»Natürlich«, sagte Quillan bedachtsam. Und nach einer Weile setzte er hinzu: »Aber das ist doch wohl nicht typisch, oder?«
»Typisch — für wen?«
»Die auf Hydros lebenden Menschen. Daß sie nie jemals irgendwohin reisen, meine ich.«
»Einige von uns sind Wanderer. Alle fünf, sechs Jahre ziehen sie auf eine andere Insel. Andere sind nicht so. Die meisten nicht, würde ich sagen. Ich jedenfalls bin nicht so.«
Quillan überdachte das.
»Natürlich«, sagte er erneut, als verarbeitete er ein kniffliges Faktum. Für den Augenblick sah es so aus, als wären ihm die Fragen ausgegangen. Anscheinend stand er kurz vor der Geburt einer schwerwiegenden Schlußfolgerung.
Lawler betrachtete ihn ohne großes Interesse, wartete aber höflich ab, was der Mann ihm sonst noch zu sagen haben mochte.
Doch es verstrich eine geraume Zeit, und Quillan sagte noch immer nichts. Vielleicht hatte er ja tatsächlich auch nichts weiter zu sagen.
»Na ja, dann«, sagte Lawler endlic h, »ich glaub, es ist Zeit, daß ich meinen Laden aufmache.«
Er setzte sich in Richtung auf die Vaarghs den Pfad hinauf in Bewegung.
»Warte doch«, bat Quillan.
Lawler wandte sich um und schaute ihn an. »Ja?«
»Bist du in Ordnung, Doktor?«
»Warum? Hast du den Eindruck, ich sehe krank aus?«
»Als wärst du irgendwie wegen etwas durcheinander«, sagte Quillan. »Das ist bei dir nicht oft der Fall. Als ich dir zum erstenmal begegnet bin, bekam ich den Eindruck, du bist ein Mann, der geradlinig sein Leben lebt, Tag um Tag und Stunde um Stunde, und der die Dinge nimmt, wie sie eben kommen. Aber heute morgen siehst du irgendwie anders aus. Dieser Ausbruch gerade, über die Anderwelten… also, ich weiß nicht. Das paßt irgendwie nicht zu dir. Aber selbstverständlich darf ich nicht behaupten, dich wirklich zu kennen.«
Lawler starrte den Geistlichen argwöhnisch unter gesenkten Lidern an. Er hatte keine Lust, ihm von den drei toten Tauchern in dem Schuppen auf Jollys Pier zu erzählen.
»Ich hab heute nacht über einige Probleme nachgedacht. Hab nicht genug Schlaf gekriegt. Aber ich hätte nicht geglaubt, daß man mir das so deutlich ansieht.«
»Oh, ich hab einige Erfahrung darin«, sagte Quillan und lächelte. Seine bleichblauen und meist noch gleichgültig und sogar verschleiert wirkenden Augen waren auf einmal irgendwie ungewöhnlich durchdringend geworden. »Dazu gehört nicht grad viel höhere Erkenntnis. Hör zu, Lawler, wenn du irgendwann über irgendwas, was immer es auch ist, mit mir sprechen möchtest… Was immer, wann immer dir was die Brust bedrückt…«
Lawler grinste und wies auf seine Brust, die nackend war. »Wie du deutlich selber sehen kannst, ist da nichts, oder?«
»Du weißt sehr genau, was ich meine«, erwiderte Quillan.
Einen flüchtigen Moment lang schien es, als finde zwischen ihnen eine Art intensiver Kommunikation statt, als fließe knisternd eine Stromspannung, die eine Intimität erstrebte, die Lawler weder wollte noch als angenehm empfand. Dann lächelte der Priester wieder freundlich-milde — zu freundlich, zu milde —, es war ein betont ausdrucksloses, unbestimmtes Lächeln — fast eine Grimasse der Güte —, das offensichtlich darauf abzielte, den Abstand zwischen ihnen wiederherzustellen. Der Priester hob die Hand. Die Geste konnte eine Segnung bedeuten, oder auch die Erlaubnis, sich zu entfernen. Dann neigte er den Kopf, machte kehrt und ging davon.
Als er seinem Vaargh näher kam, sah Lawler dort eine Frau mit langem, glattem dunklen Haar stehen, die dort auf ihn wartete. Eine Patientin vermutlich. Sie stand mit dem Rücken zu ihm, und er erkannte sie nicht. Mindestens vier Frauen auf Sorve hatten solches Haar.
