Clemens Setz - Die Frequenzen

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Die Frequenzen: краткое содержание, описание и аннотация

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Walter und Alexander waren Freunde, als sie noch Kinder waren — nun kreuzen sich ihre Wege wieder
Dies ist die Geschichte von Walter, dem Sohn eines Architekten mit Einfluss. Er will Schauspieler werden — oder will es nur sein Vater? Walter bekommt seine Chance, als ihn Valerie, eine Psychotherapeutin, die bessere Tage gesehen hat, engagiert, um in Gruppensitzungen fiktive Patientenrollen zu spielen. Doch er geht zu sehr in seiner Rolle auf.
Dies ist die Gechichte von Alexander. Er ist Altenpfleger, ein junger Mann mit ausufernder Phantasie, die sich im Schatten einer einsamen Kindheit entwickelt hat. Alexander kündigt seinen Job, und er will seine Freundin loswerden, um mit Valerie zusammenzuleben. Doch die wird eines Tages brutal zusammengeschlagen…
Nach "Söhne und Planeten", seinem Debüt, das ihm einhelliges Lob der Kritik einbrachte, legt Clemens J. Setz ein Werk vor, das alle Erwartungen sprengt: atemberaubend kraftvoll, bunt, sprachgewaltig und zart.

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— Es ist schwer, zu Ihnen durchzudringen, sagte sie.

— Wem sagen Sie das. Ich war selbst erst einmal da. Nahtoderfahrung. Mit siebzehn. Ich bin über meinem Körper geschwebt und habe versucht, irgendwie wieder hineinzukommen. Aber etwas, das furchtbar schnell und zugleich entsetzlich langsam war, hat mich immer wieder weggezerrt, wie eine Meeresströmung.

Ich lehnte mich in meinem Sessel zurück. Meeresströmung , ein schönes Wort. Meine Handflächen schwitzten. Natürlich war das alles gelogen. Ich fuhr mir mit der Hand über die Stirn und durch die Haare.

— Alles in Ordnung? fragte sie.

— Nein, natürlich nicht. Ich glaube, ich werde jetzt gehen.

— Ich wollte Sie eigentlich zur Hochzeit einladen. Aber ich glaube, ich weiß, was Ihre Antwort sein wird …

— Haben Sie eine schriftliche Einladung, ein Billet?

— Ein Billet? Warum?

Sie war erstaunt.

— Ach, nur so, hätte mich einfach interessiert. Wie lautet denn der Einladungstext? Gerd … äh, Georg und Hannelore laden ein zur Feier ihres neuen Lebensabschnitts oder …

— Selbstverständlich gibt es noch keine Billets, sagte sie.

— Dann machen wir am besten Folgendes: Wenn es mal welche gibt, schicken Sie mir einfach eins.

Sie schien sich einen Augenblick zu besinnen, ob ich sie verspottete oder vielleicht doch ungeschickt um Verzeihung bat, für irgendetwas Tiefverwurzeltes, dann begann sie in ihrer Handtasche zu kramen.

— Meine Adresse haben Sie ja, sagte ich.

Ich stand auf, wandte mich um und ging mit schnellen Schritten fort. Nicht umblicken, nicht umblicken.

An der Straßenbahnhaltestelle überkam mich ein nervöser Lachanfall, ein alberner Krampf, der sich in meinen Bauchmuskeln festbiss und mich durchschüttelte. Ich kicherte dumm vor mich hin, und eine junge Frau wich ängstlich ein paar Schritte zurück. Durch meine Manteltasche grub ich mir die Fingernägel in die Seite, bis der Anfall vorüber war.

An der Haltestelle wartete eine Nonne, ein beruhigender, friedlicher Anblick, wie ein Pinguin. Aber auch eine leichte Beute.

Ich stand mit dem Rücken zu ihr.

Ich holte mein Telefon aus der Tasche und wählte die Zeitansage.

— Hallo? brüllte ich. Ja, wieder ich. Hören Sie, ich belästige Sie nur ungern … Ja, schon klar, ich wollte nur noch mal was fragen. Also ich versteh das nicht mit Pater Pio … Pius, ja, richtig … Also bei diesen Stigmata, ich meine … ja, ist schon klar, aber meine Frage ist, wie muss man sich das vorstellen? … Aha … Aha … Und sind da wirklich Löcher in der Hand gewesen, wo das Blut raustropft, ich meine … Aha … Und bedeutet das wirklich buchstäblich, dass Jesus in ihm gekommen ist? … Ja … Was? … in ihn , meine ich ja … Ja, aha … aha … im Genitalbereich auch? Echt? … Ja … Was? Nein, das ist mir ganz unbekannt … Ach so, Heiligsprechung, ja, sicher, ich weiß schon, was das ist …

Ich drehte mich um. Der Pinguin war verschwunden. An seiner Stelle saß ein glatzköpfiger Mann, seinem Dobermann direkt gegenüber, und die beiden spielten Wer zuerst lacht, hat verloren . Bald sprang der Hund vor Übermut wedelnd in die Luft. Er hatte verloren und freute sich.

