Er wandte sich um. Zum zweitenmal an diesem Tag trat Nid Delagard hinter ihm aus dem Schatten.
»Also komm doch«, sagte der Reeder. »Es wird schon spät. Gehen wir und reden wir mit den Gillies«.
Ein kleines Stück weiter unten an der Küste schimmerte im Kraftwerk der Gillies elektrisches Licht. Weitere Lampen, zu Dutzenden, vielleicht Hunderten, waren in den Straßen der Gillie — Siedlung dahinter entzündet. Die unerwartete Katastrophenmeldung von der Ausweisung hatte das andere bedeutende Tagesereignis vollkommen überschattet: Den Beginn der turbinengetriebenen Elektrostromerzeugung auf Sorve Island.
Es war ein kühles grünliches, ein irgendwie trügerisches Licht. Die Gillies verfügten über eine Art Technologie, die so etwa den Entwicklungsstand des achtzehnten, neunzehnten Jahrhunderts auf dem Planeten ERDE erreicht hatte, und sie hatten so was wie eine Glühbirne erfunden, indem sie für die Glühfäden Fasern des extrem vielseitig anwendbaren See-Bambus benutzten. Die ›Birnen‹ waren kostspielig und schwierig zu produzieren, und die große Voltaische Säule, die bisher die einzige Stromquelle der Insel gewesen war, war schwerfällig und eigensinnig und gab nur träge und unzuverlässig Elektrizität ab, außerdem brach sie beständig zusammen. Nun aber — nach wieviel Jahren Arbeit? Fünf? Zehn? — erglommen die Glühbirnen der Insel durch die Energie aus einer neuen, unerschöpflichen Quelle aus dem Meer: Warmes Oberflächenwasser wurde zu Dampf konvertiert, der Dampf trieb den Turbinengenerator an, aus dem Generator floß der Strom und brachte die Lampen auf Sorve zum Leuchten.
Die Gillies waren bereit gewesen, den Menschen auf der anderen Inselhälfte einen Teil des Stroms abzugeben, im Gegengeschäft: Sweyner sollte ihnen dafür Glühbirnen liefern, Dann Henders sollte bei der Verkabelung helfen, usw. Lawler — neben Delagard, Nicko Thalheim und ein, zwei weiteren Männern hatte eine wesentliche Rolle bei diesem Arrangement gespielt. Es war der einzige bescheidene Triumph ihrer Bemühungen um ›zwischenrassische Kooperation‹ gewesen, den die Menschen in den letzten paar Jahren erreicht hatten. Die Verhandlungen hatten sich zäh und mühselig über fast sechs Monate hingezogen.
Noch an diesem Morgen, erinnerte sich Lawler, hatte er gehofft, er könnte ganz allein ein ähnliches Kooperationsabkommen mit den Gillies aushandeln. Jetzt kam ihm das vor, als läge es Millionen Jahre zurück. Und jetzt trotteten sie hier dahin in der beginnenden Nacht, um zu betteln, daß man sie doch wenigstens weiter auf der Insel leben lassen möge.
Delagard sagte: »Wir gehen direkt zur Häuptlingshütte, ja? Hätte in dem Fall ja auch wenig Zweck, sich nicht gleich an die Spitze zu wenden.«
Lawler zuckte die Achseln. »Wie du meinst.«
Sie machten einen Bogen um das Kraftwerk und strebten darin, immer noch entlang der Küste, auf das Gillie -Gebiet zu. Die Insel wurde hier rasch breiter und stieg von dem niedrigen Niveau hinter dem Kai zu einem weiten runden Plateau an, auf dem im wesentlichen die Gillie- Siedlung stand. Jenseits davon befand sich ein steiler Abhang, an dem die dicke hölzerne Uferbefestigung der Insel direkt an den tief unten liegenden dunklen Ozean grenzte.
Das Gillie-Dorf war in einer unregelmäßigen Rundform angelegt; die wichtigsten Gebäude lagen in der Mitte, die übrigen ungeordnet über die Peripherie verteilt. Der hauptsächliche Unterschied zwischen diesen Bautypen schien ihre Dauerhaftigkeit zu sein; die im Zentrum, anscheinend für Zeremonialzwecke bestimmt, waren aus den gle ichen Kelpholzbohlen errichtet, aus denen die Insel selbst auch gebaut war; die äußeren, in denen die Gillies wohnten, waren schlampig errichtete zelt- oder hüttenähnliche Gebilde aus feuchtem grünen Seegras, das locker auf Seebambusstangen lag. In der heißen Sonne verströmten sie einen scheußlichen Fäulnisgeruch, und sobald die Bedachung einen gewissen Grad der Trocknung erlangt hatte, wurde sie entfernt und durch frisches Gras ersetzt. Eine spezielle ›Kaste‹ unter den Gillies schien unablässig damit beschäftigt zu sein, diese Hütten abzureißen und neue zu errichten.