In dem Teil, in dem Lawler wohnte, gab es dreißig Vaarghs, drunten, an der Inselspitze noch etwa sechzig weitere, die nicht alle bewohnt waren. Es waren graue unregelmäßige und asymmetrische, doch ungefähr pyramidenartige Konstrukte; im Innern hohl, zweimal so hoch wie ein großer Mann, oben zu einer abgestumpften Spitze auslaufend. In Apexnähe waren sie von fensterähnlichen Öffnungen durchbrochen, die nach außen vorgestülpt waren, so daß der Regen nur bei allerheftigsten Stürmen, und auch dann nicht leicht, ins Innere gelangen konnte. Sie waren aus einem dicken, groben Zellulose-Material — einem Meeresprodukt, was sonst hätte es auch sein sollen? — offenbar vor sehr langer Zeit gebaut worden. Das Material war bemerkenswert fest und dauerhaft. Wenn man mit einem Stecken gegen ein Vaargh hämmerte, klang das wie eine metallene Glocke. Die ersten Humansiedler hatten die Vaarghs bei ihrer Ankunft bereits vorgefunden und sie als vorläufige ›Unterkünfte‹ in Benutzung genommen; aber das lag über hundert Jahre zurück, und die Insulaner hausten noch immer darin. Kein Mensch hatte eine Ahnung, wieso die Bauten hier standen. Vaargh-Ansammlungen fand man auf nahezu allen Inseln: vielleicht die verlassenen Nester einer ausgestorbenen Spezies, die einst zusammen mit den Gillies die Inseln bewohnten. Aber diese lebten in völlig andersartigen Behausungen: in flüchtig errichteten Unterschlüpfen aus Seetang, die alle paar Wochen beseitigt und neu errichtet wurden, während diese Vaarghs so ziemlich das Stabilste und Unzerstörbarste waren, das es auf dieser Wasserwelt gab. »Was sind das für Dinger?« hatten die Erstsiedler gefragt, und die Gillies hatten einfach gesagt: »Es sind vaarghs.« Was das aber bedeutete, blieb der Phantasie jedes einzelnen Menschen überlassen. Schließlich war ja die Kommunikation mit den Kiemlingen bis heute immer noch eine reine Glückssache.
Im Näherkommen erkannte Lawler, daß die wartende Frau Sundira Thane war — wie dieser Priester ein Neuzugang auf Sorve. Eine hochgewachsene, ernst wirkende junge Frau, die vor ein paar Monaten auf einem von Delagards Schiffen als Passagier von Kentrup Island angekommen war. Sie übte den Beruf einer Wartungs- und Reparatur- Spezialistin aus — Boote, Netze, Schiffsausrüstung und dergleichen —, doch ihr wirkliches Interessengebiet schienen die Hydraner zu sein. Lawler hatte sagen hören, daß sie eine Expertin für deren Kultur, Biologie und alle anderen Lebensbereiche sei.
»Bin ich zu früh dran?« fragte sie.
»Wenn du nicht selber denkst, es ist zu früh, dann nicht. Komm rein.« Der Zugang zu Lawlers Vaargh war ein niedriger dreieckiger Einschnitt in der Wand, eine Art Durchschlupf für Zwerge. Lawler kauerte sich zusammen und schob sich durch die Öffnung, und die Frau kam ihm hinterhergekrochen. Sie war beinahe so lang wie er selber, und sie wirkte irgendwie verkrampft, geistesabwesend, bedrückt.
Fahles Frühlicht fiel schräg in den Vaargh. Auf der Grundfläche teilten schmale Trennwände aus demselben Material wie die Außenwandung drei kleinere spitzwinkelige Räume ab: seine Praxis, sein Schlafzimmer und ein Vorzimmer, das er auch als Wohnzimmer benutzte.
Es war noch immer sehr früh, etwa sieben Uhr. Lawler wurde allmählich hungrig. Aber er würde mit dem Frühstück noch eine Weile warten müssen, das begriff er jetzt. Statt dessen träufelte er ganz beiläufig ein paar Tropfen seiner Taubkrauttinktur in einen Becher, goß ein wenig Wasser hinzu und schüttete das Ganze hinunter, als wäre es weiter nichts als eine Medizin, die er sich selber zur allmorgendlichen Einnahme verordnet hatte. Gewissermaßen stimmte das sogar. Lawler warf der Frau einen hastigen, etwas schuldbewußten Blick zu, aber sie achtete ganz und gar nicht auf das, was er tat. Sie starrte auf seine kleine Sammlung von Relikten von der ERDE. Jeder, der hierherkam, tat das. Zögernd fuhr sie mit der Fingerspitze über die Bruchkante der kleinen orange-schwarzen Tonscherbe. Dann blickte sie über die Schulter hinweg Lawler fragend an. Er lächelte. »Das kam einst aus einer Gegend, die Griechenland hieß«, sagte er. »Vor langer, langer Zeit auf der ERDE einmal sehr berühmt.«
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