«Glaubst du, ich tappe denen bereitwillig in die Falle? Ich bin doch nicht wahnsinnig! Die hätten uns jetzt!«
«Du weißt doch gar nicht, was der gemeint hat! Vielleicht werden irgendwo da vorne auch nur zu hohe Geschwindigkeiten geblitzt. Oder es geht um etwas ganz anderes!«
Er fuhr jetzt ein einigermaßen normales Tempo.
«Wir dürfen nichts riskieren. Besser, wir sind einmal zu oft vorsichtig als einmal zuwenig. Übrigens«, er machte eine Kopfbewegung hin zum Armaturenbrett,»wir haben fast kein Benzin mehr.«
Sie tat so, als habe sie das zuvor nicht bemerkt.
«Tatsächlich. Wir sollten eine Tankstelle aufsuchen.«
Er runzelte die Stirn.»Das ist zu gefährlich. Die Tankstellen haben längst unser Kennzeichen. Da schnappen sie uns.«
«Aber wir werden nicht mehr weit kommen.«
«Nein. Das werden wir nicht.«
Er sagte dies mit einer plötzlichen Gelassenheit, die Leona angst machte.
«Was soll dann werden?«fragte sie.
Er wandte sich ihr zu. Es war, als glätte sich etwas in seinem Gesicht. Die Furchen verschwanden, die Verkrampfung um den Mund löste sich. Es war wieder das schöne, verführerische Gesicht des Robert Jablonski von einst, des Mannes, von dem sie geglaubt hatte, er könne ihre Zukunft sein.
«Du mußt keine Angst haben, Leona. Man wird uns nie wieder trennen. Dafür werde ich sorgen.«
Sie schluckte trocken.»Robert…«
«Ich habe dich nie verlassen, seitdem wir unsere Liebe füreinander entdeckten. Nie. Ich wollte dir das schon lange sagen. Es ist mir wichtig, daß du das weißt.«
«Ich weiß es.«
Sein Blick streichelte sie voll trauriger Zärtlichkeit.
«Damals, im letzten Jahr, im Dezember, da hast du gedacht, ich sei einfach verschwunden für zwei Wochen. Weißt du noch? Du warst sehr böse mit mir.«
«Ich… ich erinnere mich…«
«Ich war die ganze Zeit in deiner Nähe. Ich wollte wissen, ob es dir ernst ist mit mir. Ob du mir treu bist. Du hast die Probe bestanden, Leona. Und du warst wirklich ärgerlich, weil ich verschwunden war. Da wußte ich, daß deine Gefühle echt sind.«
«Du… warst nicht bei einem Verlag in… Italien…«
«Dummchen!«Zum zweiten Mal nannte er sie so, aber das Wort klang liebevoll aus seinem Mund.»Ich habe gar kein Manuskript geholt zum Übersetzen. Ich habe nicht gearbeitet.«
«Aber du hattest diesen Stapel Papier…«
«Schmierpapier. Aus deinem Schreibtisch und aus dem von deinem Mann. Alte Akten. Alles mögliche. In Wahrheit…«
Sie begriff.»In Wahrheit hast du jeden Tag in dem Cafe vor dem Verlag gesessen. Nicht nur an dem Tag, an dem dich Carolin dort entdeckte. Deswegen konnte ich dich telefonisch nie erreichen. Du hast ständig versucht, mich im Auge zu behalten.«
«Weil ich dich liebe, Leona. Ich mußte sicher sein, daß du nicht auf dumme Gedanken kommst.«
«Du meinst…«
«Ich mußte sicher sein, daß du mir nicht untreu wirst.«
Sie kannte bereits die Antwort, aber irgend etwas trieb sie, die Frage trotzdem zu stellen.
«Was wäre gewesen, wenn ich mich untreu verhalten hätte?«
«Ich hätte dich getötet«, sagte er so freundlich und schlicht wie seinerzeit in dem Cafe in Locarno.
«Du hast aber nie einen Grund gefunden, mich zu töten.«
«Nein. Auch als du mich verlassen hast, wußte ich, daß du ein Opfer böser Menschen warst. Millie Faber hat dich gegen mich aufgehetzt. Dafür hat sie bezahlen müssen.«
Ein trockenes Schluchzen klang aus Leonas Kehle.
«Robert, ich habe Angst, ich will nicht…«
«Du mußt keine Angst haben. Sei ganz ruhig. Ich habe mich
nur ein wenig geirrt. Wir werden nicht zusammen leben. Wir werden zusammen sterben.«
«Wohin fährst du?«
«Irgendwohin, wo es ganz still ist. Wo wir ganz allein sind.«
«Es ist nicht so einfach zu sterben, Robert.«»Ich werde zuerst dich töten. Dann mich.«
«Bitte…«
«Ich werde dir nicht weh tun. Du bist nicht schlecht wie Anna. Du wirst nichts spüren. Ich verspreche es dir.«
«Sterben tut immer weh.«
«Ich werde sanft sein. Sehr vorsichtig. Ich liebe dich, Leona.«
Sie fuhren die gerade, sonnenbeschienene Landstraße entlang. Das rote Warnlicht an der Benzinanzeige brannte. Nicht ein einziges anderes Auto begegnete ihnen. Nicht ein einziges Auto folgte ihnen. Um sie herum war nichts als endlos weite Wiesen. Vereinzelt ein Baum.
