Robert Silverberg - Über den Wassern

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Auf der Wasserwelt Hydros leben seit Generationen Siedler von der Erde friedlich nebeneinander mit den amphibischen Eingeborenen des Planeten. Als eines Tages ein Fischer ein paar von den intelligenten Fischen im Meer tötet, haben die Menschen ihr Siedlungsrecht verwirkt. Sie müssen ihre kleinen schwimmenden Inseln, die ihnen längst zur Heimat geworden sind, verlassen und sind gezwungen, ein geheimnisvolles dunkles Land zu sucher, das vielleicht nur in den Sagen existiert.

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»Weil ich eben sicher sein will, daß ich keine scheußliche Krankheit habe. Deshalb bin ich ja zu dir gekommen.«

»Nun, das ist nicht der Fall.« Er hoffte zu Gott, daß er sich nicht irrte. Aber eigentlich gab es ja keinen Grund, wieso er nicht recht haben sollte.

Er sah ihr zu, als sie ihre Hemdbluse anzog, und ertappte sich bei der Frage, ob zwischen ihr und Gabe Kinverson tatsächlich etwas ›lief‹. Der Inseltratsch interessierte ihn eigentlich kaum, also war er vorher nicht auf einen solchen Gedanken gekommen, doch nun stellte er mit Bestürzung fest, daß er ihm unangenehm war.

Er fragte: »Hast du in der letzten Zeit ungewöhnlich starke Belastungen durchgemacht?«

»Nicht daß ich wüßte. Nein.«

»Zu schwer gearbeitet? Schlecht geschlafen? Eine Liebesbeziehung, die nicht gut läuft?«

Sie warf ihm einen merkwürdigen Blick zu. »Nein. In allen drei Punkten.«

»Nun, manchmal überanstrengen wir uns, ohne es selber zu merken. Dann wird der Streß sozusagen integriert und Teil unserer Routine. Ich sage dir, deine Beschwerden sind weiter nichts als ein nervöser Reizhusten.«

»Weiter nichts?« fragte sie enttäuscht.

»Ja willst du denn, daß es Killer-Fungus sein soll? Schön, dann bist du halt vom Killer-Fungus befallen. Und wenn du in das Stadium kommst, wo dir die roten Fäden aus den Ohren sprießen, dann zieh dir einen Sack über den Kopf, damit deine Mitmenschen nicht vor dir erschrecken. Sie könnten ja sonst fürchten, sie seien in Gefahr. Was natürlich erst sehr viel später der Fall sein wird, wenn du anfängst Sporen abzustoßen.«

Sie lachte. »Ich hab nicht gewußt, daß du so ein Witzbold bist.«

»Bin ich nicht.« Er nahm ihre Hand. Er überlegte, ob er dabei sei, sie anzumachen, oder aber nur den gütigen Onkel spielte, die Rolle des ›lieben alten Doc Lawler‹. »Jetzt hör mir mal zu«, sagte er. »Ich kann bei dir keinen organischen Schaden entdecken. Darum ist es wahrscheinlich, daß dein Husten nur eine nervöse Angewohnheit ist, die du dir irgendwie zugelegt hast. Sobald du damit anfängst, reizt du die Rachenschleimhaut und so weiter. Der Husten wird automatisch und immer heftiger. Irgendwann vergeht er dann von selber wieder, aber das kann lange dauern. Ich werde dir ein Nervenberuhigungsmittel geben, einen Tranquilizer, der deinen Hustenreflex lang genug stillegt, daß die mechanische Irritation aufhört und du dir nicht andauernd weitere Hustensignale gibst.«

Auch das kam für ihn überraschend, daß er bereit war, ihr von seinem Taubkraut abzugeben. Noch nie hatte er zu jemandem ein Wort über seine Droge verloren, geschweige denn sie einem Patienten verordnet. Doch irgendwie erschien ihm dies nun als richtig. Und er hatte einen ausreichenden Vorrat und konnte etwas abgeben.

Er holte aus dem Kabinett einen kleinen trocknen Flaschenkürbis, füllte einige Kubikzentimeter des Elixiers hinein und verschloß ihn mit einem Stopfen aus Seeplastik.

»Das ist eine Droge, die ich selbst aus Taubkraut destilliere, aus einem der Algenstämme, die in der Lagune wachsen. Du nimmst jeden Morgen davon fünf, sechs Tropfen in einem Glas Wasser. Nicht mehr, es ist sehr stark.« Er betrachtete sie eindringlich forschend. »Die Pflanze steckt voll starker Alkaloide, die dich restlos betrunken machen können. Wenn du bloß an einem Wedel knabberst, bist du eine ganze Woche lang bewußtlos. Oder vielleicht auch für immer. Das hier ist ein stark verdünnter Extrakt, aber geh dennoch behutsam damit um.«

»Du selbst hast auch ein Tröpfchen davon genommen, als wir hier hereinkamen, stimmt’s?«

Sie hatte ihn also doch beobachtet. Rasche Augen, eine scharfe Beobachterin. Interessant.

»Auch ich bin hin und wieder mal nervös«, sagte Lawler.

