Wolfgang Herrndorf - Sand

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Sand: краткое содержание, описание и аннотация

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"Er aß und trank, bürstete seine Kleider ab, leerte den Sand aus seinen Taschen und überprüfte noch einmal die Innentasche des Blazers. Er wusch sich unter dem Tisch die Hände mit ein wenig Trinkwasser, goß den Rest über seine geplagten Füße und schaute die Straße entlang. Sandfarbene Kinder spielten mit einem sandfarbenen Fußball zwischen sandfarbenen Hütten. Dreck und zerlumpte Gestalten, und ihm fiel ein, wie gefährlich es im Grunde war, eine weiße, blonde, ortsunkundige Frau in einem Auto hierherzubestellen."
Während in München Palästinenser des "Schwarzen September" das Olympische Dorf überfallen, geschehen in der Sahara mysteriöse Dinge. In einer Hippie-Kommune werden vier Menschen ermordet, ein Geldkoffer verschwindet, und ein unterbelichteter Kommissar versucht sich an der Aufklärung des Falles. Ein verwirrter Atomspion, eine platinblonde Amerikanerin, ein Mann ohne Gedächtnis — Nordafrika 1972.
Ein mitreißender Agententhriller — und noch viel mehr: ein literarisches Abenteuer, ein außerordentlicher Roman. (rowohlt)

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«Bist du verheiratet?», fragte sie.

«Was?»

«Ich weiß», sagte sie und fuhr sich mit beiden Händen durch die Haare. «Ich weiß, dass das nicht normal ist. Das Hotel ist da.»

Sie stand auf und ging, ohne sich noch einmal umzudrehen. Carl, der es gerade noch schaffte, mit zitternden Händen zwei Münzen auf den Tisch zu werfen, folgte ihr. Der Kellner fuhr sich mit der Zunge über die Lippen.

43. SIRENEN

Menschenbilder, so was Grausliches. Also der Mensch interessiert mich nicht, wenn ich das so hart sagen darf.

Luhmann

Der Hotelpförtner hob nicht einmal den Kopf und legte den Schlüssel mit der Nummer 7 auf den Tresen.

Es ging eine schäbige Treppe hinauf und einen schäbigen Gang entlang in ein schäbiges Zimmer. Die Frau riss sich sofort die Bluse auf. So etwas hatte Carl noch nie gesehen. Eine nackte Brust … noch eine nackte Brust … er konnte sich zumindest nicht erinnern.

Dagegen war er machtlos.

«Sprich Arabisch mit mir», sagte die Frau, als sie nebeneinanderlagen.

«Warum?»

«Sprich zu mir, du wilder Mann!»

«Was?»

«Sprich Arabisch!»

«Was soll ich denn sagen?»

«Egal.»

«Mir fällt nichts ein», flüsterte Carl auf Arabisch.

Sie nickte, schloss langsam die Augen und zog ihn auf sich. Ihr Gesicht nahm einen verzückten Ausdruck an. «Weiter», stöhnte sie, und Carl, der merkte, dass sie kein Arabisch verstand, nannte sie eine dumme Kuh, eine hässliche Alte, ein verblödetes Dauerwellen-Mädchen. Während das Zimmer rhythmisch auf und ab schwankte, fiel sein Blick auf den gelben Blazer, den er neben das Bett geworfen hatte. Er musste an die Gegenstände in den Taschen denken, besonders an den Stadtplan. Irgendwie war er nicht bei der Sache. Er kniff die Augen zu und versuchte sich vorzustellen, es sei Helen. Er steckte seinen Kopf in die Achselhöhle der Frau und wusste: Das war nicht das erste Mal. Er hatte Frau und Kind, er hatte mit seiner Frau verkehrt. Er vergaß zu atmen und schnappte nach Luft. Endlich hörten ihre Bewegungen auf.

Während die Frau duschte, lag er rücklings auf dem Bett und starrte die Zimmerdecke an. Türenschlagend kehrte die Frau zurück. Er hörte, wie sie sich abtrocknete, hörte, wie sie ihre Kleidungsstücke überstreifte. Dabei redete sie die ganze Zeit leise vor sich hin. Sie sagte, dass er ein erbarmungsloser Stecher sei, ein sehr harter Ficker, ein Tier. So ähnliche Dinge hatte sie auch die ganze Zeit über im Bett gesagt (und sie wiederholte sie vielleicht, um nicht wankelmütig vor sich selbst zu erscheinen, sie schien den Tränen nahe). Zum Abschied kam sie noch einmal auf ihn zu, legte den Zeigefinger auf seine Lippen, dann auf ihre Lippen und sagte: «Wenn wir uns zufällig noch mal begegnen: Du weißt Bescheid. Wir kennen uns nicht.»

Sie schaute ihn an, bis er nickte. Dann ging sie, und er blieb liegen und starrte weiter die Decke an. In allen vier Ecken des Zimmers waren Reste abgebröckelten Stucks erkennbar. Über der Fensterfront hatten sich mehrere, einander umschließende Ringe von Wasserrändern gebildet. Ihre kalligraphischen Umrisse sagten ihm nichts, was exakt das war, was ihm die meisten anderen Dinge und Gesichter auch sagten, und er dachte über den geheimen Sinn dieser Analogie nach. Die Augen fielen ihm zu.

