Clemens Setz - Die Frequenzen

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Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach "Söhne und Planeten", seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.

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Die Welt in der Zukuft

von Alex Kerfuchs, dritten Klasse

Die Welt in 50 Jahren wird sehr Anders aussehen als heutige. Es wird zum Beispiel viel mehr Hochhäuser geben als heute. Sogar in einer kleinen Stadt wie hier in Graz. Und ausserdem werden die Autos mit einem anderen Amtrieb fahren als mit dem heutigen .

Ich selbst werde in 50 Jahren 59 sein. Davon kann man genau ablesen, wie alt ich heute bin n картинка 18hmlich 9. Dann habe ich bestimmt schon eine eingene Familie .

Aber obwohl im Jahr 2044 gibt es dann auch warscheinlich keine Eltern mehr und ebenso mit der Erziehung und alle Kinder werden älter, ohne, das sie sich anpassen müssen. Sie gehen einfach von Haltestelle zu Haltestelle und werden dabei älter .

In der zukunft gibt es auch keine Keller mehr. Alle Häuser haben oberirdische Ablagerungplätze. So verfault es nicht so schnell und das Haus steht sichererer .

Ich hoffe auch dass in der Zukunft die Menschen besser zusammen komunitzieren und handeln können, denn es gibt sehr wenige

Toleranz auf der Welt. Viele Kinder haben noch nicht ein Mal ein Dach über den Kopf wenn es regnet. In ihren Augen nisten z. B. Fliegen, und sind sehr traurig. Sie liegen den ganzen Tag da und haben ganz dicke Bäuche vom vielen Hunger .

In der zukunftigen Welt werden die Krankeiten auf andere arten behandelt werden wie die heutigen, jedoch gleich bleiben wird ihre riesige Anzahl wird jedoch gleich bleiben. Eines weis ich sicher. Die Menschen werden sicher nicht mit Raumschiffen zur Arbeit fahren und wenn dann nur weil sie Astronauten sind .

In fünfzich Jahren wird die Welt sich unheuerlich verändern. Auf jeden Fall ist bis da hin noch eine sehr lange Zeit .

Ich habe ein Skriptum ins Krankenhaus mitgenommen. Eine Studienkollegin hat es mir damals geborgt und ich habe es nie zurückgegeben. Auch die Prüfung habe ich nie gemacht. Die Mitschrift ist in mindestens drei verschiedenen Handschriften verfasst und sieht von ferne aus wie die späten Cantos von Ezra Pound. Mit den Cantos hat sie auch gemein, dass sie an den Seitenrändern kleine Piktogramme enthält, die manchmal an chinesische Schriftzeichen erinnern, Automatismen der übermüdeten Hand, Ornamente der Langeweile, wie die im Schachbrettmuster bemalten Kästchen des Ringblocks oder der seltsame knochenköpfige Stierkopf, der in den Unterlagen immer wieder auftaucht und einen ungläubig anglotzt.

Die Beschäftigung mit der unbewegten und leidenschaftslosen Welt des Studiums beruhigt mich, auch wenn ich bis zum nächsten Anmeldetermin warten muss. Meine Finger streichen über das unzählige Male kopierte Papier, ein Palimpsest von verschieden stark ausgeprägten Prüfungsängsten. Auf einer Seite hat jemand ein Fragment seiner Handfläche mitkopiert. Wer war das? Man wird es nie erfahren.

Nichts kann einen universitären Betrieb für lange Zeit aufhalten. Er hat seinen Teil an der Ewigkeit vor langer Zeit abgemessen. Mathematiker schraffieren weiter kleine Intervalle unter der Gauss’schen Glockenkurve, auch wenn im Nebengebäude geschossen wird. Studenten rekeln sich in der Wiese und prüfen sich gegenseitig, am Nachmittag gehen sie demonstrieren. Ein Bild ewiger Jugend und Gleichgültigkeit. Es ist Sommer, und die Hörsäle sind zum Bersten voll. Man schwitzt, man hört der Stimme vor der Tafel oder vor dem großen Projektorbild zu, schreibt mit, sieht den eigenen Händen zu, wie sie automatisch über das Papier wandern. Selbst wenn Polizeihubschrauber über dem Bezirk kreisen und sich Kinderwägen, die friedlich in der Sonne gestanden sind, in schreiende Sirenen verwandeln, wird der viel beschäftigte Assistent in seiner kleinen Kammer nur kurz von seinem Monitor aufblicken. Sein Zimmer hat vielleicht nicht einmal ein Fenster.

