Wie ernst, wie düster sie auf einmal alle aussahen! Die Sweyners, Dag Tharp, ein Grüppchen Thalheims, die Sawtelles. Sidero Volkin mit seiner Frau Elka. Dann Handers, Martin Yanez. Der junge Jose Yanez. Lis. Leo Martello. Pilya Braun. Leynila Stayvol. Sundira Thane. Er kannte sie alle so gut, alle, bis auf wenige Ausnahmen. Sie waren seine Familie, ganz wie er in der versoffenen Nacht zu Delagard gesagt hatte. Ja, ja, es stimmte wirklich. Alle auf dieser Insel.
»Freunde«, sagte er, »wir sehen besser den Tatsachen ins Auge. Mir gefällt das Ganze ebensowenig wie euch, aber uns bleibt nichts anderes übrig. Die Gillies fordern uns auf zu verschwinden? Dann müssen wir eben. Es ist ihre Insel. Sie sind in der Überzahl, und sie haben die materielle Gewalt. Und wir, wir werden uns daran gewöhnen, bald irgendwo anders zu leben, und damit hat sich’s. Ich wollte, ich könnte euch irgendwas Erfreulicheres anbieten, aber das kann ich nicht. Niemand kann das. Keiner!«
Er machte sich auf ein paar heftige Einsprüche von Thalheim oder Tanamind oder Damis Sawtelle gefaßt. Doch die hatten auf einmal nichts weiter zu sagen. Und es gab schließlich auch nichts, was jemand hätte dagegen sagen können. Das ganze Getöse von bewaffnetem Widerstand war nichts weiter gewesen als ein Pfeifen gegen den Wind. Die Versammlung endete ohne Beschlußfassung. Es blieb ihnen keine andere Wahl, als sich zu fügen. Alle hatten es jetzt erkannt.
* * *
Lawler stand an der Kaimauer zwischen Delagards Werft und dem Kraftwerk der Gillies; es war ein Spätnachmittag in der zweiten Woche nach dem Ultimatum, und er blickte auf die sich verändernden Farben in der Bucht hinaus, als drunten Sundira Thane vorbeigeschwommen kam. Zwischen zwei Schlägen hob sie kurz den Kopf und nickte Lawler zu. Er grüßte zurück und winkte. Ihre langen schlanken Beine blitzten in einem Scherenschlag kurz auf, und sie schoß vorwärts, während sich ihr Oberkörper aus dem Wasser hob, um dann plötzlich und rasch in einem Bogen unterzutauchen. Den Bruchteil einer Sekunde lang sah Lawler Sundiras weiße knabenhafte Pobacken über dem Wasser blitzen, dann zog sie rasch dicht unter der Oberfläche dahin, ein schlanker brauner, nackter Wassergeist, der in steten kraftvollen Zügen von der Küste fortschwamm. Lawler folgte ihr mit den Augen, bis er sie nicht mehr sehen konnte. Sie schwimmt wie ein Gillie, dachte er. Sie war seiner Schätzung nach drei, vier Minuten lang nicht zum Atemholen aufgetaucht. Brauchte sie denn gar nicht zu atmen?
Mireyl war ebenfalls eine so gute Schwimmerin gewesen.
Er verzog das Gesicht. Es bestürzte ihn, daß die Erinnerung an seine lang entschwundene eheliche Partnerin auf einmal so plötzlich und derart ungerufen aus der Vergangenheit auftauchen konnte. Er hatte ewig nicht mehr an Mireyl gedacht. Dann aber fiel ihm ein, daß er doch gerade erst in der vergangenen Nacht, als er so besoffen umhergewandert war, an sie gedacht hatte. Mireyl, ach ja… eine alte Geschichte.
* * *
Er konnte sie beinahe leibhaftig sehen. Auf einmal war er wieder dreiundzwanzig, der junge neue Inselarzt, und da war sie, mit hellem Haar und heller Haut und straffem Körper, breit in den Schultern und im Becken, tiefliegendes Gravitationszentrum, ein kräftiges kleines Geschoß von Weib, rund, muskulös und untersetzt. Ihr Gesicht wurde ihm nicht deutlich. Irgendwie vermochte er sich an das Gesicht überhaupt nicht mehr zu erinnern.
Eine wundervolle Schwimmerin, das war sie. Im Wasser bewegte sie sich wie ein Speer. Sie schien nie müde zu werden und konnte endlos lang unter Wasser bleiben. So kräftig und aktiv er selber war, es fiel ihm doch stets schwer, mit ihr mitzuhalten, wenn sie schwammen. Meist kehrte sie um und wartete dann lachend auf ihn, und er holte sie ein, packte sie und drückte sie fest an sich.
Jetzt schwammen sie gerade. Er kam auf sie zu, und sie breitete ihm die Arme entgegen. Ringsum schwammen kleine Glitzerdinger, geschmeidig und freundlich.
