«Du kriegst das Zeug … auch wenn du es nicht weißt. Aber antworte. Kennst du mich?»
«Ich scheiß dir in den Mund.»
«Kennst du Cetrois?»
«Du krankes Schwein!»
«Wo ist er? Was macht er?»
Kreischend wie eine Feuerwehrsirene hing sie an seinem Hals. Mit ihren kleinen Fäusten trommelte sie auf seinen Rücken. Ihr Busen war plötzlich unter seinem Kinn, ein Geruch nach Frauenschweiß, Verzweiflung und Erbrochenem. Vielleicht lag es an diesem Geruch, vielleicht an der körperlichen Nähe, vielleicht an der Selbstverständlichkeit, mit der sie jede Kommunikation ins Leere laufen ließ, dass er auf einmal den Eindruck hatte, diese Frau stehe ihm näher, als ihm lieb sein konnte. Im furchtbarsten Fall war sie seine Geliebte aus einem früheren Leben. Fast gleichzeitig und parallel dazu hatte er den Eindruck, dass sie ihn überhaupt nicht kannte. Dass sie gar nichts wusste. Dass sie einfach verrückt war, eine Prostituierte mit von Drogen rausgeschossenem Hirn, die weder ihn noch einen Kumpel kannte und jeden Freier mit Charly anredete. Und um Stoff anbettelte. Vielleicht war Charly hier der Standardname für Freier? Und hatte sie überhaupt Charly gesagt? Hatte sie nicht vielleicht von Anfang an Chéri gesagt?
«Gib mir das Morphium», brüllte sie, ließ sich auf den Boden fallen und führte eine Choreographie der Selbsterniedrigung auf wie ein dreijähriges Kind.
«Du kriegst es», sagte er mit einem Blick auf die fast unleserliche Beschriftung der Ampulle. «Beantworte nur die eine Frage. Kennst du mich?»
Sie schluchzte.
«Ich hab sogar zwei davon.» Er holte die andere Ampulle aus der Tasche. «Oder wenn du mich nicht kennst — kennst du meinen Kumpel?»
«Du Schwein.»
«Wann hast du Cetrois zuletzt gesehen?»
«Du Psychoscheiße! Du Dreck!»
Psycho. Das dritte Mal. Was hatte sie immer damit? War das einfach nur ein Schimpfwort für sie, oder hatte das irgendeine Bedeutung? War sie in Behandlung? War er ihr Psychologe? Oder war er ein stadtbekannter Irrer und sie sein Opfer? Aber sooft er sie fragte, so wenig bekam er Antwort. Versuchsweise ließ er schließlich eine Ampulle fallen. Glassplitter, ein Verzweiflungsschrei. Das Mädchen stürzte sich auf den Fußboden und leckte Flüssigkeit und Glassplitter mit der Zunge auf.
«Kennst du mich jetzt?»
«Fick deine Mutter!»
«Kennst du Cetrois?»
«Gib mir die andere!»
«Wo ist er? Was macht er? Warum antwortest du nicht?»
Sie tobte und schrie, und so langsam dämmerte es ihm, dass sie gar nichts wusste. Sie kannte ihn nicht, sie kannte niemanden. Sie hatte ihn einfach auf der Straße mit irgendeinem Namen angesprochen, und er war darauf reingefallen wie der dümmste Freier der Welt. Mit einem Rest von Mitleid warf er ihr einen Geldschein hin und ging hinaus.
«Du willst wissen, was Cetrois macht?», brüllte sie ihm hinterher.
Er sah sie am Boden kauern. Sie zog Glassplitter aus ihrer Zunge und lachte, blutige Fäden zwischen den Lippen.
«Du willst wissen, was Cetrois gerade macht? Ich sag dir, was er gerade macht. Er steht in der Tür und gibt mir nicht mein Zeug. Das ich bezahlt hab! Ich hab’s bezahlt, du Schwein! Ich hab dir in den Mund gepisst, du Stück Scheiße, ich hab dich hundertmal gefickt, ich hab’s satt, deine Scheißspielchen. Es gehört mir! Es gehört mir, es gehört mir, es gehört mir, es gehört mir, es gehört mir!»
Er nahm einen Moment nichts mehr wahr. Sein Blick ging ins Unendliche. Cetrois.
Im nächsten Moment brach er unter ihrem Gewicht zusammen. Sie hatte sich auf ihn gestürzt und ihn zu Boden gerissen. Sie wälzten sich herum. Die zweite Ampulle war ihm längst entglitten. Das Mädchen merkte es nicht und biss ihm in die leere Hand. Er schlug ihr den Ellenbogen ins Gesicht und versuchte, von ihr wegzukommen. Unter seinem Rücken knackte Glas.
Die Laute, die sie von sich gab, hatten nichts Menschliches mehr. Ihn beiseiteschiebend schlappte sie mit der Zunge über den Boden und versuchte, die letzten zwischen den Ritzen der Dielen versickernden Tropfen zu erwischen. Benommen trat Carl auf den Flur.
Blick zurück: blutiges Elend.
Blick nach vorn: eine Faust in seinem Gesicht.