»Mache ich dich nervös?«

»Alle meine Patienten machen mich nervös. Ich verstehe nämlich nicht besonders viel von Medizin, und es wäre mir peinlich, wenn das jemand merkte.« Er zwang sich ein Lachen ab. »Nein, das stimmt gar nicht. Ich verstehe nicht genug von der Medizin, wie ich eigentlich müßte, aber immerhin so viel, daß es reicht. Aber ich hab herausgefunden, daß die Droge mich beruhigt, wenn der Morgen nicht besonders gut läuft, und der heutige hat nicht besonders angenehm für mich angefangen. Es hatte aber nichts mit dir zu tun. Übrigens, du kannst deine erste Dosis auch gleich hier einnehmen.«

Er maß die Tropfen ab. Sie nippte zögernd und schnitt eine Grimasse, nachdem sie das seltsam süßliche Aroma der Alkaloide wahrnahm.

»Spürst du, wie es wirkt?« fragte Lawler.

»Ja, blitzschnell! He, das ist aber guter Stoff!«

»Vielleicht sogar ein bißchen zu gut. Ein wenig heimtückisch.« Er notierte sich etwas in ihrem Patientenbogen. »Fünf Tropfen in einem Glas Wasser, jeden Morgen. Nicht mehr. Oder du bekommst vor dem nächsten Monatsersten keine Nachfüllung.«

»Zu Befehl, Doktor.«

Ihr ganzer Gesichtsausdruck hatte sich verwandelt; sie wirkte nun viel entspannter, die kühlen grauen Augen blickten wärmer, fast zwinkerten sie ihm zu, die Lippen waren nicht mehr so verkniffen, die gespannten Wangenmuskeln waren etwas weicher. Insgesamt sah sie jünger aus. Lawler hatte noch nie vorher die Wirkung des Taubkrauts bei anderen beobachten können. Sie war unerwartet dramatisch.

»Wie hast du die Droge entdeckt?« fragte sie.

»Die Kiemlinge benutzen das Taubkraut als Relaxans bei der Speisefischjagd in der Bucht.«

»Du meinst, die Sassen?«

Die pilierte Pedanterie, mit der sie ihn korrigierte, überraschte Lawler. Als ›Eingesessene‹ und daher ›Sassen‹ bezeichneten sich die dominanten Lebensformen auf Hydros. Aber jeder andere, der länger als einige Monate auf Hydros verweilt hatte, nannte sie ›Gillies‹, ›Kiemlinge‹; jedenfalls auf Sorve. Er dachte, vielleicht sind die Bräuche auf ihrer Heimatinsel anders, da draußen im Azurro. Oder aber es war jetzt die Mode bei jüngeren Leuten. Das wechselte. Er erinnerte sich selbst, daß er zehn Jahre älter war als sie. Höchstwahrscheinlich aber verwendete sie den förmlichen Terminus aus Achtung, da sie sich in der Rolle einer Erforscherin der Gillie -Kultur sah. Ach, zum Teufel, was immer sie bevorzugte, er wollte ihr da gern gefällig sein.

»Ja, die Sassen«, sagte er. »Sie reißen ein paar Algenstränge ab, umwickeln damit einen Köder und werfen es den Speisefischen zu, und wenn die das dann schlucken, werden sie schlaff und treiben wehrlos an die Wasseroberfläche. Dann kommen die Sassen heran und sammeln sie ein, ohne sich um die messerscharfen Tentakelspitzen kümmern zu müssen. Ein alter Seebär namens Jolly hat mir das erzählt, als ich ein Junge war. Später hab ich mich wieder dran erinnert und bin in den Hafen rausgefahren und hab ihnen dabei zugeschaut. Dann habe ich diese Algen gesammelt und mit ihnen experimentiert. Ich dachte, ich könnte sie vielleicht als Anästhetikum verwenden.«

»Und? Ging das?«

»Bei Speisefischen, ja. Aber ich führe kaum je Operationen an denen aus. Als ich es an Menschen einsetzte, fand ich heraus, daß die Dosierung, die für eine sichere Betäubung nötig war, zugleich auch schon tödlich wirkte.« Lawler lächelte bitter. »Meine Lehrlingszeit als Chirurg: Versuch und Irrtum. Überwiegend Irrtum. Doch nach einiger Zeit fand ich heraus, daß eine Tinktur in extrem hoher Verdünnung ein äußerst potentes Beruhigungsmittel ergab. Wie du ja nun selber feststellen kannst. Das Zeug ist phantastisch. Wir könnten es in der ganzen Galaxis verkaufen, wenn wir die Möglichkeit hätten, irgendwas von hier irgendwohin zu transportieren.«

»Und niemand weiß von dieser Droge, außer dir?«

»Außer mir und den Gillies«, sagte er. »Oh, Verzeihung, den Sassen. Und jetzt natürlich dir. Die Nachfrage nach Tranquilizern ist hierorts nicht besonders groß.« Er gluckste. »Weißt du, ich bin heute früh aufgewacht und hatte die aberwitzige Idee, ich könnte die Sassen dazu überreden, daß sie es uns erlauben, an ihr Kraftwerk eine Meerwasser- Entsalzungsanlage anzuschließen, sofern die das Ding jemals in Gang kriegen. Ich wollte ihnen eine lange herzbewegende Nummer vorführen, von wegen Zusammenarbeit zwischen den Spezies. Es war ein blödsinniger Gedanke, eben so dieses Zeug, das einen in der Nacht überkommt und das dann wieder verfliegt wie Nebeldunst, wenn die Sonne aufgeht. Sie wären sowieso niemals darauf eingegangen. Was ich allerdings wirklich machen sollte… ich sollte einen großen Kessel Taubkraut zusammenbrauen und sie damit so richtig sturzbesoffen machen. Ich wette, dann würden sie uns alles hin lassen, was wir wollen.«

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