Clemens Setz - Die Frequenzen

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Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach "Söhne und Planeten", seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.

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Gestern war sie den ganzen Tag auf den Spuren eines Geruchs herumgeirrt. Ein Fensterquadrat hatte ihr schließlich den entscheidenden Hinweis gegeben. Sie würde nicht mehr zu dem Parkplatz zurückkehren, es war der falsche. Jetzt gab es ein neues Vorher : die Zeit, bevor sie den Geruch bis an seinen Ursprung verfolgt hatte. Was an diesem Ursprung wartete, ahnte sie, aber da ihr Gehirn mit Ahnungen nichts anfangen konnte, hatte sie nicht die geringste Ahnung, was sie da tat. Außerdem war die Vorstellung von dem Ursprung derart betäubend, dass sie sich beherrschen musste, um nicht verrückt zu werden und ihren eigenen Schwanz anzunagen, den sie endlich wieder ungestört erreichen konnte, seit sie sich von der lästigen Halskrause befreit hatte. Er war gut verheilt, fand sie. Er hatte bei dem Spiel gestern überhaupt nicht wehgetan; höchstens das eine Mal, als sie wirklich sehr fest zugebissen hatte, aber das war nur aus Übermut geschehen.

Uljana lief etwas in der Gegend herum. Sie wusste, dass es die richtige Gegend war, aber noch besaß ihr friedliches Hundegehirn keine Straßenkarte; sie musste sie sich erst erarbeiten, erlaufen. Bis zum späten Abend blieb sie in Bewegung und streifte durch die Straßen des Bezirks und prägte sich alles ein.

Menschen gingen an ihr vorbei, vermummte Gestalten, die mit Hüten und Mänteln beschwert waren, damit der Wind sie nicht davonwehte. Sie schleppten lange Abendschatten hinter sich her und egal, in welche Richtung sie sich bewegten, sie zogen ihre Köpfe ein und blickten zu Boden, als gingen sie gegen den Wind.

Uljana bog in eine neue Straße ein. Der Geruch war hier etwas stärker, aber noch nicht so deutlich, dass man ihn wie eine Teppichschlaufe in den Mund nehmen hätte können, um mit ihm Freundschaft zu schließen. Nein, ein wenig musste sie noch gehen.

Sie kam an einem Einkaufszentrum vorbei und schnupperte lange und konzentriert an einem futuristischen Gefährt, das an einem dicken, fetten Metallkaktus festgeschraubt war. Der Geruch war der von hastig losgewordenen Exkrementen; er stimmte sie traurig.

Sie wackelte über eine kleine Rasenfläche, und durch ein Loch, das wohl ein verrückter Marder in einen Zaun gebissen und gekratzt hatte, fand sie Zugang zu einem Garten. Hohe Gebäude umgaben sie hier, die beleuchteten Fenster und Balkone wie ein Kranz von Kerzen rund um ihren neugierig zum Himmel erhobenen Blick.

Sie lief durch die Einfahrt und fand sich in einer Straße wieder, durch die sie schon einmal gekommen war. Lange irrte sie zwischen Häusern und Autos herum.

Wäre sie ein Mensch oder eine welterfahrene Katze gewesen, hätte sie sich vermutlich gefragt, was genau sie wohl vorhatte.

