«Now you listen to me. I’ll only say this once. We are not sick men.»
Er biss in den Apfelstrunk, kaute einmal und spuckte den Bissen über den Fernseher.
Unter den feuchten Obstresten flimmerte Helens Gestalt über den Bildschirm. Carl schloss einen Moment die Augen, und als er sie wieder öffnete, war es nicht Helen. Es war nicht einmal eine Frau. Es war Bruce Lee. Mit tänzerischer Leichtigkeit trat er durch ein helles Lichtviereck in einen dunklen Raum und schlug einem durch sein Lachen als bösartig erkennbaren Mann mit der Handkante den Kehlkopf ein. So, wie Helen es gemacht hatte. Genau so.
Weitere Apfelreste aushustend und spuckend und kopfschüttelnd ging Carl über die beiden Terrassen hinunter zum Strand. Dort sonnten sich einige bleiche Europäer. Eine Sturmböe rollte ihre Handtücher auf.
Auf schwarzem Lavagestein, das dem Gelände zur einen Seite hin eine natürliche Begrenzung gab, setzte Carl sich an eine windgeschützte Stelle und starrte auf die Wellen, die ihren zeitlosen Geschäften nachgingen.
Schräg unter ihm hockten zwei Berberinnen in blauen Tüchern. Ein junges Mädchen von vielleicht zwölf Jahren und eine Greisin mit Totenkopfgesicht, Augen wie Löcher. Die Greisin hatte ein dünnes, mit schwarzer Paste bestrichenes Stöckchen in der Hand. Sie presste den Kopf des Mädchens an ihre Brust, krallte Zeige- und Mittelfinger auf ein Auge und zog den Stock durch die Lider des Mädchens. Das Mädchen öffnete blinzelnd das dick schwarz umrandete Auge.
Je länger er darüber nachdachte, desto weniger konnte Carl an Helens Vorwürfen etwas Ungerechtes finden. Sie war ihrer Logik gefolgt, und der Logik folgend hatte sie recht. Alles, was in seinem kurzen, erinnerbaren Leben geschehen war, war unwahrscheinlich. Eine geradezu beängstigende Fülle von Unwahrscheinlichkeit. Dazu seine Familie, sein Kumpel, das Holzgewehr … die polnische Maschine. Nichts ergab einen Sinn. Er versuchte, sich die Worte der Männer in der Werkstatt ins Gedächtnis zurückzurufen, und fing einen scheuen Blick des Mädchens aus dick schwarz umrandeten Augen auf. Die Greisin machte sich mit Henna an einer Hand des Mädchens zu schaffen, und Carl überlegte, was einen amerikanischen Kosmetikkonzern auf die Idee bringen konnte, eine seiner Angestellten in ein Land zu entsenden, wo man mit schwarzer und roter Paste eigentlich ausreichend bedient war. Helen würde sich sehr anstrengen müssen, wenn sie hier etwas verkaufen wollte … und plötzlich fiel ihm ein, was an ihrer Liste nicht gestimmt hatte. Er erstarrte. Helens Telefonliste. Die sie angefertigt hatte, während er am Strand zurückgeblieben war, während Michelle ihre Comics gelesen und der deutschen Touristin die Karten gelegt hatte. Als Helen zum Bungalow hinaufgegangen war, war es zwischen zehn und elf Uhr gewesen. Sie war nicht lange fortgeblieben, vielleicht eine Viertelstunde. Und in dieser Zeit hatte sie angeblich Freunde und Bekannte in Paris, London, Sevilla, Marseille, New York und Montreal angerufen und sie gebeten, den Namen Cetrois im Telefonbuch nachzuschlagen … die Namen Cetrois, Cetroix, Sitrois, Setrois. Wieso fiel ihm das jetzt erst auf?
Am Horizont, hinter dem in großer Entfernung Amerika lag, fuhr ein Dampfer. Die Zeitverschiebung nach New York betrug sechs oder sieben Stunden, was bedeutete, dass Helen dort zwischen drei und fünf Uhr nachts angerufen hatte. Unmöglich war das nicht. Aber war es wahrscheinlich ? Und was waren das für Freunde? Vielleicht gab es Freaks, denen es nichts ausmachte, mitten in der Nacht aus dem Schlaf gerissen zu werden, um ihre Telefonbücher nach einer Reihe inexistenter französischer Namen zu durchsuchen. Aber Helen wirkte nicht wie jemand, der sich in seinem bürgerlichen Leben mit Freaks umgab. Und nachdem sich dieser Gedanke einmal in Carls Hirn festgesetzt hatte, fiel ihm sofort eine wahre Flut weiterer Ungereimtheiten auf.
