Wolfgang Herrndorf - Sand

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Sand: краткое содержание, описание и аннотация

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"Er aß und trank, bürstete seine Kleider ab, leerte den Sand aus seinen Taschen und überprüfte noch einmal die Innentasche des Blazers. Er wusch sich unter dem Tisch die Hände mit ein wenig Trinkwasser, goß den Rest über seine geplagten Füße und schaute die Straße entlang. Sandfarbene Kinder spielten mit einem sandfarbenen Fußball zwischen sandfarbenen Hütten. Dreck und zerlumpte Gestalten, und ihm fiel ein, wie gefährlich es im Grunde war, eine weiße, blonde, ortsunkundige Frau in einem Auto hierherzubestellen."
Während in München Palästinenser des "Schwarzen September" das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis — Nordafrika 1972.
Ein mitreißender Agententhriller — und noch viel mehr: ein literarisches Abenteuer, ein außerordentlicher Roman. (rowohlt)

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Acht Jahre lang hatte er den Posten eines Lehrers im Salzviertel innegehabt, des einzigen Lehrers dort. Wobei Posten eine Übertreibung sei. Die Zentralverwaltung kümmere sich nicht, man arbeite praktisch für Gotteslohn. Mit sichtlicher Anstrengung schilderte er verschiedene Episoden seines Pädagogendaseins. Er wischte sich den Schweiß von Gesicht und Tumoren, zeigte mit ausgestrecktem Arm die Größe der Kinder an und fügte Platituden über neugierige Augen, unverdorbene Seelen und helles Kinderlachen hinzu. Genau genommen bestand die Pointe aller seiner Erzählungen in glockenhellem Kinderlachen. Wie er sie ausgebildet, wie er ihnen Hoffnung gegeben hatte. Wie sie ihn Monsieur Soundso genannt und seine Scherze mit ihrem Lachen vergolten hatten! Diese Dankbarkeit in schmutzumrandeten Augen. Nun bliebe ihre Ausbildung für immer unvollendet.

Er ahmte die kleinen, traurigen Gesichter beim Abschied nach, hustete etwas Blut auf den Pier, und Jean hatte keine Mühe, die eigentliche Botschaft hinter der Botschaft zu erfassen. Leute wie er und der Spanier rochen einander auf zehn Meilen gegen den Wind. Er ließ sich von dem Todgeweihten die Lage der Schule und die näheren Umstände beschreiben, winkte zum Abschied noch einmal aufmunternd zum Schiff hin, und zwei Tage später hatte das Salzviertel einen neuen Lehrer.

Eine pädagogische Ausbildung besaß Jean Bekurtz so wenig wie sein Vorgänger, aber Lesen, Schreiben und Rechnen konnte ja jeder.

Der Klassenraum war ein lehmgestampftes Geviert ohne Fenster, Licht kam durch das mit Matten nur halb verhängte Dach. Tische und Stühle stammten aus den Anfängen der Kolonialzeit. Auf manchen waren noch Parolen aus dem Khan-Krieg eingeritzt. Wenn zu viele Schüler zum Unterricht erschienen, saßen sie auf mitgebrachten Kanistern oder standen einbeinig hinten an der Wand. Die Stirnseite des Raumes schmückte seit neuestem eine riesige Tafel in Form eines schwarz lackierten, an beiden Enden abgesägten Surfbretts.

Und der Spanier hatte nicht übertrieben. Die Zahl der Schüler war unüberschaubar. Auch an Feiertagen kamen reizend verwahrloste und zutrauliche Jungen, um unterhalten zu werden, und Jean zog sie auf seinen Schoß und gab ihnen Nachhilfe in griechischer Geschichte. Wenn er ein wenig Geld hatte, kaufte er den Besten gefrorenes Wasser oder eine Schokolade oder was die kleinen Herzen so begehrten. In den Pausen spielten sie mit einem alten Fußball, und wenn eins der kleinen braunen Dinger Monsieur Bekurtz umdribbelt hatte, hob er es hoch und drückte dem Strampelnden zur Strafe einen feuchten Kuss auf die Stirn. «Ihr macht mich ganz verrückt!», rief der Lehrer dann, und glockenhelles Kinderlachen antwortete ihm. Aber meistens machten sie tatsächlich Unterricht.

Die Legende vom Wissensdurst der Unterprivilegierten bewahrheitete sich nur halb. Wie überall gab es anderthalb Intelligente, fünf Mittelbegabte und einen unüberschaubaren Rest von entzückender Schlichtheit. Einige der Ältesten und Geschundensten kamen nur zum Unterricht, weil sie zu schwach zum Arbeiten waren, weil sie auf der Straße wie Hunde getreten wurden und weil in der fernen Koranschule kein Platz für Abschaum war.

Schulbücher gab es nicht. Wenn Jean die Lust am Lesen und Rechnen verging, reproduzierte er schwerfällig das Halbwissen seiner eigenen Kindheit, las aus billigen Romanen vor oder zeichnete Diagramme aus Illustrierten an die Tafel. In dem Prospekt eines franko-belgischen Molkereikonzerns fand er die schematische Zeichnung einer Kuh, er ergänzte sie aus dem Kopf um vier Mägen mit unwahrscheinlichen Funktionen und sang das Hohelied der Naturbeobachtung. Ein toter Star, der morgens auf der Schwelle zum Schulgebäude lag, wurde mit einem Taschenmesser seziert und sein Flügelprofil mit der Tragflächenform einer Boeing verglichen. Das in einer Motorsport-Zeitschrift gefundene, phantastisch komplizierte Schema eines Otto-Motors schaute wochenlang als vergröberte Kreidezeichnung auf die Schüler hinab und wurde in allen Einzelheiten demokratisch gedeutet. Je nach Stimmungslage verwandelten sich so siebzig begeisterte Kinder wochenlang in Veterinäre, Piloten und Kfz-Mechaniker. Dass keines von ihnen jemals die Chance haben würde, tatsächlich einen dieser Berufe zu ergreifen, war ein Gedanke, den Jean in langen, einsamen Nächten von sich wegschob. Er erwachte morgens mit Kopfschmerzen und hatte Mühe, seinen gestaltlos flackernden Idealismus gegen die Geister der Nacht zu verteidigen. Mit den Jahren wurde er sentimental.

