«Das interessiert mich nicht», sagte Carl erschöpft. «Mich interessiert, wer ich bin. Mich interessieren diese Kapseln nicht, mich interessiert meine angebliche Familie nicht, mich interessiert nur, wer ich bin .»
«Und mich interessiert, wie sich einer den Gegenstand, von dem sein Leben, seine Identität und alles abhängt, von ein paar kleinen Kindern klauen lassen kann.» Helen wirkte gereizt. Sie wurde laut, Carl wurde ebenfalls laut, und nachdem sie einige Minuten aneinander vorbeigeredet hatten, machte Helen den Vorschlag, die beiden Themen zu trennen, seine Identität und die Mine. Zwar halte sie die Mine für deutlich wichtiger … aber bitte. Und ihretwegen zuerst die Identität.
Carl antwortete nicht.
«Deine kleine Prostituierte», sagte Helen. «Fang an.»
«Fang du doch an.»
Kopfschüttelnd wandte Helen sich ab, und Carl, der wusste, dass er sich kindisch benahm, biss sich auf den Lippen herum.
Auf dem schwarzen Fernsehbildschirm saßen ihre Schattenrisse stumm nebeneinander. Nach einer Weile griff Carls Schatten nach der Hand von Helens Schatten, aber sie entzog ihm ihre Hand.
«Fang an.»
«Aber ich hab doch alles gesagt jetzt! Nur dass das nicht sein kann. Cetrois ist ja mit dem Moped in die Wüste. Ich bin nicht Cetrois. Das Mädchen irrt sich.»
«Oder die vier Männer irren sich.»
«Wie denn? Und du hast das Mädchen nicht gesehen.» Haarklein schilderte Carl noch einmal seine Begegnung mit der Drogenkranken, wobei er sich bemühte, ihre Gestörtheit möglichst plastisch herauszuarbeiten, und Helen unterbrach ihn und sagte: «Sie wollte Morphium von dir. Und du hattest welches dabei. War das Zufall?»
Keine Antwort.
«Hast du ihr gesagt, dass du was dabeihast, oder hat sie gefragt?»
«Sie hat gefragt.»
«Und wonach genau hat sie gefragt?»
«Nach … Zeug. Ob ich Zeug dabeihab. Und dann hab ich die Ampullen rausgeholt, und sie hat sie haben wollen. Und dann hat sie Morphium gesagt.»
«Du hast nicht Morphium gesagt?»
«Nein.»
«Und stand da dick drauf, dass das Morphium ist?»
«Nein. Es stand drauf, aber kaum lesbar.»
«Das hat sie aber nicht gelesen.»
«Nein. Aber was hätte es sonst sein sollen?»
«Kokain. Kosmetik. Kochsalzlösung.»
«Sie hat geraten. Kennt sich ja aus mit Drogen.»
«Wenn ich mal kurz zusammenfassen darf: Dieses Mädchen, das dich auf der Straße mit Charly anredet, will Zeug von dir. Und du hast zufällig was dabei. Daraufhin sagt sie Morphium, und es ist zufällig Morphium. Du glaubst nicht im Ernst, dass die dich nicht kennt?»
«Ich —»
«Und dass sie die ganze Zeit nur geschimpft und geflucht hat, statt auf deine Fragen zu antworten, obwohl du versprochen hast, ihr die Ampullen zu geben, wenn sie antwortet. Warum hat sie das gemacht?»
«Weil sie schwachsinnig ist.»
«Das ist eine Möglichkeit. Die andere ist, dass die Frage schwachsinnig ist. Ich meine, du fragst unaufhörlich nach deinem Namen und wie du heißt. Du wirst nicht viele Leute finden, die auf die Frage ‹Wie heiß ich denn?› umstandslos ‹Du heißt Soundso› antworten. Und dann fragst du auch noch nach Cetrois. Du fragst hundertmal, ob sie Cetrois kennt und wo er ist und wann sie ihn zuletzt gesehen hat — da würde ich auch von Psychoscheiße reden. Oder? Was würdest du sagen? … Kennst du Helen? Antworte. Kennst du Helen? Helen Gliese? Wann hast du sie zuletzt gesehen? Wo ist sie? Was macht sie gerade? Antworte, kleiner Mann.»
Carl hatte den Kopf schon seit einiger Zeit tief in seinen überkreuzten Armen vergraben, und er tauchte auch jetzt nicht wieder auf, als er stöhnend sagte: «Aber die vier Männer an der Scheune. Ich hab mich nicht verhört. Ich hab genau gehört, wie sie gesagt haben, Cetrois ist in die Wüste. Cetrois ist mit dem Moped in die Wüste. Die waren weit weg. Aber ich hab jedes Wort verstanden.»
