Gemma Malley - Das letzte Zeichen
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Er war wie ein Soldat, dachte der Bruder bei sich. Vielleicht war die Technikabteilung doch nicht der richtige Platz für ihn. Vielleicht passte er besser in die Polizeigarde, denen er etwas von seiner Zielstrebigkeit und seinem Pflichtbewusstsein beibringen könnte. Aber nein. Lucas kannte sich besser aus im System als irgendjemand sonst; sein Verständnis von Technik und von Computerprogrammen war ohne Beispiel. Jeder konnte die Polizeigarde anführen, aber nur Lucas konnte das System leiten.
»Ich verstehe.« Er atmete tief aus, ging an seinen Schreibtisch und nahm Lucas’ Bericht in die Hand. »Das Problem ist nur: Das alles wirft weitere allgemeine Fragen auf über die Eignung deines Bruders.« Er sah irgendetwas aufflackern in Lucas’ Gesicht, aber es verschwand zu schnell, als dass er es hätte analysieren oder deuten können. »Ich glaube, dass Raphael gestört ist«, fuhr er fort und senkte den Blick, sodass er ganz vage auf die Höhe von Lucas’ Kinn schaute. »Mehr als gestört. Ich glaube, wir haben alles für ihn getan, was wir können, und ihn so lange in Schach gehalten, wie es zu verantworten ist.«
»Und wo ist Euer Beweis dafür?«, fragte Lucas unvermittelt. Der Bruder zuckte ganz leicht zusammen. War da ein rebellischer Unterton in Lucas’ Stimme oder war das wirklich nur eine Frage zur Klärung? Er schüttelte sich. Er projizierte seine eigenen Ängste auf Lucas und sah Wut, wo keine war. Lucas wusste doch gar nicht, was es hieß, Wut zu empfinden. Lucas war fast so etwas wie ein Sohn für ihn, und dennoch hatte er das Gefühl, dass er ihn weniger kannte als jeden anderen, mit dem er Zeit verbrachte.
»Ich weiß es«, antwortete er traurig und erschöpft, »oder sagen wir eher, das System weiß es. Ich hatte gehofft …« Er sah wieder auf Lucas und spürte, wie er fast zurückprallte angesichts des Fehlens irgendeiner Gefühlsregung im Gesicht des jungen Mannes. »Ein Bericht ist erstellt worden, der besagt, dass Raffy uns verlassen wird.«
»Wird er zum K erklärt?«
»So hat das System es entschieden«, antwortete der Bruder ernst und legte die Hände wie zum Gebet aneinander – eine Angewohnheit, die er nicht abstellen konnte.
»Dann bekommt er heute Nacht eine zweite Neutaufe?«
»Ja, sie holen ihn heute Nacht … zur Sicherheit aller«, sagte der Bruder und suchte in Lucas’ Gesicht nach einem Anzeichen von Trauer oder von Wut – etwas, das er nachempfinden konnte. Aber natürlich war da nichts.
»Sehr gut. Wenn das System entschieden hat«, sagte Lucas. »Ist das alles?«
»Das ist alles«, antwortete der Bruder und fragte sich, warum ihm das Fehlen jeglicher Reaktion bei Lucas einen solchen Stich versetzte.
Lucas ging zur Tür, öffnete sie, doch dann zögerte er. »Bruder?« Der zögerliche Tonfall des jungen Mannes überraschte den Bruder ziemlich.
»Ja, Lucas?«
»Könnte ich noch einen Abend mit Raphael verbringen? Und auch meine Mutter?«
Der Bruder starrte ihn an. Es ging ihm also doch nah. »Bittest du mich, die Umsetzung der Entscheidung des Systems hinauszuschieben?«, fragte er.
Lucas nickte langsam. »Ich weiß, es ist allerhand, darum zu bitten«, sagte er, und seine Stimme klang etwas rau. »Aber es würde ihr sehr viel bedeuten. Meiner Mutter.« Der Bruder schaute ihn vorsichtig an. Es war tatsächlich allerhand, darum zu bitten. Und endlich konnte der Bruder ein paar Wolken am strahlend blauen Himmel entdecken und aus irgendeinem Grund heiterte ihn das auf. Lucas war doch ein Mensch. Er war doch echt.
»Dann also morgen«, sagte er.
»Danke.« Ein Lächeln. Vielleicht das erste Lächeln, das je Lucas’ Augen erreicht hatte. Dann war er fort.
Langsam ging der Bruder zu seinem Schreibtisch hinüber, zog Raphaels Wechselakte hervor und legte sie in die Schublade.