Wenn er beim Anbruch des Tages auf dem Dach stand und die improvisierte Schulglocke schlug, wenn er die geliebten Wesen aus allen Richtungen auf sich zueilen sah, wenn sie schwatzend und kichernd, singend und winkend, traurig und heiter in sein Haus einzogen, wusste er, dass alle Mühe vergebens war. Ihr Schicksal auf den Müllbergen war so vorherbestimmt wie unabänderlich von Geburt an, als sei die Religion, der sie anhingen, ausnahmsweise einmal mehr als ein Märchen, und die kindlich bunte, heitere Hoffnung auf Bildung und Freiheit, die Jean in ihre kleinen Seelen einzupflanzen suchte, leuchtete so trübe wie unstetig, schwächlich und verlöschend durch eine von Aberglauben und Patriarchat vernebelte Welt. Aber sie leuchtete! Und Jean, der in seinem Leben vieles begonnen und wieder hingeworfen hatte, blieb seiner Bestimmung treu. Er war der Lehrer im Salzviertel, und er blieb es, Jahr für Jahr.

Der Unterricht begann bei Sonnenaufgang, sommers wie winters. Die erste Stunde widmete sich dem lateinischen Alphabet, eine Gewohnheit, die Jean vom Spanier übernommen hatte. A wie Aufklärung. H wie Humanismus. Wörter mit Q gab es kaum. Jean schrieb auf die Tafel, und die Schüler schrieben mit Kreiden auf Holzbrettern, die zum Schulinventar gehörten. Die Bretter waren wie sandgestrahlt und wurden nach der Stunde mit Lumpen gereinigt.

Im Frühjahr 1972, als Jean bereits zwei Jahre Lehrer im Salzviertel war, kam es zu einer kleinen Revolution auf dem Schreibsektor. Abderrahman, der Sohn des Wasserverkäufers, hatte irgendwoher einen Bleistift und schrieb aus Angeberei auf Papierschnipsel. Khalid Samadi, der der Bäcker vor Ort war und somit viel mehr als ein Wasserverkäufer, beschaffte daraufhin seinem Sohn Tarik für teuer Geld ebenfalls einen Bleistiftstummel und ein Oktavheft mit zur Hälfte unbeschriebenen Seiten. Schon wenige Wochen später schrieben nur noch die elendsten der Elenden auf Holz.

Die beste Methode, an ein Schreibgerät zu gelangen, war, den Vierstundenmarsch durch die Stadt zu unternehmen und die Touristen an der Küste zu bedrängen. «Pour l’école, pour l’école» war ein Argument, dem gegenüber sich die rätselhaften Europäer weit weniger verschlossen zeigten als einem mit leerer Magengrube hingekrächzten «J’ai faim». Das Risiko, sich in der Millionenstadt zu verlieren, von Soldaten und anderem Gesindel eingefangen oder verschleppt zu werden oder aus welchen Gründen auch immer niemals zurückzukehren, nahmen alle auf sich. Hinter dem Hafen lagen Kisten mit zermatschtem Gemüse, in der Ville Nouvelle fand man mit ein wenig Glück Arbeit für eine Stunde, und im Südosten war die Gefahr, auf vergitterte Laster geworfen zu werden, am größten. Jeder dritte Ausflug endete in der Tragödie. Wie Insekten, die auf die Lichtquelle zusteuern, taumelten die Kinder über die Müllbarriere hinweg dem Reichtum entgegen.

Einer der vier Mohammeds schrieb mit einem angespitzten Holzrohr, das er in aus Kaffeeresten selbstgemachte Tinte tunkte. Rassul besaß einen Filzstift, in den er oben ständig hineinspuckte, damit etwas grünliche Flüssigkeit unten hinauslief. König der Alphabetisierten jedoch war Aiyub.

Aiyub gehörte zu den Aussätzigen und war von überschaubarer Intelligenz. Er kannte seine Familie nicht und lebte in einem mit Pappe bedeckten Erdloch. Zum Marsch in die Stadt war er zu schwach, eine Mine hatte ihm dem linken Unterschenkel weggerissen. Er war der Letzte, der auf Holz schrieb, bevor er eines Tages mit großer Gebärde einen Kugelschreiber aus den Tiefen seiner Dschellabah zog. Der Stift war aus poliertem Metall, das so sanft und matt und edel funkelte, dass es möglicherweise sogar Silber war. Nein, sicher war es Silber! Denn auf dem Clip standen eigenartige Buchstaben, ein unaussprechliches Wort, das selbst den Lehrer in Erstaunen versetzte. Ein solches Schreibgerät hatte noch nie jemand gesehen. Man konnte die Spitze des Stiftes vorne herausschauen lassen, und durch das Betätigen einer mechanischen Vorrichtung schoss hinten der Druckknopf heraus. Wenn man einem Mitschüler diesen Stift in den Nacken hielt und gleichzeitig die Druckmechanik betätigte, konnte man ihm einen kleinen, lustigen Schmerz zufügen.

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