Um den Teil der Insel zu umwandern, den die Gillies für sich beanspruchten, würde man etwa einen halben Tag brauchen. Als Lawler und Delagard bis zum Zentrum der Siedlung gelangt waren, war Sunrise bereits untergegangen, und das Hydros-Kreuz strahlte hell am Firmament.
»Da sind sie«, sagte Delagard. »Laß mich erst mal reden. Wenn sie anfangen und werden gemein, steigst du ein. Es ist mir egal, wenn du ihnen sagst, daß du mich für einen abgebrühten Scheißkerl hältst. Wenn es nur funktioniert.«
»Glaubst du allen Ernstes, daß da irgendwas noch funktionieren wird?«
»Schhhh! So was will ich von dir nicht hören.«
Ein Halbdutzend Gillies (alles Männchen, vermutete Lawler) kam ihnen von der Dorfmitte her entgegen. Als sie bis auf zehn, zwölf Meter herangerückt waren, hielten sie inne und bildeten gegen die zwei Menschen eine gerade Phalanx.
Delagard hob die Hände zu der Geste, die bedeutete: »Wir kommen in Frieden.« Es war die fundamentale globale Grußformel zwischen Gillies und Menschen. Kein Kommunikationsaustausch begann jemals ohne sie.
Nun hätten eigentlich die Gillies mit ihren gruftigen Wimmerlauten antworten müssen, die besagten: »Wir erkennen euch als Friedfertige und wollen eure Botschaft empfangen.« Aber die Gillies sagten gar nichts. Sie standen nur da und blickten ihnen starr entgegen.
»Ich hab kein gutes Gefühl bei der Geschichte. Du etwa?« sagte Lawler leise.
»Warte. So warte doch!«
Delagard vollzog die Friedensgeste noch einmal. Dann gab er die Handsignale, die bedeuteten: »Wir sind eure Freunde und erweisen euch unseren tiefen Respekt.« Einer der Kiemlinge gab einen Laut von sich, der stark an einen Furz erinnerte.
Mit ihren glitzernden gelben Äuglein, die dicht beisammen an der Basis der kleinen Köpfe lagen, betrachteten die Gillies die zwei Menschen in einer Weise, die zugleich irgendwie eisig und gleichgültig wirkte.
»Laß mich’s mal versuchen«, murmelte Lawler.
Er trat einen Schritt vor. Der Wind stand hinter den Gillies und wehte ihm ihren schweren feuchten Moschusduft entgegen, in den sich der schärfere Gestank des verrottenden Seetangs von den Hütten mischte.
Lawler machte das Friedenszeichen. Es bewirkte keine Reaktion, ebensowenig die Geste »Wir sind Freunde…« Nach einer angemessenen Pause vollzog er die Geste, die signalisierte: »Wir ersuchen um Gehör bei den Herrschern.«
Wieder gab einer der Gillies einen Flatulenzton von sich. Lawler überlegte, ob es wohl dieselbe Person sein könne, die ihn am frühen Morgen so bedrohlich angeschnaubt und angeknurrt hatte, als er sich dem Kraftwerk zu nähern versucht hatte.
Delagard entbot die Zeichen »Bitte-um-Vergebung-für- unwillentliches-Eindringen«. Schweigen; und kalte wachsame Augen blickten sie gleichmütig an.
Lawler versuchte es mit »Wie -dürfen-wir-unseren-Fauxpas- gutmachen?«. Er bekam keine Reaktion darauf.
»Die verdammten Bastarde«, murmelte Delagard. »Am liebsten würde ich ihnen einen Speer in ihre feisten Wänste rammen.«
»Das wissen sie«, sagte Lawler. »Und deswegen wollen sie auch mit dir nicht schachern.«
»Ich verzieh mich. Rede du mit ihnen.«
»Wenn du meinst, der Versuch lohnt sich.«
»Du hast bei ihnen nichts auf dem Kerbholz. Erinnere sie daran, wer du bist. Wer dein Vater war, und was er für sie getan hat.«
»Sonst noch Vorschläge?« fragte Lawler.
»Also, schau mal, ich versuch ja bloß zu helfen. Aber nur zu, mach es, wie immer du denkst. Ich bin auf der Werft. Komm doch auf dem Rückweg vorbei und sag mir, wie es läuft.«
Und er glitt in die Dunkelheit davon.
* * *
Lawler Rückte ein paar Schritte näher auf die sechs Gillies zu und begann die ganze Eröffnungsgestikulation von neuem. Danach identifizierte er sich: Valben Lawler, Arzt, Sohn des Bernat-Lawler- Doktors. Des großen Heilers, an den sie sich gewiß erinnerten, des Mannes, der ihren Nachwuchs von der Geißel der Finnenfäule erlöst hatte.
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