Canisades stieg in sein Auto, startete den Motor und steuerte, ohne noch einen Blick auf den im Staub knienden Alten mit dem herausgesoffenen Hirn zu werfen, die Piste an. Der elende Gestank von hochprozentigem Alkohol hing ihm noch eine Weile im Auto nach, als hätten seine Kleider oder das Auto den Geruch in dieser kurzen Zeit schon aufgenommen, was wohl kaum möglich war. Ein Phantomgeruch. Aber er wunderte sich nicht allzu sehr. Und eine Minute später war er tot.
41. EIN GELBER MERCEDES MIT SCHWARZEN SITZEN
Ben Trane. I don’t trust him. He likes people, and you can never count on a man like that.
Robert Aldrich, Vera Cruz
Im sechsten Stock des Sheraton lag Michelle in ihrem Zimmer auf dem Hotelbett und schluchzte. Obgleich der Bungalow für drei Personen mehr als ausreichend gewesen wäre, hatte Helen darauf bestanden, sie im Hauptgebäude einzuquartieren, und Michelle, die wusste, was dies bedeutete, war im Grunde ihres Herzens erleichtert. Der Abschied von Afrika war nun auch ein Abschied von Helen, das Ende ihrer ohnehin nie wirklich existiert habenden Freundschaft. Als letzte Demütigung hatte ihre Bekannte aus Kindertagen ihr noch eine genau abgezählte Geldsumme für das Taxi zum Flughafen in die Hand gedrückt, und Michelle, der man vielleicht einiges, aber sicher nicht Sensibilität und Einfühlungsvermögen absprechen konnte, gab sich keinen Illusionen über Helens wahren Beweggrund hin: Eifersucht. Rasende Eifersucht. Helen wollte den bildhübschen, arabischen Mann für sich allein. Und sie sollte ihn haben. Michelle war nicht mehr interessiert.
Während sie langsam wieder Luft zu schöpfen begann und in die entspannte Lethargie nach einem über Stunden sich hinziehenden Weinkrampf hinüberglitt, befanden Helen und Carl sich bereits auf dem Weg nach Tindirma. Bis sie die Wüste erreicht hatten, diskutierten sie noch darüber, wer die Kommune betreten sollte, um Erkundigungen einzuholen. Dann hatte Helen sich durchgesetzt. Michelles letzte Worte gaben den Ausschlag. Fremden gegenüber sei man sehr misstrauisch, nach den jüngsten Vorfällen sowieso, und die Stimmung sei so schlecht, dass ein ziemlich arabisch aussehender Mann wie Carl vermutlich nicht einmal mehr eingelassen werde. Helen dagegen kenne man immerhin als ihre Freundin, und am besten sei es natürlich, wenn sie selbst noch einmal mitkomme, doch sie wüssten ja, dieser schreckliche Ort … nicht um alles in der Welt. Abgesehen davon, dass ihr Flug für morgen fest gebucht sei und so weiter und so fort. Es tue ihr leid. Keine zehn Pferde.
Zuletzt bat sie Helen, ihr eine Reihe von Dingen, die sie in der Kommune vergessen hatte, mitzubringen, und Helen warf den Zettel mit der Liste beim Hinausgehen mit der Bemerkung in den Papierkorb, dass sie zweieinhalb Dinge ohne weiteres auch im Kopf behalten könne.
Der Tag war so heiß wie bisher kein Tag in der Wüste. Carl schloss einmal probeweise das Seitenfenster, um den heißen Fahrtwind abzuhalten. Aber das machte es auch nicht besser. Eine Luftspiegelung ließ die Ziegelkamele aussehen, als schwebten sie über himmelblauen Seen.
«Da liegt was», sagte Carl mit Blick nach links, und Helen fragte ihn, ob er aussteigen wolle.
«Ich weiß nicht.»
Sie ließ den Wagen ausrollen.
Während Carl bis zu den Waden im Sand die Dünen hochstapfte, band Helen sich mit einem Gummiband im Mund ihren Pferdeschwanz neu. Sie sah die schwankende Gestalt den höchsten Punkt der Düne erreichen, sich eine Hand an die Stirn halten und mit den Achseln zucken. Carl war sich nicht sicher, ob er etwas sah. In sehr weiter Entfernung schwebte irgendwo ein hellgrauer Fleck in der Luft, wahrscheinlich ein Stein, der sich im Hitzeflimmern bewegte. Ringsherum endlose Wüste. Am Horizont einige dunklere Punkte, in denen Carl ohne Mühe die Scheune mit den Baracken erkannte, wo das ganze Elend begonnen hatte. Der Drang, noch einmal dort hinzugehen, wechselte ab mit dem Drang, so schnell wie möglich zum Auto zurückzulaufen. Für einen Moment glaubte Carl, das Hellgraue bewege sich nun tatsächlich … aber dann hörte er die Hupe des Pick-ups und ging zurück.
