Wolfgang Herrndorf - Sand

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Sand: краткое содержание, описание и аннотация

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"Er aß und trank, bürstete seine Kleider ab, leerte den Sand aus seinen Taschen und überprüfte noch einmal die Innentasche des Blazers. Er wusch sich unter dem Tisch die Hände mit ein wenig Trinkwasser, goß den Rest über seine geplagten Füße und schaute die Straße entlang. Sandfarbene Kinder spielten mit einem sandfarbenen Fußball zwischen sandfarbenen Hütten. Dreck und zerlumpte Gestalten, und ihm fiel ein, wie gefährlich es im Grunde war, eine weiße, blonde, ortsunkundige Frau in einem Auto hierherzubestellen."
Während in München Palästinenser des "Schwarzen September" das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis — Nordafrika 1972.
Ein mitreißender Agententhriller — und noch viel mehr: ein literarisches Abenteuer, ein außerordentlicher Roman. (rowohlt)

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«Aber den einen hast du begraben? Zeig mir das Grab.»

Tränen liefen dem Alten übers Gesicht. Er sackte auf der Stelle zusammen, wiederholte, was er schon zehnmal zuvor gesagt hatte, in anderen Worten, und Canisades musste nicht lange darüber nachdenken, warum der Fellache so entsetzlich faselte: Offenbar hatte er nicht nur den ersten Sohn in der Wüste aus den Augen verloren, sondern auch keine Ahnung, wo er den zweiten begraben hatte. Entweder das … oder er hatte ihn nicht begraben.

So ausdauernd sprach er von mit Geld nicht oder kaum aufzuwiegenden Schmerzen und anderem Unsinn, dass Canisades schließlich statt der Toten die Ausweise oder Geburtsurkunden beider Söhne zu sehen verlangte, denn er ahnte, dass es dergleichen nicht gab.

Mit großer Zuversicht führte der Alte Canisades in die kleinste der Baracken und zeigte ihm eine Reihe von beschriebenen und bedruckten Zetteln. Canisades entzifferte fragwürdige Briefe, Flaschenetiketten, Kochrezepte und eine Fernsehzeitschrift. Der Mann war Analphabet.

Bis auf einen schmalen Gang in der Mitte war die Baracke knietief mit Gerümpel gefüllt und stank noch schlimmer nach Alkohol als ihr Besitzer. Aus einer kleinen Kiste zog der Fellache schließlich eine Fotografie hervor und hielt sie Canisades hin: der Suq von Tindirma und eine ungeordnete Menschenmenge. Ein Händler vor einem primitiven Holzgestell, das behängt war mit Flaschen, Gläsern, Karaffen, Kanistern. Unweit des Händlers zwei kleine Kinder. Der große schwarze Daumen des Alten zitterte über den drei kleinen Gestalten hin und her. Ich. Mein Sohn. Mein anderer Sohn. Tot und verschollen.

Beide Kinder auf dem Bild trugen Mädchenkleidung, auch ihre Gesichter waren weich und mädchenhaft. Allein der Alte sah sich selbst etwas ähnlich.

«Geburtsurkunden», wiederholte Canisades.

Die Meldung der seelischen Schmerzen setzte wieder ein, doch statt amtlicher Papiere tauchte am Ende allein ein stinkender Strohsack auf, der die Schlafstatt der beiden Jungen gewesen sein sollte.

Was für den Fellachen sprach, war immerhin, dass er nach Alkohol stank und von Sünde faselte. Dass ein alter Schnapsbrenner sich grundlos die Polizei ins Haus holte, war unwahrscheinlich. Niemand holte hier freiwillig die Polizei. Die Verzweiflung des Alten war also vermutlich echt und dass zwei seiner Kinder verschwunden waren, im Bereich des Vorstellbaren. Aber mussten sie deshalb tot sein? Hatten sie überhaupt existiert? Möglicherweise, dachte Canisades beim Anblick des Fotos, waren die mädchenhaften Söhne auch schon seit Jahren verschollen oder verstorben, und nur das in Alkohol eingelegte Hirn des Alten vermeldete von Zeit zu Zeit noch einmal ihr Fortleben, Wiederauftauchen und erneutes Verschwinden. Korsakow im Endstadium.

«Wollen wir mal die Scheune besichtigen?», schlug Canisades vor, um die Sache abzukürzen. Wie erwartet sperrte sich der Alte. Auf keinen Fall wollte er die Scheune vorzeigen. Damit konnte man den Fall getrost abschließen. Es war nicht klar, ob es ein Verbrechen gegeben hatte; aber wenn es eines gegeben hatte, war es offensichtlich das, was Canisades schon von der ersten Sekunde an vermutet hatte: Einer der zwei Goldjungen hatte den anderen erschlagen und war in die Wüste geflohen. Ein großer Verlust war das nicht. Er fühlte sich zur Strafverfolgung nur in Maßen motiviert.

«Ohne Leiche kein Mord», zitierte er das Lehrbuch. «Solange du nicht weißt, wo du deinen Jungen begraben hast, gibt es keinen Jungen. Und solange du hier keine Leiche findest, rufst du gefälligst auch nicht noch mal die Polizei. Oder wir schauen doch noch mal nach, was du da oben in der Scheune zusammenbraust, klar?»

«Aber da, da hab ich ihn begraben, da!», rief der Alte und zeigte verzweifelt aus dem Fenster in die Wüste. Irgendwo da, irgendwo in der Nähe, sicher nicht weit, man könne ja suchen. Sein Finger zitterte, und vor dem Fenster huschte ein Schatten vorüber. Um den Schatten wahrzunehmen, waren die Augen des Alten allerdings zu schwach, und Canisades stand mit dem Rücken zum Fenster. Der Schatten bewegte sich auf Canisades’ Auto zu, blieb daneben stehen und duckte sich.

