Dahinter, ein Stockwerk tiefer, sah Carl eine Gruppe von Männern durch die Straße rennen. Ein Nachzügler folgte ihnen humpelnd. Carl steckte das Ende der Mine in den Mund und schaute ihnen nach. Ein ferner Schrei war zu hören, und mit einem Mal schrie er selbst … eine Perlenschnur feiner Blutströpfchen landete auf der Fensterscheibe.
Mit den Zähnen hatte er den blauen Plastikstöpsel gewaltsam herausgerissen und sich an der Lippe verletzt. Die Mine war zu Boden geklackert. Er hüpfte vor Schmerz auf einem Bein. Dann hob er die Mine auf, hielt sie vors Auge und versuchte in das dunkle, offene Ende zu spähen. Er drehte die Öffnung nach unten und schüttelte. Zwei längliche Metallkapseln mit abgerundeten Ecken fielen in seine Hand. Die Kapseln glichen einander vollkommen. Sie waren perfekt zylindrisch, hatten die Farbe matten Silbers und sahen schon auf den ersten Blick so anders aus als die anderen Teile des Kugelschreibers, dass Carl nicht eine Sekunde lang zweifelte, was er da gefunden hatte. Um die Mitte jedes Zylinders lief eine unscheinbare Naht. Im Bad wusch er das Blut von der Lippe, dann warf er sich die Kleider über und rannte hinaus.
Nicht eine einzige fortschrittliche Idee begann mit einer Basis in der Masse, sonst wäre sie eben nicht fortschrittlich gewesen.
Trotzki
Das Erste, was er auf der Straße sah, war ein junger Mann mit einer geschulterten Sichel, dem andere folgten. Es wurden immer mehr. Carl versuchte, den Weg zur Kommune einzuschlagen, doch schon bald war auf der Straße kein Durchkommen mehr. Ohne erkennbaren Grund schlossen sich plötzlich vor ihm Gruppen zusammen und zerstreuten sich wieder. Junge Männer blockierten die Straße, rannten umher, hakten einander unter. War anfangs kein Ziel erkennbar, zog fernes Rufen die Menge bald in eine Richtung. Carl sah Hacken, Schaufeln und Äxte. Den Hauptstrom bildeten junge Männer in seinem Alter. Aber auch ein paar Greise waren zu sehen, kleine Kinder mit Pfeil und Bogen liefen am Rand und wurden an die Häuser gedrückt. Auf der ganzen Straße keine einzige Frau. Carl blieb stehen, versuchte ein paar Schritte gegen die Flussrichtung und wurde gestoßen, angerempelt und mitgerissen. Den Blazer, in dessen Innentasche er den Kugelschreiber gesteckt hatte, hielt er fest umklammert über dem Arm. Zur Seite hindrängend versuchte er, in kleinere Gassen auszuweichen, aber aus allen kleineren Gassen strömte ihm die Menge entgegen.
Dicht über ihm öffnete sich ein Fenster, und eine zahnlose Alte keifte die Männer an. Sofort liefen sie hin, sie spuckten, sprangen am Fenster hoch und schlugen mit Fäusten und Stöcken nach ihr, bevor es der Frau gelang, die Fensterläden zuzuzerren.
Der Strom der Hauptstraße vereinigte sich mit anderen Strömen aus Seitenstraßen und spülte alle zum Suq. Dort verlor sich die Richtung sofort. Das Zentrum der Bewegung schien erreicht und gleichzeitig leer. Man ging im Kreis herum und durcheinander. Formationen, die sich auf dem Weg gefunden hatten, lösten sich auf. Bei alldem herrschte ein sonderbarer Mangel an Begeisterung, und Carl fühlte sich an den Film erinnert, den er am Abend zuvor mit Helen im Fernsehen angeschaut hatte. Ein Tierfilm. Ein silbern blinkender Fischschwarm, der in einem Wasserblock steht und ruckt und in dessen Rucken sich von Sekunde zu Sekunde deutlicher die Ankunft der Haie mitteilt. Die Gesichter rund um ihn ausdruckslos vor Erwartung.
Dahintreibend fragte Carl sich, wo die Kinder und Jugendlichen geblieben waren; er entdeckte sie auf den Dächern rund um den Suq, wo sie mit Pfeil und Bogen standen. Er selbst versuchte, nichts mehr gegen die Bewegung zu unternehmen. Nur nicht auffallen.
Die Unruhe wurde fühlbarer, und plötzlich schien es, als habe es irgendwo eine Stockung gegeben, die sich rückwärts durch die Masse fortsetzte. Ein kurzer Stillstand, dann ein spitzer Schrei, und die Menge spritzte aus dem Zentrum fort, stürzte als Welle gegen Häuser und Mauern und spülte in die umliegenden Gassen. Carl fand sich eine Treppe am höchsten Gebäude des Suqs hinaufgedrückt und von Körpern einbetoniert.