In der kleinen Straße vor der Kommune parkte Helen den Wagen, direkt vor dem großen Tor. Vom Beifahrersitz aus sah Carl, wie sie den Innenhof überquerte, an der Tür klopfte und von einer langhaarigen, jungen Frau eingelassen wurde.
Er wartete. Die Hitze im Auto wurde unerträglich, und nach einer Weile, die ihm wie eine Ewigkeit vorkam, stieg er aus und kaufte ein Wasser in einem kleinen Laden ein paar Schritte entfernt, ohne das Tor zur Kommune dabei eine Sekunde aus den Augen zu lassen. Dann wartete er weiter. Schließlich klopfte er selbst an der Tür zur Kommune.
Niemand öffnete ihm, aber weiter oben am Haus ging eine kleine Luke auf, und eine dunkelhäutige Frau mit kurzen Haaren teilte mit, dass es noch dauere. Helen lasse ausrichten, es dauere noch. Ed habe Mittagsschlaf gehalten, und sie hätten zuvor nur diskutiert, und nun diskutierten sie im Zimmer des Ouz … und was er denn wolle. Nein, das sei unmöglich. Einlassen könne man ihn auf keinen Fall, und den Innenhof möge er bitte auch verlassen, das sei nichtöffentliches Gelände, das hätten sie nicht so gern, und überhaupt, warum sei das Tor offen? Das solle er hinter sich zuziehen.
Die Luke wurde geschlossen.
Carl wartete einige Sekunden und klopfte erneut.
«Kannst du Helen kurz holen?»
Der Schatten der Frau hinter dem Fensterglas machte abwehrende Gesten. Nichts passierte. Er rief Helens Namen, er ging im Hof herum. Schließlich setzte er sich wieder in den Honda, suchte Papier und Stift und schrieb an Helen, dass er vergeblich versucht habe, eingelassen zu werden, und sich nun ein wenig die Straßen um die Kommune herum ansehen werde. Er legte den Zettel auf den Fahrersitz, betrachtete ihn kurz und malte zur Sicherheit noch einen Pfeil dazu, um anzuzeigen, in welche Richtung er gegangen war: Schräg die kleine Gasse runter und an Brot, Orangen und Töpfen vorbei .
Auf der Straße war hitzebedingt wenig Verkehr. Es duftete nach frischen Teigwaren, es duftete nach Orangen, und der Töpfer und sein Gehilfe diskutierten die olympische Frage. Neben dem Rinnstein war ein Bettler eingeschlafen. Ein Händler spritzte Obst- und Gemüsereste mit einem Wasserschlauch vom Bürgersteig, und sein gleichmütig heiteres Gesicht nahm den Ausdruck gespielter Bösartigkeit an, sobald er den Strahl auf eine Horde kreischender Kinder in wasserfleckigen Hemden richtete. Eine schwangere Frau stand daneben, glücklich und schön wie der Abend. Ein Junge unterhielt sich mit einem unsichtbaren Hund.
An parkenden Autos entlang schritt Carl die Straße zur Moschee hinunter. Von Zeit zu Zeit sah er sich um. Er fühlte eine leichte Schwummrigkeit. Tiefverschleierte Frauen schlugen ihre Augen nieder, und die Kühlergrills der parkenden Autos blickten ihn an wie schielende Hasen, fühllose Insekten, bebrillte Intellektuelle und bürokratische Fleischfresser. Fischmäulige, chromblinkende Citroëns mit hydropneumatischer Federung glänzten neben heruntergekommenen Straßenkötern mit schweren Lackschäden. Flieder, senfgelb, pink. Carl blinzelte und fasste sich an den Kopf. Am Ende der Reihe parkte ein segelohriger Mercedes, dessen rechtes Hinterrad auf einer zerquetschten Getränkedose stand. Es war eine grüne Dose mit weißer Aufschrift: 7up . Ameisen wimmelten um das dreieckige Loch. Der Muezzin rief. Rechter Hand saßen Männer im Café und klackerten mit Dominosteinen. Linker Hand wurde Backgammon gespielt. «Und dann drehen wir den Teller um und spülen ihn von der anderen Seite, und das wiederholen wir siebenmal.»
Ein Verkäufer kreischte den Kilopreis.
«Na komm. Komm doch, komm her, schau, was ich habe, ja also schau doch, na schau-schau, na komm, komm, was hab ich denn hier, na was, was, na schau, nein, also nein, na los na, hier, ja, komm hier, ja, ja, ja, komm, ja, ja. Schau, schau.»
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