Jetzt, in einer Schlammgrube in der Tiefe des Berges, begraben unter kilometerdickem Fels, schien ihm diese Erinnerung eine der heitersten seines Lebens. Er wünschte sich, noch einmal im großen Meer zu sterben, unter dem gelben Licht des gleichgültigen Himmels, von klarem Salzwasser verschluckt. Gischt spritzte ihm ins Gesicht, Telegraphenmasten huschten vorbei, beide Hände umklammerten das Steuer.
Ein Sandstrahlgebläse war auf seine Windschutzscheibe gerichtet. Er wickelte sich ein Stück Tuch um den Kopf und öffnete die Tür. Eine Eimerladung Sand flog in den Wagen, er schloss die Tür wieder.
Immer wieder kam er zur Besinnung, und dann sah er die Schatten am Ufer. Er dachte eine Weile ernsthaft darüber nach, woran man erkennen könne, ob man schon tot sei, und bemerkte, dass ein Mann neben ihm saß.
«Heiß hier», sagte er, und Carl, der keine Lust hatte, sich mit Geistern zu unterhalten, schwieg. Er betrachtete ein grünes Haus auf der anderen Straßenseite, auf dem eine grüne Fahne wehte.
«Heiß hier», wiederholte der andere.
«Ja», sagte Carl missmutig, tauchte unter und schlug mit dem Kopf gegen die Eisenstange. Es tat fast nicht mehr weh.
«Was ist los?»
«Was?»
«Wie Sie heißen!»
«Wie?»
Ängstlich schaute Carl sich um. Aber es war niemand da, nur ein kleines Mädchen, das einen Minztee vor ihm auf den Tisch stellte. Er verbrannte sich fast den Mund. Mit der Hand wedelte er über dem heißen Tee hin und her und fragte dann: «Wie heißen Sie ?»
«Sie zuerst», sagte der Geist.
«Sie haben angefangen.»
«Was?»
«Sie haben doch angefangen.»
«Na schön», sagte der Geist und ahmte Carls Handbewegung nach.
«Herrlichkoffer.»
«Was?»
«Herrlichkoffer. Nicht so laut. Oder Lundgren. Für Sie Herrlichkoffer.»
«Für mich Herrlichkoffer.»
«Ja! Und jetzt schreiben Sie Ihren Namen hier — hier — hier.»
Der Geist schob einen Notizblock über den Tisch. War das ein Experiment? Oder wollten sie jetzt wirklich seinen Namen wissen? Er fing an zu schreiben, aber noch bevor er sieben Druckbuchstaben gemalt hatte, war der andere schon aufgesprungen und lief die Straße hinunter. «Ihr Notizblock», rief Carl dem Verrückten hinterher, aber der hörte ihn nicht. Und er hatte nicht nur Block und Kugelschreiber vergessen, er hatte auch seinen Tee nicht bezahlt. Das Mädchen fragte Carl, ob er dafür aufkäme.
Er legte Geld auf den Tisch, sie strich die Münzen von der Tischplatte in ihre kleine, schmutzige Hand, und am Ende der Straße bremste ein Chevrolet, aus dem vier Männer in weißen Dschellabahs stiegen. Zufällig sah er sie … und das nächste Bild war: Er rannte. Rannte vor den Männern davon zu seinem Auto, sah, dass der Mercedes zugeparkt war, erblickte eine weiße Dschellabah auf dem Fahrersitz und riss die Tür auf. Warf sich die Dschellabah über und versuchte, in der Menge unterzutauchen. Das Geschrei. Die Männer. Die Wüste. Fast stolperte er über einen kleinen Jungen, der bäuchlings vor ihm im Sand lag. Der Junge hob kraftlos eine Hand. Sein Gesicht war geschwollen, die Haut blätterte rissig von der Stirn. Er trug eine blaue Uniformjacke mit goldenen Tressen und hatte ein Sturmgewehr im Arm. Hosen trug er keine. An einem Knöchel hing ihm eine hellblaue Socke. Unter der Nase ein Ausrufezeichen aus getrocknetem Blut.
«A-a», sagte der Junge kaum hörbar.
«Was?» Carl drehte sich nach seinen Verfolgern um. Dann sah er wieder den Jungen an.
«A-a.»
«Was?»
Der Junge senkte den Kopf, schluckte mit zusammengekniffenen Augen und öffnete mit einem klickenden Laut den Mund.
«As-sa», stöhnte er. Er heulte.
«Ich hab kein Wasser», rief Carl, wand ihm das Gewehr aus den Händen und zeigte über seine Schulter nach hinten. «Tindirma. Da.»
