Warum das ausgerechnet in diesem Moment einen so starken Eindruck auf sie machte, wusste sie nicht. Und es ging auch rasch vorüber.
Lange Minuten saß sie im Auto, ohne den Zündschlüssel herumzudrehen. Sie rauchte zwei Zigaretten und betrachtete eine Fliege auf der Windschutzscheibe. Dann startete sie den Motor und schaltete das Fernlicht ein.
65. DAS WEITERE GESCHEHEN
Ach, die Unentzifferbarkeit des Vorhersehbaren!
Calvin Scott
Wenn man wollte, könnte man die Chronik der unerfreulichen Ereignisse an dieser Stelle guten Gewissens abbrechen. Viel mehr als das Berichtete hat sich nicht ereignet.
Im Sheraton wurde ein Schlüssel vermisst. Im Leeren Viertel kam ein Mann zu Reichtum, der eine günstig erworbene Espressomaschine zum Zehnfachen ihres Preises weiterverkaufen konnte. Eine junge hellhäutige Frau (normannischer Typus) und ihr dreijähriges Kind wurden mit aufgeschlitzten Kehlen in den Bergen aufgefunden. Im Rachen des Jungen entdeckte man ein Amulett in Form eines kleinen Teufelchens. Das Verbrechen wurde nie aufgeklärt.
Weder Spasski noch Moleskine erhielten den Nobelpreis. Ihr Ruhm ist verblasst, auch wenn der Umfang ihrer Wikipedia-Artikel das nicht vermuten lässt. Der afrikanische Einheitsstaat wurde nicht gegründet.
Der Polizeigeneral von Targat sah sich gezwungen, seine drei halb arabisch-, halb europäischstämmigen Beamten Canisades, Polidorio und Karimi durch weniger gut ausgebildete Beamten zu ersetzen. Canisades’ Leiche wurde im Niemandsland der Wüste in der Nähe einer verlassenen Schnapsbrennerei gefunden, mit einer Drahtschlinge um den Hals. Er war dort Hinweisen auf das Verschwinden zweier Fellachensöhne nachgegangen, die irgendjemand zu Unrecht in Zusammenhang mit dem Vierfachmord in einer ländlichen Kommune gebracht hatte. Als Canisades’ Mörder hängte man einen alten Schnapsbrenner, der keine Söhne, kein Alibi und, wenn man ehrlich sein wollte, auch kein Motiv hatte.
Amadou Amadou schlug sich in den Süden durch, verkaufte ein am Fahrersitz blutbekleckertes Fahrzeug auf der Straße nach Nouakchott an Nomaden und wurde zuletzt in der Gegend von Dimja gesehen, wo sich seine Spur verliert.
Karimi schied 1973 aus dem Dienst aus, nachdem er während der fünften Säuberungswelle von aufgebrachten Anwohnern des Salzviertels vom Bulldozer gezerrt und beinahe gesteinigt worden war. In einem französischen Krankenhaus, das auf Rückenmarksverletzungen spezialisiert war, ließ er sich fast zwei Jahre lang behandeln. Danach kehrte er im Rollstuhl sitzend und noch misanthropischer als zuvor an die Küste zurück. Eine angebotene Stelle im Innendienst lehnte er ab. Fast ein Jahr lang half er in der Bar seines Bruders am Ausschank und vergraulte die Gäste, bevor ihm eine kleine Rente bewilligt wurde und er sich der Kunst der Ölmalerei zuwandte.
Auf die Malerei war er mehr oder weniger zufällig bei einem seiner Ausflüge durchs Hafenviertel gekommen. In einem Schaufenster dort hatte er einen Malkasten mit Zinktuben entdeckt, die wie pralle, bunte Würste um ein Büschel Marderhaarpinsel lagen — für Touristen und ganz und gar überteuert. Unter Hinweis auf seine alten Kontakte handelte er den Preis auf ein Achtel herunter und widmete sich fortan ganz dem phantastischen Realismus.
Er konnte einige Bilder verkaufen, nahm an kleineren Ausstellungen teil, und auch eine Beteiligung an einer Gruppenausstellung im Jeu de Paume in Paris 1977 ist verbürgt. Der Katalog zur Ausstellung ist nur schwer erhältlich, aber wer sich dafür interessiert, findet noch heute ein mit Q. Karimi ’78 flott signiertes Gemälde im Polizeipräsidium von Targat. Seit mittlerweile dreißig Jahren schmückt es dort die Eingangshalle und wartet auf mit einer ansprechenden Zusammenstellung schöner Frauengesichter, grausiger Totenschädel und gespenstisch kahler Bäume, über denen Fledermäuse kreisen. Der Künstler verstarb 1979 an einer Lungenentzündung.
Polidorio schließlich war, wie wir uns erinnern, an einem Samstagmorgen des Jahres 72 mit seinem Mercedes in Richtung Tindirma aufgebrochen und galt seitdem als verschollen. Ein Foto von ihm hing eine Weile lang überall in Targat und Tindirma und nach einiger Zeit nur noch in Targat und schließlich nur noch im dortigen Polizeipräsidium. 1983 wurde er für tot erklärt, und diese Erklärung ist bis heute nicht angefochten worden.