Dass Helen seine Sachen durchsucht hatte, war noch das Geringste, er hatte ihre Sachen ja auch durchsucht. Aber wozu führte sie Handschellen, Fußschellen und dieses Ding mit sich, das wie ein Schlagstock aussah und sicher auch einer war? Wie hatte er im Ernst glauben können, sie brauche dies zu sexuellen Zwecken? Und wo lernte man als Angestellte eines amerikanischen Kosmetikkonzerns, erwachsenen Männern mit einem Schlag den Kehlkopf einzudrücken wie Bruce Lee? Sprach das nicht alles viel mehr für eine irgendwie polizeiliche Ausbildung? Je länger Carl darüber nachdachte, desto weniger Zweifel hatte er. Helen, die ihn Tag für Tag begleitet, ihn geradezu beschattet hatte — warum hatte es nie auch nur den geringsten Hinweis auf ihre berufliche Tätigkeit gegeben? Ganz zufällig war ihr Musterkoffer bei der Ausschiffung ins Meer gefallen. Bei einem Gerangel auf der Gangway. Ein Schuljunge hatte ihn ihr aus der Hand gerissen.
«Du bist ja paranoid», hörte er Helens Stimme im Hinterkopf und erinnerte sich zugleich an ihr sonderbar unverhülltes Interesse an der Mine zuletzt, ausschließlich an der Mine. Er war sich ganz sicher. Im Geiste sah er Helen schon in irgendeiner nebulösen Uniform wieder durch die Tür treten und ihm Hand- und Fußschellen anlegen … aber es gab da leider etwas, was all den schönen Hirngespinsten zuwiderlief. Und das waren die Umstände ihrer ersten Begegnung. Er war Helen an der Tankstelle in der Wüste einfach über den Weg gelaufen. Sie hatte nicht wissen können, dass er dort auftauchen würde. Und er hatte sie angesprochen, nicht umgekehrt.
Erschöpft sank er vor dem Fernseher hin. Bis zu den Spätnachrichten saß er da und rührte sich nicht. Dr. Cockcrofts Vollbartgesicht fiel ihm wieder ein. Hatte er dem Doktor gegenüber nicht genau die gleichen Zweifel gehegt? Hatte er nicht eine Flut von Einwänden gegen ihn vorgebracht und zuletzt alles Mögliche und einen Scharlatan in ihm sehen wollen, nur nicht den, der er wirklich war? Möglicherweise war er tatsächlich paranoid. Er dachte einige Minuten darüber nach, sprang dann hoch und riss alle Schubladen in der Küche auf. In der Besteckschublade fand er ein großes Messer, einen kleinen Schraubenzieher und eine Taschenlampe. Damit lief er hinaus in die Nacht und schlich auf der Serpentinenstraße hinunter bis zum nächsten baugleichen Bungalow.
Dort brannte kein Licht und hatte auch die letzten Tage, soweit er sich erinnern konnte, keins gebrannt. Die Fensterläden waren verschlossen, das Haus erkennbar unvermietet. Er leuchtete die Front und den Garten ab, überzeugte sich, dass niemand ihn beobachtete, und brach dann mit Messer und Schraubenzieher den Briefkasten auf. Er fand eine in Plastik eingeschweißte Mitteilung des Hotels an den nächsten Gast, dazu Werbezettel für Restaurants und Tauchschulen, die gleichen, die auch in Helens Briefkasten gesteckt hatten. Er fand alles Mögliche. Aber den Wurfzettel einer Psychologenpraxis fand er nicht.
Während er noch auf die Papiere in seiner Hand starrte, wurde es hell im Garten. Auf der anderen Straßenseite, ein paar Schritte den Hügel hinauf, war im Obergeschoss eines Hauses das Licht angegangen. Hinter geblümten Gardinen bewegten sich zwei schlanke Schatten aufeinander zu. Carl dachte kurz nach, marschierte mit dem Bündel Wurfsendungen in der Hand dorthin und drückte den Klingelknopf. Nach einer Weile öffnete die Tür sich einen Spaltbreit. Leise Musik war zu hören.
«Haben Sie in den letzten Tagen in Ihren Briefkasten gesehen?»
«Bitte?»
«Haben Sie in den letzten Tagen in Ihren Briefkasten gesehen?»
Die Tür öffnete sich weiter. Ein junger Mann und dann noch ein junger Mann sahen ihn ein wenig verwirrt an. Beide trugen weiße Bademäntel, und die Haare des einen waren nass. Mit ihren Blicken folgten sie Carls Handbewegungen, besonders denen der Hand, die das Messer hielt. Sie hörten sehr ernst zu und antworteten endlich ebenso ernst. Ja, sie wohnten schon länger hier, fast ein halbes Jahr, und sie hätten regelmäßig ihren Briefkasten geleert. Einer von ihnen sei Journalist und korrespondiere mit Paris … und Probleme mit der Postzustellung habe es bisher keine gegeben. Sie seien beruflich darauf angewiesen, einen Werbezettel einer Psychologenpraxis hätten sie nicht bekommen. Nein, ganz sicher. Das wäre ihnen aufgefallen. Sie könnten aber auch gern noch einmal nachschauen, wenn es ihm — wie war der Name noch? — so wichtig sei.
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