Solo für Nokia 6151

— Wie hässlich diese Stadt ist, ich sag dir, ich weiß manchmal gar nicht, wie man diese ungeheure Hässlichkeit beschreiben soll, es ist fast so, als hätte jemand eine alte Stadt hergenommen, sie in Gips gegossen und anschließend die Hohlform mit den Überresten einer vom Krieg völlig zerstörten Stadt wieder aufgefüllt, und dann stülpt er das Ganze wie einen Pudding irgendwo mitten in die Ebene, auf eine große Wiese, bumm — schon steht die ganze Stadt breitbeinig da, und Menschen fliegen von allen Seiten heran und lassen sich auf den Plätzen nieder und beginnen ihr Zerstörungswerk, denn sie müssen immer alles zerstören, egal ob Stadt, Land oder Beziehung oder … Ja … Ja, du hast Recht. Was? Ich gehe gerade über eine Brücke, deshalb der Wind. Ist schon ziemlich kalt jetzt, der Sommer ist vorbei, aber der Bettler sitzt trotzdem an derselben Stelle jeden Tag, von sieben Uhr morgens bis sieben Uhr abends, dann steht er auf, streckt seine Glieder und wankt davon. Du kennst ihn wahrscheinlich, er sitzt auf so einem kleinen Pappkarton, den er schon fast bis zum Asphalt durchgesessen hat. Vor kurzem habe ich geträumt, dass man mir in einem Restaurant genau diesen Pappkarton, der an manchen Stellen so durchsichtig ist wie eine Zeitung, die man gegen das Licht hält, als Hauptgericht vorsetzt. Man muss sich das einmal vorstellen: Messer und Gabel gesellen sich links und rechts dazu, und der Kellner verwandelt sich in eine erwartungsvolle Salzsäule, und dann wird die silberne Domkuppel von einer unsichtbaren Hand vom Teller gehoben und — genau. Widerlich. Was? Ach, niemand, nur irgendwer, der neben mir hergeht und auch in sein Telefon spricht. Ja, das machen viele Leute. Du kannst das im Augenblick nicht, du bist noch bewusstlos. Ich? Ja, ich bin jetzt schon über die Brücke, wo die Innere Stadt beginnt, das ist noch der schönste Teil. Je weiter man in die Peripherie kommt, desto eintöniger und charakterloser wird alles, wie der Abspann eines Films. Der einzige Vorteil der äußeren Bezirke ist, dass es dort sehr viele Radwege gibt, aber sonst ist da eigentlich nichts. Ein Irrenhaus hier, ein gigantisches Einkaufszentrum da. Und ein gruseliger Ort namens Kalvarienberg, ein kleiner Hügel, auf dem man drei Kreuze aufgestellt hat, die man, wenn man das unbedingt will und den richtigen Aussichtspunkt findet, ehrfürchtig gegen den Sonnenuntergang betrachten kann. Ich hab mich immer gefragt: Wenn Jesus durch seinen Tod am Kreuz heilig und berühmt geworden ist, warum dann nicht auch die beiden anderen Männer? Zugegeben, ich kenne die überlieferte Geschichte nicht besonders gut. Und wahrscheinlich interessiert dich das auch gerade nicht. Ah, es tut wirklich gut, laut zu sprechen, die Gedanken gehen sonst immer drunter und drüber, man denkt nicht einmal normale, klar voneinander abgegrenzte Wörter. Wörter im stillen Gedankenfluss sind irgendwie hautlos, oder nur eine geschmacklose Vorform von echten Wörtern. Lautes Sprechen ist viel natürlicher als Denken. So ähnlich wie Tanzen natürlicher ist als die bloße Vorstellung von Bewegung. Es tut gut, mit dir zu reden. Ich bin seit drei Tagen zum ersten Mal wieder richtig draußen. Hm? Gerade am Rathaus vorbei. Da ist früher immer ein Pantomime gestanden, in klassischem Outfit, schwarzweiß wie ein Sträfling — Ich hab übrigens früher, als ich noch klein war, immer Streifling gesagt, weil die Anzüge der Verbrecher in Stummfilmen immer gestreift waren. Man denkt als Kind ja nicht daran, dass ein Gefängnisaufenthalt etwas mit Strafe zu tun hat. Die ganze Kindheit ist ja nichts anderes als ein Gefängnisaufenthalt, und jede Strafe ist nur eine Verschärfung des allgemeinen Zustands. Was? Ja, du hast Recht, dieses alberne Psychogequatsche, das muss man irgendwann ablegen. Schon verstanden. Nichts lieber als das. Wir können auch übers Wetter reden. Es ist kalt. Schnell bin ich heute, ich bin schon beim Dom. Ein seltsames Gebäude. Wie etwas, das eigentlich nicht erbaut werden hätte sollen, weil jemand am Tag vor Baubeginn einen schrecklichen prophetischen Albtraum gehabt hat und der Hund