»Wir sollten heiraten«, sagte er.
»Sollen wir das?«
»Ja, das sollen wir.«
»Die Frau des Arztes… Ich hab nie dran gedacht, den Doktor zu heiraten.« Sie lachte. »Aber irgendwer muß es ja wohl tun.«
»Nein. Keine muß es tun. Aber bei dir möchte ich es gern.«
Sie schlüpfte von ihm fort und schwamm weiter. »Fang mich, dann nehm ich dich!«
»Das ist unfair. Du hast ’ne halbe Länge Vorsprung.«
»Nichts ist je fair«, rief sie ihm zu.
Er grinste und machte sich an die Verfolgung. Er schwamm schneller als jemals zuvor, und diesmal zog er mit ihr gleich, als sie etwa auf halber Strecke in der Bucht waren. Er hätte nicht sagen können, ob er sein Leistungsvermögen über das übliche Maß steigerte, oder ob sie sich absichtlich von ihm einholen ließ. Vielleicht traf beides zu.
Und dann hatte der Doktor ein eheliches Weib.
»Bist du glücklich?« fragte er oft.
»O ja. Ja.«
»Ich auch.«
Eine gute, feste Ehe. Glaubte er jedenfalls. Aber sie war ruhelos. Ursprünglich war sie von einer anderen Insel gekommen, und nun wollte sie weiterziehen und ›die Welt kennenlernen‹ aber er war an Sorve gefesselt: durch seine Arbeit, durch seine disziplinierte, angeborene Gelassenheit, durch unzählige unsichtbare Bindungen. Er begriff nicht, wie stark der Drang zur Vagabondage in ihr wirklich war; ihre Sehnsucht nach fremden Inseln hatte er für eine blaße Übergangsphase gehalten, aus der sie herauswachsen würde, wenn sie sich erst einmal an das eheliche Dasein mit ihm auf Sorve gewöhnt hatte.
Und nun, eine andere Szene. Drunten im Hafen, elf Monate nach der Hochzeit. Mireyl, die an Bord einer von Delagards Inter-Insular-Fähren steigt, Zielhafen Morvendir, und die kurz stehenbleibt, auf die Pier zurückblickt und ihm zuwinkt. Ohne zu lächeln. Auch er lächelte wohl kaum, als er linkisch zurückwinkte. Und dann kehrte sie ihm den Rücken und war fort.
Lawler hatte danach nie wieder etwas von ihr oder über sie gehört. Das war nun zwanzig Jahre her. Hoffentlich ging es ihr gut, wo immer sie sein mochte.
* * *
In weiter ferne sah Lawler Schwärme von Luftgleitlingen die Wasserfläche durchstoßen und sich zu ihrem wilden Luftflug mit gespreizten Finnen emporschleudern. Ihre Schuppen blitzten rot und golden, genau wie die Edelsteine in den Geschichtenbüchern seiner Kindheit. Er hatte noch nie echte Edelsteine gesehen — auf Hydros gab es so etwas nicht —, doch es war schwer verstellbar, daß sie schöner sein sollten als diese Luftgleitlinge im Flug durch die untergehende Sonne. Und er vermochte sich auch keine schönere Szenerie auszumalen als die Bucht von Sorve in ihrer Abendfärbung. Was für ein prachtvoller Sommerabend! Es gab andere Zeiten im Jahr, da war die Luft nicht dermaßen weich und mild — wenn die Insel in Polargewässern driftete, wenn schwarze Stürme und messerscharfer Hagel auf sie niederpeitschten. Zeiten, in denen die Witterung zu rauh war und keiner mehr sich bis zum Rand der Bucht wagen konnte, um Fische oder Pflanzen zu holen, Zeiten, in denen sie alle von Trockenfisch und Algenpulver lebten, von getrockneten Tangsträhnen, wo sich alle in den Vaarghs verkrochen und unglücklich darauf warteten, daß die Sommerzeit wiederkäme. Aber die Sommer! Ach, diese Sommer, in denen die Insel durch tropische Breiten schwamm! Nichts konnte wundervoller sein! Die Ausweisung im Mittsommer machte die Vertreibung von der Insel nur um so schmerzhafter spürbar… man entzog ihnen die schönste Zeit des ganzen Jahres.
Aber das war schließlich die Geschichte der Menschheit von Anfang an, nicht wahr? dachte er. Ein Rausschmiß nach dem anderen. Vom Paradiesgarten Eden an ein Exil nach dem anderen.
Und wie er da so über die Bucht in all ihrer Schönheit blickte, verspürte er scharf ein erneutes Verlustgefühl: Sekunde um Sekunde stürzte sein Leben auf Sorve unwiederbringlich von ihm fort. Zwar fühlte er gleichzeitig auch noch diese seltsame Erregung bei der Vorstellung vom Beginn eines neuen Lebens an anderem Ort, wie in der ersten Nacht, aber doch nicht unablässig.
Читать дальше