Ol kehrte zurück ins Wohnzimmer und wurde so von Lachen geschüttelt, daß ihm die Tränen in die Augen traten. Auch Vi und ihre Gäste stimmten in das Gelächter ein.
»Das hast du großartig gemacht, Kusmitsch«, gluckste der Geologe. »Wie du die beiden von der Treppe gefegt hast!«
»Ich hab doch nur ein bißchen mit dem Flügel gewedelt«, erwiderte spitzbübisch der Jäger.
Der Krake Prim, vergnügt seine Tentakel nach vorn werfend, bewegte sich wie ein großes Rad durchs Zimmer.
Nur der Scheuch lag leblos neben dem Stuhl, der vorhin den Massaren genarrt hatte. Ol ging zu ihm und hob ihn auf. Die Strohpuppe ließ es teilnahmslos geschehen.
»Hallo, Kostja«, sagte Vi, »hast du gehört? Dein Doppelgänger hat Freundschaft mit Viola geschlossen!«
Schweigen.
»Kostja ist nicht mehr hier!« rief Viktor Stepanowitsch erschrocken.
»Kein Grund zur Sorge«, beruhigte ihn Ol. »Wahrscheinlich hat er sich entschlossen, die beiden Massaren zum Zentrum zu begleiten. Damit es ihnen nicht zu langweilig wird«, fügte er verschmitzt hinzu. Doch dann wurde er unvermittelt ernst: »Hoffentlich hört Kostja mit seinen Streichen auf. Ich glaube, die Massaren haben durchschaut, daß es bei all ihren Mißgeschicken nicht mit rechten Dingen zugegangen ist. Wenn sie nur keinen Verdacht schöpfen!«
IM SYNCHRONAUTIKZENTRUM
Die Massaren hatten das Haus von Ol und Vi kaum verlassen, als ihre vorgetäuschte Freundlichkeit wie weggeblasen war.
»Wir werden ja sehen, woher bei denen der Wind weht«, wiederholte der eine von ihnen seine drohenden Worte von vorhin. »Vielleicht liegt es wirklich am Elming, nur in ganz anderem Sinn, als sie behaupten. Bestimmt steckt der Doppelgänger von diesem Bengel dahinter. Ich konnte den Stuhl gar nicht verfehlen!«
»Und ich bin nie und nimmer von allein über diese widerlichen Fangarme des Kraken gestolpert!« bestätigte der andere. »Ich habe deutlich gemerkt, daß einer seiner Tentakel sich um mein Bein geschlungen und daran gezogen hat. Ganz zu schweigen von der Tatsache, daß sie uns schlicht und einfach von der Vortreppe ins Gebüsch befördert haben. Mein schöner Anzug!«
Der Massar sah wütend an sich herunter. »Wenn dieser Ol nicht so wichtig für das Zentrum wäre, könnte er sich auf was gefaßt machen. Dann würden wir ihn nicht so glimpflich davonkommen lassen.«
»Und weshalb ist er so wichtig für uns?« fragte der erste Massar, der noch nicht lange im Zentrum arbeitete.
»Oh, er ist ein ausgezeichneter, sehr bekannter Synchronaut! Du weißt ja, daß es außerordentlich schwierig ist, die Tunnel so anzulegen, daß man zum vorgesehenen Zeitpunkt auf der Erde anlangt. Auch der Ankunftsort spielt eine große Rolle. Bei der Suche danach besitzt Ol langjährige Erfahrungen. Außerdem beherrscht er mehrere Fremdsprachen und versteht sich glänzend darauf, Kontakte mit den Erdenmenschen zu knüpfen. Er bewirkt wahre Wunder. Der Beruf eines Synchronauten ist sehr gefährlich. Er stößt ja in unerforschtes Gebiet vor, und es kann durchaus passieren, daß er im Falle einer Havarie für immer irgendwo zwischen Raum und Zeit steckenbleibt.«
Die beiden, ins Gespräch vertieft, merkten nicht, daß Kostja ihnen unsichtbar folgte.
Ich will versuchen, zusammen mit den Massaren ins Zentrum zu gelangen, dachte der Junge. Vielleicht kann ich Genaueres über ihre Pläne in Erfahrung bringen.
Das Gebäude des Synchronautikzentrums erinnerte an eine große, auf den Kopf gestellte Kristallvase. Zur Verwunderung des Jungen war es aber nur zwei Stockwerke hoch. Kostja wußte nämlich noch nicht, daß sich der überwiegende Teil des Hauses unter der Erde befand. Dort lagen die Forschungslabors, die Werkhallen, in denen die Synchrogleiter hergestellt wurden, und all die anderen Räumlichkeiten, die man für die schwierigen Aufgaben brauchte.
