Carl füllte ein wenig mehr Schlamm als Gewicht in die Hose und warf erneut. Diesmal verfehlte er den Bolzenschneider. Aber das war kein Problem. Seine Schmerzen waren verstummt. Sonderbare, bis zum letzten Moment vom Körper zurückgehaltene Botenstoffe wurden in seinem Gehirn ausgeschüttet.
Mit neuer Kraft und Zuversicht stieß Carl das Gewicht ins Dunkel und spürte im letzten Moment, wie der Ärmel des Pullovers, den er hätte festhalten sollen, seinen klammen Fingern entglitt. Ein Augenblick der Stille. Dann hörte er am fernen Ufer einen Schwall nasser Textilien niederrauschen, begleitet von einem letzten höhnischen Klingeln.
Diesmal brauchte Carl keine zehn Sekunden, um sich zu vergewissern, dass Hose und Pullover vollkommen außerhalb seiner Reichweite lagen, weder mit Händen noch mit Füßen zu angeln, in unendlicher, dunkler Felsenferne, weiter entfernt als das Ufer, weiter entfernt als sein eigenes Leben.
Er spürte, dass er bis zu diesem Moment geglaubt hatte, unsterblich zu sein. Er schlang sich die Kette um den Hals. Er drückte das Gesicht in den Schlamm. Er schlug die Stirn gegen die Eisenstange. Mit einem Schrei tauchte er wieder auf. Er schrie den Namen, der ihm schon die ganze Zeit auf der Zunge gelegen hatte. Jetzt hallte er von den Wänden wider ins Nichts.
64. AÉROPORT DE LA LIBERTÉ
Die blonden Haare geben eigentlich Gescheitheit. Geradeso wie sie wenig in das Auge hineinschicken, so bleiben sie im Gehirn mit ihren Nahrungssäften, geben ihrem Gehirn die Gescheitheit. Die Braunhaarigen und die Schwarzhaarigen und die Schwarzäugigen, die treiben das, was die Blonden ins Gehirn treiben, in die Augen und Haare hinein.
Rudolf Steiner
Man hatte ihr ein Ticket für elf Uhr besorgt. Die anderen waren schon am Abend zuvor abgereist. Helen packte ihre Sachen, nahm ein Taxi und erreichte den Flughafen im Norden Targats gegen acht. Dort erfuhr sie, dass der Flug wegen technischer Schwierigkeiten ausfalle. Zwei nicht ausgebuchte Maschinen der Air France, die wenig später nach Spanien und Südfrankreich abgingen, musste sie auslassen, da sie mit der Waffe im Gepäck auf ihre amerikanische Fluglinie angewiesen war.
Nach einigem Hin und Her (und dem Protest anderer Flugreisender, die weniger Glück hatten) wurde sie schließlich auf die Nachtmaschine umgebucht. Jetzt hatte sie noch zwölf Stunden Zeit. Sie deponierte ihr Gepäck im Schließfach und fand im Obergeschoss des Flughafengebäudes ein schönes, auf exotische Art europäisch wirkendes Café. Sie las den Herald Tribune und eine französischsprachige Zeitung, die jemand auf ihrem Tisch vergessen hatte. Es beruhigte sie, beim Durchblättern beider Zeitungen auf nichts Vertrautes zu stoßen.
Die Tasse, in der ihr Kaffee serviert wurde, war aus weißem Porzellan und hatte ein am Rand aufgedrucktes Muster aus kleinen blauen Sicheln, die sich mit Sternen abwechselten. Es war das gleiche Fabrikat, das im Küchenschrank des Bungalows 581d gestanden hatte, das gleiche Fabrikat, das sie einige Tage lang jeden Morgen auf den kleinen Frühstückstisch gestellt hatte. Zwei Gedecke. Sie blickte eine Weile ins Leere und fragte sich, wie ihr Leben in dreißig oder vierzig Jahren wohl aussähe. Ihr Leben, ihr Glück und möglicherweise ihre Erinnerung an die Jetztzeit, ihre Erinnerung an das kleine, vormoderne, halbzivilisierte, gewalttätige, schmutzige Land im Norden Afrikas, von dem sie hoffte, es in wenigen Stunden für immer verlassen zu haben.
Die Wahrscheinlichkeit, dass der namenlose Mann noch immer am Leben war, war nahe null. Schon bei ihrem letzten Besuch hatte er keinen guten Eindruck gemacht. Noch einmal sechsunddreißig Stunden waren seitdem vergangen, und man musste kein Pessimist sein, um vorherzusagen, dass sich die Wasseroberfläche über ihm für immer geschlossen hatte.
Der Flughafenlautsprecher rief Mr. und Mrs. Wells zum Abfertigungsschalter der Air France. Helen schaute durchs Panoramafenster und entdeckte im Gewimmel der weißen, blauen und sandfarbenen arabischen Häuser rings um den Flughafen ein Neonschild, das ihre Aufmerksamkeit fesselte.