40. DIE UNSICHTBARE KÖNIGSBRIGADE

Manche Menschen — und ich selber gehöre zu ihnen — haben für Happy Ends nichts übrig. Wir fühlen uns hintergangen. Unglück ist das Normale. Das Verhängnis sollte nicht klemmen. Die Lawine, die in ihrem Lauf ein paar Meter über dem sich duckenden Dorf zum Stillstand kommt, benimmt sich nicht nur unnatürlich, sondern unmoralisch.

Nabokov

Amadou hatte sich zwei Tage lang im Salzviertel versteckt, dann waren die Bulldozer gekommen. Er lebte auf der Straße, er schlief am Strand, er hungerte. Nach Tindirma zurückzukehren, wo er zuletzt gewohnt und vier Menschen erschossen hatte, war das Gefährlichste und Dümmste, was er machen konnte, aber bald wusste er sich keinen anderen Rat mehr.

Er erreichte früh am Morgen die Piste und marschierte zügig voran. Doch er hatte seine Kräfte überschätzt. Die nackten Füße schmerzten, der Durst quälte ihn bei jedem Schritt. Als er in einiger Entfernung ein großes Gebäude und ein paar kleinere entdeckte, schlich er dorthin. Im ersten Moment schien das Anwesen verlassen. Einen Brunnen fand er nicht. Von Baracke zu Baracke stolpernd, entdeckte er nur einen ausgestreckt auf der Erde liegenden, alten Fellachen, der aussah wie tot. Ein Auge weiß getrübt. Doch sein Brustkorb hob und senkte sich. Amadou wagte nicht, den Mann zu berühren. Neben seinem Kopf stand ein Kanister. Eilig riss Amadou den Kanister hoch, trank zwei Schlucke und spuckte aus. Hochprozentiger Alkohol.

Hustend und röchelnd durchstöberte er die restlichen Gebäude und die Scheune, und weil er nirgends Wasser fand, versuchte er am Ende, seinen Durst aus dem Kanister zu stillen. In ganz kleinen Schlucken, schien ihm, müsse es gehen. Es ging nicht. Es brannte entsetzlich.

Er fand ein paar Fässer, eine Leiter und einen abgerissenen Flaschenzug. Über ihm eine Luke zum Dachboden. Gerade fragte er sich, wie er dort hinaufgelangen könne, da hörte er in der Ferne ein Geräusch.

Durch die Ritzen der Bretterwand hinausspähend, sah er eine sich von der Piste her nähernde Limousine, die nur wenige Meter an seinem Versteck vorüberfuhr und vor den Baracken hielt. Der Fahrer (hellgrauer Anzug, gepflegte Erscheinung) stieg aus, kurz darauf sah Amadou ihn im Gespräch mit dem Fellachen. Sie kamen sofort zur Sache. Der Alte fiel vor dem Fahrer auf die Knie, Amadou hörte das Wort «Geld». Immer wieder bestürmte der Alte den Fahrer, immer wieder war von Entschädigungen und Geld die Rede. Schließlich verschwanden sie in einer der Baracken. Nichts passierte. Die Fahrertür des Autos stand offen.

Amadou wartete kurz, dann schlich er zum Auto und kroch auf den Fahrersitz. Der Zündschlüssel war abgezogen. Er versuchte, die Verkleidung um das Zündschloss mit den Fingernägeln herunterzureißen, und hielt inne, weil er Stimmen zu hören meinte. Er sprang auf die Rückbank, duckte sich und zog einen herumliegenden Pullover über seinen Kopf. Jetzt waren die Stimmen nicht mehr zu hören. Einige Minuten kauerte er so da. Dann hob er unruhig den Kopf und begann, das Auto zu durchsuchen. Unter dem Fahrersitz zog er ein paar Gegenstände hervor. Einen Draht, einen Bleistift, eine Wasserflasche. Er trank die Wasserflasche leer, brach vorsichtig den Bleistift in zwei gleich große Hälften, schlang je ein Ende des Drahtes um je eine Bleistifthälfte und zwirbelte sie fest. Probeweise zog er an den Bleistifthälften. Es klang wie das Summen einer Gitarrensaite.

«… aber allein kann ich gar nichts machen. Und sabber mich nicht voll, Licht deiner Augen, Sonne deines Alters! Ich glaub dir ja, ich glaube dir! Und die Fachleute kriegen heute noch Bescheid, versprochen. Unsere Spezialeinheit für Verzwicktes … Kollegen von der höchsten Kompetenz, die Unsichtbaren Königsbrigaden. Die finden das Grab, ja sicher. Die finden immer alles, und dann wird das untersucht, ohne Leiche können wir ja nichts machen. Und dein anderer Sohn, das wird gründlich gecheckt, ja … natürlich bei meiner Mutter. Glaubst du, ich erzähl dir Unsinn? Du erzählst mir keinen Unsinn, ich erzähl dir keinen Unsinn, das ist die Abmachung … nein, natürlich nicht! Die heißen so, weil sie geheim sind, nicht weil sie unsichtbar sind. Man kann doch nicht unsichtbar sein! Aber du wirst sehen, die sind schnell da, und alles klärt sich auf. Und versteht sich von selbst, dass du da mit niemandem drüber sprechen darfst. Jetzt hör auf, vor mir rumzukriechen … bei Allah, bei meiner Mutter, bei was du willst! Geh weg. Herr im Himmel.»

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