Robert Silverberg - Über den Wassern

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Über den Wassern: краткое содержание, описание и аннотация

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Auf der Wasserwelt Hydros leben seit Generationen Siedler von der Erde friedlich nebeneinander mit den amphibischen Eingeborenen des Planeten. Als eines Tages ein Fischer ein paar von den intelligenten Fischen im Meer tötet, haben die Menschen ihr Siedlungsrecht verwirkt. Sie müssen ihre kleinen schwimmenden Inseln, die ihnen längst zur Heimat geworden sind, verlassen und sind gezwungen, ein geheimnisvolles dunkles Land zu sucher, das vielleicht nur in den Sagen existiert.

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Er schwamm durch Dunkelheit, weit über der leuchtenden blau-grünen Welt, und er beobachtete und wartete, und er wußte, was als nächstes geschehen würde, und fragte sich hoffnungsvoll, ob es vielleicht diesmal nicht geschehen werde.

Aber natürlich geschah es. Wie früher. Wie er es so vielmals durchlebt hatte, mit Schweißausbrüchen aus allen Poren und Muskelkrämpfen vor Schrecken und Angst. Und niemals gab es vorher eine Warnung. Es fing einfach an: Die heiße gelbe Sonne schwoll plötzlich an, wurde noch heller und monströs mißgestaltet — und die gezackte Feuerzunge züngelte durch den Himmel…

Und von den Hügeln und aus den Tälern stiegen die Flammen empor, aus den Wäldern und den Häusern. Die kochenden Meere. Die verbrannten Ebenen. Die schwarzen Aschewolken, die den Himmel verfinsterten. Und das geschwärzte Land, das aufbrach. Die nackten häßlichen Berge, die sich auf den zerstörten Feldern türmten. Der Tod, Tod, Tod…

Stets wünschte er sich, er könne aufwachen, ehe es soweit kam. Doch es gelang ihm nie, und er mußte stets alles bis zum Ende sehen, auch die kochenden Meere, auch die zu Asche verbrannten grünen Wälder.

* * *

Der erste Patient am nächsten Morgen war Sidero Volkin, einer von Delagards Schiffszimmermännern. Er hatte sich einen Feuerwurmdorn in der Wade geholt, während er im seic hten Wasser vom Kiel eines der Boote eine zu dick angewachsene Schicht von Pungmuscheln entfernte. Etwa ein Drittel von Lawlers Patienten kam mit Wunden zu ihm zur Behandlung, die sie sich im harmlosen, seichten Wasser der Bucht zugezogen hatten. Diese seichten und sanften Gewässer wurden nämlich nur allzu häufig von Geschöpfen heimgesucht, die es sich angelegen sein ließen, menschliche Wesen zu stechen, zu beißen, zu zersäbeln, zu speeren, in sie einzudringen oder sie auf andere Weise zu plagen.

»Das Biest ist direkt am Boot entlang auf mich zugeschwommen und aufgetaucht und hat mich angeglotzt«, sagte Volkin. »Ich mit dem Beil auf den Kopf los, und der Schwanz kommt von der anderen Seite rüber und sticht mich. Das Mistviech, ich hab es dann halbiert, aber das bringt mir jetzt wenig.«

Die Wunde war schmal, aber tief und bereits entzündet. Diese Feuerwürmer waren lange, sich windende Geschöpfe, die scheinbar nichts weiter waren als zähe biegsame Röhren mit einem unangenehmen kleinen Maul am einen und einem gemeinen Stachel am anderen Ende. Es machte keinen großen Unterschied, mit welchem Ende sie dich erwischten: Sie steckten voller Mikroorganismen, die in Symbiose mit dem Feuerwurm lebten und für menschliche Wesen schädlich waren, und wenn sie mit menschlichem Körpergewebe in Berührung gerieten, verursachten diese symbiontischen Epiphyten sogleich Reizungen und Komplikationen. Volkins Bein war gerötet und angeschwollen und bei Berührung schmerzempfindlich, von der Wunde aus verlief eine feuerrote, geflechtartige Entzündungsspur über die Haut; es sah aus wie Ritualnarben eines satanischen Kultes.

»Das wird jetzt weh tun«, sagte Lawler, während er eine lange Bambusnadel in eine Schüssel mit stark antiseptischer Flüssigkeit tauchte.

»Als ob ich das nicht wüßte, Doc!«

Lawler führte die Nadel in die Wunde ein, stocherte darin herum und träufelte so viel von der bakteriziden Flüssigkeit hinein, wie Volkin seinem Gefühl nach ertragen konnte. Der Schiffszimmerer blieb völlig bewegungslos, fluchte nur hin und wieder fast lautlos, während Lawler in seinem Fleisch herumstocherte, was zweifellos höllisch schmerzen mußte.