Von seiner erhöhten Position überblickte er den in der Mitte nun fast leeren Suq. Ein paar Knüppel und eine einsame Sandale waren dort zurückgeblieben, dazu ein schmächtiger Junge mit verdrehtem Bein und aufgerissenen Augen, der einsamste Mensch auf der Welt. Auf seine Ellenbogen gestützt kroch er über die Erde und drehte dabei panisch den Kopf hin und her — bis sein Blick an einer Seitenstraße hängenblieb. Ein Raunen ging durch die Menge. Zwischen den Häusern lugte etwas hervor, das wie eine riesige, dunkle Schnauze mit zitternden Schnurrhaaren aussah.
«Ouz! Ouz! Ouz! Ouz!»
Die Schnauze glitt zentimeterweise hervor. Dichtes, buschiges Fell, hängender Unterkiefer, zwei riesige Hauzähne im Maul. Kleine, bolzendicke Beinchen baumelten an den Seiten des Tiers. Es hatte mit nichts Ähnlichkeit, was Carl je gesehen hatte. Der dreieckige Kopf würde an einen Marder erinnert haben, wenn der Marder nicht die Größe eines Fünftonners gehabt hätte. Vereinzelte Schreie — und mit blutroten Knopfaugen schwenkte das Tier in Carls Richtung. Es schien ihn zu fixieren, eine halbe Sekunde lang. Dann schoss es vom Brüllen der Menge begleitet quer über den Suq in eine ferne Seitenstraße. Männer mit hocherhobenen Äxten folgten sofort. Nur wenige Augenblicke später tauchte das Tier aus einer anderen Straße wieder auf, lief erneut über den Suq und begann sich wie rasend im Kreis zu bewegen, eine immer größere Menschenmenge hinter sich herziehend. Das Entsetzen hatte sich in Tatendrang verwandelt, der Tatendrang in Wagemut und Blutrausch. Hinter dem Feld her stolperten die Älteren, die Langsameren, ein krückenschwingendes Kind und einige begeisterte Unbewaffnete. Sobald das Tier überraschende Wendungen machte, kreischten sie aufgeregt, und als es den Rückwärtsgang einlegte, kamen einige unter die Räder.
Ein Mann mit nacktem Oberkörper stellte sich frontal in den Weg und wurde von den Hauzähnen zur Seite geschleudert. Andere schlugen Wunden in die Flanken des Monstrums und stürzten jubelnd davon, von einem Pfeilregen begleitet. Nach nur zwei Durchgängen durch den Suq war der Pelz des Ouz gespickt mit Stacheln. Die Bogenschützen warteten nicht mehr, bis das Ziel vorüberkam, sondern schossen noch lange, wenn es außer Reichweite war. Die Pfeile klirrten zu Boden, prasselten an gegenüberliegende Häuserwände oder blieben in den Rücken verwegener Angreifer stecken. In den Pausen versuchten die zu Boden Getrampelten davonzukriechen. Niemand kümmerte sich um sie.
Unweit der Treppe, auf der Carl stand, wurde das Ouz schließlich zur Strecke gebracht. Angriffswelle auf Angriffswelle brandete gegen den kaum noch zuckenden Fellhaufen, auch die Kleinsten und Schwächsten liefen nun herbei. Der riesige Kadaver sackte knirschend zur Seite und streckte einen Vorderfuß in die Luft wie einen Schornstein. Das hintere Bein lag abgerissen da, und in den eingedellten, aufgerissenen Flanken des Tieres wurden Holzlatten und Gestänge sichtbar. Unbeeindruckt prügelte die Menge weiter auf die Mechanik ein, und als das Hinterteil Feuer fing, entdeckte Carl vier in Ritualgewänder gekleidete Männer, die aus dem aufgeschlitzten Bauch des Fetischs flüchteten. Ihres eigentlichen Ziels beraubt, warf sich die wütende Menge nun auf die Priester und prügelte stellvertretend auf sie ein, bis es diesen gelang, im Gedränge ihre Gewänder abzuwerfen und unterzutauchen.
Noch immer wie gelähmt stand Carl auf der Treppe und hielt seinen Blazer umklammert. Die Männer um ihn herum bewegten sich nicht, und minutenlang konnte er beobachten, wie die Reste des Ouz inmitten der Menge wanderten. Wie ein riesiges Molekül, das von kleineren, unsichtbaren Teilchen beschossen wird, ruckte es mit brennenden Flanken über den Platz. Tritte und Schläge trieben es umher, ein Halbstarker sprang dem Kadaver in den Nacken, sein Hemd fing sofort Feuer. Schien das brennende Ungetüm anfangs noch zufällig hierhin und dorthin zu rollen, verkündete spätestens das immer lauter, immer dringlicher und schriller werdende Geschrei, dass es ein Ziel gefunden hatte. Mit Knüppeln, Stangen und Fußstößen trieben die Männer den Feuerball in eine Seitengasse auf ein hölzernes Tor zu.
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