Wolfgang Herrndorf - Sand

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Sand: краткое содержание, описание и аннотация

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"Er aß und trank, bürstete seine Kleider ab, leerte den Sand aus seinen Taschen und überprüfte noch einmal die Innentasche des Blazers. Er wusch sich unter dem Tisch die Hände mit ein wenig Trinkwasser, goß den Rest über seine geplagten Füße und schaute die Straße entlang. Sandfarbene Kinder spielten mit einem sandfarbenen Fußball zwischen sandfarbenen Hütten. Dreck und zerlumpte Gestalten, und ihm fiel ein, wie gefährlich es im Grunde war, eine weiße, blonde, ortsunkundige Frau in einem Auto hierherzubestellen."
Während in München Palästinenser des "Schwarzen September" das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis — Nordafrika 1972.
Ein mitreißender Agententhriller — und noch viel mehr: ein literarisches Abenteuer, ein außerordentlicher Roman. (rowohlt)

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Er hörte sich schreien wie ein zweijähriges Kind, und als er sich ein wenig beruhigt hatte, versuchte er herauszufinden, was das Glitschige eigentlich war. Ob es etwas Verwesendes oder etwas möglicherweise noch Ess- oder Trinkbares war. Aber nach anderthalb Tagen im Schlammloch waren seine Sinne stumpf. Er konnte es nicht erkennen, und dass er überhaupt auf solche Gedanken kam, machte ihm klar, dass sein endgültiger geistiger und körperlicher Zusammenbruch unmittelbar bevorstand.

Zurück in der Höhle markierte er die Sackgasse, die er nun zweimal hinaufgekrochen war, mit einem Stein. Dann überlegte er, wie viele Gänge von der Höhle insgesamt abgingen. Waren es drei? Oder vier? Er wusste es nicht. Er konnte sich nicht erinnern. Um sicherzugehen, kroch er eine weitere schmerzhafte Runde gegen den Uhrzeigersinn. Einer, der hinabführte … noch einer, der hinabführte … dann kam schon der Markierungsstein. Also nur drei Gänge! Eine Sackgasse, ein Gang, der am Schlammtümpel endete, und einer, der in die Freiheit führte. Führen musste. Aber welcher? Der rechte? Der linke? Völlige Dunkelheit senkte sich über sein logisches Denken. Einen Raum mit drei Ausgängen, den man bei Licht gesehen hat, kann man als Gewissheit abspeichern. Drei Gänge, die man in einer nachtschwarzen Höhle ertastet, sind nichts weiter als ein gestaltloser Albtraum. Ihm kam es vor, als müsse der Gang, der nicht unmittelbar neben dem markierten Gang lag, der richtige sein. Aber dann wieder schien es ihm, als ob bei drei Ausgängen immer jeder Gang unmittelbar neben jedem anderen lag. Er hörte sich im Dunkeln keuchen. Seine Intuition verlangte hartnäckig eine Drehung nach links, weil er sich bisher immer rechtsum gewandt hatte, aber die gleiche Intuition sagte ihm auch, dass sein räumliches Denken so verworren war, dass auf die Intuition selbst kein Verlass sein konnte, und so wandte er sich abermals nach rechts.

Der Gang, auf den er so stieß, führte zehn oder fünfzehn Meter steil bergab, wurde dann flacher und verzweigte sich in Form einer Kreuzung.

Beide Seitenarme, wie Carl herausfand, waren lang und tot. Er brachte Markierungen vor den Gängen an und kroch weiter. Seine letzten Hoffnungen schwanden. Im Schlamm hatte er wenigstens noch gegen konkrete Gegner gekämpft, gegen Wasser und Metall. Hier kämpfte er mit dem Nichts. Stickige, heiße, vielarmige Finsternis, die ihn verschlang. Schon verschlungen hatte.

Rechts und links zweigten weitere Wege ab. Er fand keine Steine, mit denen er sie hätte markieren können, und ließ sie unerforscht. Irgendwann bog er in einen Gang, der ihm etwas breiter schien als die anderen. Am Rand lagen Kiesel und Steine, und er versuchte vergeblich, einige davon im Mund mitzuführen. Er hätte reichlich Gelegenheit gehabt, sie zu verwenden. Alle paar Meter gab es nun Abzweigungen. Es ging nach links und nach rechts, bergauf und bergab, und irgendwann sackte er zusammen und blieb liegen. Das Gesicht auf kühlem Fels. Ohne fremde Hilfe würde er diesem Labyrinth nie entkommen. Er hoffte, einfach wegdämmern und friedlich sterben zu können, aber die Endgültigkeit des Todes hielt den Schlaf von ihm ab. Vielleicht diesen breiten Gang noch zu Ende. Auf zerfetzten Händen, Ellenbogen und Knien schleppte er sich durch eine lange, langgezogene Kurve — und da wurde es hell.

Es war ein ganz unwirkliches, jenseitiges, körperloses Licht. Es lag auf keinem Gegenstand, es schwamm wie Nebel vor seinem Auge. Er drehte den Kopf hin und her, aber der Lichtnebel drehte sich nicht mit. Inmitten des Nebels ein Punkt. Er starrte knapp daran vorbei, und der Punkt wurde deutlicher. Mit letzter Kraft kroch er noch zwanzig, dreißig Meter darauf zu, bis er sich vergewissert hatte, dass der Schimmer stetig an Intensität zunahm und nur als mehrfache Reflexion vom fernen Ausgang her kommen konnte. Und dann brach er zusammen.

