Einmal bin ich da sogar mit ein paar Freunden aufgetreten. Ich am Klavier. Welche Bands spielen denn heute? Mal sehen. Ich lese dir vor: Sexton Slave, Fressfeind und The Resurrection of Laura Palmer . Alles derselbe Unsinn. Resurrection, Wiederauferstehung. Die zweitdümmste Jenseitsvorstellung. Willst du wissen, was die allerdümmste ist, die absurdeste? Die Unsterblichkeit der alten Ägypter. Ha, hättest du nicht gedacht, oder? Na ja, zum einen, weil sie bei denen ausschließlich eine Angelegenheit der Reichen war, und dann war sie auch noch an das Wohlergehen einer Mumie gebunden. Das muss man sich einmal vorstellen: Solange die Mumie intakt in irgendeiner finsteren Grabkammer herumliegt, ist auch die Unsterblichkeit gewährleistet, kommen Grabschänder und zerfleddern die Mumie, tja, Pech, dann ist auch die Pharaonenseele zerstört. Eine eigenartige Vorstellung. So ähnlich wie bei uns die Bücher. Solange sie noch gedruckt werden, glaubt sich der Verfasser unsterblich. Wenn er tot ist, weiß er es besser. Was? Ja. In Ordnung, anderes Thema.
Hallo? Bist du noch dran? Ja, ich bin jetzt zuhause. Gerade angekommen … genau … Sicher, ich kann in zehn Minuten da sein … Ja, sicher … Hm? Ja, ich stehe im Moment vor dem Spiegel, warum? Wie immer, ja … Wer, ich? … Nein, ich bin nicht nackt, warum? … Mein Gesicht? … Ach, das ist ziemlich weiß …
Ich nahm das völlig durchgeschwitzte Headset von meiner Schläfe. Noch einmal hielt ich das Telefon an mein Ohr:
— Hallo? Oh, hallo … sicher, ja, ich bin zuhause … Du bist im Krankenhaus … Nein, Kra nnn kenhaus, nicht Krakenhaus … ja, ich mag Octopusse auch … lustige Tiere, können auch nichts dafür, wie sie gebaut sind … sicher … aha … ja, du bist immer noch bewusstlos und ich kann dich einfach nicht ansehen … okay … aha, ich verstehe …
Mein Blick wurde auf einmal böse, unberechenbar — ich schleuderte das Handy gegen die Badezimmerfliesen. Es zersprang in hundert Plastiksplitter.
Ich überlegte, ob ich schreien sollte. Aber wozu sollte ich das tun, ich war völlig ruhig. Die Plastiksplitter lösten sich in Luft auf, und ich stand wieder angezogen vor meinem gedankenverlorenen Spiegelbild, die Hände in den Hosentaschen. Das Spinnennetz, das die Spiegelfläche überzog, war dunkler geworden, der Superkleber war getrocknet.
Mit einem Wimpernstift, den Lydia hier gelassen hatte, malte ich einen schwarzen Punkt auf den Spiegel. Ich starrte auf den Punkt, bis er immer größer wurde. Er wuchs, bis er ungefähr so groß war wie eine Münze, unscharf an den Rändern und merkwürdig weich. Wenn ich länger auf ihn starrte, würde er mich verschlucken. Ich hielt die Illusion noch eine Weile aufrecht, dann musste ich blinzeln. Der Punkt war wieder der alte. Ich wischte ihn mit dem Daumen weg. Ich streckte die Zunge heraus. Sie war belegt, als hätte ich an einem Haufen Mehl geleckt. Ich ging aus dem Badezimmer in die Küche, trank eiskaltes Wasser aus der Leitung und trat anschließend an die in vieldeutiges Schweigen gehüllte Haustür, wo ich plötzlich das Geräusch wieder hörte. Ein Poltern, drei Mal, und ein Knall.
— Ach, verpiss dich doch! schrie ich den Poltergeist an.
Stille.
Dann klopfte es.
Der schwankende Boden unter seinen Füßen
Gerald Katzek war am späten Nachmittag aus der Wohnung geflohen. Nach mehreren, sehr vielen Gläsern Wein hatte sich seine Mutter keinen anderen Rat mehr gewusst, als sich auf ihr eigenes Bett zu übergeben und sich hinterher hineinzulegen, grunzend und still vor sich hin weinend über ihr trauriges, hoffnungsloses, niemals zu Ende gehendes Leben. Und das war nicht einmal das Schlimmste gewesen. Mitten in ihrem Elend hatte sie auch noch freundlich und versöhnlich mit ihm gesprochen und ihn einen schlauen, verlässlichen Jungen genannt, während er nur hilflos daneben stehen und an den furchtbaren Gestank denken konnte, gegen den sie scheinbar immun war. Trotzdem war er stehen geblieben und hatte sie ihre liebevollen Sätze zu Ende sprechen lassen; es war schließlich nicht so, dass sie nur frei vor sich hin fantasiert hätte, nein, sie meinte durchaus, was sie sagte, merkte dabei allerdings nicht, dass sie mit ihrer Wange während der ganzen Zeit in ihrer eigenen Kotze lag.
