«Sie haben gesagt, sie haben einem Typen den Schädel eingeschlagen.»
«Ja, einem Typen! Aber nicht Cetrois.»
«Davon rede ich.»
Verständnisloses Gesicht.
«Ich weiß nicht, ob du das vergessen hast», sagte Helen, «aber du warst nicht der Einzige in dieser Scheune mit eingeschlagenem Schädel.»
Sie malte ein Strichmännchen in die quadratische Bodenluke.
«Aber den hab ich erschlagen! Mit dem Flaschenzug.»
«Woher weißt du das? Du hast gesagt, sechs Meter etwa. Vier oder fünf Meter hoch war die Luke über dem Boden und dann der Flaschenzug noch mal zwei Meter über der Luke. Und die Kette läuft über mehrere Rollen. Das macht doch ein ziemliches Getöse, oder? Oder war das lautlos? Nein. Und wie schnell hat sich der Flaschenzug in Bewegung gesetzt, als du ihn mit der Leiter angestoßen hast?»
«So.» Carl senkte seine flache Hand. «Erst langsam, und dann kam der in Gang und dann so.»
«Und du glaubst, sechs Meter unter diesem in Zeitlupe auf ihn zurasselnden Flaschenzuggetöse steht ein Mensch und wartet, bis es ihm den Schädel einschlägt?» Helen malte Kettengekringel in die Luke und über den kreisrunden Kopf des Strichmännchens. «Der guckt doch hoch. Wenn da jemand steht, guckt der doch hoch. Wenn du mich fragst, gibt es nur drei Möglichkeiten, warum der nicht hochguckt. Erstens, der ist taub. Möglich. Aber unwahrscheinlich. Zweitens, der schläft. Was nach dem Krach, den du zuvor schon gemacht hast, ebenfalls nicht sehr wahrscheinlich ist. Und, dritte Möglichkeit, der ist schon tot. Bewusstlos oder tot. Und zwar, weil ihm jemand vorher mit einem Wagenheber den Schädel eingeschlagen hat.»
Carl kratzte sich am Hinterkopf.
«Und schau dir überhaupt mal deine Wunde an. Weißt du, was ein Wagenheber ist? Wenn dir damit einer eins überzieht, ist dein Schädel Matsch. Was du da hast, ist eine leichte Platzwunde, da hat dich ein Wagenheber nicht mal gestreichelt.»
Sie drehte das Papier ein Stück herum und zeichnete ein weiteres Strichmännchen auf einem Moped weitab der Scheune und schrieb «Cetrois» in Anführungszeichen drüber.
Carl sagte nichts.
«Also wenn du mich fragst, ist das ganz logisch», sagte Helen. «Natürlich kann ich es nicht mit Sicherheit sagen. Aber wenn es mehrere Möglichkeiten gibt, bevorzuge man die einfachste. Ich glaube erstens nicht, dass du die Männer falsch verstanden hast. Und zweitens glaube ich nicht, dass du das Mädchen falsch verstanden hast. Ich würde von drei Parteien ausgehen.»
Sie umkringelte der Reihe nach die Gruppen auf dem Papier. «Du bist die eine Partei. Deine Verfolger sind die zweite, und die Fellachenfamilie ist die dritte. Ein Alter mit zwei Söhnen. So weit einverstanden? Und ich geh mal davon aus, dass zum fraglichen Zeitpunkt nur die beiden Söhne in der Scheune waren. Vielleicht auch der Alte, aber mit Sicherheit die Söhne. Der Flaschenzug-Sohn und der Moped-Sohn. Und jetzt kommst du. Du bist auf der Flucht vor diesen Männern hier, und dann stürmst du mit etwas, das aussieht wie ein Sturmgewehr, in etwas, das aussieht wie eine Schwarzbrennerei. Ich nehme an, der Empfang wird nicht allzu herzlich gewesen sein. Du bist hektisch, weil deine Verfolger hinter dir her sind, die Söhne sind hektisch, weil sie Schwarzbrenner sind, und du fuchtelst mit diesem Gewehr herum, das, wie du selbst sagst, auch aus der Nähe täuschend echt aussieht. Ist es in der Scheune dunkel oder hell? Es ist dunkel. Du hast also ein AK-47 dabei, und ganz egal, was du ihnen erzählst, sie wissen, dass es Schwierigkeiten gibt. Vielleicht bittest du um Hilfe, vielleicht drohst du ihnen sogar. Und vielleicht sehen sie auch schon deine Verfolger anrücken, die sie für deine Kumpane halten, und ziehen dir prophylaktisch eins von hinten über. Mit einer leichten Platzwunde hieven sie dich auf den Dachboden … oder vielleicht bist du auch selbst auf den Boden geklettert, und sie kriegen dich erst dort zu fassen und ziehen dir da eins über, egal. Und jetzt geraten sie richtig in Panik. Einem den Schädel demoliert, drei weitere im Anmarsch. Also schnappt sich Sohn Nummer eins das Moped und rast in die Wüste. Vielleicht, um Hilfe zu holen, vielleicht auch nur, um zu fliehen. Egal. Und als deine Verfolger die Scheune erreichen, ist nur noch Sohn Nummer zwei da, den sie fragen, wo Cetrois hin ist, und der nicht antwortet. Weil er ja auch nichts weiß. Und da schlagen sie ihm mit dem Wagenheber den Schädel ein, wie sie kurz darauf stolz dem Vierten vermelden. Während du oben bewusstlos liegst und der Moped-Mann dir praktisch das Leben rettet. Denn dem jagen sie als Nächstes nach. Vermutlich erwischen sie ihn auch, hier hinten irgendwo, merken, dass es der Falsche ist, kommen zurück und suchen dich. Aber Monsieur Cetrois ist mittlerweile abgehauen, und die Bilanz für den alten Fellachen lautet: ein Sohn erschlagen, einer verschollen. Alle Rätsel gelöst.»
