Im ersten Moment dachten Kostja und die anderen: bloß ab nach Hause! Doch da sie sich nun innerhalb des Sperrgürtels befanden und jederzeit den Tunnel benutzen konnten, beschlossen sie, sich vorher noch etwas umzuschauen. Sie hatten ja das Elminggebiet bisher nur ganz kurz gesehen.
Der Eindruck von früher allerdings bestätigte sich schnell. Der Elming war eine Art großer städtischer Müllkippe. Hier lag aufgetürmt, was sich im Laufe der Jahre, in denen die Erde mit Hilfe der Synchrotunnel erforscht worden war, auf der Irena angefunden hatte.
Zunächst blieben die vier zusammen, doch bald zerstreuten sie sich, weil jeden etwas anderes interessierte. Bevor sie sich trennten, vereinbarten sie aber einen Treffpunkt, an dem sich alle wieder einfinden sollten.
Der Krake Prim blieb gleich dort. Er empfand, wie wohl alle Meeresbewohner, eine instinktive Abneigung gegen das Festland.
DIE ATLANTER UND DER LÖWE
Kostja tastete sich vorsichtig zum Zentrum des Elmings vor. Wer weiß, was für Gefahren in diesem Labyrinth lauern, dachte er. Hier kann sich sogar ein Geist verirren.
Plötzlich standen, wie aus dem Erdboden gestampft, zwei andere »Gespenster« vor ihm, zwei Jungen, die höchst seltsam anmuteten. Ihre kriegerische Haltung mit den geballten Fäusten verhieß nichts Gutes.
Die Jungen waren etwa gleich groß und in Kostjas Alter. Ihre Kleidung bestand lediglich aus einem Lendenschurz und so etwas wie Boxhandschuhen, wobei auf jeden nur ein Handschuh entfiel. Sie waren braungebrannt, doch spielte ihre Hautfarbe kräftig ins Rötliche wie bei den amerikanischen Indianern. Ihr halblanges, brünettes Haar reichte bis auf die Schultern. Die beiden sahen Kostja aus großen, leicht schrägstehenden Augen herausfordernd an.
Kostja war zunächst verblüfft, dann nahm auch er eine kampflustige Pose ein. Gleich darauf sagte er sich aber, daß die Übermacht eindeutig auf der anderen Seite lag, und streckte friedfertig seine Arme aus. Er hielt die Handflächen nach oben, denn bei den Indianern war das ja ein Zeichen dafür, daß man keine feindlichen Absichten hegte.
Diese Geste zeitigte ihre Wirkung. Die Fäuste der Jungen entspannten sich, und ihre ganze Haltung wurde lockerer.
Kostja bemerkte es mit Genugtuung und sagte, ohne große Hoffnung, verstanden zu werden:
»Ich heiße Kostja Talkin und komme von der Erde.«
»Wir stammen ebenfalls von der Erde und heißen Mo und No«, erwiderte einer der vermeintlichen Indianer, offenbar der Wortführer. Er war ein bißchen größer als sein Gefährte.
»Wir sind Atlanter!« fügte stolz der zweite hinzu. Kostja wollte schon losprusten, dachte aber an die Boxhandschuhe und verkniff sich noch rechtzeitig das Lachen. In seiner Vorstellung waren Atlanter große kräftige Männer mit Bärten, die an den Riesen Atlas erinnerten und auf deren Schultern vom Einsturz bedrohte Paläste ruhten.
Doch dann fiel ihm ein, daß die Jungs jene sagenumwobene Insel meinten, die vor Urzeiten im Meer versunken war und bis zum heutigen Tag erfolglos irgendwo im Atlantischen Ozean gesucht wurde.
Kostja betrachtete die beiden nun mit allergrößtem Respekt. Angeblich vor drei- bis viertausend Jahren mit ihrem Eiland untergegangen, fanden sie sich plötzlich auf der Irena ein.
»Wie hat es denn euch hierher verschlagen?« fragte er.
No, der Ältere, lud ihn mit einer Handbewegung ein, auf einem Balken Platz zu nehmen, der sich bei genauerem Hinschauen jedoch als Bruchstück einer Säule erwies.
»Unsere Heimat war die Insel Atlantis«, begann Mo, der Kleinere. »Sie war das schönste Stück Land unterm Himmelszelt, das es je gegeben hat.«

Na, na, nun übertreibt mal nicht, dachte Kostja.
