Carl schraubte den Stift auseinander, malte mit der Mine einen weiteren Kringel auf das Papier und schraubte ihn wieder zusammen. Er faltete den Stadtplan von Targat auseinander, in dessen rechter, oberer Ecke entgegen der geographischen Ordnung Tindirma mit eingezeichnet war. Er klappte das Brillenetui auf und wieder zu und betastete es. Betastete den Ball. Ein aus verschiedenfarbigen Segmenten zusammengenähter Ball für kleine Kinder … blau, rot, gelb und ein verwaschenes Orange, das einen an die Farbe abgeschnittener Fingerkuppen erinnerte, wenn man umständehalber eine Disposition dafür hatte. Gefüllt schien der Ball mit einer Art Holzwolle oder zähem Schaumstoff. Carl drückte und knetete ihn und versuchte, einen Kern zu ertasten. Er biss in den Ball und riss ihn in Fetzen. Holzwolle, Holzwolle, noch mehr Holzwolle. Schließlich nahm er erneut die Aktentasche und dann der Reihe nach alle anderen Gegenstände in die Hand, betrachtete sie und drehte sie hin und her. Er durchsuchte abermals das Handschuhfach und schaute unter alle vier Fußmatten. Im Fußraum des Beifahrers fand er nun noch einen winzigen Bleistiftstummel und einen Einkaufszettel, auf dem untereinander die Worte Obst, Wasser, Eier und Rind standen. Er sah auf den Zettel wie auf eine Mitteilung aus einer anderen Welt und fing an zu weinen.
Mit einer schwungvollen Bewegung warf er dann das Knäuel Holzwolle aus dem Fenster, stopfte alles andere, was er gefunden hatte, in seine Taschen, schloss den Mercedes ab und ging zurück zu Helens Auto. Dort lag seine Notiz unverändert auf dem Fahrersitz, von Helen keine Spur. Das Tor zum Hof der Kommune war nun mit einem Holzgatter verschlossen. Carl rüttelte daran und spähte durch die Ritzen. Er rief Helens Namen.
Schreiend und mit einem Knüppel bewaffnet, trabte hinter ihm ein Mann die Straße hinunter. Von ferne hörte man mehr Geschrei.
Carl setzte sich in den Pick-up, strich seine vorige Botschaft aus und schrieb stattdessen an Helen, dass er zwar noch immer nicht wisse, wer er sei, dass sie aber wahrscheinlich mit zwei Autos nach Targat zurückfahren würden. Denn er habe sein eigenes Auto gefunden, einen gelben Mercedes mit schwarzen Sitzen, in Pfeilrichtung die Straße runter, und ebendort würde er jetzt auch auf sie warten, in einem Café in Sichtweite. Er schrieb, dass er sehr glücklich sei und unglücklich zugleich und inständig hoffe, ihr, Helen, sei nichts passiert. Dann hielt er inne und strich zuerst das Wort «inständig» wieder und dann den ganzen letzten Satz, da er spürte, dass er ihn weniger an Helen als an sich selbst gerichtet hatte. Er las noch einmal den ganzen Text. In winzigen Buchstaben und mehrfach um die Ecke herumgebogen bedeckten seine Zeilen kaum mehr entzifferbar das Papier. Er zog den kleinen Notizblock aus der Tasche, um alles noch einmal ins Reine zu schreiben, und als er den Block auf das Armaturenbrett legte, entdeckte er im seitlich einfallenden Sonnenlicht Einkerbungen auf dem obersten Blatt.
Mit dem Bleistiftstummel schabte er behutsam darüber, und ein Wort in weißen Druckbuchstaben wurde sichtbar: CETROIS.
Weiter nichts. Lange betrachtete Carl die Schrift und schrieb dann die sieben Buchstaben noch einmal daneben. Sie sahen exakt gleich aus. Es war seine Handschrift. Warum hatte er sich den Namen notiert? War er auch schon vor seinem Gedächtnisverlust auf der Suche nach Cetrois gewesen? Bisher war er davon ausgegangen, in dem Gesuchten so etwas wie seinen Freund zu finden, wenigstens eine Art Kumpel. Jedenfalls jemanden, der sein Schicksal teilte, von vier Idioten in weißen Dschellabahs verfolgt worden zu sein. Aber wozu schrieb man sich den Namen eines Kumpels oder eines Vertrauten — und nur den — auf einen Notizblock? Um ihn zu besuchen? Ihn anzurufen? Ihm fiel nichts wirklich Passendes ein, und je länger er auf die weißen Buchstaben starrte, desto sicherer wurde er, dass Cetrois kein Kumpel von ihm war. Jedenfalls keiner, den er gut kannte. Wahrscheinlich sogar ein gänzlich Unbekannter. Helen hatte also vermutlich recht gehabt.
