Cindy stand einen Augenblick. Gregory hatte nur zu ihr gesprochen. Sie sah weiter auf ihre Schuhe. Gregory beobachtete Cindy. Lange. Dann wandte er sich der Runde zu.
Sein Blick fiel gleich auf sie, und sie musste auf den Tisch vor sich schauen. Sie musste grinsen und konnte es nicht unterdrücken. Der Wodka macht sich lustig über ihn, dachte sie und musste das Lachen unterdrücken. Gregory hatte wieder die Kontrolle, aber er hatte schwer arbeiten müssen. Gegen Cindy und die Kameradschaft. Die kannten einander alle schon ewig. Die hatten alle die Ausbildung zusammen gemacht. Die wussten, wie das da war. Wann man angeschnauzt wurde. Wann man essen durfte. Wie das Essen geschmeckt hatte. Wie die Decken in die Matratzen gesteckt werden mussten und wie man am Tag lieber neben dem Bett auf dem Boden saß, als noch einmal die Decken festzuziehen, weil man darauf gesessen war. Die mussten nicht einmal im gleichen Alter sein. Cindy schien viel jünger zu sein als Anton. Heinz war ja schon 10 Jahre jünger. Amy, sagte sie zu sich. Amy, wirst du jetzt wirklich ehrgeizig.
«Amy. «sagte Gregory, und sie musste die Fäuste ballen, damit sie nicht laut herauslachte. Amy habe auf jeden Fall die richtigen Fragen gestellt, und er könne auf Amys Fragen nur bejahend antworten. Es sei alles Notwendige aufgereiht. An Ort und Stelle würden alle Maßnahmen getroffen, und man habe das Wohl des Mannes im Auge und nicht die Erfüllung von Rachewünschen oder Rettungsphantasien.
Sie dachte, er hatte jetzt den Weg gefunden, mit Cindy richtig fertig zu werden. Die Lacherei in ihr quoll kurz auf. Dann konnte sie wieder normal dasitzen und auf ihre Hände schauen. Sie ließ die Fäuste langsam entspannen. Wenn sie die Fäuste einfach aufmachte und die Hände locker hinlegte. Das machte auf die Fäuste aufmerksam. Alle rundherum lauerten auf solche Symptome und redeten dann stundenlang in der Kritikphase der Gruppenarbeit darüber. Sie schaute Gregory beim Reden zu und ließ ihre Fäuste erst erschlaffen. Dann setzte sie sich auf und legte die Hände übereinander. Sie war ein bisschen müde und nebelig im Kopf. Essen. Sie sollte etwas essen. Aber nicht das Kantinenessen hier. Ein einfaches Butterbrot vom Mammerl. Ein Evi-Brot vom Auerbäcker und dick Butter darauf und ein bisschen Salz. Ganz wenig Salz, und das Mammerl hätte so getan, als würde sie ganz viel Salz auf die Butter streuen, und gesagt, dass das ein Zaubersalz wäre und nur für ihr Almtscherl. Aber es ging nicht um das Mammerl. Sie hätte diese Butter auf diesem Brot haben wollen und einen Tee dazu trinken. Sie stützte die Hände auf und legte das Kinn auf die Hände. Es war alles umsonst gewesen. Es würde keine Gruppenarbeit geben. Dieser Vorfall. Sie hätte nichts trinken müssen. Sie hätte normal frühstücken können. Sie könnte durch das Fenster hinaussehen, ohne gleich Kopfschmerzen von der Helligkeit zu bekommen. Sie hätte die anderen Stiefel anziehen sollen und hinausgehen und im Schnee spazieren. Sie war wütend auf diesen Grotowski. Sie konnte sich den schon vorstellen. Der war wahrscheinlich wie Heinz. Einer, der nur so dasaß und schaute. Der nie etwas sagte und immer nur hinausging, und wenn er zurückkam, nickte er dem Anton zu, und es war etwas geschehen. Es war etwas erledigt, und sie wusste nicht, was. Sie würden ihr das nicht sagen. Sie war immer nur in diesem Sitzungssaal oder im Büro am Computer. Sie war nie nach hinten gekommen in diesen Barackenwirrwarr, und Gregory fragte sie immer nur nach den Handbüchern aus. Die Litanei vorhin war ja auch aus dem Handbuch. Es war das Konzerncredo über die Arbeit in nichtverbündeten Staaten. Sie hatte das Credo aufgesagt. Aber es ging um den Zeitpunkt. Man musste so ein Credo setzen. Man musste den genau richtigen Zeitpunkt finden. Erwischen, dachte sie. To catch the moment. Aber erwischen war netter. Ein schönes Wort. Erwischen. Sie fühlte sich mit langen Schritten durch die Luft eilen und nach etwas greifen und es dann erwischen.