In einem Brief schrieb Heather Gliese mir, ihre Mutter habe ein glückliches und erfülltes Leben geführt und sei rüstig, bei guter Gesundheit und wenige Tage vor ihrem zweiundsiebzigsten Geburtstag sanft entschlafen. Sie hinterlasse vier Enkel, ihre Bibliothek umfasse achttausend Bände in mehreren Sprachen, und ein immer wiederkehrender Albtraum, der sie in ihren mittleren Jahren eine Weile lang beunruhigt hatte bis hin zu einer unangenehmen Form der Schlaflosigkeit, sei zuletzt von selbst wieder verschwunden, ohne die Hilfe eines Therapeuten.
Mit einigen harmonischen Akkorden könnte man das Buch also ausklingen lassen. Ein kurzes Landschaftspanorama vielleicht noch, ein Kameraschwenk über den gezackten Schattenriss des Kangeeri-Gebirges vor abendlicher Dämmerung, in rosa und lila Dunst getauchte Täler, Schluchten voller purpurnem Schatten, ein paar Fledermäuse, ein malerisches Maultier. Ry Cooder spielt Gitarre. Von links wandert ein Windrad ins Bild.
Man könnte allerdings auch, wenn man ganz furchtlos ist und sich in der richtigen Stimmung befindet, noch einen Blick zurück auf eine nicht ganz unwesentliche Figur dieser Geschichte werfen, auf einen Mann, dessen verworrenes Schicksal uns eine Weile lang in Atem gehalten hat, einen Mann, der weder willentlich noch zufällig unter die Räder des Schicksals geriet, sondern einzig und allein durch eine falsche logische Schlussfolgerung; durch den Glauben an die Unschuld eines Schuldigen. Auf einen Mann mit Gedächtnisverlust.
Wollen wir das? Ein kurzer Blick zum Kameraassistenten, flüchtiges Schulterzucken beiderseits, und schon zoomt die Kamera die Öffnung eines Bergwerksstollens heran, die als winziger Punkt auf der gegenüberliegenden Bergflanke zu erkennen war, nun rasch größer wird, dunkler wird, bis sie die ganze Leinwand einnimmt und wir mit einer Mischung aus rasender Kamerafahrt und komplizierter Tricktechnik tief in das Innere des Berges hineinfliegen.
Hätten wir ein Nachtsichtgerät zur Verfügung, könnten wir nun grün flirrende Schattenbilder eines schlammigen Tümpels mit menschlicher Gestalt erkennen. Um den Tümpel herumfahrend zeigte das schwankende Bild uns den verkrampften Oberkörper von allen Seiten, zeigte den seit vielen Stunden schon verzweifelt mit dem Durst und dem Schlaf und dem Tod ringenden Mann. Dann ein rascher Schnitt auf das von aller Hoffnung verlassene Gesicht. Mit der bekannten Mischung aus Voyeurismus und Empathie könnten wir das Leiden dieses Menschen vorführen, könnten ihm zusehen bis zu seinem endgültigen Tod oder seiner sich aus den bisher bekannten Umständen nicht schlüssig ergebenden Rettung.
Wir könnten allerdings auch einräumen, dass wir über ein solches Nachtsichtgerät nicht verfügen. Und verfügten wir darüber, was nützte es uns in Wahrheit? Es ist dunkel in der Höhle, so dunkel, dass nicht ein Schimmer von Restlicht, der auf irgendeine technische Weise verstärkt werden könnte, in die Tiefen dieses Berges hinabdringt. Vollkommene, alles durchdringende, undurchdringliche Finsternis umgibt uns, sodass wir den Leser bitten müssen, sich das Folgende allein in seiner Phantasie vorzustellen.
The ball I threw while playing in the park
Has not yet reached the ground.
Dylan Thomas
Carl stützte sich auf den linken Ellenbogen. Er stützte sich auf den rechten Ellenbogen. Er erinnerte sich, wie er einmal hinausgeschwommen war, im frühen Morgenlicht, in den grauen Ozean hinein. Es musste der Atlantik gewesen sein oder ein anderes großes Meer. Um ihn herum war gelber Nebel, der dichter geworden war über dem Wasser, nichts als gelber Nebel, das Ufer war lange verschwunden. Er hatte nicht wirklich die Orientierung verloren, aber eine abstrakte, namenlose Angst war plötzlich in ihm aufgestiegen. Allein auf dem Meer und mit nichts Greifbarem um sich herum und nichts unter sich als bodenlosem Wasser, in einer Welt ohne Formen, eingehüllt in gelbe Watte, hatte er geglaubt, den Tod zu fühlen. Noch hörte er die brütenden Möwen am Ufer, aber was, wenn sie aufgeflogen waren? Er schwamm zurück, und als er doppelt so lange geschwommen war, wie er seiner Meinung nach zum Strand hätte brauchen dürfen, hörte er die Schreie der Möwen hinter sich. Entsetzt änderte er abermals seine Richtung. Sein Körper kühlte aus, die Muskeln erlahmten, und ihm fiel ein, dass es das Klügste wäre, auf der Stelle zu bleiben und zu warten, bis die Sonne den Nebel auflöste, um mit letzter, verbliebener Kraft den Rückweg antreten zu können. Aber in seiner Panik fühlte er sich dazu nicht imstande. Immer weiter schwamm er in der einmal eingeschlagenen Richtung fort, und als er sich schon verloren glaubte, hob sich der Nebel, und er sah, dass er die ganze Zeit parallel zum kaum einen Steinwurf entfernten Ufer geschwommen war.
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