»Atla, die Hauptstadt, war durch eine Steinmauer geschützt, deren metallene Zinnen wie Feuer in der Sonne funkelten«, erzählte Mo weiter. »Sie nahm ihren Anfang am Meer, führte um die ganze Stadt herum und endete wieder am Ozean, direkt neben dem Hafen. An den mehrstöckigen, mit Stuck verzierten Häusern, den gepflasterten Straßen, den türkisfarbenen Kanälen quer durch die Stadt konnten sich alle Atlanter erfreuen. Doch das eigentliche Wunder war der Kaiserpalast mit dem Poseidontempel, den man zu Ehren des Meeresgottes errichtet hatte. Die Außenwände des Tempels bestanden aus Silber, seine Eckpfeiler aus Gold und die Decke aus Elfenbein. Im Innern aber befand sich eine goldene Gottesstatue.«
Mo hatte das alles in einem Singsang berichtet, als wäre es auswendig gelernt. Und No fügte schwärmerisch hinzu:
»Du kannst dir nicht vorstellen, was für einen Spaß es machte, hinter den Antilopen im Tal herzujagen, auf den Felsen herumzuklettern, die ganz unterschiedlich gefärbt waren, an den Ufern der Kanäle zwischen roten Lilien Rast zu machen und den Flug der Schwalben zu beobachten.«
Beide verstummten, als wären sie in Gedanken wieder zu Hause, als würden ihre Herzen, ungeachtet der vergangenen Jahrtausende und der unermeßlichen Entfernungen, noch immer dort weilen.
»No und ich«, sagte Mo in plötzlich nüchternem Tonfall, wodurch er wohl das Ende der Geschichte ankündigte, »spielten innerhalb der Schutzmauern, als es passierte.«
No nickte zur Bestätigung und deutete mit einer Kopfbewegung auf die Handschuhe.
Sag doch gleich, daß ihr euch prügeln wolltet, dachte Kostja spöttisch.
»Ich hatte gerade den entscheidenden Schlag mit der Rechten geführt«, ergänzte No, »als die Erde unter mir plötzlich erzitterte und ich das Gleichgewicht verlor. Wahrscheinlich hat mich seine Linke erwischt, dachte ich…«
»Genauso war es«, entgegnete Mo ärgerlich, weil der Freund nach all den Jahrtausenden noch immer daran zu zweifeln schien.
»Na, ich weiß nicht«, sagte No. »Jedenfalls lagen wir beide Sekunden später auf dem Boden, wurden aber gleich darauf weit in den Himmel geschleudert, so daß wir von oben unsere ganze schöne Insel überblicken konnten. Sie zerbarst vor unseren Augen in tausend Stücke…«
»Was danach mit uns geschah, wissen wir nicht«, fuhr Mo fort. »Wir haben nur von den Irenern gehört, daß unsere Insel für immer im Wasser versunken sein soll. Wenn das stimmt, müssen wir bis in alle Ewigkeit auf diesem Planeten bleiben. Der Himmel«, Mo deutete vage über sich, »nimmt uns offenbar nicht zurück.«
»Aus diesem Grund haben Mo und ich beschlossen, uns so gut es geht im Elming einzurichten. Hier gibt es wenigstens einige Gegenstände, die uns an die Heimat erinnern. Wer weiß, vielleicht sehen wir sie ja doch noch mal wieder.« No strich liebevoll über das Bruchstück der Säule, auf dem sie saßen.
Da klammern sie sich ja an etwas, dachte Kostja verblüfft, und das nach viertausend Jahren!
»Und ihr lebt ganz allein hier?« fragte er.
»Wieso denn allein!« No lächelte geheimnisvoll.
Wie zur Bestätigung seiner Worte ertönte hinter ihnen plötzlich ein ohrenbetäubendes Brüllen, das allmählich in ein dumpfes Grollen überging:
»G-r-r-r-a-u-u-u!«
Kostja drehte sich erschrocken um und sprang dann blitzschnell über das Stück Säule.
Von hinten kam in seiner ganzen urweltlichen Pracht und Schönheit ein riesiger Höhlenlöwe auf sie zu!
Sein gewaltiger Rachen, in dem der Kopf eines Menschen ohne weiteres Platz gehabt hätte, die dichte Mähne und die mächtigen Tatzen flößten mehr als Respekt ein.
Erstaunt sah Kostja zu, wie die beiden Atlanter ohne Umschweife auf den Löwen zurannten und ihm lässig die Mähne kraulten. No schwang sich sogar rittlings auf seinen Rücken.
»Noch nicht einmal die Irener können sich erklären, wie dieses nette Urtier zu ihnen auf den Planeten gelangt ist«, erklärte No.
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