»Vielleicht haben Sie recht. Ich will mich nicht mit Ihnen streiten. Wir müssen Tess nach oben schaffen. Wir müssen Ihre Tochter in Sicherheit bringen, Ray.«
Ray schien diesen Vorschlag zu überdenken, aber er hatte es offenbar nicht mehr eilig. Noch einmal blickte er zu ihnen herüber, lange diesmal. Chris glaubte sagen zu können, dass er noch nie eine derartige Müdigkeit im Gesicht eines Menschen gesehen hatte.
Dann entspannten sich Rays Züge, als hätte er soeben ein wirklich kniffliges, quälendes Rätsel gelöst. Er lächelte. »Machen Sie das«, sagte er und trat über den Rand hinaus.
Tess riss sich von Chris los und rannte zu der Stelle, wo ihr Vater eben noch gestanden hatte.
Das Subjekt verschwand, ebenso die Dombögen aus leuchtendem Stein und das trockene Hochland von UMa47/E. Plötzlich blickte Marguerite in eine verwirrende Dunkelheit hinein. Dann wurden aus der Dunkelheit die Umrisse des fensterlosen Konferenzraums im ersten Stock der Ambulanz von Blind Lake. Ihre Knie knickten ein. Sie griff nach einem Stuhl, um sich aufrecht zu halten. Der Wandbildschirm war ein flackerndes Rechteck, aus dem nur sinnloses Rauschen drang. Verlust der Verstehbarkeit, dachte Marguerite.
Wie lange war sie fort gewesen? Vorausgesetzt, dass sie den Raum überhaupt je verlassen hatte. Wahrscheinlich hatte sie das nicht, obwohl sie mit jeder Faser ihres Körpers zu spüren meinte, dass sie auf UMa47/E gewesen war, dass sie die ledrige Haut des Subjekts mit ihren Fingern berührt hatte.
Dieser leere Konferenzsaal, die Ambulanz, ein verschneiter Morgen in Blind Lake, Rays Wahnsinn: Wie sollte sie in diese Geschichte zurückfinden? Sie dachte an Tess. Unten im Empfangsbereich, zusammen mit Chris, Elaine und Sebastian. Sie atmete tief durch, dann trat sie hinaus in den Flur.
Aber der Flur war voller Personen in weißen Schutzanzügen, bewaffneten Personen. Marguerite starrte verständnislos in die Runde, bis zwei dieser Personen auf sie zukamen und sie an den Armen fassten.
»Meine Tochter ist unten«, brachte sie heraus.
»Ma'am, wir evakuieren dieses Gebäude und auch alle übrigen Gebäude der Anlage.« Es war eine Frauenstimme, bestimmt, aber nicht unfreundlich. »Wir werden jeden dahin bringen, wo er hingehört, sobald das Gelände geräumt ist. Bitte kommen Sie mit uns.«
Marguerite musste sich dieser demütigenden Prozedur unterwerfen. Immerhin wurde ihr erlaubt, ihren Wintermantel, der im Empfangsraum über der Rückenlehne eines Stuhls hing, an sich zu nehmen. Dann führte man sie nach draußen, in einen bitterkalten Morgen hinein. Eine kleine Schar von Ambulanzbediensteten hatte sich dort versammelt, von Tess oder Chris war jedoch nichts zu sehen. Ihr wurde flau im Magen.
Sie entdeckte Sebastian Vogel und Elaine Coster, die mit einem Dutzend anderen Leuten zusammen in einen Mannschaftswagen geschleust wurden. Sie rief ihre Namen, rief auch nach Tessa, aber Elaine wurde von einem Behelmten nach drinnen gezogen und Sebastian konnte nur noch unbestimmt nach Westen deuten — in Richtung Alley, die, wenn Marguerite den Kopf ein bisschen reckte, die Straße hinunter gegenüber vom Einkaufszentrum zu sehen war.
Marguerite stockte der Atem.
Die Betonkühltürme waren verschwunden. Nein, nicht verschwunden, sondern verkapselt, eingefasst in ein Gerüst aus knotigen, silbrigen Trägern, kristallinen Minaretten und sich wölbenden Vorsprüngen. Die ummantelnde Substanz wuchs immer noch weiter, entwickelte strahlenförmige Arme, wie ein riesiger Seestern.
Tess, dachte sie. Mein Baby. Nimm mir nicht mein Baby weg.
Tess stand am Rande des Schachts, der einst die O/BEK-Zylinder beherbergt hatte und der sich nun als ein schäumender Abgrund glasartigen Korallenwuchses darbot. Für einen Sekundenbruchteil konnte Chris durchaus einen gewissen Reiz in diesem Gegensatz erkennen: Tess bewegungslos in ihrem staubigen Overall und dem leuchtend gelben Hemd, während auf der Galerie rings um sie herum Ungeheuerliches passierte; Tess in den Abgrund starrend, in dem ihr Vater verschwunden war — und wohin ihm zu folgen sie offenkundig ernsthaft in Betracht zog.
