Die Sonne hatte den Zenit schon überschritten, als es zum ersten Mal silbern und metallisch zwischen den Sandkörnern aufblinkte, und während Carl noch schwitzend und verzweifelt auszurechnen versuchte, wie viele Stunden Arbeit noch vor ihm lägen, wenn er schon für die erste Kapsel über einen halben Tag gebraucht hatte, folgte die zweite schon drei, vier Handvoll Sand später wie ein diebisches Kind, das nicht mehr zu fliehen wagt, sobald man seinen kleinen Komplizen am Kragen gepackt hat.
Carl schob beide Kapseln zurück in die Mine, verschloss sie wieder mit dem blauen Plastikstopfen und dachte darüber nach, ob ein anderer Ort zur Aufbewahrung nicht sicherer wäre. In seinem Portemonnaie? In der Tasche des Blazers? Oder schluckte er sie am besten gleich hinunter? Er nahm seinen Schlüsselbund, den Notizblock und die Morphiumampullen aus den Seitentaschen, steckte sie in seine Bermudas und klipste den Kugelschreiber allein an der Innentasche des Blazers fest. Während er sich noch ernsthaft mit diesen Dingen beschäftigte, sah er plötzlich eine flirrende Gestalt durch die Wüste auf sich zukommen. Eine schmuddlig-weiße Dschellabah, es war ein sehr alter Mann.
Er kam direkt aus Richtung der Scheune und brüllte schon von weitem Unverständliches. Diesmal hielt er keinen Dreizack in der Hand, aber Carl erkannte ihn auch so, und während er noch die läuferischen Qualitäten seines Gegenübers und die Gefahr, die von ihm ausging, abzuschätzen versuchte, merkte er auch schon, dass das Erkennen nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Laut lallend stampfte der Alte die Düne hoch, nannte Carl die Unsichtbare Königsbrigade, zeigte sich höchst erfreut über ihr Erscheinen und gab hustend und keuchend seiner Hoffnung Ausdruck, die Leichen seiner beiden Söhne nun bald wieder in die väterlichen Arme schließen zu dürfen.
Er war schon fast neben Carl angelangt, als er plötzlich zusammenzuckte, «Mein Goldjunge!» rief und über der Leiche in den Sand stürzte. Er brauchte fast zehn Minuten, um seinen Irrtum zu bemerken. Nein, sein Sohn hatte nie einen hellgrauen Anzug getragen. Nur die Dschellabah. Aber wo war denn jetzt das Moped?
Das war eine Frage, die Carl ihm auch nicht beantworten konnte, und alles, was er der sich anschließenden, fast einstündigen, Suada des Alten entnehmen konnte, bevor er ihn friedlich schnarchend neben der Leiche zurückließ, war, in drei Sätzen zusammengefasst: dass der Alte offenbar zwei Söhne verloren hatte, von denen einer erschlagen worden war und der andere verschollen. Dass er sich auf der Suche nach ihren Leichen die Hilfe einer höchst geheimen Polizeibrigade erhoffte. Und nicht zu vergessen: Er suchte auch sein Moped.
Den Blazer als Schutz gegen die Hitze um den Kopf gewunden, wanderte Carl weiter Richtung Westen. Der brennende Durst, den er seit dem Erwachen gespürt hatte, steigerte sich ins Unerträgliche, sobald er die Ausläufer der Bidonvilles am Horizont auftauchen sah. In kraftlosen Schlangenlinien stürzte er zwischen den ersten Wellblechbaracken hindurch, rannte in einen schmutzigen Laden, kaufte eine Literflasche Wasser und trank sie im Stehen. Dann eine zweite. Mit der dritten, angebrochenen Flasche ging er um die Hütte herum, pinkelte erleichtert gegen die Rückwand und rief dem Ladeninhaber währenddessen zu, ob es hier irgendwo ein Telefon gebe. Tatsächlich stand in einem Bretterverschlag zwei Straßen weiter, wo jemand eine Art Café betrieb, ein schwarzes Bakelitgerät.
Carl ließ sich mit dem Sheraton verbinden. Helens Stimme meldete sich sofort. Helen! Sie war unverletzt, es ging ihr gut, und noch bevor sie Carl erklären konnte, wie und warum sie dem Inferno rechtzeitig entkommen war, schrie er schon in den Hörer, dass er die Mine gefunden habe … ja, die Mine, er habe sie in seiner Tasche, zwei winzige Kapseln in einem Kugelschreiber, er wiederhole, in einem Kugelschreiber … doch, er sei ganz sicher, dies sei die Mine, und sie müsse ihn sofort abholen, weitester Ausläufer des Salzviertels gen Osten, er wiederhole, weitester Ausläufer des Salzviertels, letztes stinkendes Café an der mittleren Straße durch die Baracken … dort warte er auf sie. An der größten Straße. Also der breitesten. Am östlichsten Punkt. Ein Bretterverschlag mit Telefon. Er hörte den eigenen Enthusiasmus und Helens Aufregung, hörte den Befehl, sich nicht von der Stelle zu rühren, sie komme sofort, und als er auflegte, stand der Wirt mit einem Teller zerkochter Suppe hinter ihm, den er hochhielt wie ein Tablett erlesener Spezereien. Das ginge aufs Haus.
