Sie ging in den Umkleideraum. Locker room wurde das genannt. Es war im alten Teil der Gebäude der ehemalige Umkleideraum vor einem Turnsaal. Sie hatte gefragt, ob das hier eine Schule gewesen sei. Draußen waren durch die hochgelegenen Fenster die Seile zu sehen, die von der Decke hingen. Die vergitterten Lampen. Strickleitern. Die obersten Sprossen von Sprossenwänden. Im Turnsaal. Sie war nie drinnen gewesen. Die Türen waren versperrt, und wenn Licht zu sehen war und man drinnen Leute hören konnte. Sie hatte noch nicht herausfinden können, wie das war. Wer da turnte. Trainierte. Sie hatte fragen wollen, aber sie hatte nicht gewusst, an wen sie sich wenden hätte sollen. Für solche Fragen wäre Gertrud am besten gewesen. Aber Gertrud redete ja nicht mit ihr. Sie kicherte. Es war irgendwie schon sehr interessant, wie das hier lief. Wenn einen dann überhaupt niemand haben wollte, dann war das auch ein Ansporn. Das Wort gefiel ihr. Ansporn. Sie summte das Wort vor sich hin. Sie bog nach links und ging durch die Tapetentür neben der Hauptstiege des alten Hauses zum Turnsaal nach hinten. Ansporn. Ansporn. Das passte zu diesem Gebäude. Man kam aus dem Gang von der Rezeption her und stand dann vor dem Stiegenaufgang. Ganz knapp kam man davor zu stehen. Der Gang ein eckiger, dunkler Tunnel hinter einem. Sie hatte ein Gefühl, als würde sie die Stufen hinaufgetrieben. Von der Dunkelheit des Tunnels angetrieben. Die breiten Stufen, die sich im Halbstock teilten und rechts und links in den ersten Stock hinaufführten. Fenster rechts und links über diesen Seitentreppen. Staubig. Die Wintersonne von rechts. Ansporn. Wer diese Stufen hinauflaufen wollte, der brauchte Ansporn. Sie hätte Ansporn gebraucht. Brauchen können. Eine Vorladung zu einem Direktor oben, und man stieg schnell und bang die Stufen hinauf zum Büro. Anton war der Direktor, und er würde ihr sagen, dass sie nicht länger hier gewünscht war, und Gregory würde in der Ecke sitzen und zu den Worten des Direktors nicken. Man hatte es wieder versucht mit ihr, und sie hatte wieder nicht entsprochen. Ansporn, würde sie sagen. Sie hätte mehr Ansporn gebraucht. Mittlerweile redete sie ja zurück.
Sie wandte sich zur Tapetentür links. Die ging nicht gleich auf. Sie rüttelte an der Tür. Die Türklinke blieb in ihrer Hand. Sie steckte die Klinke wieder zurück und drückte sie hinunter. Vorsichtig. Das Schloss funktionierte. Sie zog die Klinke heraus. Die Tür fiel hinter ihr ins Schloss. Sie schwang die Klinke und ging. Der Gang hatte Fenster links. Vergittert. Das Glas war undurchsichtig. Sternrissig. Rissglas. Niemand zu hören. Es roch staubig. Schule, dachte sie. Das war sicherlich eine Schule gewesen. Das alles sah nach Schule aus. Aber das Ganze im Nirgendwo. Wer sollte hier in die Schule gegangen sein. Sie stieß die Tür zum locker room auf und ging zu ihrem locker. Mein locker, dachte sie. Locker. Lockerer Ansporn. Sie sang leise. Lockerer Ansporn. Lockerer Ansporn. Singend beugte sie sich zum Schloss des Blechspinds mit der Nummer 37. Die Nummer 37 war am Ende der zweiten Reihe der Blechkästen, die aneinandergereiht dastanden. Die Blechschränke waren abgeschlagen und rund um die Schlösser zerkratzt. 50er Jahre, dachte sie und summte. Nein. Doch 70er Jahre.»Lockerer Ansporn. «Sie versuchte aufzusperren, ohne das Schlüsselband über den Kopf ziehen zu müssen. Sie summte und stand zum Schloss vorgebeugt und fummelte mit dem Schlüssel herum. Nach langem bekam sie das Schloss auf und hängte ihren Mantel an den Haken im Spind. Sie wollte wieder zusperren. Eine Frau stand neben ihr. Ganz nahe stand sie neben ihr und schaute mit ihr in den Kasten. Das wäre ein schöner Mantel, sagte sie und griff den Pelz ab. Warm wäre der. Sie zöge nur Mikrofaser an. Das wäre für diese Wetterlage oder für jede Wetterlage das Beste. Aber so ein altmodischer Pelz. Das wäre schon auch nett. Die Frau hatte den Mantel in die Hand genommen und strich mit dem Zeigefinger den Pelz entlang. Pelz, sagte sie. Pelz. Das reguliere sich natürlich. Auf natürliche Weise. Das wäre auch ein Vorteil. Die Frau seufzte. Ein Vorteil. Das wäre nicht immer genug. Sie bräuchte Sicherheit in solchen Dingen und keine Vorteile. Dann lachte die Frau.»Aber deshalb arbeiten wir ja auch hier. «sagte sie. Sie nahm die Türklinke aus Amys Manteltasche und hielt sie ihr hin. Amy bedankte sich und nahm die Klinke. Die Frau ging um die Ecke. Es raschelte. Amy blieb vor ihrem Kasten stehen und schaute ihren Pelzmantel an. Er war schön und praktisch. Das Mammerl hatte ihn ihr gekauft. Eine junge Frau bräuchte einen ordentlichen Mantel, hatte sie gesagt, und sie waren zum Liska gegangen. In die billigere Abteilung. Das Mammerl glaubte an solche Sachen. Pelzmäntel und eine Perlenkette und schöne Koffer. Das Mammerl war seit Jahrzehnten nicht aus Wien hinausgekommen.
