Wolfgang Herrndorf - Sand

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Sand: краткое содержание, описание и аннотация

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"Er aß und trank, bürstete seine Kleider ab, leerte den Sand aus seinen Taschen und überprüfte noch einmal die Innentasche des Blazers. Er wusch sich unter dem Tisch die Hände mit ein wenig Trinkwasser, goß den Rest über seine geplagten Füße und schaute die Straße entlang. Sandfarbene Kinder spielten mit einem sandfarbenen Fußball zwischen sandfarbenen Hütten. Dreck und zerlumpte Gestalten, und ihm fiel ein, wie gefährlich es im Grunde war, eine weiße, blonde, ortsunkundige Frau in einem Auto hierherzubestellen."
Während in München Palästinenser des "Schwarzen September" das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis — Nordafrika 1972.
Ein mitreißender Agententhriller — und noch viel mehr: ein literarisches Abenteuer, ein außerordentlicher Roman. (rowohlt)

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Mit der ebenfalls von ihrer italienischen Großmutter stammenden Kontaktfreude hatte Michelle wenige Minuten zuvor die Bekanntschaft dieser deutschen Urlauberin gemacht, die sich sofort als überraschend vernünftig erwies. Die Deutsche trug einen grün-gelb gestreiften Badeanzug, radebrechte Englisch und arbeitete in einem Beruf, den sie selbst als «woman for everything» bezeichnete. Michelle zeigte ihr die Tarotkarten, sie sprach über den Hirseanbau und das Klima, und die Deutsche klagte über Politik. Nicht dass sie etwas für die Israelis übrighätte, aber was dort in München geschehe, sei doch schrecklich! Natürlich könne man die Verzweiflung der Palästinenser verstehen, könne verstehen, dass sie die Juden auch und gerade im Ausland angriffen, denn was hätten sie sonst schon für Möglichkeiten, die Weltöffentlichkeit auf sich aufmerksam zu machen? Weshalb das ganze Attentat eben auch die Folge der internationalen Politik, des Verhaltens der Staatengemeinschaft sei — und dennoch! Es seien auch unschuldige Menschen darunter. Könne man zynischer argumentieren als ‹The games must go on›? Die beiden Frauen vergossen einige Tränen. Der Wind frischte auf. Michelle wusste nicht, wann sie sich das letzte Mal so gut unterhalten hatte. Es war wohltuend, an der Schulter der Deutschen zu lehnen, die ein wenig nach Mayonnaise roch, sich seinen Gefühlen hinzugeben und dabei aufs Meer zu sehen, hinter dem irgendwo Amerika lag, das, wie Michelle soeben erfahren hatte, ebenfalls von Juden regiert wurde. Jedenfalls ökonomisch gesehen. Diese Deutsche wusste allerhand. Mit einem nachdenklich an die Unterlippe gelehnten Zeigefinger schlug Michelle vor, die Tarotkarten zum Palästinakonflikt zu befragen.

Sie sprach mit leiser Stimme, aber auf dem anderen Handtuch beachtete man die beiden Frauen ohnehin nicht. Carl hatte Helen gerade irgendeine Frage gestellt, Helen hatte aufgeregt geantwortet, und schon waren sie wieder in eine kopflose Konversation über diesen Mann namens Cetrois vertieft. Cetrois hier, Cetrois da.

«Was habt ihr eigentlich immer mit diesem Cetrois?», rief Michelle.

Sie begann, der Deutschen, die im Übrigen Jutta hieß, das Legesystem zu erklären, die Erweiterung des Keltischen Kreuzes. Sie erwähnte den altägyptischen Ursprung des Spiels, das große und das kleine Arkanum, das Prinzip und das umgekehrte Prinzip, und zwischendurch, als es nebenan kurz still geworden war, wiederholte sie ihre Frage.

«Möchtest du ein Stück Schokolade?», antwortete Helen.

Ohne ihre Jugendfreundin eines Blickes zu würdigen, legte Michelle den Hierophanten auf die Eins. Warum musste Helen sie immer wieder spüren lassen, wie wenig sie von ihren geistigen Fähigkeiten hielt? Außerdem wusste Helen genau, dass Michelle grundsätzlich keine Schokolade aß, das setzte bei ihr immer sofort an den Oberschenkeln an.

«Ich frag ja nur! Cetrois hier, Cetrois da.»

«Es gibt keinen Cetrois», sagte Helen ärgerlich.

Und die Wellen rauschten an den Strand, die Möwen schrien über ihren Köpfen. Jeden normalen Menschen hätte die herrliche Natur beruhigt und entspannt. Nicht so Helen.

«Natürlich gibt es Cetrois», sagte Michelle. Sie hielt die nächste Karte mit der Rückseite nach oben und drehte sie feierlich um. Der Magier auf der Zwei. Den Hierophanten als Ausgangssituation mit dem Magier in den Einflüssen fand Michelle nie sehr einfach zu interpretieren. Man täuschte sich hier leicht, wenn man Religiosität mit Religion verwechselte. «Ich kenne ihn», murmelte sie und legte die Mäßigkeit auf die Drei. Die Mäßigkeit neben dem Magier, das ergab erst mal überhaupt keinen Sinn jetzt. Man würde abwarten müssen. Oft stellte sich der Zusammenhang erst aus dem Zusammenhang her. Als Nächstes kamen der Eremit, der Stern, der Triumphwagen … und schließlich hob Michelle den Kopf in das entsetzliche Schweigen hinein, das sie auf einmal umgab.