Jetzt ging er durch das nächtliche Treppenhaus, wo er die Zeit oft totschlug, indem er Dinge tat, für die er noch keine Worte besaß. Zum tausendsten Mal sah er sich das Video auf seinem Handy an.
Er bedauerte inzwischen, dass er es aufgenommen hatte, denn er war süchtig danach. So wie man nach Tetris süchtig werden konnte, sodass man beim Einschlafen immer noch Blöcke sortierte, sie rotieren ließ und sogar nervös aufschreckte, wenn der lange Block in der Vorstellung nicht in die extra für ihn gebaute Spalte schlüpfte, sondern an der Kante hängen blieb. Es tat fast körperlich weh.
Okay, für heute war es genug, sagte er sich, und er sah sich das Video ein weiteres Mal an. Seine Hand zitterte, wie immer. Aber er kannte das, es war normal. Hände zitterten bei allen möglichen Anlässen. Bei der Berührung von kranken Verwandten. Beim Halten des Regenschirms auf dem Familienfriedhof mit seinen ungepflegten Grabsteinen zu der Predigt, die immer mit denselben Worten begann, als sei es jedes Mal derselbe Mensch, der in die Erde verbannt wurde. Und natürlich war das auch so, dachte Gerald, es war derselbe Mensch, es war dasselbe , sogar wenn es ein Tier war, ein Goldhamster oder ein Kanarienvogel, die beide einer Nachbarskatze zum Opfer gefallen sind und die man heimlich begräbt, noch bevor der Wecker im Nebenzimmer klingelt.
Allein, immer alles allein.
Viele traurige Worte begannen mit al. Alltag, alt, Alkohol, Almosen, All .
Gerald dachte an den Film, den sein Religionslehrer im Unterricht gezeigt hatte. Eine Dokumentation über Serienmörder. Anschließend hatten sie über Gut und Böse diskutiert. Und Gerald hatte lange mit sich gekämpft, ob er dem Professor seinen Film zeigen sollte. Wegen Gut und Böse. Aber er hatte es nicht getan, auch weil ihn die Dokumentation selbst sehr beschäftigt hatte, so sehr, dass er sich gar nicht an der Klassendiskussion, die zu einer monströsen Brainstormingwolke auf der Tafel geführt hatte, beteiligen hatte können. Die vielen, vielen Begriffe, die in der Gedankenwolke gefangen waren, wurden in der nächsten Stunde von der Biologielehrerin weggewischt und durch neue ersetzt, die überhaupt nichts mit dem Problem zu tun hatten. Das Problem war folgendes: Der Film zeigte ein Interview mit einem russischen Serienmörder, der in seinem Leben ungefähr zwanzig Menschen getötet hatte. Und dieser Mann sagte, auf irgendeine belanglose Frage des Interviewers (und Gerald konnte gar nicht anders, als sich vorzustellen, er wäre der Interviewer), dass er universelles Wissen aus dem Universum abgezapft habe, durch seine Morde und Häutungen und weiß der Teufel was. Er sei ein Pionier. Alle Mörder seien Pioniere. Sie wissen Dinge, die niemand sonst auf Erden weiß, nicht einmal ein Soldat oder ein Diktator oder jemand, der einen anderen Menschen im Affekt erschlägt. Sie wissen genau, wie sich Menschen verhalten, die getötet werden, die ihrerseits wissen, dass sie gleich sterben werden. Darauf tat der Interviewer (und Gerald an seiner Stelle, bewaffnet mit nichts als einem filzgepolsterten Mikrofon) das einzig Richtige: Er fragte nach, welches Wissen das denn genau sei. Welche geheime, universelle Erkenntnis lasse sich denn aus einem erdrosselten Kind ableiten? Der russische Mörder räusperte sich, damit Gerald nicht glaubte, er sei auf diese Frage unvorbereitet, und antwortete: Dafür gibt es leider keine Worte. Gäbe es welche, müsste man keine Menschen ermorden .
Als Gerald diese Szene in seinem Kopf durchspielte, überkam ihn wieder derselbe Taumel wie im Klassenzimmer. Der Boden schwankte und er befand sich auf einem Schiff, das gleich gegen einen ungeheuren Eisblock prallen würde. Alles drohte zu zerschellen, und tatsächlich zerschellte alles, die ganze Vergangenheit. Nichts ergab mehr irgendeinen Sinn. Dafür gibt es keine Worte . Warum? Dieser Satz war eine riesengroße Unverschämtheit! Er hätte es doch zumindest versuchen können! Er saß doch schon im Gefängnis und das mit Sicherheit lebenslänglich, also konnte er sich doch ein wenig anstrengen.
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