Das Rascheln. Was machte diese Person. Sie zog das Schlüsselband über den Kopf und sperrte den Mantel ein. Ihr handy brummte. Es war Gregory. Sie machte sich auf den Weg. Die Türklinke in der Hand. Die Frau stand im vorderen Gang der Blechkästen. Sie war nackt. Sie stand breitbeinig, und der Faden eines Tampons baumelte zwischen ihren Beinen. Die Frau hatte die Hände in die Hüften gestemmt und musterte ihre Oberschenkel. Sie seufzte. Sie winkelte das eine Bein am Knie an und beugte das andere. Sie ließ sich in diese Position gleiten und blieb so stehen. Sie sah lächelnd auf und verdrehte die Augen. Amy hob ihr brummendes handy hoch und ging zur Tür. Gregory fragte, wo sie denn bliebe. Sie komme ja schon, sagte sie. Sie komme ja schon. Sie drehte sich um. Die nackte Frau war auf ihr stretching konzentriert und sah nicht mehr auf. Die nackte Frau war besonders nackt. Die Schamhaare waren wegrasiert, und unter den Achseln der hochgereckten Arme war die Haut glatt.
Im Gang vom locker room zurück. Es war kalt ohne Mantel. Sie ging schnell. Das Geklapper ihrer Absätze. Hohe Absätze. Cindy schaute immer zuerst auf ihre hohen Absätze und wandte sich dann ab. Verächtlich grinsend. Cindy konnte mit so hohen Absätzen gar nicht gehen. Sie blieb stehen und schaute durch das sternenrissige Glas hinaus. Es waren aber nicht einmal Umrisse wahrzumehmen. Das dicke Glas zerriss alle Konturen in breite Streifen. Sie beugte sich zum Glas und schaute durch den Mittelpunkt eines dieser Sterne. Es wurde alles noch verschwommener, und ihr wurde schwindlig. Sie richtete sich auf und holte die kleine flask aus ihrer Tasche. Der Onkel Schottola hatte sie ihr geschenkt. Für ihre erste Amerikareise hatte er ihr diese flask geschenkt. Damals war sie mit Whisky gefüllt, und der Onkel Schottola hatte gesagt, dass er Whisky viel medizinischer fände als Cognac, und sie solle davon trinken, wenn sie sich den Magen verdorben hätte. Was ja auf Reisen unvermeidbar wäre. Er habe auf Reisen nur die schlimmsten Erfahrungen mit der Verträglichkeit des Essens gemacht, und ihn habe der Flachmann schon oft gerettet. Aber was wüsste er schon. Leute wie er. Leute, die in Stockerau lebten. Was könnten die schon wissen. Und dann kam der alte Scherz mit dem Jahr in Paris. Das Jahr in Paris kam dann immer. Nestroy. Aus dem» Lumpazivagabundus«. Und sie hatte sich geniert für den Onkel Schottola. Wie immer. Aber bei diesem Scherz. Sie hätte gänzlich versinken können. Warum eigentlich. Warum hatte sie sich für die Eltern Schottola mehr geniert als für die Betsimammi, für die Pflegeeltern mehr als für die eigene Mutter. Sie trank aus dem Flachmann. Aber was hatte sie sich geniert für die Eltern Schottola, und was hatte sie sich für das Mammerl geniert. Die Großmutter. Wenn die zu Besuch gekommen war, und was für eine Schmach war es dann gewesen, wenn die Betsimammi dann doch einmal zu den Mutterbesuchstagen aufgetaucht war und das Mammerl noch viel mehr auf sie gewartet hatte als sie. Und sie. Sie war immerhin die Tochter von der Betsimammi gewesen, und das Mammerl nur die Mutter von der. Sie war die Tochter gewesen und hätte sie gebraucht. Alle hatten immer gesagt, dass sie die Betsimammi gebraucht hätte. Aber das Mammerl hatte die Betsimammi mehr gebraucht als sie. Die Eltern Schottola waren schon in Ordnung gewesen. Sie nahm noch einen Schluck. So ausgemachte Eltern. Eltern, die so ein Kind aussuchten und in Pflege nahmen. Das war doch ohnehin der bessere deal. Da wussten alle, worum es ging, und die Tante Schottola hatte ihr immer genau vorgerechnet, wie viel sie vom Pflegegeld des Jugendamts gespart hatte und was sie vom Wirtschaftsgeld vom Onkel Schottola genommen hatte für sie. Die Kleider waren immer vom Wirtschaftsgeld gekommen. Sonst hätte sie in ihrem Leben nie etwas gleichgeschaut. Sie beugte sich wieder dem Glas zu. Jetzt war das Glas selbst verschwommen, und die verschwommenen Konturen rannen noch weiter auseinander. Weil sie immer schon so hübsch gewesen war, war es nie ein Problem gewesen, das Geld für die Kleider abzuzweigen. Der Onkel Schottola konnte nie etwas dagegen sagen, wenn sie die Sachen dann vorgeführt hatte.
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