Die Massaren mußten einen Passierschein vorzeigen, um in das Gebäude zu kommen. Kostja folgte ihnen heimlich zum Lift. Allerdings besaß dieser Fahrstuhl nicht die geringste Ähnlichkeit mit den ramponierten Kästen, die er von zu Hause her kannte. Die ihm vertrauten Fahrstühle hatten die Angewohnheit, zur unpassendsten Zeit zwischen den Stockwerken steckenzubleiben, und sie taten das besonders gern, wenn er ohnehin zu spät dran war.
Der Lift, mit dem sie hier fuhren, besaß dagegen überhaupt keine Knöpfe. Man nannte ihm einfach die entsprechende Etage oder gab sie auch nur durch Gedanken ein. Diese Supertechnik wandte sich jetzt jedoch gegen die Massaren. Während die beiden den Fahrstuhl in Gedanken anwiesen, ins 27. Untergeschoß zu fahren, wo ihre Arbeitsräume lagen, hatte Kostja automatisch seinen sechsten Stock zu Hause im Sinn. Weil er aber den Männern mit seinem Wunsch ein paar Sekunden voraus war, glitt der Lift gehorsam nach oben. Und da es in einem zweistöckigen Gebäude keine sechste Etage geben kann, blieb er direkt unterm Dach hängen, in einem großen Gewirr von unterschiedlichen Rohren, die das Zentrum mit Wasser, Frischluft, Wärme und anderen notwendigen Dingen versorgten. Der Lift öffnete weit seine Türen, wie es sich für einen höflichen Gastgeber geziemt, die Massaren verließen ihn und standen erschrocken da. Statt in ihrem vertrauten halbrunden Korridor, sahen sie sich in diesem Durcheinander von Rohrleitungen, die wie Schlangen in alle Richtungen davonkrochen.
»Himmel, wohin hat’s uns denn hier verschlagen?!« rief der erste Massar und riß weit die Augen auf.
Die beiden drehten sich hastig um, denn sie wollten in den Fahrstuhl zurück. Dabei stolperten sie jedoch über eines der Rohre und landeten ziemlich unsanft im Innern der Kabine. Kostja entging einem heftigen Zusammenstoß nur, weil er körperlos, das heißt ein Elm war.
Der Fahrstuhl hielt seinen Auftrag für erfüllt, schloß sacht die Türen und setzte sich wieder in Bewegung. Das neuerliche Mißgeschick aber machte die Massaren noch unsicherer.
»Ich möchte bloß wissen, warum wir heute dauernd auf die Nase fallen«, sagte der eine, ohne freilich groß auf eine Antwort zu hoffen. »Vorhin, in Ols Haus, hatten wir ja noch einen bestimmten Verdacht, doch ins Zentrum können die Elme auf gar keinen Fall gelangt sein!«
Der zweite Massar schwieg, obwohl man ihm ansah, daß er eine solche Möglichkeit keineswegs ausschloß. Immerhin waren sie nicht auf eigenen Wunsch zum Dachboden hochgefahren!
»27. Untergeschoß«, befahl er, diesmal schon laut.
Kostja hatte natürlich längst begriffen, daß er der Urheber dieses Tohuwabohus gewesen war, und so verlief die Fahrt in die Tiefe ohne weitere Abenteuer. Der Lift langte wohlbehalten im genannten Stockwerk an und öffnete, wie schon vorher, bereitwillig seine Tür. Die Massaren warfen zunächst einen ängstlichen Blick nach draußen, sie vergewisserten sich, daß sie diesmal in der gewünschten Etage waren. Doch beim Aussteigen zögerten sie ein bißchen zu lange. Die Türflügel, die sich lautlos schlossen, klemmten einem der Massaren die Jacke ein, als er schon auf dem Flur stand und sich gerade in Bewegung setzen wollte.
Der Unglücksrabe fühlte sich von einer Geisterhand festgehalten, und sein Schrei gellte durch alle Korridore des Zentrums. Man hörte das Zerreißen von Stoff und den Schnappton der Türflügel, die, zwei Kiefern gleich, die Beute nur widerwillig hergaben. Als wären der Leibhaftige oder ein Ungeheuer hinter ihnen her, das sie gar zu gern verspeist hätte, stürzten die beiden davon. Das aber mit soviel Schwung, daß sie gegen die Tür ihres Labors krachten, wo sie erst einmal liegenblieben.
Ein Laborant erkannte seine Kollegen und sagte reichlich verwundert:
»Ach, ihr seid das! Was macht ihr denn für Faxen? Der Chef wartet schon seit einer Stunde auf euch.«
Und wie um seine Worte zu bestätigen, ertönte eine Stimme über den Lautsprecher:
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