tot in seinem Körbchen gelegen ist, eine Reihe schlechter Omen — und trotzdem hat man diese monströse Kirche an diesem Ort gebaut, weil jede Stadt einen Dom haben muss, sonst ist sie keine Stadt. Wenn man zwischen dem Mausoleum und dem Hauptgebäude durch diese enge, namenlose Gasse geht, sieht man an der Wand so etwas wie Grabplatten. Eine muss ich dir unbedingt vorlesen. Hie ligt begraben der edel gestreng auch hochgelerth Herr Hanns Georg Steritz beeder Rechten Doctor seeliger etc. der gestorben ist den 20. April im 1627 seines Alters bei 30 Iaren deme Gott der Herr unnd allen fromben Christen eine freliche Auferstehung genedig verleihen welle Amen. Eine fröhliche Auferstehung , das ist wirklich schwer zu übertreffen. Was? … Ja … Ja, aha … Gut, dann dreh ich wieder um. Sicher, kein Problem. Wenn dir das lieber ist. Gehen wir eben denselben Weg wieder zurück … Wer, ich? … Ja, ich sag ja schon was. Ich wollte einfach eine Zeitlang gehen und zuhören. Außerdem juckt mich das Headset auf Dauer hinter dem Ohr. Wenn man dieses kleine Ding im Ohr hat, ist einem, als würde man ständig etwas hören, was gar nicht da ist. Ja … Ja, ich weiß … Du hast Recht, so ähnlich … Aber warum erzählst du den Menschen, ihre Ohrgeräusche hätten irgendeine Bedeutung, wenn sie doch nur Abbilder ihrer tief sitzenden Neurosen und Verzweiflungen sind? Ist das nicht … grausam? Nein? Sicher, warum sollten die Frequenzen nicht vielleicht das Entscheidende sein. Meine Mutter zum Beispiel hat immer für alles eine eigene Tonlage gehabt: Wenn sie mit mir geschimpft hat, wenn sie von der Vergangenheit erzählt hat oder einen Witz, den sie irgendwo gehört hat, oder wenn sie, was weiß ich, mit jemandem telefoniert hat, der mich nicht kannte, der vielleicht gar nicht wusste, dass sie im Alleingang einen Sohn erziehen muss — für jede dieser Situationen gab es eine eigene Tonlage und darin war die Bedeutung enthalten. Ja, die Tonlagen waren das Entscheidende. Ich habe, wenn ich meine Kopfhörer aufgehabt habe und kein Wort von dem verstehen konnte, was sie gesagt hat, trotzdem immer genau gewusst, wovon oder von wem sie spricht, weil der Klang ihrer Stimme, der erste Klang der Welt, auf den ich in meinem Leben konditioniert worden bin, durch jede Musik in mein Gehirn gedrungen ist. Ah … Ja, ich glaube, die Idee ist doch nicht so dumm. Immerhin existiert die Welt aus Geräuschen zwischen 20 und 20 000 Hertz und elektromagnetischen Wellen von 400 bis 800 Nanometer Länge. Für alles andere braucht man Prothesen. Das Blau des Himmels sieht man noch von allein, und auch manche seine Bewohner: die Sternbilder, die Planeten, den Mond, Aurora Borealis, zwinkernde Kometen, Perseidenschauer, Supernovae. Am Tag wirkt der Himmel weit und frei, obwohl er nichts ist als ein blauer Schleier, aber in der Nacht, da er endlich transparent wird und sich öffnet, empfinden wir ihn paradoxerweise als eng und allwissend, wie die unergründliche Stirn eines Großvaters. Und die Sterne, die jede Nacht an derselben Stelle stehen, sind so etwas wie der Wandschmuck im Zimmer eines verstorbenen Kindes, in dem nichts verändert werden darf, für den Fall, dass es eines Tages doch noch zurückkehrt. Und ich weiß nicht, ob du das gewusst hast, aber jeder Regenbogen besitzt noch einen ganzen Haufen Nebenbögen im ultravioletten und infraroten Bereich, die unsichtbar den Himmel pflastern. Manche Vögel können diese Frequenzbereiche sehen, und vielleicht verlieren sie deshalb so häufig den Verstand. Aus Angst vor dem riesigen bunten Spinnennetz. Aber Licht macht natürlich nicht nur Vögel verrückt. Denk nur an die universelle Zweiteilung in Tag und Nacht, auf die der Mensch angewiesen ist, wenn er geistig gesund bleiben will. Je höher man in den Norden kommt, desto seltsamer und weltabgewandter werden die Menschen, und wenn man schließlich so weit ist, dass ein halbes Jahr Finsternis herrscht, dann ist es sowieso aus, dann geht gar nichts mehr, nicht einmal mehr die einfachsten Grundregeln der Kommunikation. Man braucht ausbalanciertes Licht und eine halbwegs vernünftige Geräuschkulisse, um bei Verstand