Lawler preßte die Finger in die fleischige Masse von Delagards Arm. »Kannst du nicht reden? Verdammt, nun mach schon! Sag mir, was passiert ist!«
»Jaah. Jaah.« Delagard bewegte schwerfällig und langsam den Kopf wie einen axial taumelnden Ball. »Es ist ganz furchtbar schlimm. Schlimmer, als ich mir je vorgestellt habe.«
»Ja, was denn?«
»Ach, diese verdammten Taucher. Die Gillies sind wegen denen wirklich enorm aufgebracht. Und sie wollen es uns ganz besonders dick zeigen. Enorm dick! Das hab ich dir heute früh sagen wollen, dort drunten im Schuppen, ehe du abgehauen bist.«
Lawler zwinkerte ein paarmal mit den Lidern. »In Gottes Namen, was quasselst du da eigentlich?«
»Gib mir mal erst einen Schnaps.«
»Ja. Aber ja. Komm rein.«
Er goß für Delagard ein deftiges Quantum von dem dicklichen meerfarbenen Gesöff ein, dann, nach kurzem Zögern, versorgte er sich mit einer etwas kleineren Menge. Delagard schüttete seinen Drink auf einen Zug hinunter und hielt den Becher zum Nachfüllen hin. Und Lawler schenkte ihm ein.
Nach einer Weile begann Delagard zu sprechen. Er tastete sich durch die Wörter, als sei er von einer plötzlichen Sprechlähmung befallen. »Die… die Kiemlinge sind vorhin zu mir gekommen, mich besuchen, ungefähr zehn, zwölf. Direkt aus dem Wasser sind sie raufgekommen und in die Werft und haben meine Leute aufgefordert, sie sollen mich rausholen, weil sie mit mir reden wollten.«
Was war das? Gillies? Auf dem von Menschen bewohnten Inselende? So etwas hatte es seit Jahrzehnten nicht mehr gegeben. Die Gillies kamen nie weiter südwärts als bis zu der Landzunge, auf der sie ihr Kraftwerk gebaut hatten. Niemals.
Delagard warf Lawler einen gequälten Blick zu.
»›Was wollt ihr von mir?‹ hab ich sie gefragt. Mit den entsprechenden feinsten Höflichkeitsgesten, Lawler, bestimmt, alles in feinster Manier. Ich glaube, die Gillies, die da gekommen waren, das waren ihre ganz großen Gillie-Bosse, aber woher sollte man das sicher wissen? Man kann sie doch nicht unterscheiden, oder? Jedenfalls, sie haben irgendwie bedeutend ausgesehen. Sie fragten: ›Bist du Nid Delagard?‹ Als wenn sie das nicht wüßten. Und ich hab das bestätigt und dann haben sie mich erwischt.«
»Dich erwischt?«
»Ich meine, sie haben mich leibhaftig gepackt. Haben ihre komischen kleinen Flossen auf mich gelegt. Mich an die Mauer meiner eigenen Werft gedrückt und mich mit Gewalt festgehalten.«
»Du kannst von Glück sagen, daß du überhaupt noch da bist und drüber reden kannst.«
»Mach keine Witze, Doc. Ich sag dir, ich hab eine Scheißangst gekriegt. Ich glaubte schon, die werden mich da an Ort und Stelle ausnehmen und filetieren. Da! Da schau nur, die Spuren von ihren Klauen auf meinem Arm.« Er präsentierte als Beweis ein paar schwach rötliche Hautstellen. »Und mein Gesicht ist geschwollen, oder? Ich hab versucht, den Kopf wegzudrehen, aber einer von den Typen hat mir eine verpaßt. Vielleicht unabsichtlich, aber schau dir das mal an, schau nur! Zwei von ihnen haben mich festgehalten, und ein dritter schob mir die Nase ins Gesicht und fing an, mir Sachen zu sagen, und ich mein, er hat mich damit regelrecht vollgesabbert, Sachen, mit lautem dröhnenden Gebell… oumwang-boufff-ßßßiezzd und so weiter. Zuerst war ich dermaßen durcheinander, daß ich überhaupt nichts kapiert hab. Aber dann fing ich an klar zu begreifen. Weil, die wiederholten das nämlich immer und immer wieder, bis sie sicher waren, ich hab es kapiert. Und was es war, es war ein Ultimatum!« Delagards Stimme sank einige Oktaven tiefer. »Wir sind von der Insel verbannt. Sie schmeißen uns raus! Wir haben dreißig Tage Zeit, von hier zu verschwinden. Alle, bis zum letzten Kind.«
Plötzlich hatte Lawler das Gefühl, als wiche der Boden unter seinen Füßen weg.
