Der Wagen einer Lehrerin. Sie löste gerne Kreuzworträtsel, in denen lateinische Begriffe vorkamen. Und in der Windschutzscheibe hing ein Affe mit Saugnäpfen auf Pfoten und Lippen. Das war alles. Mehr gab es nicht. Sie war vollkommen leer.
Das war die Chance — Messerschmidt löste sich. Lange genug hatte es gedauert, aber nun war das Ende da. Er spürte, wie Wärme in ihm aufstieg. Er hörte weit entferntes Trommeln und wusste, dass ihm nicht viel Zeit blieb.
Ein an mehreren Stellen vollkommen durchgerostetes Fahrrad brachte ein wenig Abkühlung (die Lenkstange hatte dermaßen viele Löcher, dass der Wind darauf am Abend manchmal Flöte spielte). Es stand seit Jahrzehnten hier herum, ohne dass es von seinem Besitzer je abgeholt worden wäre. Messerschmidt genoss die Stille, die von dem Rad ausging. Bald würde diese Stille ganz ihm gehören.
Aber noch nicht jetzt.
Da der Hürdenlauf nun hinter ihm lag, konnte er sich endlich ganz der Hündin widmen. Aber die schien ihn gar nicht bemerkt zu haben, sondern schaute einfach an ihm vorbei. Er drehte sich um. Häuserfronten, Fenster, Fernsehantennen. Was war da? Was hatte sie entdeckt? Ihr Blick ging hin und her, sie suchte irgendwas. Noch hatte sie es nicht gefunden. Aber es war nicht er, nach dem sie suchte.
Ein kühler Luftzug weht über das Spielfeld. Mein Körper ist erhitzt, trotz der abendlichen Frische, meine Beine zittern vor Anspannung und Nervosität, meine Handflächen schwitzen, mein Nacken, meine Fußsohlen, mein Kinn. Meine Sportkleidung sitzt nicht richtig und ich hinterlasse peinlich winzige Fußabdrücke, wie die Spuren eines Fuchses auf der Flucht.
Der Arzt steht ein paar Meter (oder Yards ?) entfernt und macht rätselhafte Zeichen mit der freien Hand, seltsam somnambule Gesten, so wie die eines schlafenden Gehörlosen, der in Gebärdensprache träumt. Ein großer, bleicher Wurfball liegt in seiner anderen Hand, rund und bereit. Eine apfelgroße Miniatur des Mondes. Ich trete unsicher von einem Fuß auf den anderen. Ich möchte es nicht zugeben, aber ich hoffe, dass er an meiner Körpersprache sieht, wie unbehaglich diese ganze Situation für mich ist, wie sehr ich leide. Ich will, dass er Mitleid mit mir bekommt und mich schonend behandelt. Aber dafür steht er viel zu weit weg. Er lässt den Ball in seiner Hand hüpfen.
Er beginnt, mir den Ball zuzuspielen:
— Wir haben eine leichte Schädelfraktur feststellen können … die zu einer Blutung hier …
Wieder das seltsame Gestikulieren. Sein Zeigefinger ist so winzig klein. Ich muss mich sehr anstrengen, ihn nicht aus den Augen zu verlieren. Er deutet auf eine schwarze Fensterscheibe, auf der eine Art dreidimensionaler Rorschachtest zu sehen ist; sie schwebt zwischen uns wie ein Tennisnetz. Außerdem weht ein starker Wind. Meine Bälle werden stark abgelenkt und schwirren unbemerkt in die Nacht davon.
Seine Würfe sind exakt und fast unsichtbar, so schnell kommen sie auf mich zu.
— … noch unsicher, ob bleibende Schäden zu erwarten sind. Mit Sicherheit kann man das allerdings nicht ausschließen. Aber um einen Augenblick Klartext mit Ihnen zu reden: Bei einer Verletzung dieser Art wäre es wirklich … na ja, zumindest nicht unwahrscheinlich, dass eine Beeinträchtigung bestehen bleibt, sei es motorischer Art oder …
Er deutet auf seine Baseballkappe und macht kleine kreisende Bewegungen mit seinem Zeigefinger, als wollte er sagen: Plemplem .
Dann wieder unverständliche Zeichen aus seinem Fingeralphabet. Ein Ball kommt direkt auf mich zu, trifft mich direkt in den Solarplexus, meine Beine knicken ein, mir wird schwindlig. Ich lalle irgendetwas, halte den Kopf gesenkt, sodass er mein schmerzverzerrtes Gesicht nicht sehen kann und vielleicht davon ausgeht, dass ich noch nicht bereit bin für seinen nächsten Schlag.
Aber stattdessen wirft er.
