Die Sicht auf das Geschehen dahinter war Carl versperrt, aber er meinte, zwischen den Rauchschwaden einen einzelnen Europäer auszumachen, der sich der heranrollenden Flammenkugel mit lächerlichen Kung-Fu-Sprüngen entgegenstellte. Was natürlich nichts half. Das Ouz wurde gegen das Tor gedrückt, das sofort aufbrach. Schnell waren Holzstapel und Müll im Innenhof der Kommune in Brand gesetzt.
Zwei Frauen versuchten, mit einem sehr grünen, sehr komischen Gartenschlauch zu löschen. Eine andere in Jeans und Batik-T-Shirt schleppte Taschen, Teppiche und schwere Kisten zu einem großen Landrover. Helen war nirgends zu sehen. In kürzester Zeit fraßen sich die Flammen bis zum Hauptgebäude. Der Landrover nahm Anlauf, das Inferno zu durchbrechen, und blieb in den Trümmern stecken. Erneut hob triumphierendes Geschrei an und verstummte erst wieder, als der Wind umschlug und das Feuer auf die Nachbarhäuser übergriff. Zwei Straßenzüge brannten komplett nieder.
Mit zitternden Knien war Carl währenddessen die sich leerende Treppe herabgekommen. Alles drängte zum Feuer hin, und er schob sich seitwärts an der Masse vorbei bis zu der kleinen Straßeneinmündung. Dort sah er erleichtert, dass unter den wenigen noch vor der Kommune parkenden Autos kein blauer Honda mehr stand.
Doch seine Erleichterung währte nicht lang. Denn als er an sich hinuntersah, musste er feststellen, dass sein Blazer fort war. Der Arm, über dem er ihn die ganze Zeit getragen hatte, war noch angewinkelt, aber leer. Er rannte zuerst zur Treppe zurück, dann erneut quer über den Suq. Ein kleiner, mit zwei Stöcken bewaffneter Junge schleppte in seiner Armbeuge etwas leuchtend Gelbes mit sich herum. Knapp vor dem Brunnen erwischte Carl ihn. Der Junge, keine zehn Jahre alt, hielt schreiend, kratzend und beißend seine Beute umklammert, boxte Carl in den Magen und versuchte, sich loszureißen. Carl schleuderte ihn gegen eine Hauswand. Er riss den Blazer hoch und durchwühlte die Taschen nach dem Kugelschreiber. Der Kugelschreiber war nicht da. Nicht in der rechten Seitentasche, nicht in der linken. Auf allen vieren versuchte der Junge davonzukriechen. Mit einem Tritt in die Seite brachte Carl ihn zu Fall. Einen Fuß auf den Hals des Jungen gestellt untersuchte er die Innentasche des Blazers, dann wieder die Seitentaschen. Um die kleine Gruppe herum drängten sich Männer mit erhobenen Knüppeln. «Er hat mich beklaut! Das Drecksbalg hat mich beklaut!», rief Carl, während er weiter nach dem sich Windenden trat. Plötzlich ertasteten seine Finger den Kugelschreiber in der rechten Seitentasche, die er schon dreimal durchsucht hatte. Im selben Moment traf ihn ein Schlag an der Schulter. Carl taumelte, stieß die wütende Menge beiseite und stürzte, den Blazer mit dem Kugelschreiber fest an seine Brust gepresst, davon.
Hinter sich hörte er Brüllen und Rufen, und in das Rufen hinein mischte sich auf einmal eine Stimme, die ganz anders klang als die anderen. Fragend und schrill. Sich umblickend erkannte Carl ein bekanntes Gesicht … er war sich nicht sicher. Sein Verfolger schien sich ebenfalls nicht sicher zu sein. An dieser Unsicherheit erkannten sie sich. Es war einer der vier Männer in weißen Dschellabahs, die Carl am Tag seines Erwachens vom Dachboden der Scheune aus gesehen hatte. Der Mann hatte ein unscheinbares Gesicht, trug auch jetzt wieder eine weiße Dschellabah und bahnte sich mit beiden Armen einen Weg durch den Mob. Und er schien nicht allein zu sein. Hinter ihm schob sich der Dicke durch die Menge. Dahinter der Kleine.
Denn er schaut hoch im Himmel thronend auf uns nieder
Und zeigt den Menschen mitleidvoll den rechten Weg;
Und seine Sternenschrift am Himmelsfirmament
Verkündet uns hienieden Glück und widriges Geschick;
Doch ach, die Menschen, erdbeladen und vom Tod
beschwert,
Sie fragen nicht nach solcher Schrift, sie lesen’s nicht.