In dem kleinen Straßencafé und mit Blick auf den gelben Mercedes trank Carl ein Eiswasser und wartete. Während er sich sein erstes Erwachen und die Flucht aus der Scheune noch einmal zu vergegenwärtigen versuchte und dabei, ohne es zu merken, mit einer Hand komplizierte geometrische Figuren in die Luft zeichnete, fiel ihm eine Frau am Nebentisch auf, die ihn anstarrte. Ihn anlächelte. Hatten die tastenden Bewegungen seiner Hand sie dazu veranlasst? Oder kannte sie ihn? Er senkte den Blick, und als er sie erneut ansah, lächelte sie noch immer. War das möglicherweise eine Frau aus der Kommune, die Helen ihm hinterhergeschickt hatte? Nein, so sah sie nicht aus mit ihrer gepflegten, adretten Kleidung. Außerdem schien es Carl, als habe er sie das Café aus der entgegengesetzten Richtung betreten sehen.
In den letzten Tagen hatte er sich angewöhnt, auch ganz unbekannten Leuten zuzunicken. Er lächelte zurück. Sofort stand sie auf und kam an seinen Tisch.
«Hallo», sagte sie laut und deutlich.
«Hallo», sagte er.
«Du siehst gut aus», sagte sie, als hätten sie einander lange nicht gesehen, und in ihm arbeitete es — sie kannte ihn! Auch wenn sie ihn offenbar nicht sehr gut kannte, denn bevor sie sich auf den freien Stuhl setzte, hatte sie erkennbar gezögert.
Das Bedürfnis, sich dieser Frau sofort anzuvertrauen, war ungeheuer groß. Sie hatte ein biederes, reizloses Gesicht, und nichts sprach dafür, dass von ihr irgendeine Gefahr ausging … oder? Täuschte er sich? Wenn sie eine Bekannte Adil Bassirs wäre, eine Abgesandte vielleicht, die kam, ihn an das Ultimatum zu erinnern? Aber nein, nein, das war Unsinn. Ihr Gesicht war viel zu harmlos. Und wie hätte sie ihn auch finden sollen?
Er beschloss, stumm bis zwanzig zu zählen und sich ihr dann zu offenbaren. Und wenn er sie reden ließe, würde er vielleicht auch von sich aus erschließen können (oder sie würde es ihm einfach sagen), wer er war … und wer sie war. Vielleicht ist sie meine Frau! zuckte es durch sein Hirn. Aber eine Frau, deren Mann seit Tagen verschollen war, die man gerade vergewaltigt und deren Sohn man einen Finger abzuschneiden gedroht hatte, begrüßte ihren Mann anders. Nein, sie war eine gute Bekannte, entschied Carl für sich, möglicherweise seine Geliebte. Wobei sie ihm für die Geliebte eines Gewaltverbrechers auch wieder viel zu bieder und bürgerlich erschien und auch zu unattraktiv. Allein die kräuselige Dauerwelle. Außerdem stimmte etwas mit ihrem Blick nicht. Ihr Blick war so unstet wie seiner, und als er bei zwanzig angekommen war und die Kommunikation noch immer stockte, erwog er die Möglichkeit, dass auch sie ihr Gedächtnis verloren hatte. Sie lächelte, wurde wieder ernst, dann lächelte sie wieder. Dann wurde sie wieder ernst. Schließlich wurde sie rot.
«Lass mich nicht alles allein machen», sagte sie.
Oder sie war psychisch krank.
«Ich freue mich, dich zu sehen», sagte er und bemühte sich, ruhig zu bleiben, während seine Füße unter dem Tisch unkontrolliert zuckten. Der Fluchtimpuls war fast so stark wie bei seinem Erwachen auf dem Dachboden der Scheune. Sollte er nicht besser auf seinen Körper hören? Die Frau, die seine Unruhe bemerkte, warf den Kopf in den Nacken und lachte künstlich.
«Es gibt hier in der Nähe ein Hotel», sagte sie.
Carl nickte.
Da wurde sie wieder rot. Sie ist geisteskrank, dachte er, sie redet völlig zusammenhangloses Zeug … nein. Nein, es muss etwas anderes sein. Etwas so Schlichtes und Naheliegendes vermutlich, dass er nicht draufkam. Er entschied sich, das Spiel abzubrechen und sich ihr zu offenbaren. Für alles andere war es auch schon längst zu spät. Er beugte sich über den Tisch und flüsterte: «Ich weiß, es klingt verrückt. Aber ich kenne dich nicht.»
Der Ausdruck auf ihrem Gesicht blieb absolut unverändert. Hatte sie ihn nicht verstanden?
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