Wolfgang Herrndorf - Sand

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Sand: краткое содержание, описание и аннотация

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"Er aß und trank, bürstete seine Kleider ab, leerte den Sand aus seinen Taschen und überprüfte noch einmal die Innentasche des Blazers. Er wusch sich unter dem Tisch die Hände mit ein wenig Trinkwasser, goß den Rest über seine geplagten Füße und schaute die Straße entlang. Sandfarbene Kinder spielten mit einem sandfarbenen Fußball zwischen sandfarbenen Hütten. Dreck und zerlumpte Gestalten, und ihm fiel ein, wie gefährlich es im Grunde war, eine weiße, blonde, ortsunkundige Frau in einem Auto hierherzubestellen."
Während in München Palästinenser des "Schwarzen September" das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis — Nordafrika 1972.
Ein mitreißender Agententhriller — und noch viel mehr: ein literarisches Abenteuer, ein außerordentlicher Roman. (rowohlt)

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Jean war der Spross einer französischen Beamtenfamilie, der als junger Mann in Indochina gekämpft hatte und — wie seine Mutter dem Hausarzt der Familie anvertraute — nicht ohne leichten Schaden geblieben war.

Nach der Enthebung General Navarres blieb Jean noch einige Zeit in Fernost und begann dann ein unstetes Wanderleben, das ihn an viele Orte der Welt, nur nicht zurück nach Frankreich führte. Um 1960 herum schließlich blieb er an der nordafrikanischen Küste hängen, ein erster Vorbote der Generation, die es als ihre Hauptaufgabe empfand, die Lebensweise ihrer Eltern in Frage zu stellen.

Mit bescheidenem Gewinn verkaufte er Ledersandalen, Mützen, Sonnenöl, Badelaken, Schlüsselanhänger, T-Shirts, selbstgemachten Schmuck, Sonnenbrillen und gelegentlich Kif an Touristen. Es war kein übermäßig erfüllendes Leben, aber es wäre vermutlich noch lange so fortgegangen, wenn Jean nicht eines Tages am Strand von Targat zufällig dem charismatischen Edgar Fowler III begegnet wäre. Die beiden stolperten geradezu übereinander, und sie erkannten einander sofort. Links Siddhartha, rechts Feltrinelli, Brüder im Geiste, und an die ersten Wochen ihrer Freundschaft blieb in Jeans Kopf aus guten Gründen nicht mehr als eine sehr farbenprächtige und zugleich nebelhafte Erinnerung zurück. Gemeinsam bewohnten sie ein winziges Zimmerchen mit Meerblick (Jeans Erinnerung) bzw. Blick über Müllberge (Fowlers Erinnerung), sie begeisterten sich für italienische Filme über die sexuelle Ausbeutung der Frau durch die Gesellschaft, hantierten mit einem Chemiebaukasten für Kinder herum und lasen immer obskurere Schriftsteller, bis sie schließlich (und das Wie und Warum dieses Unternehmens liegt ebenfalls im Dunkel) auf die Idee kamen, eine Kommune in der Wüste zu gründen, die sich durch Gemüseanbau selbst finanzieren sollte.

Fowler lieferte die ideologische Generalausrichtung für das Projekt und rekrutierte im Handumdrehen eine beachtliche Zahl überaus ansehnlicher junger Frauen, während Jean im Wesentlichen die Idee mit der Landwirtschaft beisteuerte.

Als Kind der Großstadt hatte er nicht die geringste Ahnung von dem, was er zu dieser Zeit noch das Wunder des Lebens nannte, aber seine Begeisterung wirkte ansteckend. Barfuß und mit einer gelben Plastikgießkanne in der Hand sah man ihn des Morgens um bläulich-grüne Hirsekeime herumtanzen, die den harten Wüstenboden durchbrachen, und Vorträge halten über das unvergleichliche Gefühl, im Schweiße seines Angesichts die Scholle zu beackern und gerechten Lohn mit Gleichgesinnten solidarisch zu teilen. Es war Jeans überbordender, mitunter verzweifelter Enthusiasmus, der die Gemeinschaft anfangs zusammenschweißte, und es war auch Jean, der als Erster das Interesse am Gemüse wieder verlor.

Die unerträgliche Sonne über dem Kaafaahi-Felsen und der noch unerträglichere Sand! Das kleinkarierte Einpflanzen von Pflanzenkeimen, die einfach nicht wachsen wollten und mit unendlich mühsam herbeigeschlepptem Wasser besprenkelt werden mussten! Das entsprach nicht seinen Vorstellungen vom wilden Leben.

Es kam zu ersten Unstimmigkeiten mit den mittlerweile acht anderen Mitgliedern der Kommune, und schon nach wenigen Wochen war Jean das erste Mitglied, das wegen ideologischer Differenzen und nach endlosen Diskussionen über die Ausübung der freien und in seinen Augen überhaupt nicht freien Sexualität unter in Anführungszeichen erwachsenen Menschen aus der Kommune wieder ausgeschlossen werden musste, von seinem Freund Edgar Fowler persönlich exkommuniziert. Das war im Jahr 1966.