Chris ging auf sie zu, bis sie ihm einen warnenden Blick zuwarf, der in seinem Gehalt unmissverständlich war.
»Tess …«
»Er ist gesprungen«, sagte sie.
Neue Geräusche erfüllten die Luft, eine Art Klirren, ein Knirschen und Mahlen; Chris hatte Mühe, sie zu verstehen. Ja, Ray war gesprungen. Sollte er ihr das bestätigen?
Noch zehn Schritte, dachte er. Zehn Schritte, dann bin ich nahe genug, sie zu ergreifen und sie von hier wegzutragen, aber zehn Schritte waren ein weiter Weg.
Ihre Schuhspitzen testeten schon mal den Abgrund.
»Ist er tot?«, fragte sie.
Alle seine Instinkte sagten ihm, dass sie nicht beschwichtigt werden wollte. Sie wollte die Wahrheit hören.
Die Wahrheit: »Ich weiß es nicht. Ich sehe ihn nicht, Tess.«
»Komm näher ran«, sagte sie. Noch ein Schritt. »Nein! Nicht zu mir. Näher an den Rand.«
Er bewegte sich langsam und ein bisschen schräg an den Abgrund heran, versuchte den Abstand zwischen ihnen unauffällig zu verringern. Als er den Rand erreichte, blickte er hinunter.
Blasse Kristalle krochen an den Wänden der Kammer empor, aber die O/BEK-Zylinder waren von perlglänzendem Nebel verschluckt. Keine Spur von Ray.
»Sie will sich nur selbst schützen«, sagte Tess.
»Sie?«
»Mirror Girl. Oder wie du sie auch nennen willst. Sie konnte sich nicht mehr darauf verlassen, dass die Maschinen sie schützten. Deswegen hat sie ihre eigenen gemacht.«
Sprach Tess von den O/BEKs? Hatten sie es geschafft, ihre Umgebung selbst zu regulieren und ihre Abhängigkeit von den Menschen abzuschütteln?
»Ich sehe ihn nicht«, beklagte Tess. »Siehst du ihn?«
»Nein.« Ray war verschwunden.
»Ist er tot?«
Tess weinte nicht, aber Kummer zitterte in ihrer Stimme. Ein falsches Wort konnte ihre Verzweiflung nähren und sie über den Rand treiben. Eine offensichtliche Lüge aber würde vielleicht die gleiche Wirkung haben.
»Ich weiß es nicht«, sagte er. »Ich sehe ihn nicht.«
Das war wenigstens teilweise die Wahrheit, aber es war auch ein Ausweichen, das Tess mit einem verächtlichen Blick quittierte. »Ich glaube, dass er tot ist.«
»Na ja«, sagte Chris atemlos, »es sieht jedenfalls so aus.«
Sie nickte ernst und wiegte sich hin und her.
Chris mogelte sich einen weiteren kleinen Schritt heran. Wie viele solcher abgebrochenen Bewegungen würde es noch brauchen, bis er sie packen und vom Rand wegreißen konnte? Sechs? Sieben?
»Ihm hat die Geschichte nicht gefallen, in der er lebte«, sagte Tess. Sie ertappte Chris in der Bewegung und warf ihm einen weiteren warnenden Blick zu. »Ich bin nicht Porry, weißt du. Du brauchst mich nicht zu retten.«
»Dann komm von der Kante weg«, sagte Chris.
»Ich hab mich noch nicht entschieden. Wenn man hier stirbt, dann stirbt man vielleicht nicht wirklich. Dieser Ort verwandelt sich in etwas ganz Besonderes. Das ist nicht mehr Eyeball Alley.«
Nein, dachte Chris, wohl wahr.
»Mirror Girl würde mich auffangen«, sagte Tess. »Und mich mitnehmen.«
»Aber selbst wenn es so wäre, gäbe es kein Zurück. Du würdest nie mehr wiederkommen.«
»Nein … kein Zurück.«
»Porry würde nicht springen«, sagte er.
»Woher willst du das wissen?«
»Ich weiß es einfach.«
»Porry ist gestorben«, sagte Tess.
»Sie ist …« Er wollte es schon abstreiten, hielt aber rechtzeitig inne. Tess beobachtete sein Gesicht ganz genau. »Woher weißt du das?«
»Ich hab gehört, wie du mit Mom gesprochen hast.« Die letzte, die endgültige Porry-Geschichte. »Wie ist sie gestorben?«, fragte Tess.
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