Sie sah auf die Uhr, rief den Kellner und zahlte. Dann ging sie zu ihrem Gepäckschließfach und schaute sich über die Schulter nach Passanten um. Unauffällig nahm sie zwei schwere Gegenstände aus ihrer Reisetasche und schob sie im Innern des Schließfachs in eine Plastiktüte. Mit der Plastiktüte verließ sie das Flughafengebäude, überquerte die Straße und blieb vor dem Haus mit dem Neonschild stehen. Es war ein Autoverleih.
Der günstigste Mietwagen war ein sandfarbener R4 mit Revolverschaltung. Helen würgte ihn einige Male ab, bevor sie aus dem dichten Verkehr heraus auf die Piste nach Tindirma kam. Sie trat das Gaspedal voll durch. Der Anblick der beiden sich küssenden Ziegelkamele bedrückte sie wie der Blick in eine Kiste mit staubigen Jugenderinnerungen.
Was genau zu tun sie beabsichtigte — falls sie überhaupt etwas beabsichtigte — , wusste sie selbst noch nicht. Der Auftrag war abgeschlossen. Man hatte nichts Entscheidendes herausgefunden, aber mit einiger Wahrscheinlichkeit sichergestellt, dass eine Übergabe der Pläne nicht erfolgt war. Nach Schilderung der vielfältigen Komplikationen hatte die Zentrale in der Nacht den Rückzug angeordnet, und man hatte das Problem , wie es nun hieß, in den Bergen sich selbst überlassen. Freilassen konnte man den Mann nicht.
Was also wollte sie noch? Sie parkte den Wagen an der bekannten Stelle, stieg über den Grat und sah auf der gegenüberliegenden Seite des Berges den Stolleneingang, das Windrad und die Fässer. Die Hütte sah sie nicht. Nur einen tiefschwarzen Fleck. Während sie durch das Tal ging, wehte ihr schwacher Brandgeruch entgegen.
Sie nahm die Waffe aus der Tüte, schwenkte die Trommel heraus, hielt ihren Finger in den Rahmen, schaute durch den Lauf, schob die Trommel zurück, steckte sich Waffe und Taschenlampe in den Gürtel und erstieg vorsichtig das kleine Felsplateau.
Die verkohlten Balken der Hütte waren zu einem Haufen zusammengefallen. In der Mitte rauchte es schwach. Helen sah sich um. Die einzige Erklärung, die ihr einfiel, war, dass Cockcroft und Carthage versucht hatten, Spuren zu beseitigen. Sie waren die Letzten vor Ort gewesen. Aber sehr wahrscheinlich erschien ihr das nicht. Sie spannte den Hahn.
Es war ein schwüler, wolkenverhangener Spätnachmittag, und ihr graute ein wenig vor dem Abstieg in der Dämmerung — wegen der Dämmerung. Zwar war es im Grunde gleichgültig, zu welcher Tageszeit man in stockdunkle Höhlen hinabstieg, ob am Tag, in der Dämmerung oder bei Nacht; aber die Vorstellung, dass Finsternis sich über das Land senkte, während sie im Dunkeln unter der Erde umherging, und dass sie nicht ins Licht zurückkommen würde, sondern in sternenlose Nacht, eine Nacht wie unter tiefster Erde, beunruhigte sie auf eine Weise, dass auch ein sehr viel einfältigerer Mensch als Helen sich zu fragen begonnen hätte, ob hier nicht Scham- und Schuldgefühle in harmlosen Landschaften und Lichtverhältnissen Verstecken spielten.
«Unsinn», sagte sie zu sich selbst und folgte dem künstlichen Lichtstrahl in den Stollen hinab. Ab und zu schwenkte sie die Seitenwände ab, um die Markierungen der rußigen Handflächen zu studieren, und Schritt für Schritt legte sich ihre Aufregung. Schon vor dem Eintritt in die unterste Höhle rief sie Carls Namen. Keine Antwort. Nur Dunkel und Stille und der brackige Geruch des Tümpels.
Fast das Erste, was sich im Scheinwerferkegel verfing, war ein schlammiges, verknotetes Kleiderbündel, das auf dem Bolzenschneider auf den Felsen lag, umgeben von einem Kreis von Feuchtigkeit. Helen wusste sofort, was hier versucht worden — und Versuch geblieben — war.
Fast eine Minute lang stand sie am Ufer vor dem Tümpel und hielt den Atem an. Noch einmal rief sie seinen Namen. Sie hörte das leiernde Echo ihrer Stimme, und ein Schauder lief ihr über den Rücken. Aber es war nicht der Gedanke daran, was sich unter der spiegelglatten Wasseroberfläche verbergen mochte, der ihr die Härchen auf dem Rücken aufstellte, es war der Klang ihrer eigenen Stimme. Genauer gesagt, die Erinnerung an den Abscheu vor ihrer eigenen Stimme, der sich seit ihrer Jugend sonderbar in ihr erhalten hatte. Die Fremdheit, die Verunsicherung und der kleine Gedanke: Wie viel Zeit vergangen ist. Wie jung ich einmal war. Und wie sinnlos das alles.
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