Evie wusste, dass Raffy nicht bei der Arbeit war. Zum einen, weil sie früh dort war und sich so lange draußen herumgetrieben hatte, bis sie sah, dass Lucas allein kam, zum anderen, weil sie es einfach wusste. Und sie wusste auch, dass er nicht krank war. Sie hatte gehört, wie die Leute sich zuflüsterten, dass er unter Bewachung stand, und dass sein Bruder den Auftrag hatte, herauszufinden, was er wusste. Den Rest füllte sie mit Einbildung, mit Angst und mit Abscheu gegenüber Lucas und mit der Wut auf ihn und der Enttäuschung über ihn, über jeden.
Denn in Wirklichkeit war es ihre Schuld. Sie hätte früher Schluss machen müssen. Sie hätte stärker sein müssen. Und jetzt war Raffy … ja, was eigentlich? Irgendwo weggesperrt? Gefoltert von Lucas, weil er sie besucht hatte? Weil Lucas ihm gefolgt war? Weil Lucas sich nichts machte aus Gefühlen oder aus Familienbanden oder so etwas? Weil er grausam war und wütend und eifersüchtig?
Auf dem Heimweg kam sie an Raffys Haus vorbei, und sie war versucht, an die Tür zu klopfen und nach ihm zu fragen, doch sie wusste, dass das sinnlos war. Sie konnte genauso wenig an diese Tür klopfen, wie sie entscheiden konnte, Lucas nicht zu heiraten, nicht zur Arbeit zu gehen oder die Gesetze der Stadt nicht zu befolgen. Sie musste tun, was man von ihr erwartete, weil das alle taten. Ohne Widerrede. Ob die anderen Leute, die hier lebten, diese Regeln genauso frustrierend fanden, ob sie sich danach sehnten, sie zu brechen und sich den Versuchungen der Begierde und der Wut hinzugeben? Waren die As einfach von Natur aus gut oder hatten sie sich einfach nur besser im Griff? Hatte auch Lucas manchmal Triebe, die er im Zaum halten musste? Evie lachte dumpf auf. Lucas hatte bestimmt niemals irgendwelche Triebe oder Gefühle gehabt, da war sie sich sicher.
Als sie nach Hause kam, wartete ihre Mutter schon in der Küche auf sie, vor sich auf dem Tisch die Nähmaschine und daneben einen Stapel halb fertiger Kleider.
»Evie«, rief sie und seufzte. »Da bist du ja endlich. Belle war heute nicht da wegen Grippe. Du musst mir helfen, damit wir ihren Teil fertigkriegen.«
Evie starrte auf den Haufen. Früher, bevor sie in der Behörde angefangen hatte, war sie ihrer Mutter regelmäßig beim Nähen von Kleidung oder Bettzeug zur Hand gegangen – ein oder zwei Stunden jeden Tag nach der Schule, bevor sie zusammen das Abendessen gemacht hatten. Seit sie selbst zehn Stunden am Tag arbeitete, hatte die Mutter nicht mehr gefragt. Sie schien keine Arbeit mehr mit nach Hause zu nehmen.
»Also gut«, sagte sie und legte ihre Tasche weg. Schließlich war das Einzige, was sie an diesem Abend geplant hatte, wütend auf Lucas zu sein und sich Sorgen um Raffy zu machen.
»Gut«, meinte Delphine. »Ich koche und du nähst. Genau wie früher.«
Evie wusch sich die Hände, setzte sich an den Tisch und machte sich wieder mit der Nähmaschine ihrer Mutter vertraut. Manches hatte sie längst vergessen, aber nach einigen Probenähten ging es schon besser. Beim ersten Mal drückte sie zu heftig auf das Pedal, sie war zu schnell, und ihre Naht wurde schief, aber bald kam sie wieder in den Rhythmus und begann, das sanfte, beruhigende Surren zu genießen, während sie sich nur darauf konzentrieren musste, eine gerade Linie beizubehalten.
»Dein Vater hat mir erzählt, Lucas hätte sich gestern Abend mit dir unterhalten«, sagte ihre Mutter nach ein paar Minuten Schweigen.
Evie antwortete nicht. Sie hatte es genossen, einmal ein paar Minuten nicht an Lucas zu denken.
»Du hast Glück, dass dir so ein guter Mann den Hof macht«, fuhr ihre Mutter unbekümmert fort. »Ich hoffe, du weißt das zu schätzen und gibst ihm das Gefühl, dass er die richtige Wahl getroffen hat … dass du gut genug für ihn bist.«
Evie hielt inne mit Nähen und blickte zu ihrer Mutter auf. »Du machst dir anscheinend keine Gedanken darüber, ob er auch gut genug für mich ist.«
Delphine verdrehte die Augen. »Evie, so etwas sagt man nicht einmal im Spaß. Mit Lucas hast du es jedenfalls sehr gut getroffen. Sehr gut.«
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