Ein improvisierter Tisch aus Obstkisten stand auf der Straße, dort setzte Carl sich mit der Suppe nieder. Er legte seinen Blazer vor sich hin und schloss die Augen. Zum ersten Mal seit dem Vorfall in der Scheune fühlte er sich gut, fühlte er sich auf der sicheren Seite, auch wenn er wusste, dass das, was jetzt auf ihn zukam — Übergabe der Kapseln an Adil Bassir, Verhandlung um seine Familie, Aufklärung seiner Identität — , vielleicht das Schwierigste von allem sein würde. Aber die Unsicherheit war weg. Die furchtbare Unsicherheit.
Er aß und trank, bürstete seine Kleider ab, leerte den Sand aus seinen Taschen und überprüfte noch einmal die Innentasche des Blazers. Er wusch sich unter dem Tisch die Hände mit ein wenig Trinkwasser, goss den Rest über seine geplagten Füße und schaute die Straße entlang. Sandfarbene Kinder spielten mit einem sandfarbenen Fußball zwischen sandfarbenen Hütten … Dreck und zerlumpte Gestalten, und ihm fiel ein, wie gefährlich es im Grunde war, eine weiße, blonde, ortsunkundige Frau in einem Auto hierherzubestellen. Andererseits hatte Helen sich ja schon mehr als einmal als furchtlos erwiesen; und nun war ohnehin nichts mehr zu machen. Er beobachtete einen Hund, der sich, an seinem Schwanz riechend, im Kreis drehte. Der Fußball flog scheppernd auf ein Wellblechdach. Dann kreuzte eine Schar Kinder mit schäbigen Holztafeln und zerfledderten Heften den Weg, ein Bild wie aus dem Poesiealbum, eine mit sentimentalen Versen über vergangene Lebensalter verzierte Bisterzeichnung: goldene Sonne, goldene Jugend. Ein Junge sprang einem anderen auf den Rücken und zeigte mit einer Krücke die Richtung an. Kichernde Mädchen, über Kontinente und Jahrhunderte hinübergreifend. Ein einbeiniges Kind hopste weinend und krückenlos den anderen hinterher.
«Monsieur Bekurtz, où est-il?»
Das Poesiealbum klappte zu, als ein Junge auf Carl zusprang und schreiend ein Bakschisch verlangte. Der Wirt kam heraus und peitschte den Störenfried mit einem Geschirrhandtuch davon. Er nannte die Kinder ein dreckiges Geschmeiß, das seine Gäste belästige, einen Abschaum, verschissene Brut aus dem verschissenen Salzviertel. Im Davonrennen schnitten sie Gesichter, der Wirt warf ihnen eine Handvoll Kiesel hinterher.
Carl starrte den Wirt an und sagte: «Was?»
«Ja?»
«Was haben Sie gesagt?»
«Dass sie verschwinden sollen.»
«Nein, verschissen … das verschissene Salzviertel?»
Schulterzucken, eine weitere Handvoll Kiesel, böse Augenbrauen.
Carl setzte nach: «Aber wir sind doch hier im Salzviertel?»
«Mein Herr!», rief der Wirt empört und zeigte über die Hütten seiner stolzen Heimat hinweg, und bevor er noch seiner Gekränktheit weiteren Ausdruck verleihen konnte, war Carl schon aufgesprungen und zum Telefon gerannt. Er ließ sich erneut mit dem Sheraton verbinden. Der Wirt kam ihm misstrauisch hinterher, stellte sich direkt vor ihn hin und hob nur zwischendurch einmal die Hand, um Daumen und Zeigefinger gegeneinanderzureiben. Die Telefonistin sagte: «Ich verbinde.»
Das Leere Viertel. Er war im Leeren Viertel.
«Geh ran!», sagte Carl, «geh ran!»
Anfang der fünfziger Jahre hatten Bulldozer erstmals eine breite Schneise durch die Lehmhütten und Wellblechbaracken der riesigen Slums rund um Targat gepflügt und vom Salzviertel einen kleinen Zipfel im Norden abgetrennt. Die Maßnahme war bekannt geworden als Säuberungswelle eins. Seitdem verhielten sich Salzviertel und Leeres Viertel wie verfeindete Fußballmannschaften. Man gehörte zwar immer noch irgendwie zueinander, sprach auch noch erkennbar die gleiche Sprache und lebte im gleichen Dreck, aber dank einer mehrere Kilometer breiten Schneise zwischen den Vierteln legte man nun Wert auf die Feststellung, dass man ein anderer Dreck war. Dünkel und Überlegenheitsgefühle verursachte den Bewohnern des Leeren Viertels vor allem die Tatsache, dass an ihnen vorbei eines Tages ein paar Stromleitungen und sogar ein Telefonkabel verlegt worden waren, die sie in aller Eile angezapft hatten. Das verschaffte dem Leeren Viertel schon nach kurzer Zeit einen solchen Zivilisationsvorsprung, dass es sich fast in die Legitimität zu retten vermochte und von den Säuberungswellen zwei bis vier jedenfalls ausgenommen wurde, während der schwesterliche Slum im Süden immer tiefer in seinem Elend versank.
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