»Was?«
In Delagards Augen lag nun ein hartes, verzweifeltes Glitzern. Er forderte mit einer Handbewegung einen weiteren Becher Schnaps. Lawler goß ein, ohne darauf zu achten, wieviel. »Jeder menschliche Insulaner, der sich nach diesem Termin noch auf Sorve aufhält, wird in die Lagune geworfen und darf nicht wieder an Land. Alles, was wir hier erbaut haben, wird zerstört. Der Wasserspeicher, die Werft, die Gebäude da auf dem Platz, alles. Was wir in unseren Vaarghs zurücklassen, wird ins Meer geworfen. Alle hochseetüchtigen Schiffe, die wir im Hafen zurücklassen, werden versenkt. Wir sind erledigt, Doc! Sorve ist nicht mehr unsere Insel. Wir sind verbannt, erledigt, kaputt!«
Lawler starrte ihn ungläubig an. Ein kreisender Wirbel von Gefühlen durchströmte ihn rasch: Orientierungsverlust, Deprimiertheit, Verzweiflung. Dann wurde er verwirrt und begriff nicht mehr. Von Sorve fortgehen? Weg von Sorve?
Er begann zu zittern. Mühsam gewann er wieder die Kontrolle über sich.
Zwischen den Zähnen sagte er: »Es ist ganz gewiß keine Heldentat, einige Taucher bei einem Industrie -Entwicklungsprojekt umzubringen. Aber das da erscheint mir denn doch als ziemlich übertriebene Reaktion. Du hast sie bestimmt mißverstanden.«
»Ja, Scheiße, hab ich! Keine Spur… Die haben außerordentlich deutlich gemacht, was sie meinten.«
»Und wir müssen alle fort?«
»Wir alle, ja. In dreißig Tagen.«
Habe ich mich da nicht verhört, fragte Lawler sich. Ist das alles wirklich wirklich?
»Haben sie dir einen Grund angegeben?« fragte er. »War es wegen der Taucher?«
»Natürlich wegen denen«, sagte Delagard mit leiser, von Scham verschleierter Stimme. »Wie du schon heut früh gesagt hast: Diese Kiemlinge wissen immer ganz genau über alles Bescheid, was wir tun.«
»O Jesus!« Inzwischen begann sein Zorn die erste schockierte Bestürzung abzulösen. Delagard hatte frech und unbekümmert das Leben aller auf der Insel hausenden Menschen aufs Spiel gesetzt — und er hatte verloren. Die Gillies hatten ihn vorher bereits gewarnt: Mach so was nicht noch mal, oder ihr fliegt hier raus! Und Delagard hatte es trotzdem wieder getan! »Was bist du doch für ein widerwärtiges, dreckiges Schwein, Delagard!«
»Aber ich weiß doch gar nicht, wie sie mir draufgekommen sind. Ich hab alle erdenklichen Vorsichtsmaßnahmen getroffen. Wir haben sie in der Nacht gelandet. Wir haben sie zugedeckt gehalten, bis wir im Schuppen waren, und auch der war abgeschlossen…«
»Aber sie wußten es trotzdem.«
»Haben sie«, konzedierte Delagard. »Diese Kiemlinge wissen immer alles, was los ist. Wenn du mit der Frau von ’nem andern schläfst, die wissen es. Aber es ist ihnen egal. Bloß hier nicht. Wenn einem ein paar Taucher draufgehen, dann ist es ihnen auf einmal gar nicht mehr egal und sie werden wütend.«
»Was hatten sie dir beim letztenmal gesagt, als es einen Taucherunfall gegeben hat? Als sie dich abgemahnt haben, bei deinen Arbeiten keine Taucher mehr zu beschäftigen? Was sagten sie, was sie tun würden, falls sie dich wieder dabei erwischen würden?«
Delagard blieb stumm.
»Was haben sie gesagt?« Lawler fragte heftiger.
Delagard fuhr sich mit der Zungenspitze über die Lippen. »Daß sie uns von Sorve vertreiben würden«, murmelte er, und wieder blickte er wie ein gescholtener Schuljunge auf seine Füße.
»Aber du hast es trotzdem getan. Trotzdem!«
»Wer hätte das schon ernstgenommen? Himmel, Lawler, wir leben hier seit hundertfünfzig Jahren! Haben die was dagegen gehabt, als wir hierherkamen? Wir fielen vom Himmel und haben uns genau auf ihren blöden Inseln niedergelassen. Na, und? Haben sie zu uns gesagt: Verschwindet, ihr abstoßend häßlichen haarigen Vierbeiner aus der Fremde? Nein, haben sie nicht. Sie haben sich keinen Furz um uns geschert.«
»Es gab aber Shalikomo«, sagte Lawler.
»Ja, aber vor langer Zeit. Ehe du oder ich geboren wurden.«
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