindler. Du glaubst doch nicht wirklich, daß er auch nur irgendwo in die Nähe gekommen ist, oder?«
Delagard kniff ein Auge zu. »Aber seine Geschichten waren doch hinreißend, was?«
Lawler nickte und ließ seinen Geist kurz in die Vergangenheit zurückschweifen, fast fünfunddreißig Jahre zurück zu dem endlos wiederholten Garn, das der wettergegerbte alte Mann von seiner einsamen Fahrt über das Leere Meer gesponnen hatte, von den geheimnisvollen, traumhaften Begegnungen mit dem ›Geist‹, einer Insel, die dermaßen groß war, daß alle anderen Inseln der Welt darauf Platz gefunden hätten, einem riesigen, bedrohlichen Ding, das den ganzen Horiz ont ausfüllte, wie ein schwarzer Wall in diesem fernen, stillen Winkel der Welt aus dem Ozean aufragte. Auf dem Meeresatlas hier erschien sie nur als dunkler regloser Flecken, etwa so groß wie eine Männerhand, ein kantiger schwärzlicher Makel auf der ansonsten reinen Weite der fernen anderen Hemisphäre, und ziemlich tief drunten liegend, fast schon in der Südpolarregion.
Er drehte den Globus wieder zur anderen Hälfte zurück und betrachtete die langsam wandernden Inseln.
Er überlegte, wie eine vor so langer Zeit gefertigte Seekarte die heutigen Positionen dieser Eilande einigermaßen brauchbar angeben könne. Sie waren doch zweifellos inzwischen durch allerlei kurzfristige Klimaphänomene von ihrem ursprünglichen Kurs abgelenkt worden. Oder hatte der Schöpfer des Werkes dies alles berücksichtigt, gestützt auf ein zauberisches Geheimwissen, ein Erbteil aus der Großen Welt der Wissenschaften in der jenseitigen Galaxis? Auf Hydros war alles so primitiv, daß Lawler stets aufs neue verblüfft war, wenn irgendein Mechanismus tatsächlich funktionierte; allerdings wußte er, daß es auf anderen bewohnten Welten des Raumes anders war, auf denen es festes Land gab und reichliche Metallressourcen, und Methoden, leicht von einer Welt in die andere zu reisen. Der Technikzauber der alten verlorenen Mutterwelt ERDE war auf jene neuen Welten übergegangen. Aber hier, auf Hydros, war davon nichts zu spüren.
Nach einer Weile sagte er: »Was meinst du, wie exakt ist dieser Globus? Wo er doch fünfzig Jahre alt ist und überhaupt.«
»Haben wir in den letzten fünfzig Jahren irgendwas Neues über Hydros gelernt? Das da ist die beste Seekarte, die wir haben. Der alte Felk war ein Meister seiner Kunst, und er hat mit allen gesprochen, die über irgendeine der Seen gefahren sind. Und er hat seine Informationen verglichen mit Beobachtungen, die vom Weltraum aus, auf Sunrise, gemacht wurden. Nein, die Karte ist schon genau. Verdammt genau.«
Lawlers Blick folgte der Wanderung der Inseln wie hypnotisiert. Vielleicht bot die Karte ja tatsächlich verläßliche Information, vielleicht auch nicht; er besaß nicht die Qualifikation, das zu entscheiden. Er hatte noch nie begriffen, wie überhaupt jemand auf der See den Weg zurück zur Heimatinsel finden konnte, geschweige denn eine ferne Insel anzusteuern vermochte, angesichts der Tatsache, daß sowohl das Schiff wie die Inseln sich ja beständig in Bewegung befanden. Ich muß gelegentlich Gabe Kinverson danach fragen, dachte er.
»Schön. Und wie sieht dein Plan aus?«
Delagard zeigte auf dem Globus auf Sorve. »Siehst du die Insel im Südwesten von uns, die aus dem nächsten Streifen heraufzieht? Das ist Velmise. Sie zieht nach Nordost, und rascher als wir, und sie wird in etwa einem Monat in bequemer Nähe vorbeikommen. Zu dem Zeitpunkt wird es eine Fahrt von zehn Tagen von hier aus bedeuten, möglicherweise auch weniger. Ich werde meinem Sohn auf Velmise Botschaft übermitteln und ihn bitten, uns aufzunehmen, freundlicherweise alle achtundsiebzig Personen.«
»Und wenn er sagt, sie haben keine Lust dazu? Velmise ist doch verdammt klein.«
»Wir haben andere Alternativen. Von der anderen Seite zieht Salimil heran. Es wird so um die anderthalb Wochen von uns entfernt sein, wenn wir wegmüssen.«
Lawler erwog die Aussichten einer Bootsfahrt von zweieinhalb Wochen auf offenem Meer. Unter dem sengenden Auge der Sonne, in dem beständigen beizenden Salzwind, getrockneten Fisch als Nahrung, unter den Füßen das kleine Deck, auf dem man auf und ab stapfen konnte, und nichts ringsum zu sehen als Meer und immer weiter Meer.
