Jemand schluchzte. Mendy Tanamind kicherte wieder. Brondo Katzin durchbrach seine Erstarrung und knurrte unablässig vor sich hin: »Die verfluchten stinkigen Gillies!«
»Was ist denn hier los?« fragte Delagard, der endlich auch auf dem Pfad von Lawlers Vaargh herangestampft kam.
»Deine Kerle Bamber und Gospo haben es übernommen, die Neuigkeit zu verbreiten«, sagte Lawler. »Jetzt wissen alle Bescheid.«
»Was? Wie? Die Mistkerle! Die mach ich fertig!«
»Dafür ist es ein bißchen zu spät.«
Weitere Leute kamen jetzt auf die Plaza. Lawler sah Gabe Kinverson, Sundira Thane, Father Quillan, die Sweyners. Und dicht hinter ihnen noch mehr Leute. Sie drängten heran, vierzig, fünfzig, sechzig Personen, praktisch alle. Sogar fünf oder sechs der Klosterschwestern waren da und hielten sich dicht in einem weiblichen Stoßtrupp zusammen. Die Sicherheit in der Masse, dachte Lawler. Dag Tharp tauchte auf. Marya und Gren Hain. Jose Yanez, Lawlers siebzehnjähriger Lehrling, der eines Tages der nächste Inseldoktor hatte sein sollen. Onyos Felk, der Kartograph. Natim Gharkid war von den Algenfeldern heraufgekommen, er war naß bis zur Hüfte. Also hatte sich inzwischen die Nachricht in der ganzen Gemeinde verbreitet.
Auf den Gesichtern war zumeist Schock zu lesen, Verblüffung und Ungläubigkeit. Ist es wahr? fragten sie. Kann so was möglich sein?
Delagard rief laut: »Hört mir mal alle zu. Es besteht keinerlei Grund zu Besorgnis! Wir werden die Geschichte zurechtbügeln!«
Gabe Kinverson trat zu Delagard. Er wirkte doppelt so groß wie der Reeder, war ein gewaltiger Brocken Mann, nichts als vierschrötiges Kinn, massige Schultern und kalte, meergrün funkelnde Augen. Er war stets irgendwie von einer Aura von Gefahr, von potentieller Gewalttätigkeit umgeben.
»Die haben uns rausgeschmissen?« fragte Kinverson. »Die haben wirklich gesagt, wir müssen weg?«
Delagard nickte.
»Wir haben dreißig Tage Zeit, dann müssen wir fort sein. Haben sie sehr deutlich zu verstehen gegeben. Es kümmert sie nicht, wohin wir gehen, aber wir dürfen nicht mehr hierbleiben. Aber ich werde alles schon richtig schaukeln. Da könnt ihr euch drauf verlassen.«
»Mir scheint’s, du hast bereits alles geschaukelt«, sagte Kinverson. Delagard wich einen Schritt zurück und glotzte ihn an, als mache er sich kampfbereit. Aber der Wasserjäger wirkte eher verwirrt als zornig. »Dreißig Tage und dann weg«, sagte er halb zu sich selber. »Das haut ja wohl alles um!« Er kehrte Delagard den Rücken zu, kratzte sich den Hinterkopf und schritt davon.
Vielleicht macht sich Kinverson ja tatsächlich weiter keine Sorgen, dachte Lawler. Der verbrachte sowieso ganz allein die meiste Zeit auf dem Meer und machte Jagd auf alle möglichen Fische, die nicht in die Lagunenbucht kommen mochten. Kinverson hatte nie aktiv am Gemeinschaftsleben auf Sorve teilgenommen; er schwamm hindurch, ähnlich wie die Inseln auf Hydros im Ozean drifteten, verschlossen, unabhängig, gut geschützt, irgendeinen selbstgewählten Kurs steuernd.
Aber andere reagierten viel aufgeregter. Eliyana, Brondo Katzins zerbrechlich wirkende goldhaarige Partnerin, schluchzte wild. Father Quillan versuchte sie zu trösten, war aber sichtlich selbst recht durcheinander. Die verhutzelten alten Sweyners redeten leise heftig miteinander. Einige der jüngeren Frauen mühten sich, ihren verängstigten Kindern die Vorgänge zu erklären. Lis Nikiaus hatte aus ihrem Cafe ein Gemäß Traubenkrautschnaps geholt, und das kreiste nun rasch zwischen den Männern, die daraus heftige, dumpf-verzweifelte Schlucke tranken.