Pierre de Ronsard
Carls erster Gedanke war, den Weg zum Mercedes einzuschlagen. Aber selbst, wenn es ihm gelungen wäre, das Auto zu erreichen, es aufzuschließen und den Motor zu starten, in den verstopften Straßen wäre er damit doch keinen Meter vorangekommen. Er rannte, ohne nachzudenken, und als sich ihm rechter Hand eine Gasse in die Wüste auftat, sprintete er dort hinein.
Zu seinem Glück entpuppten seine Verfolger sich als schlechte Läufer. Schon auf der zweiten oder dritten Düne hatte er sie abgehängt, wie es schien.
Carl rannte, und der heiße Sand, der zwischen den Riemen seiner Sandalen hindurchdrang, verbrannte ihm die Zehen. Die Erinnerung an seine letzte Flucht stieg in ihm auf und erfüllte ihn mit Panik. Sollte er weiterrennen? Auf Umwegen zum Auto zurück? Sich wieder eingraben?
Nein, zurück zur Oase wollte er auf keinen Fall. Die Lage dort war viel zu unübersichtlich. Vielleicht später. Die Sonne stand nur noch zwei Handbreit über dem Horizont, in Kürze würde es dunkel sein, dann war er in der Wüste sicher. Bis Targat waren es zwanzig oder dreißig Kilometer. Das traute er sich zu.
Außer Atem und mit starken Seitenstichen blieb er stehen. Er sah sich um. Ringsum die Stille. Ein erster Stern blinkte auf, und er dachte an Helen. Er hoffte, nein, er war sich sicher, dass sie die Kommune verlassen hatte, bevor die Lage dort eskaliert war. Sie konnte seinen Zettel gefunden haben, auf dem er die Entdeckung seines Autos vermeldete, und sie war klug und pragmatisch genug, ihre eigene Haut zu retten und darauf zu vertrauen, dass er dasselbe tat. Mit jedem Schritt stampfte er schwerer durch den Sand. Sein Hirn warf Traumbilder aus, plötzlich sah er sich selbst in glücklicher Zukunft. Er hatte eine blonde, ungeheuer schöne amerikanische Ehefrau, zwei oder drei nebelhafte Kinder und einen interessanten Beruf. Nachbarn und Freunde schätzten ihn, er war ein wertvolles Mitglied der Gemeinschaft, und einmal wurde sein Nachbar von einer Giftschlange gebissen. Carl rettete ihm das Leben, indem er den Arm abband und die Wunde aussaugte. Dann fielen vier Männer in weißen Dschellabahs aus einem Helikopter, erschossen ihn und vergewaltigten Helen.
Wie kam ein Gehirn wie seines zu solchen Tagträumen? Aber er ging der Frage nicht weiter nach. Das Marschieren erschöpfte ihn und ließ seine Gedanken in immergleichen trostlosen Schleifen umherfahren.
Seit Dr. Cockcroft zum ersten Mal — wenn auch nur ironisch — insinuiert hatte, Helen könne seine sich verstellende Ehefrau oder Geliebte sein, wurde Carl die Hoffnung nicht los, alles würde sich früher oder später in einer heiteren Komödie blitzschneller Dialoge auflösen. Wenn der Handlungsknoten am verwickeltsten wäre, erklängen Verdi-Arien und Champagnerkorken knallten. Helen würde ihm plausible Gründe für ihr Versteckspiel offenbaren, und seine Erinnerungen träten hinter schweren Wohnzimmergardinen hervor wie Überraschungsgäste.
Fast stolperte er über die Leiche. Oder das, was davon aus dem Sand ragte. Ein unbeschuhter Fuß, eine schwarze Socke, das hellgraue Beinkleid. Carl tat einen entsetzten Schritt zurück und blickte dann zur Piste hinüber, von der aus er das Hellgrau Stunden zuvor schon gesehen hatte. Und dann zur anderen Seite. Tatsächlich, dort am Horizont war der Giebel der Scheune zu erkennen.
Mit angehaltenem Atem grub er den toten Körper ganz aus und drehte ihn mit zwei Fußtritten herum. Ein Mann schwer bestimmbaren Alters, das Gesicht mit offenen, sandblinden Augen. Als Todesursache schnitt überdeutlich ein dünner Draht in den blutverkrusteten Hals. An beiden Enden des Drahtes waren zerbrochene Bleistifthälften eingerollt. Ein Menjou-Bärtchen saß wie ein staubiger Schmetterling auf der fauligen Blüte des blau angelaufenen Gesichts.
Das konnte nur Cetrois sein! Hatten ihn die vier Männer also erwischt. Während Carl mit der Leiter vom Dachboden heruntergeturnt war. Aber wo war das Moped?
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