»Die Gillies haben auf Shalikomo eine Menge Menschen umgebracht. Unschuldige.«
»Andere Gillies. Eine andere Situation.«
Delagard drückte die geballten Fäuste gegeneinander, die Knöchel gaben ein knackendes Geräusch von sich. Seine Stimme wurde heller und lauter. Es schien ihm ziemlich rasch zu gelingen, die Schuldgefühle und Zerknirschung abzuschütteln, die ihn zuvor bedrückten. Das war ein besonderer Kniff, den der Mann beherrschte, dachte Lawler, dieser Stehaufmännchen-Mechanismus seiner eignen Wertigkeit. »Shalikomo war eine Ausnahme«, sagte er. Die Sassen waren zu der Überzeugung gelangt, es gebe auf Shalikomo, das eine sehr kleine Insel war, zu viele von den Menschen und hatten angeordnet, daß einige fortgehen müßten; aber die Menschen auf Shalikomo hatten sich nicht einigen können, wer fort sollte und wer bleiben, und so verließ kaum jemand die Insel; und schließlich entschieden die Gillies selber, wie viele Menschen sie unter sich auf der Insel haben wollten, und töteten den Rest. »Das ist eine uralte Geschichte«, sagte Delagard.
»Sicher, es war vor langer Zeit«, gab Lawler zu. »Aber was bringt dich zu dem Glauben, daß es sich nicht erneut ereignen könnte?«
Delagard sagte: »Die Kiemlinge waren sonst an keinem anderen Ort je besonders feindselig. Gut, sie mögen uns nicht, aber sie hindern uns auch nicht daran, zu tun, was wir wollen, solang wir auf unserem Teil der Insel bleiben und nicht zu zahlreich werden. Wir ernten Kelp, wir fischen soviel wir wollen, wir errichten Gebäude, wir jagen Speisefisch, wir treiben alles mögliche, von dem man vermuten könnte, daß es Andersartigen nicht paßt, und sie sagten nicht ein Wort dagegen. Und wenn es mir gelungen ist, ein paar Taucher als Hilfskräfte bei der Mineralgewinnung auf dem Meeresgrund auszubilden, wodurch die Gillies genauso profitieren würden wie wir, wieso hätte ich deiner Meinung nach daran denken sollen, daß der tödliche Unfall von ein paar Tieren bei der Arbeit sie dermaßen aufregen würde, daß sie… daß sie…«
»Vielleicht war das der letzte Strohhalm, der dem Kamel das Rückgrat brach.«
»Wie? Was, zum Teufel, meinst du damit?«
»Eine alte Spruchweisheit von der ERDE. Vergiß es. Ich meine damit, daß diese Sache mit den Tauchern irgendwie ihre Toleranzgrenze überstieg und daß sie uns jetzt weghaben wollen.«
Lawler schloß kurz die Augen und malte sich aus, wie er seine Siebensachen packen und in ein Boot steigen würde, das zu einer fremden Insel fuhr. Die Vorstellung fiel ihm nicht leicht… Wir werden von Sorve fortmüssen… Wir werden von Sorve fortmüssen… Wir müssen…
Dann merkte er, daß Delagard immer noch weitersprach.
»Das war ehrlich ein Tiefschlag, kann ich dir sagen. Mit so was hätte ich nie gerechnet. Da steh ich, und zwei Brocken von Kiemlingen drücken mich gegen die Wand, halten mir die Arme fest und ein dritter schnieft mir direkt in die Nase und sagt: Ihr alle müßt binnen dreißig Tagen von hier verschwinden. Haut ab — oder… Was glaubst du, wie ich mir da vorgekommen bin, Doc? Besonders weil mir ja klar war, daß ich dafür verantwortlich bin. Du hast heut früh gesagt, ich hab kein Gewissen, aber du hast überhaupt keine verdammte Ahnung von mir. Du hältst mich für einen sturen Bauernklotz, für einen rücksichtslosen Ausbeuter, einen Kriminellen. Aber was weißt du denn schon? Du versteckst dich hier ganz allein, säufst dich um den Verstand und hockst dich hin und urteilst über andere Leute, die im kleinen Finger mehr Energie und Zielstrebigkeit verfügen als du in deinem ganzen…«
»Hör auf mit dem Gesäusel, Delagard.«
»Du hast gesagt, ich hab kein Gewissen.«
»Und? Hast du eins?«
»Also, das will ich dir aber doch mal sagen, Lawler: Ich komme mir vor wie die letzte Scheiße, weil ich so was über uns gebracht hab. Ich bin nämlich auch hier geboren, weißt du! Und du brauchst also keineswegs so hochnäsig deinen Rotz von wegen Erste, Alteingesessene Familie über mich zu schnauben. Nicht bei mir! Meine Familie war von Anfang an hier, genau wie deine. Wir — wir Delagards — haben die Insel praktisch gemacht! Und wenn ich jetzt eröffnet bekomme, daß ich wie ein Stück verfaulter Fisch weggeworfen werden soll, daß alle anderen auch wegmüssen…« Wieder veränderte sich seine Stimme. Der Zorn zerschmolz; er sprach auf einmal leiser, eindringlich, beinahe demütig. »Ich möchte nur, daß du weißt, daß ich die volle Verantwortung für meine Handlungen auf mich nehme. Und ich werde folgendes tun…«
»Still!« Lawler unterbrach ihn mit erhobener Hand. »Hörst du den Lärm?«
»Lärm? Was für Lärm? Wo?«
Lawler wies mit dem Kopf zur Tür. Auf einmal drangen von dem langgestreckten dreieckigen Platz, der die zwei Vaargh-Siedlungen der Insel trennte, Rufe und lautes Geschrei.