Helen trank den letzten Schluck Kaffee und ging in die Küche, um neuen aufzusetzen.
Verwirrt betrachtete Carl die Zeichnung, die Helen so gründlich mit Pfeilen und Kreuzen bedeckt hatte.
«Und das Holzgewehr? Warum lauf ich mit einem Holzgewehr durch die Wüste?»
«Ich würde vorschlagen, dass du dich das mal selber fragst.»
Carl versuchte, in Gedanken alles noch einmal durchzugehen. Er zählte die Strichmännchen, er nahm den Kugelschreiber in die Hand und las die Aufschrift «Sheraton». Die Sicherheit und Leichtigkeit, mit der Helen über alle seine Einwände hinweggegangen war, kränkte und verwirrte ihn. Es fiel ihm schon schwer, sich das Ganze im zeitlichen Ablauf vorzustellen. Wieso konnte Helen so mühelos diese Puzzleteile zusammensetzen? Und konnte sie das wirklich? Er fühlte sich verpflichtet, einen Fehler zu finden. Mit dem Finger auf das Strichmännchen deutend, das ihn selbst darstellte, sagte er: «Als ich bei Adil Bassir war, hat er von zwei Männern gesprochen.» Er vermied das Wort Würstchen. «Zwei Männer, ich und mein Partner.»
«Der muss ja nicht dabei gewesen sein.»
«Nein … aber bisher dachte ich immer, dass Cetrois mein Partner ist. Wenn ich Cetrois bin, wer ist dann mein Partner?»
«Ist das jetzt eine wichtige Frage?» Helen schraubte die Kaffeedose auf und suchte nach dem Dosierlöffel. «Oder können wir uns kurz der Frage zuwenden, ob es wirklich Schulkinder waren, die dir den Blazer geklaut haben?»
«Ich weiß nicht, was dich so sicher macht.»
«Und wie die aussahen.»
«Vergiss doch mal die Kinder! Was hast du immer mit diesen Kindern? Die findest du sowieso nicht wieder.»
«Ich kann dir sagen, was ich mit denen habe. Weil es nämlich meines Wissens in solchen Slums gar keine Schulen gibt.»
«Und wie bist du da überhaupt draufgekommen?», fragte Carl, ohne auf Helens Einwand einzugehen. Er hob die Zeichnung hoch und schlenkerte sie durch die Luft.
«Weil auch die Personenbeschreibung stimmt. In der Kommune. Fowler und die anderen haben ziemlich genau einen Mann wie dich beschrieben. Karierter Anzug, schlank, dreißig Jahre und eins fünfundsiebzig. Arabischer Einschlag. Wobei das auch alles war, was sie wussten. Mehr wussten sie nicht. Was du da in der Kommune gewollt hast, hast du entweder nicht gesagt, oder sie haben’s nicht begriffen. Vorgestellt haben musst du dich wohl als Journalist, aber dann hast du dich anscheinend nur nach den Wertgegenständen erkundigt, nach dem Geldkoffer und so weiter, und daraus haben sie dann den Schluss gezogen, dass du von der Versicherung bist, die sie gerade im großen Stil bescheißen wollten. Cetrois, Versicherungsmann. Oder sehr inkompetenter Journalist. Irgendwas in diese Richtung.»
Alert! Alert! Look well at the rainbow. The fish will rise very soon. Chico is in the house. Visit him. The sky is blue. Place notice in the tree. The tree is green and brown.
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