Das Auto wird stehenbleiben, und dann wird es geschehen, dachte Leona, hier also werde ich sterben.
Vielleicht, so ging es ihr durch den Kopf, wurden Schicksale gefügt am Tag der Geburt. Vielleicht war es ihr immer bestimmt gewesen, an einem Sommertag zwischen blühenden Feldern ihr Leben zu beenden. Unter den Händen eines Wahnsinnigen, der glaubte, sie nur auf diese Weise für immer an sich fesseln zu können.
Und im selben Moment, da sie dies dachte, lehnte sich etwas in ihr gegen den Gedanken auf. Gegen den Gedanken von Schicksal, Fügung, Vorherbestimmung und der damit verbundenen Vorstellung von Unausweichlichkeit. Auf einmal durchströmten sie all die Wut, all die Gefühle, die immer wieder lebendig wurden in ihr, seit Robert Jablonski in ihr Leben getreten war und ihr ihre Selbstbestimmung geraubt hatte. Auf einmal war sie zu zornig, um noch Angst zu haben.
Ehe Robert in irgendeiner Weise reagieren konnte, griff sie mit beiden Händen in das Lenkrad und riß es nach rechts herum. Der Wagen schoß von der Straße auf einen Acker zu und prallte frontal gegen den einzigen Baum, der weit und breit seine dicht belaubten Äste in den wolkenlosen Himmel reckte.
Leona hörte Robert schreien und verspürte selbst einen brennenden Schmerz, der in ihren Beinen begann und dann den Körper ganz und gar überschwemmte.
Gleich darauf verlor sie das Bewußtsein.
Sie wußte, nicht, ob Sekunden, Minuten, Stunden vergangen waren. Irgendwann riß der Schmerz sie aus ihrer Ohnmacht. Sie blinzelte in gleißend helles Licht. Voller Verwunderung dachte sie: Ich bin noch am Leben.
Ihre Beine taten mörderisch weh. Angestrengt versuchte sie, die Augen zu öffnen, um sehen zu können, was überhaupt geschehen war. Sie entdeckte, daß ihre Beine voller Blut waren. Blech oder Glas oder sonst irgend etwas hatten ihr tiefe Schnitte zugefügt. Das Auto war zu alt, um schon über Airbags zu verfügen. Nichts hatte die Wucht des Aufpralls gemildert.
Leise stöhnend richtete sie sich in ihrem Sitz auf. Der Gurt drückte sich tief in ihre Haut. Sie zog an ihm, um ihn zu lockern. Nach vorn konnte sie nicht das geringste sehen; die Windschutzscheibe war ein einziges dicht gewobenes Spinnennetz aus Sprüngen.
Ich muß hier raus, dachte sie.
Im selben Moment vernahm sie ihren Namen.
«Leona.«
Es war Roberts Stimme. Sie klang klar und deutlich.
Die Erinnerung, für kurze Zeit abgetaucht in verschwommene Tiefen, kehrte zurück. Sie und Robert. Ihre gemeinsame Flucht in diesem Auto. Seine Angst vor der Polizei. Seine Worte:»Wir werden zusammen sterben.«
Alles umsonst. Alles umsonst! Tränen schössen ihr in die Augen. Sie waren beide am Leben. Klebten in dem eingedellten Auto an einem verdammten Baum irgendwo in der Einöde. Ihre Beine waren zu kaputt, als daß sie eine Chance gehabt hätte wegzulaufen. Sie war verloren. Er mußte nur die Hand ausstrecken, um sie zu erwürgen. Sie hing hilflos in ihrem Gurt und fühlte das Blut in warmen Rinnsalen zu ihren Füßen hinablaufen.
«Leona!«wiederholte er drängend.
Sie brachte endlich die Kraft auf, den Kopf zu wenden und ihn anzusehen. Er saß auf der Seite des Autos, die den Baum unmittelbar erwischt hatte. Es hatte den Anschein, als sei hier das Äußere des Wagens in das Innere gequetscht worden. Die Windschutzscheibe war herausgebrochen bis zur Mitte, der Rahmen war gesplittert, Stangen ragten kreuz und quer in die Luft. Robert hatte das Armaturenbrett unmittelbar vor sich, kaum zwei Handbreit hätten noch Platz gefunden zwischen seiner Brust und dem Knäuel aus Plastik und Glas, das sich unentwirrbar zusammengeballt hatte. Das Lenkrad schien in seinem Bauch zu verschwinden. Schien? Wo sollte es sonst sein, fragte sich Leona und wandte sich hastig ab, kämpfte den Brechreiz nieder, der sie plötzlich schüttelte.
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