Was es zu lachen gäbe, fragte Anton. Anton glühte sie böse an. Über die riesige Tischplatte hinweg. Weißer Kunststoff. Wie es kommen könne, dass Amalie lachen könne. Er wandte sich an Gregory. Amy habe sicher einen guten Grund dafür, sagte der, und alle wandten sich ihr zu. Amy stand auf. Sie nahm ihre Tasche vom Sesselrücken und schwang sie sich über die Schultern. Sie schaute auf die sitzenden Personen hinunter. Anton rot im Gesicht und böse. Gregory amüsiert. Wie immer. Heinz und die anderen sahen leer zu ihr hinauf. Cindy am Fenster. Sie hatte ihren Kopf abgewandt und schaute hinaus. Sie habe nicht gelacht, sagte sie. Sie habe gelächelt. Es sei doch offenkundig, dass dieser Herr Grotowski. Sie kenne ihn ja nicht. Dass dieser Grotowski sehr gute Kameraden habe. Sie kenne sich in der Sache nicht aus. Sie wüsste ja praktisch von nichts. Aber es sei evident, dass alles nur Mögliche für Grotowski getan werden würde und wahrscheinlich mehr, und sie sei sicher, dass alle darangehen wollten, die entsprechenden Maßnahmen einzuleiten. Sie würde deshalb jetzt gehen. Und sie ging. Beim Gehen schaute sie Anton an und lächelte wieder. Anton schaute erst noch böse, dann senkte er den Kopf und sah vor sich auf den Tisch und auf seine Papiere. Sie ging schnell. Sie war schon an der Tür, da drehte Gregory sich vom Tisch weg und rief ihr zu, dass er es begrüßen würde, wenn sie in seinem Büro auf ihn warten könnte.
Sie ging hinaus. Es fiel ihr gar nicht ein. Sie würde hier abhauen. Sie hatte gar nicht gegrinst. Sie wusste, dass sie ihren Mund nicht ein bisschen bewegt hatte. Aber sollte sie mit Anton darüber streiten, was er gesehen hatte. Die suchten nach einem Ventil für ihre Frustration. Die hatten diese Phantasien von einer militärischen Intervention. Kameraden herausholen. Die waren alle Romantiker. Wahrscheinlich hatte dieser Grotowski irgendeinen Blödsinn gemacht. Wahrscheinlich war der mit einem Glas Whisky in seinem Hotelzimmer aufgefunden worden und gleich abgeführt. Aber wahrscheinlich hatte er nur einfach dem falschen Kontakt zu viel gezahlt, und ein anderer wollte auch kassieren. Deshalb war ja Allsecura da, um die Kasernen zu bewachen. Weil die solche Zahlungen verbuchen konnten. Das britische Militär konnte das nicht tun. Da würden vielleicht in 30 Jahren Fragen gestellt werden. Aber so einen Angestellten. Wer interessierte sich für einen Sicherheitsfachmann. Es war ja alles gut und schön, und es hatte interessant geklungen, eine Agentin zu werden. Aber die Baracken von britischen Soldaten zu sichern. Das war nicht ihr Traumjob. Und Grotowski. Sie musste sich das im Internet anschauen. Sie verstand schon, warum Anton und Heinz es nicht lustig fanden, für eine britische Firma zu arbeiten. Was blieb ihnen aber anderes übrig. Sie hatten ja nichts anderes gelernt. So ein Polizist. Das war auch so eine Ausbildung wie Model. Man lernte alles Mögliche. Man lernte Gehen und Stehen und Sich-Zeigen und — Präsentieren. So eine Sitzung da. Das war ohnehin immer wie das Gerangel um die Schminktische bei einer show, und dass es diese bestimmte Assistentin von dem einzig möglichen Visagisten sein musste, die einem die Haare machte. Erschossen wurde man nicht. Aber ruiniert. Niedergemacht. Verspottet. Ausgetrickst. Alles genauso. So gesehen, wusste sie auch etwas, und die sollten sie gernhaben. Lachen. Wenn sie nicht einen Muskel im Gesicht bewegt hatte. Sie ging die Stufen hinunter. Das war etwas für die Cindys dieser Welt. Sie konnte sich Cindy gut vorstellen. In Uniform. Wie sie mit den Männern scherzte. Wie sie alles viel besser machte als die Männer. Wie sie das aber übersah, weil sie einfach mitwollte. Die wollte eine Waffe in der Hand haben und mit den Männern im Kontrollraum sitzen oder um so ein Gebäude die Runde machen. Die war wie einer von diesen Hunden. Die mehr wussten als die Herrchen, aber an denen hochspringen mussten, weil die die Herren der Welt waren. Hündin. Die Cindy war eine Hündin. Eine besonders begabte Hündin, die gerne apportierte. Und Cindy liebte Waffen. Cindy war ja enttäuscht, wenn bei so einem Trainingsvorgang die virtuellen Lastwagen einer virtuellen Übersiedlungssicherung nicht mit virtuell bewaffneten Angestellten begleitet werden durften, weil das Probleme mit den Gesetzen eines Landes mit sich brachte. Besonders in Deutschland. Da war das noch nicht so sehr einfach, mit Waffen anzukommen. Oder in der Schweiz. Cindy war besonders enttäuscht, dass es meistens innere Sicherheitsprobleme waren, die so eine Agentur beschäftigten, und die Systeme in einer Firma und dass es mehr um diskrete Lösungen ging und niemand angeschossen werden musste. Oder sollte. Sie. Sie hätte sich für architektonische Planung interessiert. Das war ein schönes Problem. Das hätte sie machen können. Die Sicherheitsberatung bei Bauplanungen. Da brauchte man keine Waffen und musste sich nicht in einem Grundkurs durch den Schlamm wälzen. Oder schleifen lassen.
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