«Dann sag noch mal, was sie genau gesagt haben.»
«Das hab ich doch schon gesagt. Dass Cetrois in die Wüste gefahren ist, dass sie viel Geld gefunden haben … und dass sie einem den Schädel mit dem Wagenheber eingeschlagen haben.»
«Einem?»
«Ja.»
«Sie haben gesagt, sie haben einem den Schädel eingeschlagen?»
«Einem Typen.»
«Einem Typen?»
«Ja.»
«Und haben sie auch gesagt, warum sie dem Typen den Schädel eingeschlagen haben?»
«Nein. Oder doch. Als der Vierte kam, haben sie gesagt, dass da dieser Typ in der Scheune war. Von dem sie wissen wollten, wo Cetrois hin ist. Er hat’s ihnen aber nicht gesagt … und dann mit dem Wagenheber.»
Helen war aufgestanden, öffnete in der Küche Schränke und Schubladen und rief Carl währenddessen weitere Fragen zu. Sie fragte nach dem alten Fellachen und wie er gekleidet gewesen war, fragte nach seinen zwei Söhnen, nach der Farbe des Bastkoffers und der Lage des Fensters auf dem Dachboden der Scheune. Nach der Größe und Form der Luke im Boden, nach der Beschaffenheit des Flaschenzugs. Nach der Höhe über dem Boden, der Anzahl der Rollen, der Länge der Kette. Dem Gewicht der Leiter.
Mit Papier und Stift kam sie zurück, schob es über den Tisch und sagte: «Zeichne mal den Grundriss auf. Die ganze Scheune und die Baracken … und genau das Fenster da oben. Und den Eingang. Und wo du gelegen hast, als du aufgewacht bist … ja. Da? Da hast du gelegen mit dem Kopf nach hier? Und hier ist dann die Lücke in der Bretterwand, wo du durchgeschaut hast nach hier?»
Helen drehte die Zeichnung um neunzig Grad, nahm Carl den Stift aus der Hand und zeichnete ein Strichmännchen an die von Carl nur mit einem Kreuz bezeichnete Stelle, wo er mit dem Holzgewehr auf dem Rücken liegend erwacht war. Sie betrachtete die Zeichnung eine Weile und fügte dann noch die Himmelsrichtungen hinzu.
«Und die vier Männer waren hier?»
Sie zeichnete vier Strichmännchen neben die Scheune. Eins davon hielt einen Bleistiftstrich in der Hand wie einen Wagenheber, eins hockte etwas abseits in einem Jeep.
«Und der Jeep kam von da, ja? Richtung Tindirma. Und sie waren hinter dir her, also kommst du vermutlich auch aus Tindirma. Egal. Aber zwischen hier und der Oase finden sie irgendwo den Geldkoffer oder das lose Geld, das sie aufhält, sodass sie nicht direkt hinter dir sind, sondern in einigem Abstand.»
«Ja und?»
«Sekunde.»
«Das ändert nichts daran, dass ich nicht Cetrois sein kann.»
«Ich glaube, ich weiß es.» Helen schaute noch eine Weile auf die Zeichnung. Dann schaute sie Carl an. «Du hast doch eine Dschellabah angehabt, oder? Über deinem karierten Anzug. Die du auf der Flucht ausgezogen hast. War die zufällig weiß?»
Er nickte.
«Die vier Männer hatten weiße Dschellabahs an. Der alte Fellache hatte eine schmuddlig-weiße Dschallabah an, der Tote unter dem Flaschenzug auch. Und lass mich raten: Der Typ auf dem Moped war nicht wesentlich anders gekleidet.»
«Das ist Spekulation. Aber egal, worauf du hinauswillst, das funktioniert nicht —»
«Sekunde. Du fliehst also vor deinen Verfolgern in die Scheune. Du bist hier, und sie sind hier, und jetzt ist die Frage, was sehen sie? Sie sehen aus großer Entfernung, wie einer mit weißer Dschellabah reinrauscht in die Scheune, und gleich darauf kommt einer auf dem Moped wieder raus. Schwarze Haare, weiße Dschellabah, wie ihr Brüder halt so ausseht. Und da denken die natürlich, dass du das bist, Cetrois.»
«Das funktioniert nicht.»
«Ich war noch nicht fertig.»
«Aber das funktioniert nicht, weil sie mir den Schädel eingeschlagen haben. Und wenn sie mir den Schädel einschlagen, wissen sie auch, dass ich das nicht gewesen sein kann auf dem Moped.»
«Und woher weißt du, dass sie dir den Schädel eingeschlagen haben?»
«Soll das ein Witz sein?»
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