Ol zögerte und überlegte, ob er die Besucher noch weiter einweihen sollte, doch dann entschloß er sich:
»Die Bewohner der Irena haben sich in zwei Lager gespalten. Das eine, vertreten durch die Massaren, ist der Meinung, man sollte die Erde kurzerhand erobern und sich auf diesem jungen, an Bodenschätzen noch reichen Planeten ansiedeln.

Das andere Lager bilden die Vitanten, sie sind entschieden gegen ein solches Vorgehen. Wir glauben nämlich«, fuhr Ol fort und machte damit deutlich, zu welchem der beiden Lager er und seine Frau gehörten, »daß die Errichtung der Stützpunkte und eine schrittweise Übersiedlung auf die Erde mit den Bewohnern dort abgesprochen und von ihnen gebilligt werden muß. Doch die Macht liegt leider bei den Massaren«, schloß er betrübt, »sie haben alle wichtigen Posten besetzt und uns Vitanten in den Hintergrund gedrängt. Sie sind jetzt sogar dabei, einen ihrer teuflischsten Pläne in die Tat umzusetzen. Immer mehr Irener werden zu euch gebracht und versuchen, als Erdenmenschen getarnt, ganz allmählich euren Planeten zu unterwerfen. Deshalb ist es gut, daß ihr hier seid und wir euch informieren können. Wir müssen unbedingt eine Möglichkeit finden, euch auf die Erde zurückzuschicken, damit ihr diese Leute enttarnt…«
Ol wollte weitersprechen, doch in diesem Augenblick ertönte das kleine melodische Glöckchen an der Gartenpforte.
Kurz darauf wurde die Tür zum Wohnzimmer aufgestoßen, und auf der Schwelle standen zwei Irener.
»Vorn war nicht abgeschlossen«, erklärte der eine halb entschuldigend.
»Guten Tag und herzlich willkommen zu Hause«, sagte der andere. Anscheinend war er gut gelaunt.
Ol und Vi erhoben sich. Sie begrüßten die beiden mit einem Kopfnicken.
»Für Gäste stehen unsere Türen stets offen«, erwiderte Ol. »Bitte treten Sie doch ein.«
Die Männer, beides Massaren, schauten sich neugierig im Zimmer um. Ihr Blick blieb an den großen Spielsachen haften, die so meisterhaft gefertigt waren, daß sie wie lebend wirkten.
»Was für Ungeheuer!« sagte der eine Massar und berührte mit der Fußspitze fast angewidert den Kraken an einem seiner Fangarme. »Von draußen haben wir Stimmen gehört und angenommen, wir wären nicht die ersten Gäste nach Ihrer Rückkehr. Mit einer so merkwürdigen Gesellschaft haben wir allerdings nicht gerechnet.«

»Nun ja, wir haben ein paar besonders originelle Spielsachen von der Erde mitgebracht«, erwiderte Vi, verlegen lächelnd. »Für Viola. Wir haben lange überlegt, was ihr gefallen könnte, und vorhin ein regelrechtes Puppentheater mit ihnen veranstaltet. Die Stimmen waren unsere.«
»Mein Geschmack wären die Viecher jedenfalls nicht«, sagte der andere Massar. »Wenn eure Tochter nachts über sie stolpert, wird sie zu Tode erschrecken.«
»Aber nein, Sie kennen Viola nicht! Ihr kann es nicht ausgefallen genug sein! Geht’s ihr übrigens dort auf dem Stützpunkt gut? Haben Sie neue Nachrichten von der Basis?« Vi wechselte geflissentlich das Thema.