zu bleiben. Und einigermaßen erträgliche Temperaturverhältnisse. The moral quality of light , hat John Cheever gesagt. Eine ziemlich alte und merkwürdig verschüttete Erkenntnis, aber trotzdem begreift man sie sofort. Sowas wie ein verkleidetes Naturgesetz. Das Licht, die Stimmung, die Klarheit der durch eine Taschenlampe im Mund des Erzählers angestrahlten Details — all das führt einen, wenn es zweideutig und unklar ist, in ein Niemandsland zwischen Schuld und Unschuld, Hoffnung und Aussichtslosigkeit, Über- und Unterlegenheit. Je detailreicher die Dinge unter dem Mikroskop daliegen, desto schwieriger ist es, klare Antworten auf ihre stumme Existenz zu geben. Der moralische Aspekt des Lichteinfalls ist im Grunde gleichbedeutend mit der Anwesenheit des Autors in einer Geschichte, also der Anwesenheit Gottes. Was? Ha! Ja … Gott, eine Vorform Vermeers. Stimmt, daran habe ich nie gedacht. Apropos Licht. Ich gehe gerade am Bad zur Sonne vorbei, hier habe ich Schwimmen gelernt. Bei einem Wahnsinnigen namens Fritz, der irgendeine Schule brutaler Pädagogik vertreten hat. Deshalb sind die Mütter reihenweise mit ihren Kleinkindern zu ihm. Selbst heute noch sitzen sie aufgefädelt neben dem Becken und schauen zu: dieselben Mütter, nicht um ein Jahr klüger geworden, vertieft in dieselben Gespräche über nebensächliche Themen, während drei Meter weiter ihre Kinder von einem Wahnsinnigen ertränkt werden. Dieselben Frauen wie damals. Ich war vor kurzem dort schwimmen, da hab ich sie gesehen. Nur der Schwimmlehrer war ein anderer, ein junger Mann, wahrscheinlich der Sohn vom alten Fritz. Denn seine Methode war die seines Vorgängers: Er hob die Kinder an den Armen hoch und wirbelte sie ins Wasser, sodass sie einen, meist eineinhalb Saltos machten und in einem unmöglichen Winkel auf dem Wasser aufklatschten, und für einen Augenblick paddelten sie vollkommen desorientiert um ihr Leben, bis ihre kleinen Köpfe gerade einmal lange genug über dem Wasser waren, dass sie Luft holen konnten. Und dann drückt sie der Verrückte wieder unter Wasser. Es gibt keine größere Rücksichtslosigkeit als die Rücksichtslosigkeit eines Pädagogen. In diesem Augenblick ist mir klar geworden, warum die Mütter so nebeneinander sitzen, brav und inaktiv, wie Kleidungsstücke auf einer Wäscheleine oder leidenschaftslose, richtige Wörter in einem lateinischen Satz — warum sie nichts tun als sich über ihren Alltag zu unterhalten. Es ist derselbe Grund, aus dem Mütter ihre Kinder voll Stolz in den Krieg schicken und hinterher mit den Medaillen des gefallenen Sohnes reden, als würden die ihnen zuhören. Nicht etwa, weil sie Patriotinnen wären oder glühende Vertreter irgendeiner neuen Schwimmtheorie. Du könntest das alles viel besser … Vielleicht war eine dieser Mütter sogar deine Klientin. Schuldbewusst, reumütig und völlig verwirrt. Ein Plätschern von Chlorwasser im Ohr, das nie mehr wieder verschwinden will, solange ihr Kind unter Wasser treibt. Die verhängnisvolle Entscheidung, das Kind dem grausamen Verrückten zu überlassen, fällt in dem Augenblick, wenn er es am Handgelenk packt und mit sich fortzieht. Man kann auf zwei Arten reagieren: mit einem Schrei dazwischen springen und das Kind retten, sodass alle anderen Mütter, die ihre Entscheidung längst getroffen haben, den Kopf schütteln, mein Gott, was macht sie denn für ein Theater , oder sich schnell sagen: Er weiß, was er macht, er wird ihm nicht wehtun . Bedingungslose Kapitulation — oder Rebellion. Letzteres kommt so gut wie nie vor. Auch nicht zwanzig Jahre später. Ich habe dem Schauspiel eine Weile zugesehen und wollte mich schon umdrehen und gehen, da habe ich gespürt, wie vor Angst meine Füße langsam mit Sand volllaufen. Genau in diesem Moment hat der junge Fritz eine Pause eingelegt und sich neben die Mütter auf die Bank gesetzt. Die Kinder waren mit dem Auftrag beschäftigt, sich am Beckenrand festzuhalten und mit den Beinen schnelle Paddelbewegungen zu machen. Der junge Fritz hatte seinen aerodynamischen Glatzkopf unter einem Handtuch verborgen, sodass ich unbemerkt auf ihn zugehen konnte. Die Mütter haben