Ich fühlte mich großartig, erleichtert bis in die Fingerspitzen, und aus irgendeinem Grund sehr männlich und potent. Ich stöpselte mir die kleinen weißen Hörer meines iPod in die Ohren und hörte dreimal hintereinander Baba O’Riley von The Who , bis ich den Drang, die Arme auszubreiten und die Herrengasse hinunterzurennen, so stark werden fühlte (ah, dieser herrlich simple Akkordwechsel bei der Zeile: It’s only teeeeeenage — wasteland! ), dass ich mich in ein Geschäft flüchtete, um wieder zur Besinnung zu kommen. Blinkende Kleiderständer, leise Technomusik, wühlende Menschen. Dasselbe Prinzip, wie wenn man in eine Plastiktüte atmet, wenn man sich zu sehr aufregt und hyperventiliert.

In der plötzlichen Dunkelheit des Geschäfts rauschte mir das Blut in den Kopf, meine Ohren pochten. Er wird also tatsächlich heiraten, dieser verdammte Drecksack. Und er schickt mir seine Frau, damit sie mich vorbereitet. Wirklich schwer, zu Ihnen durchzudringen . Zu Ihnen zu dringen zu durch zu dringen zu. Vierzehn Jahre! Einen ersten Eindruck. Ein Billet — aber der hab ich’s gezeigt. Ich hab’s ihr –

Eine Verkäuferin, die dasaß, ohne sich zu bewegen, schaute mich misstrauisch an, den reglosen, seltsamen Mann, der den Eingang versperrte. Schnell ging ich ein paar Schritte auf die Straße hinaus. Jemand stieß mich von hinten an.

Oh! Excusez-moi .

Canned Laughter

Dämlicher Franzose!

— Passen Sie doch auf! schimpfte ich. Regardez-vous … votre … Ach, du bist es, hallo.

Walter. Seine Wangen waren leicht fleckig, als hätte er gerade geweint.

— Alex, hallo. Dein Auge ist immer noch nicht besser?

— Das Auge, nein, ich … Was machst du hier?

— Einkaufen, mehr oder weniger. Ich bin nur kurz in der Stadt.

— Ah, ja.

— Und, wohin bist du unterwegs?

— Ich? Ins Krankenhaus.

— Etwas Schlimmes? Dein Auge?

— Nein, ich sitze dort nur gern herum.

— Wie?

— Ja, ich hab mich an den Aufenthaltsraum dort gewöhnt. Der im dritten Stock ist der beste, da gibt es aus irgendeinem Grund keinen Handyempfang. Dasselbe in der Cafeteria. Im Augenblick bin ich nicht gern erreichbar. Die Aufenthaltsräume im zweiten und dritten Stock haben dafür einen Teekocher. Ich schätze, ich bin ziemlich oft dort.

— Ich wollte mit dir reden, sagte Walter. Ich –

— Ja, vielleicht ein andermal. Wie gesagt …

Walter sah zu Boden.

— Ich weiß nicht, wie merkwürdig das jetzt klingt, aber du siehst echt nicht gut aus.

Er fuhr sich mit der Hand durchs Haar.

— Ich fühl mich auch nicht besonders, sagte ich.

— Komm mit. Ich möchte dir ein paar Freunde vorstellen, denen ich von dir erzählt habe.

— Warum?

— Ach, bloß so.

— Es ist nur … Ich verarbeite momentan einiges, sagte ich.

Walter biss sich auf die Lippe, als wüsste er, worum es geht.

— Komm kurz mit, sagte Walter. Vielleicht heitert es dich ein wenig auf.

Ein Mann mit einer aerodynamischen Glatze und einem dazu passenden Hemd mit Karomuster öffnete uns die Tür und wir traten ein. Als der Mann mich sah, hob er beide Hände pathetisch zum Himmel und sagte:

— Hab ich’s doch gewusst!

— Was?

— Endlich wird er seinem Ödipus-Komplex gerecht! Warte mal … Du bist ja gar nicht Julian! Entschuldige, entschuldige … der Verband, ich hab dich verwechselt.

Er umarmte mich zur Entschuldigung und schüttelte mich.

— Schon in Ordnung.

Walter ließ sich ebenfalls umarmen.

— Du riechst furchtbar, sagte Walter. Was ist das? Noch Pour Homme oder schon Pour Femme ?

— Ach, sagte der Glatzkopf, das sind völlig überschätzte und veraltete Kategorien. Was ist denn mit seinem Gesicht passiert? Er sieht ja aus wie durch einen Türspion betrachtet.

— Ach, ich … ich hab nur für die Wahrheit gekämpft, sagte ich.

Aus irgendeinem Grund genoss ich, wie dumm dieser Satz klang. Der Glatzkopf hob eine Hand und gab Walter einen Klaps auf den Hinterkopf.

— Und du hast ihm nicht erklärt, dass so ein Kampf aussichtslos ist? He, er ist nicht zufällig Mormone?

Die beiden lachten. Da mir nichts Besseres einfiel, stellte ich mich vor.

— Alexander, aha, freut mich, verneigte sich der Glatzkopf und legte eine vielsagende Faust auf seine Brust. Dieter.

— Seit wann denn wieder Dieter? fragte Walter.

— Nein, für unsereins bin ich noch immer Dieda . Die da am Abgrund steht.

Er lachte und stieß gleichzeitig auf. Ein japsendes Geräusch wie von einem Hundewelpen.

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