Nach einer Weile hörte er Geräusche aus einem Nebenzimmer. Ein Stöhnen, als ob zwei Menschen miteinander verkehrten. Carl wollte das nicht hören und vergrub seinen Kopf in den Kissen. Das Stöhnen der beiden wurde lauter, wobei genau genommen nur die Frau zu hören war. Den Mann schuf seine Phantasie hinzu. Es konnten also auch zwei Frauen sein, die sich dort vergnügten. Oder eine Frau mit zwei Männern. Oder eine Frau allein. Die Zahl der Möglichkeiten beunruhigte ihn.

Er überlegte, dass in dem Zimmer, in dem er sich befand, vor wenigen Minuten die gleichen Geräusche zu hören gewesen waren, und auf einmal kam es ihm vor, als ob es nicht nur die gleichen, sondern dieselben Geräusche wären, das Stöhnen der verrückten Frau, das jetzt als sehr verspätetes Echo durch die Zimmerwand zu ihm drang. Wie eine Tonbandaufzeichnung, die jemand im Nebenraum von ihnen gemacht hatte und nun noch einmal zur Kontrolle abspielte, ein Echo seiner eigenen, nicht vorhandenen Leidenschaft. Er saß aufrecht im Bett, ein Ohr an der Wand. Das Stöhnen steigerte seinen Rhythmus über einige Minuten und fiel dann plötzlich eine Oktave herab wie eine Polizeisirene, die vorüberfährt, während eine zweite Stimme dumpf und kurzatmig dazwischenschnaufte. Dann wurde es wieder still.

Carl war erleichtert, die Stimme des Mannes noch gehört zu haben, die ganz erkennbar nicht seine eigene war. Er hatte während der ganzen Sache mit der Frau nur anfangs leise Arabisch gesprochen und dann still zu bleiben versucht; aus mehrfacher Verlegenheit. Erstens kannte er die Frau nicht, zumindest war er sich ziemlich sicher, sie nicht zu kennen. Zweitens verbarg er etwas vor ihr, von dem man schlecht sagen konnte, was es war, und drittens konnte er sich zwar daran erinnern, dass man beim Geschlechtsverkehr Geräusche machte, er wusste aber nicht mehr, welche das bei ihm selbst sein würden, und fürchtete, sich selbst bei erschreckend unbekannten Lauten zuhören zu müssen.

Ohne es zu wollen, döste er ein. Im Halbschlaf glaubte er, tatsächlich eine Polizeisirene vorüberfahren zu hören, sagte sich, dass sie hinter ihm her seien … und schlief weiter. Schmerzhaft pickte irgendetwas von hinten an seine Schädeldecke. Er blinzelte und sah einen Lichtfleck in Form einer Mondsichel über seine Netzhaut irren. Zuckend und pickend glitt die Sichel nach links in die Nacht. Er sah sich im Traum einen grünen Tee trinken. Er sah sich an einem grünen Tisch sitzen und ein grünes Haus betrachten, auf dem eine grüne Fahne wehte. Ein Jeep fuhr vorüber, die Getränkedose fiel ihm wieder ein … mit einem Mal sprang er aus dem Bett.

Aus den Taschen des Blazers riss er die Ampullen, den Notizblock, den Stadtplan und die anderen Gegenstände hervor. Er breitete den Plan über der Bettdecke aus, suchte mit dem Zeigefinger den Ort, an dem er sich befand, und zuckte zusammen. Das Hotel war mit einem blauen Kringel markiert. Allerdings lag der Kringel etwas unscharf über dem Viertel … es konnte auch die Kommune gemeint sein und nicht das Hotel. Oder ein anderes Haus in der Straße. Nein, sicher war die Kommune gemeint! Das Herz schlug ihm bis zum Hals. Allerdings nur eine Sekunde lang. Dann entdeckte er einen zweiten Kringel einige Straßen weiter, dann sah er, dass über den gesamten Plan hinweg reihenweise Straßen und Häuser angestrichen und umkringelt waren. «Wer macht denn so was?», sagte er zu sich selbst. «Ein Postbote?»

Die meisten Markierungen lagen auf Targat. Carl zählte knapp dreißig blaue Kringel. Aber alle neuralgischen Orte, also alle Orte, die in seinem Leben in den letzten Tagen eine gewisse Rolle gespielt hatten (das Sheraton, Adil Bassirs Villa, Dr. Cockcrofts Praxis usw.), waren nicht markiert. Die Bar, in der er Risa getroffen hatte, war nicht markiert. Die Werkstatt, in die ihn die zwei Männer gelockt hatten, war nicht markiert. Helens Bungalow war nicht zu finden. Er nahm den Kugelschreiber zur Hand und malte damit einen blauen Kringel ins Niemandsland der Wüste, etwa dort, wo er die Scheune vermutete. Es war ein anderes Blau. Er trat ans Fenster, schraubte zum zweiten Mal den Kugelschreiber auf und hielt die Mine ins Licht. Chromsilbern, fünf oder sechs Millimeter im Durchmesser. Vorne ein schmales, mit einer Feder umwundenes Stück, am hinteren Ende ein blauer Plastikstöpsel, der sich nicht herausziehen ließ. Auch hier ein abgeschabter Aufdruck des Herstellers: Szewczuk. Er sah sich die Einzelteile des Kugelschreibers noch einmal genau an. Zwei Hülsen, ein gezacktes Stück Plastik, ein Teil der Druckmechanik, die Mine, den Ring und die Feder. Er drückte die Feder zwischen zwei Fingern zusammen, sie bog sich und sprang klickend gegen die Fensterscheibe.

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