Helen und Carl waren aufgesprungen und starrten sie an. Mit so viel Aufmerksamkeit hatte sie nicht gerechnet. Ruhig legte sie die restlichen Karten aus. Das Rad des Schicksals, die Liebenden, der Herrscher …

«Was!», rief Helen.

«Du kennst ihn?», rief Carl.

Was war denn das für ein Ton? Sie ließ einige Sekunden verstreichen, bevor sie wieder aufsah.

«Du kennst ihn?», rief Helen.

«Ja, natürlich», sagte sie achselzuckend zu Jutta, und Jutta nickte verständnisvoll. «Aber mich fragt ja immer keiner!»

Sie machte einen Schmollmund und betrachtete mit freundlich-selbstbeherrschtem Blick den freundlich-selbstbeherrschten Herrscher auf der Zehn. Würde der Herrscher Palästina Frieden bringen? Das war die Frage. Die Karte schien diese Deutung nahezulegen, aber leider nur eine halbe Sekunde lang. Dann wurde Michelle an der Schulter herumgerissen. Helen. Neben ihr Carl. Schreiend. Bis hierhin war es ein Triumph gewesen. Jetzt wurde es sofort unangenehm. Und gern hätte Michelle die Antwort auf die überaus unhöflich gestellten Fragen verweigert oder wenigstens hinausgezögert, aber wenn die Jahre in der Kommune sie eines gelehrt hatten, dann, dass ein Herumgerissenwerden an der Schulter das Ende der freundlichen Kommunikation bedeutete. Und wie hieß es so schön? Der Klügere gibt nach!

«Der Klügere gibt nach», sagte Michelle, strich sich eine widerspenstige Haarsträhne hinters Ohr und begann, stockend und etwas ängstlich angesichts der nun direkt über ihr stehenden Helen zu berichten, dass sie diesen Cetrois kannte, ja natürlich, sie kenne ihn, und warum denn auch nicht? Also nicht direkt, aber … und woher? Ja, woher denn wohl schon, ob sie sich das nicht denken könnten. Das liege doch nahe, wo sie die letzten Jahre an nun wirklich keinem anderen Ort als der Kommune verbracht habe, und genau da und … nein! Kein Mitglied der Kommune, Himmel, Mitglied der Kommune sei der nicht gewesen … und was solle denn das? Wolle man sie bitte nicht immer an der Schulter reißen und sie einfach erzählen lassen? Sie erzähle ja bereits, und auf die eine Sekunde komme es doch nun sicher auch nicht mehr an. Sie könne auch nur erzählen, wenn man sie nicht bedränge, so sei sie, Michelle, nun eben, sie sei, wie sie sei, ein ruhiger, mit sich selbst im Reinen seiender Mensch, und wenn es nicht ruhig gehe, dann gehe es eben überhaupt nicht …

Helen scheuerte ihr eine. Es war die erste Ohrfeige, die Michelle in ihrem Leben erhalten hatte, und es blieb völlig im Dunkeln, ob sie eine therapeutische Wirkung zeigte oder nicht. Wenn man ein Aspirin nimmt und die Kopfschmerzen weggehen, weiß man ja auch nie, was die Heilung bewirkt hat. Und was sich jetzt innerhalb weniger Sekunden herausstellte, war, dass Michelle auch nicht wusste, wer dieser Cetrois war. Weder hatte sie ihn gesehen noch gesprochen … und nein, persönlich schon gar nicht. Nur habe er eben kurz nach dem Massaker die Kommune besucht. Im Auftrag einer Versicherung. Ein Versicherungsagent offenbar.

«Also, erst dachten wir Journalist, dann Detektiv oder so was. Und dann vielleicht Versicherungsvertreter. Agent. Wobei, das haben die anderen gesagt, ich hab ja, wie gesagt, grad geschlafen. Nun lass mich doch.»

Sie ließen sie nicht.

«Welche Versicherung?»

Michelle wand sich, hustete, blickte umher. Diese bohrenden Fragen. Wieder einmal reichte es nicht, etwas zu wissen. Immer musste alles genau begründet werden und belegt, die westliche Krankheit. Und so genau wusste sie es dann ja auch wieder nicht.

«Ich weiß nur, was die anderen mir erzählt haben», erklärte sie und unterstrich ihre Worte mit dramatischen Gesten. Denn es war offenbar ein dramatischer Vorgang. «Ich hab ja auch damit nichts zu tun! Nur dass es ein paar Tage nach diesem schrecklichen Überfall war. Die Polizei hatte alles durchsucht, stundenlang, und dann kam dieser Mann. Weil, Ed Fowler … Ed, Eddie, den hast du auch kennengelernt, der hatte ja eine Versicherung bei dieser englischen Firma —»

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