Lawler sagte leise zu Delagard: »Und wie, präzise gesagt, willst du mit dem Ganzen fertigwerden? Hast du irgendwie einen Plan?«
»Hab ich«, erwiderte Delagard. Auf einmal wirkte er wieder wie voller ungezähmter Energie. »Ich hab dir doch gesagt, ich übernehme die volle Verantwortung, und das meinte ich ernst. Ich werde auf meinen Knien zu den Gillies rutschen, und wenn ich ihnen die — äh — Hinterflossen lecken muß, dann tu ich das und bitte um Vergebung. Und sie werden früher oder später weich werden. Sie werden nicht wirklich auf diesem gottverdammten absurden Ultimatum beharren.«
»Ich bewundere deinen Optimismus.«
Delagard redete weiter: »Und wenn die nicht nachgeben wollen, dann biete ich mich freiwillig für die Exilierung an. Bestraft nicht das ganze Volk, werde ich sagen. Nur mich. Ich bin der Schuldige. Ich will nach Velmise ziehen, oder nach Salimil, oder an jeden Ort, der euch genehm ist, und ihr werdet meine Visage auf Sorve niemals wieder zu Gesicht bekommen, das ist ein feierliches Gelöbnis… Lawler, es wird funktionieren. Die Gillies sind vernünftige Geschöpfe. Sie werden einsehen, daß es keinem vernünftigen Zweck dient, wenn sie eine alte Dame wie hier unsere Mendy von der Insel vertreiben, die achtzig Jahre lang ihre Heimat war. Ich bin der Schurke, der mörderische Taucherkiller-Schuft, und ich werde verschwinden, wenn es sein muß. Allerdings glaube ich kein bißchen daran, daß es soweit kommen wird.«
»Du könntest damit durchkommen. Vielleicht aber auch nicht.«
»Ich werd vor denen auf dem Bauch kriechen, wenn es sein muß!«
»Und du wirst dann einen von deinen Söhnen aus Velmise hierher schicken, wenn sie dich verbannen, stimmt’s?«
Delagard wirkte verdutzt. »Ja, aber was war da dran falsch?«
»Sie könnten vielleicht auf den Gedanken kommen, daß es dir mit deinem Angebot zu emigrieren nicht so richtig ernst ist. Vielleicht denken sie, ein Delagard ist wie der andere.«
»Du meinst, es könnte ihnen nicht genügen, wenn ich als Einziger fortgehe?«
»Genau das hab ich grad gesagt. Sie erwarten von dir möglicherweise etwas mehr als nur das.«
»Und was zum Beispiel?«
»Was würdest du sagen, wenn sie dir eröffneten, ja, sie würden die restliche Humanbevölkerung Sorves begnadigen, vorausgesetzt du verpflichtest dich, daß weder du noch einer aus deiner Familie jemals wieder den Fuß nach Sorve setzt und daß die gesamten Werftanlagen der Delagards niedergerissen werden?«
Delagards Augen begannen zu glitzern. »Nein. So was würden die doch nie verlangen!«
»Sie haben es bereits gefordert. Und noch viel mehr.«
»Aber… wenn ich fortgehe… ich meine, wirklich ehrlich weg… und wenn meine Söhne sich feierlich verpflichten, nie wieder einem Taucher irgendwie Schaden…«
Lawler kehrte ihm den Rücken zu.
Er selbst hatte den ersten Schock überwunden; der schlichte Satz Wir müssen Sorve verlassen war Teil seines Denkens, seiner Gefühle geworden, ja ihm bis in die Knochen bewußt geworden. Und er nahm das Ganze sehr gelassen hin, alles in allem gesehen. Er fragte sich, warum. Von einem Augenblick zum nächsten war ihm die Existenz auf diesem Eiland, die er sich sein ganzes Leben lang aufgebaut hatte, aus den Händen gerissen worden.
Ihm fiel seine Reise nach Thibeire ein. Wie tiefbeunruhigend all diese unvertrauten Gesichter auf ihn dort gewirkt hatten, daß er von ihnen weder die Namen kannte noch etwas über ihre persönliche Lebensgeschichte wußte; wie das war, einen Weg entlanggehen und nicht wissen, wohin er führt. Und wie glücklich er gewesen war, nach ein paar Stunden wieder ›daheim‹ zu sein.
Und nun würde er ganz in die Fremde ziehen müssen, würde dort für den Rest seines Lebens bleiben müssen, unter fremden Leuten leben müssen… Ihm würde jegliches Gefühl verlorengehen, daß er der Lawler von der Insel Sorve sei, und er würde ein Niemand werden, ein Irgendwer, ein Neu-Zugereister, ein Ausländer, ein Eindringling in einer fremden Gemeinschaft, in der er weder seinen Platz hatte noch eine Aufgabe… Das war eigentlich ziemlich schwer zu schlucken. Und trotzdem, er hatte sich nach diesem ersten Moment bestürzter Unsicherheit und Desorientierung irgendwie in einem Zustand dumpfer Hinnahme eingerichtet, als lasse ihn die Vertreibung ebenso unberührt, wie dies bei Gabe Kinverson der Fall zu sein schien, oder bei Gharkid, diesem verdrehten Einzelgänger. Seltsam. Aber vielleicht hab ich es nur noch nicht richtig begriffen, sagte Lawler sich.
Читать дальше