mich kaum beachtet. Was? Aber ja, ich hab ihn angesprochen. Warte. Ich stehe also vor ihm, und sein Kopf ist unter diesem Handtuch, und er blickt zu mir auf, ein weißes Gespenst mit der Andeutung einer Nase, und sagt etwas wie: Ja, bitte? Ich beuge mich zu ihm herab und sage: Entschuldigen Sie, aber nehmen Sie noch Schüler? Er nimmt das Handtuch ab, zwinkert, als wäre ich eine Lichtquelle, dann kratzt er sich im Nacken und sagt: Sicher. In zwei Wochen beginnt der nächste Kurs . Und er kramt ein Anmeldeformular aus seiner Sporttasche. Schön , sage ich und falte das Anmeldeformular zu einem kleinen Quadrat zusammen. Und Sie sind auch bestimmt stark genug? , frage ich. Wofür? , fragt er. Für mich natürlich , sage ich und streiche über meinen Oberkörper, als wollte ich mich ihm anpreisen. Können Sie mich auch so ins Wasser wirbeln wie die anderen? Sein Blick wird irgendwie silbrig. Ich wiege zwar nur sechzig Kilo , sage ich, aber es ist trotzdem nicht allzu leicht, mich unter Wasser zu halten, denn ich kann ganz schön kräftig strampeln, wenn ich Angst bekomme, und trete Ihnen am Ende noch in die Eier. Darauf sollten Sie vorbereitet sein , sage ich, am besten, Sie tragen irgendeinen Schutz . Er schaut mir mit einem schwer greifbaren Killerblick nach, während ich rasch zum Ausgang gehe und alle möglichen inneren Paroxysmen unterdrücken muss. Als erstes reißt sich mein Zwerchfell los, und ich krümme mich vor meiner Kabine zusammen. Ein paar Sekunden brauche ich, bis ich mich wieder gefangen habe. Ja … Ja doch. Ich schwör’s … Außerdem, ob das nun wirklich passiert ist oder ob ich es erfinde, um dich vom vollkommenen Nichts abzulenken, macht doch kaum einen Unterschied. Das Anmeldeformular habe ich heute noch, ich kann es dir zeigen. Ah, jedes Mal, wenn ich an einem Bad entlanggehe, werden meine Knie weich und mein Gang wird etwas schleppend. So ein Gefühl wie wenn man stundenlang in einem Wellenbad gestanden ist und dann mit dem Rad nach Hause fahren will: Der Wellenschlag hat sich derart tief im Körper eingenistet, dass man ständig umzukippen droht. An der Ampel ist es am schlimmsten. Oder man setzt sich auf einen Sessel und alles schwankt. So ähnlich ist es mir gegangen, als ich im Krankenhaus gewartet habe, sicher zehn Stunden oder mehr. Und niemand wollte mir etwas verraten. Hm … Weißt du, ich muss oft an etwas denken, das ich bei diesem Angeber Canetti gelesen habe. Ich weiß den genauen Wortlaut nicht mehr, es war irgendwas über ein älteres Ehepaar. Die Frau stirbt plötzlich, und der Mann verschweigt ihren Tod, tut so, als wäre sie immer noch da, neben ihm und hellwach. Er spricht mit ihr und erklärt ihr, was während ihrer großen Abwesenheit vor sich geht. Die tote Frau ist sehr traurig, heißt es dann, weil sie niemanden mehr sieht, also erzählt er ihr haargenau, was sich alles in der Wohnung befindet, was in der Zeitung steht, das Wetter draußen und so weiter. So ungefähr geht die Geschichte, und eigentlich ist es noch nicht einmal eine Geschichte, sondern nur ein kleiner Tagebucheintrag, denn dieser irre Canetti, musst du wissen, der war davon überzeugt, er könnte den Tod besiegen, schreibend oder lesend oder verstehend oder was weiß ich, irgendeine überhebliche Verrücktheit eben … Ja, stimmt, woher weißt du das? Der Wind hat aufgehört … Ja, ich bin stehen geblieben, da ist eine rote Ampel. Das kann eine Weile dauern. Drüben, auf der anderen Seite, stehen Leute und sehen mich, einen telefonierenden Mann, heftig zu einem Gespräch gestikulieren. In der Schule haben wir damals dieses Buch von Camus, Der Mythos des Sisyphos , gelesen, und da steht dieser herrliche Satz über einen Mann, den man durch eine Glasscheibe beim Telefonieren beobachtet. Der Mann macht einen Haufen scheinbar sinnloser Gesten, die sein Gesprächspartner ja doch nicht sehen kann, und man fragt sich: Warum lebt er? Eine großartige Frage, finde ich. Warum lebe ich, ein im luftleeren Raum gestikulierender Mann auf der anderen Straßenseite? Es geht endlich weiter … Da vorne ist mein altes Stammlokal.

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