Eine Studentin, eine unauffällige Erscheinung mit einem sehr mädchenhaften, jungen Gesicht, sitzt am Fenster und konzentriert sich auf eine Seite eines Chemiebuchs. Wie jeden Tag gehen ihre Kollegen an ihr vorbei, grüßen sie. Sie sieht manchmal auf, nickt. Meist nickt sie nur mit den Augenlidern. Eines Tages dreht sich einer der Kommilitonen nach ihr um und sagt etwas wie: He, Sandra, pass auf, dass du dich nicht zu weit aus dem Fenster lehnst . Sie blickt auf, lächelt, und ihre Hände lösen sich von dem Buch auf ihren Knien — und sie lehnt sich zurück, sie lässt ihre Arme nach hinten fallen und kippt einfach aus dem Fenster. Ohne zu schreien fällt sie in den Innenhof des Gebäudes, eine Sitzbank bricht ihr die Halswirbelsäule. Ein Arm steht in unmöglichem Winkel von ihrem Körper ab. Die Polizei kommt, sieht sich die Sache an, ein Krankenwagen ohne Blaulicht transportiert die Tote ab. Und obwohl der Student, der sie vor ihrem Sturz angesprochen hat, beschwören kann, dass sie sich absichtlich aus dem Fenster gerollt hat, wird die Angelegenheit als Unfall abgetan.

Ich habe mich damals mit ihm über den sonderbaren Selbstmord von Sandra unterhalten. Obwohl es erst ein paar Wochen her war, redete er bereits lieber über seine Diplomarbeit. Er habe sie im Grunde gar nicht gekannt. Und er verstehe eigentlich bis heute nicht, was das Ganze sollte.

Im Herbst darauf habe ich dann beschlossen, eine Zeitlang etwas anderes zu tun. Etwas mit Menschen.

Jetzt liegt auch diese Phase hinter mir. Manchmal holen mich die alten, abgekühlten Wunschträume noch ein, und ich stelle mir vor, wie die Universität abbrennt, und ich komme an einem Nachmittag hin und das Gebiet ist bereits großräumig abgeriegelt, Einsatzkräfte tun ihr Möglichstes, bergen Verletzte, aber alle Datenbestände sind hoffnungslos zerstört, man trägt ihre Asche eimerweise aus den Trümmerhaufen. Sogar die Sicherungskopien, die auf Servern Hunderte Kilometer entfernt lagern, werden durch eine Art spukhafte Fernwirkung gelöscht. Man weiß sich keinen anderen Rat, als den Studenten zu glauben, was sie den zuständigen Stellen über den Status ihres Studiums erzählen: wie viele abgelegte Prüfungen, wie viele stehen noch aus — eine orale Weitergabe von Wissen, archaisch und ungestüm, löst für kurze Zeit die digitale, schriftliche Tradition ab. Man verlässt sich auf die Ehrlichkeit der Studenten, weist sie darauf hin, dass man später, nach den Aufräumarbeiten, alles, alles aufdecken wird können. Sie stünden also gewissermaßen unter Eid.

Aber natürlich wissen alle, dass das nicht stimmt, und ich gebe an, dass mir nur noch eine einzige Prüfung fehlt. Aus taktischen Gründen nenne ich eine, die recht anspruchsvoll ist, die ich aber schon einmal bestanden habe.

Der Plan funktioniert, schon bald habe ich meinen Abschluss in der Tasche, trete ins Berufsleben ein, verdiene Geld, gründe eine Familie und fahre mit dem Fahrrad zur Arbeit.

Ich bin bei meinen Nachbarn sehr beliebt, der Briefträger kennt meinen Vornamen, und manchmal veranstalten ich und meine hübsche Frau Tischtennisabende. Aus allen Wasserhähnen in unserem Haus kommen kleine schwarze Kugeln, die Glück bringen. Unser Haus liegt in einer stillen Allee und die Bäume werfen ihre Schatten über den schnellen Radfahrer, als wären sie riesige Zaunlatten, und da keine unübersichtlichen Kurven oder Kreuzungen am Weg liegen, kann man sich langsam aufrichten während der Fahrt, sich auf die Pedale stellen und mit einem tiefen Zug ein kleines Insekt einatmen, das es nicht anders verdient hat.

Die Spur

Uljana hatte wieder auf dem Parkplatz übernachtet, unter einem Wagen. Am Morgen war ihr Fell voller Tau und sie schüttelte sich sauber. Hunger, Hunger, Hunger. Neben Mülltonnen und auch auf der Erde fanden sich überraschend viele essbare Dinge; das war ihr vorher nie aufgefallen.

Vorher : ein versunkener Kontinent.

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