»Ja, erst heute morgen ist wieder ein Synchrogleiter von der Erde zurückgekehrt. Mit Viola ist alles in Ordnung! Sie soll sich sogar mit einem Jungen von der Erde angefreundet haben, der jetzt jedoch im Elmenland ist. Wir wissen gar nicht, wie er dorthin kommt.«
Der Massar stieß unwirsch die Strohpuppe vom Stuhl, die wie ein Lumpensack herunterklatschte. »Aber er wird bestimmt bald in der Nähe des Tunnelausgangs auftauchen. Sollte Ihnen etwas davon zu Ohren kommen, geben Sie das bitte sofort ins Zentrum durch. Wir müssen ihn einfangen und in die Isolierzelle sperren, damit er hier kein Unheil anrichtet.«
Der Mann wollte sich auf den freigewordenen Stuhl setzen, doch der rückte plötzlich unmerklich zur Seite. Der Irener krachte mit dem Hinterteil auf den Fußboden, seine Beine spießten lächerlich in die Luft.
Mit dem Wegschieben des Stuhls hatte sich Kostja für die unfreundliche Behandlung des Scheuchs gerächt.
Der Massar sprang hastig auf und rieb sich den Hintern, wobei er den hinterhältigen Stuhl argwöhnisch beäugte. Der aber stand da, als wäre nichts geschehen.
»Haben Sie sich auch nicht weh getan?« fragte Ol scheinbar teilnahmsvoll. Natürlich hatte er Kostjas Streich sofort durchschaut.
»Schon gut, nicht der Rede wert!« murmelte der Massar. »Ich hab wohl nicht richtig hingeguckt.« Er warf dem Stuhl erneut einen scheelen Blick zu, wagte es aber nicht, sich ein zweites Mal zu setzen. »Wir sind im Grunde nur auf einen Sprung hier, wollen uns nach Ihrem Befinden erkundigen. Außerdem sollen wir Ol bitten, morgen ins Zentrum zu kommen. Wir haben eine interessante Aufgabe für Sie! Wir sind dabei, einen neuen Typ von Synchrogleitern zu erproben, den sogenannten Kristallskaphander, mit dem man… Nun ja, Genaueres erfahren Sie morgen.«
»Gut, ich bin morgen früh da«, versicherte Ol.
»Selbstverständlich kommt er«, bestätigte auch Vi. »Je eher wir hier die Arbeit erledigt haben, desto schneller sind wir wieder bei unserer Kleinen auf dem Stützpunkt.«
»Weil Sie noch mal den Stützpunkt erwähnen«, griff der Massar die Bemerkung auf. »Wenn Sie das Experiment mit dem Zeitskaphander durchführen, bekommen Sie jeden Wunsch erfüllt. Dann kann Viola umgehend nach Hause zurückkehren.«
Nach diesen Worten machte er abrupt kehrt und verließ das Zimmer. Sein Gefährte, der die ganze Zeit neben ihm gestanden hatte, wollte ihm folgen. Doch nun hatte er Pech. Er blieb an den ausgerollten Fangarmen des Octopus hängen und schlug der Länge lang hin. Das alles ging so blitzschnell, daß er nicht einmal dazu kam, sich mit den Händen abzustützen. Er zog sich eine Beule am Kopf zu, die rasch blau anlief. Man konnte direkt dabei zusehen.
Vi wandte sich ab, um nicht vor Lachen loszuprusten, Ol aber stürzte zu ihm und half ihm wieder auf die Beine.
»Was ist denn heute mit Ihnen los, meine Herren?« fragte er ein bißchen scheinheilig. »Haben Sie Gleichgewichtsprobleme?«
Er begleitete die Besucher liebenswürdig zur Haustür und streckte ihnen zum Abschied die Hand hin. Doch die Massaren kamen nicht dazu, sie zu schütteln: Ein jäher Windstoß erfaßte die geöffnete Tür und schlug sie voller Wucht gegen die beiden Männer. Ehe sie sich’s versahen, wurden sie seitlich von der Vortreppe hinunter in die Büsche geschleudert, die den Gartenweg säumten. Auf den ersten Blick wirkten diese Sträucher in ihrem Grün samtweich, doch sie waren stachlig wie Rosengehölz. Als sich die zwei dort wieder herausgerappelt hatten, machten sie einen beklagenswerten Eindruck. Statt der eleganten Herren von vorhin standen abgerissene Lumpen vor Ol, übersät mit Kratzern und blauen Flecken.
»Bitte entschuldigen Sie«, Ol breitete bestürzt die Arme aus, »hier zieht es immer so. An manchen Tagen heult der Wind um die Ecken wie ein Rudel hungriger Wölfe. Aber Ihnen ist ja bestimmt nicht entgangen, daß die Fenster unseres Hauses direkt zum Elming zeigen. Vielleicht rührt der Wind von daher?«
»Wir werden schon herausfinden, woher bei Ihnen der Wind weht!« knurrte einer der Massaren wütend. »Auf Wiedersehen!«
Dann trollten sich die beiden wie geprügelte Hunde.

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