In einem einzigen, sich endlos wiederholenden Traum sah er sich aus einer Wasserflasche trinken, die Helen ihm reichte.

Als er die Augen aufschlug, lag er in völliger Finsternis. Der Lichtpunkt war verschwunden. Er blinzelte, er drehte den Kopf. Der Punkt blieb verschwunden. Aber er geriet nicht in Panik. Draußen ist die Sonne untergegangen, sagte er sich, die ganze Welt liegt im Dunkel. Und er schlief erneut ein. Sein Körper fieberte. Seine Mundhöhle war eingetrocknet und hart wie Holz. Als er schließlich das Bewusstsein zurückkehren fühlte, wagte er lange nicht zu blinzeln. Ihm war übel vor Hunger und Durst und Schmerzen und Aufregung. Aber da war der Lichtschimmer wieder, und er war deutlicher als zuvor.

Während er darauf zukroch, erschienen die ersten Konturen. Nach zwei Biegungen wurde der felsige Untergrund sichtbar, über den er sich schleppte. Carl hob sich taumelnd auf die Füße. Die Eisenstange schlug an seinen Knien hin und her. Die Luft wurde besser, die Felsen bekamen Form und Farbe, und schließlich erblickte er in gar nicht so weiter Ferne einen von Steinzacken umrahmten Ausschnitt des Himmels.

Mit einem blut- und schlammverkrusteten Arm schirmte er seine Augen gegen das blendende Licht. Auf dem schmalen Felsplateau mit der Hütte des Bergarbeiters blieb er stehen. Er atmete wie ein kleiner Vogel. Das Windrad drehte sich. Der Tag war eben angebrochen.

Lange Minuten stand Carl einfach da und schaute hinaus in die tröstlich menschenleere Welt, eine Welt violetter Bergspitzen, in rosa und lila Dunst getauchter Täler, Schluchten voller purpurnem Schatten. Eine Fledermaus schoss an Carls Schulter vorbei und hinter ihm in den Stollen hinab. Da meinte er plötzlich, ein leises Pochen zu hören. Das Geräusch war so leise, dass er sich nicht sicher war, ob es aus der Richtung der Holzhütte oder aus seiner linken Schläfe kam.

Im selben Moment meldeten sich die lebenswichtigen Fragen zurück: Wie komme ich an Trinkwasser? Wie an medizinische Versorgung? Und vor allem: Wie komme ich hier weg?

Krachend flog die Tür der Hütte auf, knallte gegen einen Stein und schlug wieder zu. Im Innern tobte jemand. Die Tür öffnete sich erneut, und Hakim von den Bergen kam herausgehüpft, nackt bis auf eine zerschlissene Unterhose, die um seine Knie schlotterte. Er sah schrecklich aus. Seine Füße waren mit einem Hanfseil zusammengebunden. Exkremente an seinen Schenkeln festgetrocknet. Um die Handgelenke trug er dicke Fesseln, die Verbindung zwischen ihnen war durchgescheuert. Ungelenk hopste er in den Morgen hinaus, die Unterhose schlackerte auf die Knöchel hinab. Unterm Arm die Winchester. Er starrte Carl an. Er schrie.

«Wir kennen uns», rief Carl und hob beschwichtigend die blutigen Hände.

«Allerdings», sagte Hakim und lud das Gewehr durch. «Scheißamerikaner!»

«Ich gehör nicht zu den andern! Ich bin keiner von denen!»

«Natürlich nicht — und ich bin der König von Afrika.»

«Ich hab dir nichts getan!»

«Du hast mir nichts getan! Nein, nur deine Frau, der stinkende Haufen Kameldung!», brüllte der Alte, legte an und schoss Carl eine Kugel zwischen die Augen.

Um Gleichgewicht bemüht, hüpfte er noch zweimal auf der Stelle, hopste dann in die Hütte zurück und machte sich von den Fußfesseln los. Gegen Mittag packte er seine Habseligkeiten, schleifte Carls Leiche in die Hütte, übergoss alles mit Benzin und warf ein brennendes Streichholz dazu. Dann stieg er mit seinem Bündel in die Ebenen hinab, Hakim III, der letzte der großen Bergarbeiter im Kangeeri-Massiv.

68. DIE MADRASA DES SALZVIERTELS

Tremblez, tyrans, et vous perfides

L’opprobre de tous les partis,

Tremblez! vos projets parricides

Vont enfin recevoir leurs prix!

Tout est soldat pour vous combattre,

S’ils tombent, nos jeunes héros,

La terre en produit de nouveaux,

Contre vous tout prêts à se battre!

La Marseillaise

Die Arme seitlich vom Körper weggestreckt wie ein Gekreuzigter, mit einem blauen Plastikkanister in der einen und einem verrosteten Schraubenschlüssel in der anderen Hand stand Jean Bekurtz auf dem Dach des Schulgebäudes, schaute gen Osten und erwartete den Aufgang der Sonne.

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