Er rannte. Im Laufen warf er sich den Gewehrriemen über den Kopf und suchte den Sicherungshebel. Das Gewehr hatte keinen Sicherungshebel. Es war aus Holz.
Wir erschufen den Himmel und die Erde und was zwischen beiden ist nicht zum Spiel. Hätten Wir uns einen Zeitvertreib schaffen wollen, so könnten Wir ihn wohl mit uns treiben, wenn Wir das überhaupt wollten.
Sure 21,16+17
Rhythmisch hämmerte sein Schädel gegen die Eisenstange, und mit einem Mal meinte er undeutlich, ein Nachgeben der Stange zu spüren. «Zu den Waffen, Bürger», murmelte er, riss kraftlos an der Kette und sackte seitwärts um. Drückte sich hoch, schob mit beiden Händen das Metall vor und zurück und wusste nicht, ob sich nur das aufgeweichte Fleisch an seinen Händen bewegte oder auch der Metallstift im Grund.
Wie Kinder, die einen wackligen Milchzahn im Mund spüren und ihn daraufhin so lange mit der Zunge betasten und daran herumdrücken und — schieben, bis bald nicht nur der Zahn, sondern auch die Zunge und die gesamte Mundhöhle so taub sind, dass sie beim besten Willen nicht mehr sagen könnten, ob der Milchzahn jemals lose war, so zog und zerrte Carl an der Befestigung. Er warf sich mit dem Körper dagegen, schaukelte hin und her und setzte das geistlose Pendeln unter entsetzlichen Schmerzen fort, bis seine Kräfte endgültig erlahmten. Das Ergebnis seiner Anstrengungen wagte er lange nicht zu überprüfen, aber als er schließlich den Oberkörper einmal aufrichtete, zog er die Stange ganz ohne Mühe aus dem felsigen Grund.
Er platschte auf allen vieren ans Ufer, fiel mit dem Kopf gegen einen Stein und lag lange schluchzend in der Dunkelheit.
Den schmalen Gang aus der Schlammhöhle hinaus fand er ohne Mühe: um einen großen Fels herum, dort begann der Aufstieg. Rechts und links ertastete er mit Meißelspuren bedeckte Felswände, der Weg war kaum schulterbreit. Die Halskette mit dem Eisenpfahl schleifte hinter ihm her. Alle paar Sekunden verstummte das Geräusch, wenn er innehielt, um einen Arm ins Dunkel auszustrecken. Das Bedürfnis, an Ort und Stelle zusammenzusacken und einzuschlafen, war ungeheuer groß, aber noch größer war jetzt der Wille, die Finsternis so schnell wie möglich hinter sich zu lassen. Wie erwartet wichen die Wände bald zurück. Er erkannte es am Hall.
Wenn er sich richtig erinnerte, befand er sich nun in einem mannshohen Korridor, von dem verschiedene Gänge abzweigten. Wie viele Gänge und welcher davon der richtige war, das wusste er nicht. Kurz entschlossen kroch er in den nächsten Gang zur Rechten, der auch prompt nach oben führte. In langen, gewundenen Schleifen ging es durch den Fels. Dann kam ein kurzes flaches Stück, dann ging es wieder hinauf. Carl spürte, wie die vom Wasser aufgeweichte Haut sich blutig abzulösen begann. Zwei- oder dreimal versuchte er, sich aufzurichten, aber die Angst vor unsichtbaren Abgründen ließ ihn immer sofort zurück auf alle viere fallen. Auch fehlte die Kraft zum Gehen. Und plötzlich versperrte eine Gerölllawine den Weg. Er tastete umher. Seine linke Hand griff in ein glitschiges, stinkendes Etwas. Er versuchte, über das Geröll hinwegzusteigen, aber es reichte bis zur Decke hinauf. Ein schrecklicher Verdacht überfiel ihn.
«Das haben sie nicht gemacht!», rief er. «Das hätten sie nicht machen müssen!» Entsetzlich langsam und taumelnd schlitterte und rutschte und robbte er den ganzen Weg in die mannshohe Höhle zurück, und er wandte sich abermals nach rechts. Er war kaum noch bei Sinnen.
Der nächste Gang führte steil in die Tiefe und der Gang dahinter ebenfalls. In beide kroch er nur wenige Meter hinein, bis das Gefälle ihn davon überzeugt hatte, dass er falsch war.
Danach führte ein Weg wieder bergauf. «Das ist der richtige, das muss er sein», sagte er und schrappte Hand vor Hand voran. Sekundenschlaf überwältigte ihn. Der Gang nahm kein Ende. Aufwärts, dann ein flaches Stück, dann wieder bergauf. Dann versperrte eine Gerölllawine seinen Weg. Mit der linken Hand griff er in ein glitschiges, stinkendes Etwas.
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