Zurück in Targat lief das alte Geschäft mit dem Trödel nur noch schleppend. Jean hatte Konkurrenz bekommen, am Strand hauste plötzlich ein Dutzend Langhaariger. Er war gezwungen, auf Opium umzustellen; drei Viertel seines Verdienstes kassierte nun die Polizei. Er konnte sich kein Zimmer mehr leisten. Er verwahrloste. Nach Dien Bien Phu war dies das schrecklichste Jahr. Er trug sich bereits mit dem Gedanken, nach Frankreich zurückzukehren, als eines schönen Tages ein mittelloser Amerikaner auf ihn zukam und seine Tagesration gegen ein Surfbrett einzutauschen versuchte.

So etwas wie dieses Brett hatte Jean noch nie gesehen. Die gedankenvolle Form, die blendende Weiße. Noch am Abend desselben Tages paddelte er bäuchlings aufs offene Meer hinaus. Ihn begeisterte die neue Perspektive, die Freiheit, die Meditation der Wellen. Er schloss die Augen, und als er sie wieder öffnete und schwarze Wolken am Horizont sah, beunruhigte ihn das nicht. Als der Wind umschlug und in einen Sturm überging, beunruhigte ihn das nicht. Als die Grundsee die Wellen aufstellte und es ihn vom Brett fegte, fand er das einige Sekunden lang ungeheuer komisch. Dann begann sein Kampf ums Überleben. Er hatte die Orientierung sofort verloren. Unter Wasser wirbelte er über die Felsen dahin und schnappte in tosender Gischt nach Luft. Schließlich warf ihn ein Brecher an Land.

In seinem vollkommen zugerauchten Hirn übertrieb er die Gefahr, in der er sich befunden hatte, maßlos, und noch während er röchelnd und hustend am Strand lag und zusah, wie das Wasser hinter ihm auch sein Brett wieder ausspuckte, es zurücklutschte und abermals ausspuckte, verdichtete der Moment sich in ihm zu einer Kugel von strahlender Helligkeit. Dies war kein Kampf gegen hinterlistige Reisfresser mehr, dies war keine Intrige einer läppischen Gemüsekommune, dies war die Allgewalt der allgewaltigen Natur, ein Augenblick großer Entschiedenheit. Das Meer hatte ihm gezeigt, wozu es imstande war, und er, Jean Bekurtz, hatte dem Meer gezeigt, dass er das akzeptieren konnte. Der schmale Grat, das große Licht. Der quer über den Himmel geschriebene Satz: Du musst dein Leben ändern. Und er änderte es.

Jeden Tag, wenn die Brandung hochging, paddelte er nun hinaus. Er brauchte etwa zwei Wochen, bis es ihm gelang, sich zum ersten Mal auf dem Brett aufzurichten und einige Meter auf einer Welle hinabzugleiten, und in den folgenden Jahren konnte jeder, der am Strand von Targat Urlaub machte, ihn bei Wind und Wetter auf einem Brett im Meer stehen sehen, die Arme seitlich an den Körper gepresst, auf dem Rücken oder vor der Brust verschränkt. Gelegentlich sang er dabei. Jean hatte aufgehört zu rauchen, und er wurde so klar im Kopf, dass klar schon nicht mehr das richtige Wort dafür war. Braungebrannte Haut überspannte seine trainierten Muskeln, Salzwasser und Sonne bleichten die Haare.

Fast drei Jahre lang ging das so, ohne dass er einen Moment des Zweifels erlebte. Er war der erste Wellenreiter, den diese Gestade zu sehen bekamen, und in Dutzenden europäischen und amerikanischen Fotoalben dieser Zeit dürfte es noch heute das Bild eines langhaarigen, apollinischen, zärtlichen jungen Mannes geben, der mit einem wahlweise juchzenden, verschreckten, großäugigen, vorlauten oder einfach nur entsetzten Zehnjährigen im strandnahen Wasser das Balancieren übt. Targat 1969.

Doch so abrupt, wie dieses Leben begonnen hatte, so rasch endete es auch wieder. In der Pension, in der Jean logierte, war ein ausgemergelter Spanier mit zwei schweren Koffern abgestiegen. Dieser Spanier hatte eine Schiffspassage gebucht und war zu schwach, sein eigenes Gepäck zu tragen. Sein Unterkiefer war krebszerfressen, am Hals wuchsen Tumore, und sein Atem roch bereits wie aus einer anderen Welt. Wie er Jean anvertraute, wollte er zum Sterben zurück in die Heimat, für medizinische Behandlung sei es bereits zu spät.

Lächelnd nahm Jean die Koffer unter einen Arm, das Surfbrett unter den anderen und trug alles zum Hafen hinunter. Zwischen den Gepäckstücken auf dem Pier sitzend, rauchend, während das Schiff am Horizont langsam an Größe gewann, erzählte dieser Spanier Jean sein Leben. Er sprach sehr leise und höflich, etwas zusammenhanglos und mit halbgeschlossenem Mund, als versuche er, nicht allzu viel Jenseits in diese Welt hinauszuatmen.

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