Er wurde ins Zimmer geschleudert und an die Wand geklatscht. Ein mächtiger, schwarzer Körper. Einen Kopf größer als er, gekleidet in bunten, westafrikanischen Fummel, Arme wie Treckerreifen. Eine Frau. Sie hatte keine Ähnlichkeit mit ihrer ausgemergelten Kollegin, und doch sah man sofort die professionelle Verwandtschaft. Die Schwarze drückte ihm mit einer Hand die Kehle zu und schrie: «Was hat er dir getan, mein Liebling? Was hat er dir getan? Der böse Mann!»
Sie riss Carl an den Haaren nach unten und rammte ihm ein paarmal routiniert ihr Knie ins Gesicht. Er fühlte die Platzwunde an seinem Hinterkopf aufreißen und sackte zusammen. Die Afrikanerin ließ sich einfach auf ihn fallen, drei Zentner mindestens. Von der Seite kam das Drogenwrack, wischte sich mit dem Handrücken Blut vom Mund und schwang ein Stuhlbein durch die Luft. Das Stuhlbein traf Carl zuerst an der Schulter, dann noch mal an der Schulter, dann im Gesicht. Er versuchte, seinen Körper unter der Schwarzen herumzudrehen. Das Hemd wurde ihm über den Kopf gerissen. Warmer Eisengeschmack in seinem Mund, flinke Hände in seinen Taschen. Er verlor das Bewusstsein. In einem Straßengraben kam er zu sich. Für den zehnminütigen Fußweg zum Sheraton brauchte er fast eine Stunde.
I like horses, but here I’m riding on a mule.
Gerhard Bangen
Er gab keine Erklärungen ab, schlurfte einfach an Helen vorbei in den Bungalow, zog im Gehen Hemd und Bermudas aus und drehte im Bad die Dusche auf. Fast zwanzig Minuten stand er regungslos unter dem lauwarmen Wasserstrahl. Er trocknete sich auf dem Weg zum Bett mit einem Handtuch ab, ließ es zu Boden fallen und sackte der Länge nach auf die Matratze.
«Ist nicht dein Ernst?», sagte Helen. «Du hast die Mine nicht verloren?»
«Ich bin Cetrois.»
«Das ist nicht dein Ernst?»
«Nein. Ich weiß es nicht.»
Sie fragte weiter, er antwortete müde und zusammenhanglos. Er zog sich die Bettdecke über den Kopf und schlief ein.
Als er erwachte, war es stockfinster, und sein Herz raste. Ihm kam es vor, als habe er keine Sekunde geschlafen. Aber der Wecker zeigte kurz vor Mitternacht. Sein Arm tastete herum, die andere Hälfte des Bettes war leer. Ein dünnes Rechteck aus Licht umfloss das Türblatt. Im Nebenraum fand er Helen, die blonden Haare hochgesteckt, im grellen Schein der Deckenlampe. Vor ihr auf dem Tisch das Telefon und eine dampfende Tasse Kaffee. In ihren Händen ein Notizbuch, das sie rasch zuklappte, als Carl den Raum betrat. Der Fernseher lief ohne Ton.
Eine Weile saßen sie sich schweigend gegenüber. Dann schaltete Helen den Fernseher ganz aus und wiederholte mit leiser Stimme die Frage, ob er tatsächlich die Mine gefunden und wieder verloren habe, und Carl sagte: «Ich bin nicht Cetrois.»
«Wie konntest du den Blazer einfach liegenlassen?»
«Ich kann’s nicht sein.»
«Warum bist du den Schulkindern nicht hinterher?»
«Ich bin doch hinterher! Aber die Frau war vollkommen gestört. Sie kann mich nicht kennen, sie hat den Namen einfach nachgeplappert.»
«Wie sahen die Kinder aus?»
«Und sie wollte Morphium von mir.»
«Ich hab dich was gefragt.»
«Was?»
«Wie die Kinder aussahen.»
«Wen interessiert das, wie die aussahen?»
Er redete weiter und wiederholte seine letzten Sätze, und ohne dass er es anfangs wahrnahm und ohne dass er sich erklären konnte, warum, war auf einmal ein ganz anderer Ton in Helens Stimme. Immer wieder unterbrach sie ihn, von ihrer Gelassenheit und Entspanntheit der letzten Tage war wenig übrig. Angesichts der jüngsten Verwicklungen schien das einerseits verständlich. Andererseits hatte Carl das undeutliche Gefühl, für ihre veränderte Stimmung müsse es noch andere Ursachen geben. Ihre Fragen kamen schnell und scharf, fast als sei es ein Verhör, und sie interessierte sich ausschließlich dafür, wie er die Mine gefunden und wie und unter welchen Umständen er sie wieder verloren hatte, während Carl hartnäckig versuchte, auf die Geschichte mit der Prostituierten zurückzukommen. Aus irgendwelchen Gründen hatte er angenommen, dass die Frage nach seiner Identität Helen genauso stark bewegen würde wie ihn, aber das war offensichtlich nicht der Fall. Wie viele Schulkinder? Wie gekleidet? Warum er nicht im Salzviertel gewartet habe? Leeres Viertel, was für ein Leeres Viertel? Säuberungswelle? Und was für Kapseln? Zwei Kapseln mit einer Naht in der Mitte? In einer Kugelschreibermine mit dem Aufdruck «Szewczuk»? Da sei er sich ganz sicher — Szewczuk? Und was denn schon wieder für ein gelber Mercedes?
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