»Da hast du was gegen die Schmerzen«, sagte Lawler und reichte ihm ein Tütchen mit einem weißen Pulver. »Du wirst dich ein paar Tage lang ganz lausig mies fühlen. Dann dürfte die Entzündung zurückgehen. Außerdem wirst du heut nachmittag Fieber kriegen. Also nimm dir heut frei.«

»Kann ich nicht. Delagard läßt mich nicht weg. Wir müssen die Schiffe seeklar machen. Und da ist noch ’ne Menge zu tun.«

»Nimm dir heut den Rest frei«, sagte Lawler noch einmal. »Und wenn Delagard dir irgendwie dreckig kommt, dann sagst du ihm, er kann sich bei mir beschweren. In einer halben Stunde bist du nämlich so benebelt- daß du sowieso zu keiner vernünftigen Arbeit mehr fähig bist. So, und jetzt zieh ab.«

Volkin zögerte kurz am Eingang des Vaargh.

»Also, das weiß ich ehrlich zu schätzen, Doc!«

»Verschwinde. Und leg das Bein hoch, ehe du umkippst!«

Der nächste Patient, der draußen wartete, war ebenfalls einer von Delagards Belegschaft. Neyana Golghoz. Die Frau war untersetzt, wirkte gemütlich, etwa vierzig Jahre. Ihre Haare waren außergewöhnlich orangerot. Das flache breite Gesicht war übersät von rötlichen Flecken. Ursprünglich stammte sie von der Insel Kaggeram, war aber vor etwa fünf, sechs Jahren nach Sorve zugezogen. Sie arbeitete irgendwie im Wartungsbereich bei Delagards Flotte und fuhr beständig zwischen den sich begegnenden Inseln hin und her. Vor sechs Wochen hatte sich zwischen ihren Schulterblättern ein Hautkrebs zu verbreiten begonnen, und Lawler hatte ihn chemotherapeutisch beseitigt, indem er lösungsgetränkte Nadeln unter die Wucherungen schob, bis die malignen Partikel sich ablösten und abgehoben werden konnten. Die Prozedur war für beide wenig erfreulich gewesen. Lawler hatte der Patientin aufgetragen, sich einmal monatlich zur Nachuntersuchung einzufinden, damit er prüfen könne, ob sich rezidive Symptome gezeigt hatten.

Neyana streifte das Arbeitshemd ab und wendete ihm den Rücken zu, und Lawler untersuchte die Vernarbung mit den Fingern. Wahrscheinlich war die Partie immer noch schmerzempfindlich, aber die Frau reagierte überhaupt nicht auf die Berührung. Wie die meisten menschlichen Insulaner war sie mit einem recht gleichmütig- stumpfsinnigen und geduldigen Temperament ausgerüstet. Für die Humanpopulation war das Leben auf Hydros einfach, zuweilen beschwerlich, aber nie sehr fröhlich. Man hatte keine große Auswahl, nicht viele Alternativen, welchen Beruf man ergriff, wen man heiratete, wo man leben konnte. Wenn einer nicht den Mut aufbrachte und sein Glück auf einer der anderen Inseln versuchen wollte, waren die wesentlichen Marksteine seines Lebens festgelegt, sobald er oder sie erwachsen war. Und wagte man sich an einen anderen Ort, so stellte man wahrscheinlich fest, daß auch dort die Möglichkeiten durch so ziemlich die gleichen Umstände beschränkt waren. Das hatte mit der Zeit einen gewissen Stoizismus herangezüchtet.

»Sieht gut aus«, beschied Lawler die Patientin. »Du meidest weiterhin die Sonne, Neyana?«

»Da kannste Gift drauf nehmen, daß ich das mach!«

»Schmierst du die Salbe drauf?«

»Da kannste Gift drauf nehmen.«

»Nun, dann wirst du damit weiter keine Probleme haben.«

»Du bist ’n verdammt guter Doktor, Doc«, informierte ihn Neyana. »Ich hab da mal wen auf der anderen Insel gekannt, und der hatte auch so ’nen Hautkrebs, und bei dem hat der sich richtig durch die Haut reingefressen und er ist gestorben. Aber du, du kümmerst dich um uns, du beschützt uns.«

»Ich tu, was ich kann.« Dankbarkeitsäußerungen seiner Patienten machten ihn immer verlegen. Er selber kam sich meist wie ein Fleischhauer vor, wenn er sie mit derart urzeitlichen Methoden traktieren mußte, während auf anderen Planeten — hatten jedenfalls die berichtet, die von draußen gekommen waren — den Ärzten alle nur erdenklichen Wunderbehandlungen zur Verfügung standen. Dort benutzten sie Schallwellen und Elektrizität und Strahlen und alles mögliche andere, was er kaum begriff, und sie hatten Medikamente, die alles in fünf Minuten heilen konnten. Während er sich mit selbstgemachten Salben und Tränklein aus Seetang begnügen mußte, mit improvisierten Instrumenten aus Holz und dem einen und anderen Stückchen Eisen oder Nickel. Immerhin, er hatte der Patientin die Wahrheit gesagt: Er tat wirklich, was er nur konnte.

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