Die starken Alkaloide der Droge waren augenblicklich mit dem Blutkreislauf durch seinen Körper geschwemmt worden und traten nun ins Gehirn ein. Er fühlte, wie die Verkrampftheit, die ihn nach seinen Begegnungen an diesem Morgen befallen hatte, allmählich verebbte.
»Ich leide unter ständigem Husten«, sagte Thane, »Und er geht nicht weg.«
Und wie auf ein Stichwort brach sie in ein rauhes, trockenes Gebell aus. Ein Husten, das konnte auf Hydros eine ebenso harmlose Infektion sein wie sonstwo; aber es konnte auch etwas sehr Ernstes sein. Alle Insulaner wußten dies.
Es gab hier einen im Wasser lebenden Fungus, einen Pilz, der sich gewöhnlich in den nördlichen gemäßigten Gewässerzonen aufhielt und der im Verlauf seines Fortpflanzungsprozesses dichte schwarze Sporenwolken in die Atmosphäre stieß, Sporen, die sich parasitär in unterschiedlichen maritimen Lebensformen ansiedeln konnten. Wenn ein Meeressäuger beim Luftholen an der Wasseroberfläche solche Sporen einatmete, setzten sie sich im warmen Rachen ihres Wirtstieres fest, keimten sogleich und trieben ein dichtes Gewirr grellroter Hyphen, und dieses Pilzgeflecht konnte mit Leichtigkeit in die Lungen, Eingeweide, den Magen, ja sogar in das Gehirn des Wirtsorganismus eindringen. Der Körper des Wirtes wurde im Innern dann zu einer dichtgepackten Masse von scharlachrot brennenden Fadendrähten, die auf der Suche nach dem auf Kupfer basierenden Atmungspigment Hämocyanin waren. Die meisten hydranischen Seebewohner hatten dieses Hämocyanin im Blut, wodurch dieses eine bläuliche Färbung bekam. Und der Fungus schien für das Hämocyanin ebenfalls Verwendung zu haben.
Der Tod durch Pilzbefall war eine langwierige und scheußliche Krankheit. Der Wirtssäuger, aufgeschwollen von den Gasen, die der eingedrungene Parasit absonderte, trieb hilflos an der Wasseroberfläche, mußte schließlich zugrundegehen, worauf kurz danach der Fungus seine ausgereifte ›Frucht‹ durch eine in das Abdomen des Wirts gebohrte Öffnung austrieb. Diese Frucht war eine kugelige Ligninmasse, die bald danach zerplatzte und eine weitere Generation reifer, ausgewachsener Fungi entließ, die ihrerseits im Laufe der Zeit neue Sporenwolken hervorbringen würden, und so ging der Kreislauf weiter.
Diese ›Killerfungus’-Sporen konnten sich auch in der menschlichen Lunge festsetzen, was allerdings keinerlei Vorteil für irgendwen mit sich brachte; der Mensch war nicht in der Lage, den Pilz mit dem ersehnten Hämocyanin zu versorgen, und der Fungus mußte demzufolge notgedrungen im Verlauf seiner Suche danach jeden Bereich im Körper des unwilligen Wirtes aufsuchen und aufzehren, was eine nutz- und ergebnislose Verschwendung von Energie bedeutete.
Erste Symptome eines Fungusbefalls beim Menschen zeigten sich in einem hartnäckigen chronischen Husten, der sich nicht legte.
»Beginnen wir mit ein paar Auskünften über dich«, sagte Lawler. »Danach werden wir das mal untersuchen.«
Er holte ein neues Formblatt aus der Schublade und schrieb den Namen Sundira Thane darauf.
»Alter?«
»Einunddreißig.«
»Geburtsort?«
»Khamsilaine Island.«
Er blickte auf. »Ist das auf Hydros?«
»Aber ja«, sagte sie, ein wenig zu gereizt. »Natürlich!« Ein erneuter Hustenanfall packte sie. Als sie wieder sprechen konnte, fragte sie: »Hast du noch nie was von Khamsilaine gehört?«
»Es gibt ziemlich viele Inseln. Und ich komme nicht viel zum Reisen. Nein, ich hab noch nie davon gehört. In welcher See treibt es?«
»Im Azurro.«
»Im Azurro«, wiederholte Lawler unsicher. Er hatte nur eine höchst verschwommene Vorstellung davon, wo das azurblaue Meer sich befinden mochte. »Ja, da schau her. Da bist du ja wirklich schon ein ganz schönes Stück gereist, was?« Sie gab ihm darauf keine Antwort. Nach einer Pause fragte er weiter: »Aber hierher bist du doch vor einiger Zeit von Kentrup gekommen, stimmt das?«
»Ja.« Erneuter Hustenanfall.
»Und wie lang hast du dort gelebt?«
»Drei Jahre.«
»Und vorher?«
»Achtzehn Jahre auf Velmise. Zwei Jahre auf Shaktan. Etwa ein Jahr auf Simbalimak.« Sie blickte ihn feindselig an und sagte: »Simbalimak liegt ebenfalls im Azurro.«
»Ich habe von Simbalimak gehört«, erwiderte er.