— Sie wird in Zukunft bestimmt, das traue ich mich zu sagen, auf Ihre Hilfe und die ihrer Familie angewiesen sein.
Der Ball streift mich an der Schläfe, und kalter Schweiß bricht mir aus. Der Arzt macht große, eigentümliche Bewegungen mit seinem Handschuh, als würde er ein unsichtbares Kind wickeln. Ich strenge mich sehr an, ihm zu folgen, aber ich gebe dabei keine gute Figur ab. Im Park wird es immer dunkler. Mir ist ein wenig schwindlig, ich schwitze und ich will nach Hause. Der Wind übertönt meine Stimme. Es ist sinnlos, überhaupt sprechen zu wollen.
Glücklicherweise kommt mir der Arzt zuvor:
— Ach, Entschuldigung, aber könnten Sie das eventuell …?
— Bitte?
— Könnten Sie … Dieses Ding macht mich nervös.
Ich folge neugierig und kooperativ seinem Blick, dann fange ich das Jojo ein, das sich in meiner Hand selbstständig gemacht hat, und verwickle es in seiner eigenen Schnur, bis es sich nicht mehr rühren kann.
— Kann ich dann jetzt …?
Ich versuche es meinerseits mit einer vieldeutigen Geste nach Art eines Sporttrainers. Ich deute auf eine farbenfrohe Reproduktion von Kandinsky, die sich in das kleine Behandlungszimmer verirrt hat, und mache dann mit meiner Hand ein paar Rollen vorwärts, als wollte ich sagen: Erzählen Sie weiter . Vor dem Fenster sieht man das abendliche Skelett eines Baukrans.
Der Arzt hat mich verstanden und steht auf. Ich erhebe mich mit ihm.
— Ja, ich würde Sie bitten, dass Sie morgen wiederkommen. Heute ist es wirklich noch zu früh. Untersuchungen brauchen Zeit –
Das scharfkantige Wort saust an meinem Kopf vorbei.
— Die Besuchszeit beginnt um neun, aber Sie können, wenn Sie wollen, schon um sieben kommen. Melden Sie sich einfach bei der Schwesternstation draußen … Sie wissen schon, da vorne …
Er deutet auf die geschlossene Tür. Ein Ball schwirrt an meinem Gesicht vorbei, schlägt gegen das dumpfe Holz der Tür und hinterlässt dort einen dunklen Fleck. Ich schüttle den Kopf.
— Nein? Also, Sie gehen jetzt raus, als würden Sie zum Ausgang gehen, und wenn Sie dann da vorne um die Ecke biegen, kommen Sie direkt am Schwesternstützpunkt vorbei. Kann man im Grunde nicht verfehlen.
Er hält mir seine Hand hin. Ich nehme sie. Wieder ein fester Druck von Spieler zu Spieler.
Ich erinnere mich, welchen Schwesternstützpunkt er meint, ich bin an ihm vorbeigekommen. Trotzdem frage ich noch einmal nach:
— Nein, ich weiß nicht … Wo?
Der Arzt dreht sich, bis er so steht wie ich, mit dem Gesicht zur geschlossenen Tür. An der Tür hängt ein kleiner schematischer Fluchtplan mit schraffierten Flächen, einer Menge Pfeile und ein paar gesichtslosen Menschen, die mitten in einer sauberen Katastrophe stehen, als ginge sie das alles nichts an. Draußen vor der Tür poltert es, und ich zucke zusammen, aber ich bin ja nicht zuhause, fällt mir ein.
— Wenn Sie vom Eingang kommen, das heißt vom dritten Stock, vom Lift … soweit klar? Ja. Dann gehen Sie durch die Glastür, so wie Sie auch heute gekommen sind … Okay? Gut … und dann müssen Sie eigentlich nur mehr geradeaus. Ich hab’s vorhin komplizierter beschrieben, als es eigentlich ist, weil ich umgekehrt gedacht habe.
— Ja?
— Ja. Also dann, alles Gute.
Wir geben uns noch einmal die Hand. Als ich ihm den Rücken zukehre, streift mich ein schneller Ball am Ohr.
Als ich wenig später im Lift meinem schlecht gelaunten Spiegelbild gegenüberstehe, gestatte ich mir einen Blick auf die Uhr.
— Ehrd-geh-schoosch , verkündet eine weibliche Stimme.
Es ist inzwischen klar, dass ich die Inskriptionsfristen für dieses Semester versäumt habe. Ich habe mich auch nicht wirklich darum gekümmert, obwohl ich meinen Job gekündigt habe, um mein Studium nach drei Jahren wieder fortzusetzen.
Aber jetzt gibt es das alles nicht mehr. Ich habe einen Zeitsprung gemacht.
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