Er griff nach der Schnapsflasche und füllte sich seinen Becher selber wieder.
Delagard sagte: »Und wenn auch Salimil uns nicht aufnehmen will, dann haben wir da drunten noch Kaggeram, oder Shakran… oder sogar Grayvard. Ich hab Verwandte dort. Ich denke, ich werde da schon was drehen können. Das wäre dann eine Fahrt von acht Wochen.«
Acht Wochen? Lawler versuchte sich das vorzustellen.
Nach einer Weile sagte er: »Niemand wird binnen dreißig Tagen Platz für achtundsiebzig Menschen schaffen können. Velmise nicht, Salimil nicht, keiner.«
»In dem Fall werden wir uns eben in Kontingente aufteilen müssen, und einige gehen dahin, die übrigen dorthin.«
»Nein!« Lawler reagierte plötzlich sehr heftig.
»Nein?«
»Ich will das nicht… Ich will, daß die Gemeinde beisammenbleibt.«
»Und wenn das nicht möglich ist?«
»Wir müssen einen Weg finden. Wir dürfen nicht Menschen, die ihr Leben lang miteinander gelebt haben, über den ganzen verdammten Ozean zerstreuen. Wir sind eine einzige Familie, Nid.«
»Sind wir das? Also, ich glaube, ich seh das nicht so.«
»Dann siehst du es eben jetzt mal so!«
»Na ja, also…« — Delagard saß still da und runzelte die Stirn — »… im äußersten Fall könnten wir ja auch einfach auf einer Insel landen, die nicht dauernd von Menschen bewohnt ist oder grad jetzt nicht, und wir könnten die dort hausenden Gillies um Asyl bitten. So was hat es schon früher mal gegeben.«
»Ja, aber die Gillies würden wissen, daß wir von unseren eigenen Gillies hier vertrieben wurden, und warum.«
»Vielleicht würde das keine Rolle spielen. Du kennst sie doch ebensogut wie ich, Doc. Es gibt ’ne Menge von ihnen, die uns gegenüber ziemlich tolerant sind. Für die sind wir weiter nichts als wieder ein neuer Beweis, ein Beispiel für die unergründlichen Abläufe des Universums, etwas, das ihnen einfach zufällig aus dem großen Meer des Raumes an den Strand gewaschen wurde. Sie wissen durchaus, daß es sinnlos ist, an den unerforschlichen Ratschlüssen des Universums herumzurätseln. Und deshalb, vermute jedenfalls ich, haben sie uns einfach achselzuckend aufgenommen, als wir ursprünglich zu ihnen kamen.«
»Die Gescheitesten unter ihnen denken vielleicht so. Aber die übrigen verabscheuen uns und wollen mit uns nicht das geringste zu tun haben. Warum aber sollten uns die Gillies einer anderen Insel aufnehmen, nachdem uns die Gillies auf Sorve als Mörderbande hinausgeworfen haben?«
»Wir werden’s schon schaffen«, sagte Delagard gelassen, sichtlich völlig unberührt von dem häßlichen Wort. Er wiegte seinen Drink zwischen beiden Handflächen und starrte in den Becher. »Wir gehen nach Velmise. Oder nach Salimil. Oder nach Grayvard, wenn’s sein muß. Oder an irgendeinen vollkommen neuen Ort. Und wir bleiben alle beisammen und bauen uns ein neues Leben auf. Dafür werde ich sorgen. Du kannst dich drauf verlassen, Doc.«
»Hast du genug Schiffe für uns alle?«
»Ich habe sechs. Dreizehn Mann pro Boot, und wir werden uns noch nicht einmal beengt fühlen. Hör auf, dir Sorgen zu machen, Doc. Trink noch einen.«
»Ich hab mich grad bedient.«
»Aber du hast wohl nichts dagegen, wenn ich…?«
»Aber bitte.«
Delagard lachte. Er wurde nun allmählich sichtlich betrunken. Er streichelte den Globus, als wäre es die Brust einer Frau, dann hob er die Kugel behutsam hoch und verstaute sie wieder in der Lade. Der Schnapskürbis war nahezu leer. Delagard zauberte von irgendwo her eine neue Flasche und goß sich kräftig ein. Er schwankte ein wenig dabei, fing sich aber kichernd wieder.
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