»Vorher auf Khamsilaine. Also ist dies hier jetzt meine sechste Insel.«
Lawler notierte sich dies.
»Jemals verheiratet gewesen?«
»Nein.«
Auch dies schrieb er nieder. Die generelle Abscheu vor der Endogamie bei den jeweiligen Insularpopulationen hatte auf Hydros zu einer inoffiziellen Praxis der Exogamie geführt. Single -Personen, die sich partnerschaftlich zu binden beabsichtigten, zogen gemeinhin auf irgendeine andere Insel, um sich dort einen Gefährten zu suchen. Aber wenn eine dermaßen attraktive Frau wie Sundira Thane dermaßen viele Inseln abgegrast hatte, ohne sich je zu bin den, dann konnte das nur bedeuten, daß sie entweder besonders wählerisch, oder aber, daß sie gar nicht auf Partnersuche war.
Lawler vermutete letzteres. Der einzige Mann, in dessen Gesellschaft er sie jemals länger verweilen gesehen hatte, seit sie vor ein paar Monaten auf Sorve aufgetaucht war, war Gabe Kinverson gewesen, der Fischer. Der Mann war ein launenhafter, wenig kommunikationsbereiter Typ mit einem markant zerkerbten Gesicht, ein starker, zäher Bursche und (vermutete Lawler jedenfalls) auf eine tierhafte Weise interessant, aber doch kaum der Typ Mann, den eine Frau wie Sundira Thane heiraten wollen würde, sofern sie natürlich auf eine Heiratspartnerschaft aus war. Aber Kinverson seinerseits hatte ja auch noch nie viel eheliche Bindungswut gezeigt.
»Wann haben diese Hustenattacken begonnen?« fragte er.
»Vor acht, nein, vor zehn Tagen. Etwa in der letzten Dreimondnacht, würde ich sagen.«
»Hattest du jemals zuvor ähnliche Beschwerden?«
»Nein. Nie.«
»Fieber? Brustschmerzen? Schüttelfrost?«
»Nein.«
»Hast du beim Husten Sputumauswurf? Blut?«
»Sputum? Meinst du, flüssigen Schleim? Nein, da war nie so was…«
Wieder überfiel sie der Krampfhusten, diesmal noch heftiger. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, das Gesicht rötete sich, der ganze Körper schien zu zucken. Hinterher hockte sie, den Kopf zwischen den hochgezogenen Schultern nach vorn geneigt, da und sah erschöpft und elend aus.
Lawler wartete, bis sie wieder bei Atem war.
Endlich sagte sie: »Wir sind gar nicht durch die Breiten gekommen, in denen die Killer-Fungi wachsen. Das sage ich mir immer wieder.«
»Das bedeutet aber nichts, wie du weißt. Ihre Sporen können im Wind Tausende von Kilometern weit getragen werden.«
»Innigsten Dank.«
»Du vermutest doch nicht ernsthaft, daß du infiziert bist?«
Sie blickte ihn fast zornig von unten her an. »Woher soll ich das wissen? Vielleicht stecke ich von der Brust bis zu den Zehen voller roter Drähte, und wie sollte ich das erkennen können? Ich merke nur, daß ich unentwegt husten muß. Du bist es, der mir sagen soll, warum.«
»Vielleicht kann ich das«, erwiderte Lawler. »Vielleicht auch nicht. Wir wollen uns das erst mal anschaun. Zieh die Bluse aus.«
Er holte sein Stethoskop aus einer Lade.
Das Abhorchgerät war ein lächerlich primitives Instrument: nichts weiter als ein zwanzig Zentimeter langes Seebambusrohr, an dem an zwei biegsamen Schläuchen zwei Ohrmuscheln aus Plastik befestigt waren. Lawler hatte praktisch keinerlei modernes medizinisches Hilfsgerät zur Verfügung, eigentlich gar keines, das Ärzte im einundzwanzigsten und sogar im zwanzigsten Jahrhundert für zeitgemäß erachtet haben würden. Er mußte mit primitiven, geradezu mittelalterlichen Instrumenten zurechtkommen. Eine Röntgenuntersuchung hätte ihm sekundenschnell verraten, ob die Frau an Pilzbefall litt. Doch woher sollte er einen Röntgenschirm bekommen? Hydros hatte fast keinen Kontakt zu dem weiten Universum jenseits des Firmaments, und es gab weder Ex- noch Importhandel. Sie mußten schon glücklich sein, daß sie überhaupt so etwas wie medizinisches Hilfsgerät hatten. Und ein paar Ärzte, selbst so halbgebackene, wie er einer war. Die Humankolonie litt an ererbter Armut. Sie hatte so wenig Menschenmaterial mit einer so beschränkten Reserve an beruflichen Fähigkeiten.
Читать дальше