Delagard nickte. »Doch, ja, jetzt hör ich’s. Vielleicht ein Unfall?«
Aber Lawler war bereits zur Tür hinaus und strebte in weiten eiligen Schritten dem Platz zu.
* * *
An der ›Plaza‹ standen drei wettergebeutelte Gebäude — eigentlich eher Schuppen, Nissenhütten, wackelige Unterschlupfe, an jeder Seite eines. Das größte ›Gebäude‹, zum Inselinnern gelegen, war die Schule. An dem nähergelegenen der zwei hangabwärts weisenden Dreiecksschenkel lag das kleine Cafe, das Lis Nikiaus betrieb, Delagards ›Weib‹. Gegenüber lag das Gemeindezentrum.
Vor der Schule stand ein aufgeregt brabbelndes Häuflein Kinder. Die beiden Lehrer waren auch da. Vor dem Gemeindezentrum schwankte ein Halbdutzend der älteren männlichen und weiblichen Menscheninsulaner taumelnd, wie von einem Hitzschlag getroffen, wild im Kreis herum. Lis Nikiaus war vor ihr Cafe getreten und starrte mit weit offenem Mund ins Leere. Gegenüber befanden sich zwei von Delagards Bootskapitänen: der vierschrötige Klotz Gospo Struvin und der langbeinige schmale Bamber Cadrell. Sie standen oben an der Rampe, die vom Uferkai auf die Plaza führte, und sie klammerten sich ans Geländer wie Männer, die darauf warten, daß jede Sekunde eine Flutwelle über sie hinwegrasen wird. Dazwischen, und den Platz mit seiner Körpermasse teilend, stand der Koloß des Fischhändlers Brondo Katzin wie ein riesenhaftes betäubtes Tier und stierte auf seine nicht mehr bandagierte rechte Hand, als wäre ihm auf dieser soeben ein Auge gewachsen.
Aber es gab nirgends Anzeichen für einen Unfall, nirgendwo einen Verletzten.
»Was ist denn hier los?« fragte Lawler.
Lis Nikiaus wandte sich auf eine merkwürdig schwerfällige Art ihm zu. Sie schwang mit dem ganzen Körper herum wie eine Statue. Eine große Frau, fest und massiv im Fleisch, ein gewaltiger gelber Haarwust, und die Haut so tiefgebräunt, daß sie beinahe schwarz wirkte. Delagard hatte seit dem Tod seiner Frau mit ihr zusammengelebt, seit fünf, sechs Jahren, sie aber nicht geheiratet. Vielleicht, um das Erbe für seine Söhne nicht zu gefährden, munkelten die Leute. Er hatte vier erwachsene Söhne, von denen jeder auf einer anderen Insel lebte.
Heiser, fast wie erstickt, sagte Lis: »Bamber und Gospo sind grad von der Werft raufgekommen… und sie sagen, die Gillies sind hergekommen… sie haben gesagt… sie haben uns… sie haben Nid gesagt…«
Ihre Stimme verlor sich in einem unzusammenhängenden Gestammle.
Die verhutzelte, zwergenhafte Mendy Tanamind, Nimbers uralte Mutter, sagte piepsend: »Wir müssen fort! Wir müssen fort!« Und sie kicherte schrill.
»Da ist gar nichts komisch dran«, sagte Sandor Thalheim. Der war ebenso uralt wie Mendy. Er schüttelte heftig den Kopf, so daß sein bartsprossiger Kehlwammensack wabbelte.
»Und das alles wegen ein paar Viechern«, sagte Bamber Cadrell. »Wegen drei dummen toten Tauchern.«
Also hatte sich die Neuigkeit bereits herumgesprochen. Schlimm, schlimm, dachte Lawler. Delagards Leute hätten die Klappe halten sollen, bis wir uns was ausgedacht haben, wie wir mit der Sache fertigwerden können.
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